Spanien: Ist das Virus gefährlich oder der Kapitalismus?

In einem Video auf tagesschau.de mit dem Titel "Corona-Maßnahmen spal­ten spa­ni­sche Gesellschaft" ist u.a. fol­gen­des zu sehen:

850.00 Menschen in "sozia­len Brennpunkten" sind von weit­ge­hen­den "Abriegelungen" betrof­fen. Zur Arbeit in den Reichenvierteln dür­fen sie aller­dings fah­ren. Im Gesundheitszentrum "wur­de in den ver­gan­ge­nen Jahren immer nur gespart und gekürzt". "Der Klassenkonflikt ist auch im Opernhaus Madrids ange­kom­men". Es ist also nicht das Virus, das die Gesellschaft spal­tet. Umgekehrt ver­schärft der Umgang mit Corona die bestehen­den Konflikte in der Klassengesellschaft. Etwas abge­fe­dert bei uns, bru­tal in Spanien und ande­ren ärme­ren Ländern.

Wieder ohne Schweden

Halb Europa ist nach den frag­wür­di­gen RKI-Kriterien inzwi­schen Risikogebiet. Schweden ist wie­der ein­mal nicht dabei. focus.de ver­sucht am 24.9. eine Erklärung:

»Kein Lockdown. Kaum Schulschließungen. Gefüllte Restaurants und Bars. Schweden ging in der Corona-Krise einen Sonderweg – und schien zunächst zu schei­tern. Zu Beginn der Pandemie star­ben vie­le Menschen, bis heu­te muss das Land 5870 Tote ver­zeich­nen. Das Vorgehen des Staatsepidemiologen Anders Tegnell geriet hart in die Kritik.

Heute sieht die Lage in Skandinavien anders aus. Während die Betten des im Stockholmer Karolinska Universitätshospital ein­ge­rich­te­ten "Pandemie-Saal" leer­ste­hen, muss­ten im benach­bar­ten Dänemark erneu­te Maßnahmen ver­hängt werden…

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Immunität viel größer?

Für corona-transition.org ist es eine Sensation, was dort unter dem Titel "Bis zu 50 Prozent der Menschen haben reak­ti­ve T‑Zellen die auf das Coronavirus reagie­ren, und das schon seit 2015" mit­ge­teilt wird. Das Portal stützt sich auf eine Publikation im renom­mier­ten Fachblatt British Medical Journal (BMJ).

»Damit müs­se in Sachen Covid-19 umge­dacht wer­den, schreibt Mitherausgeber Peter Doshi. Zudem müs­se man auch die Bedeutung der Antikörper neu bewer­ten.«

In der deut­schen Übersetzung, die freund­li­cher­wei­se Michael Seiz vor­ge­nom­men hat und die hier ein­seh­bar ist (zu den Quellen sie­he das Original), ist zu lesen:

»Die Studien machen sehr deut­lich klar, dass in der Immunologie sehr wenig letzt­lich geklärt ist. Physiologische Reaktionen kön­nen weni­ger trenn­scharf aus­fal­len als in der popu­lä­ren Vorstellung: Ausgesetztsein führt nicht not­wen­di­ger­wei­se zu einer Infektion, eine Infektion führt nicht not­wen­di­ger­wei­se zur Erkrankung, und eine Erkrankung pro­du­ziert nicht not­wen­di­ger­wei­se nach­weis­ba­re Antikörper. 

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Perkolationisten nun auch im Focus

»Manche Experten spre­chen im Zusammenhang mit dem fran­zö­si­schen Ausbruchsgeschehen inzwi­schen von einer soge­nann­ten Perkolation. Das bedeu­tet: Das Virus brei­tet sich in zahl­rei­chen klei­nen Clustern aus – wer­den sie recht­zei­tig ent­deckt, kön­nen sie viel­leicht noch ein­ge­dämmt werden.

Manchmal sprin­gen die Cluster aber auch auf ihre Umgebung über, dann brei­tet sich das Virus immer wei­ter aus und die Infektionskurve steigt irgend­wann wie­der expo­nen­ti­ell – wie es aktu­ell in Frankreich laut den zustän­di­gen Gesundheitsbehörden schon zu beob­ach­ten ist.«

So dilet­tiert focus.de am 25.9. und fügt eine Grafik für die­se Behauptung an:

»Die Kurve der Neuinfektionen in Frankreich steigt seit Ende August wie­der sehr steil an.«

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Ein Kessel Buntes

focus.de berich­tet am 24.9. aus der Corona-Szene, wobei die zeit­li­che Reihenfolge undurch­sich­tig ist. Die wirrs­te Meldung:

»09.26 Uhr: Menschen aus den aktu­el­len Corona-Hotspots München und Würzburg müs­sen der­zeit mit deut­li­chen Einschränkungen rech­nen, wenn sie in ande­re Bundesländer rei­sen und dort über­nach­ten wol­len. Im Nachbar-Bundesland Baden-Württemberg gilt bei­spiels­wei­se: "Es ist unter­sagt, in Beherbergungsbetrieben Gäste zu beher­ber­gen, die sich in einem Land‑, Stadtkreis oder einer kreis­frei­en Stadt inner­halb der Bundesrepublik Deutschland auf­ge­hal­ten oder dar­in ihren Wohnsitz haben, in dem der Schwellenwert von 50 neu gemel­de­ten SARS-CoV-2-Fällen (Coronavirus) pro 100.000 Einwohner in den vor­an­ge­hen­den sie­ben Tagen (7‑Tage-Inzidenz) über­schrit­ten wur­de", wie es auf der Homepage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) heißt. Ausnahmen sind mög­lich, wenn nega­ti­ve Corona-Testergebnisse vor­ge­legt wer­den kön­nen, die nicht älter als 48 Stunden sind.

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FDP-Generalsekretär Volker Wissing zu Corona: Wir haben keine bedrohliche Lage

So über­schreibt die Berliner Zeitung am 24.9. einen Bericht über ein Interview mit "Berlin direkt" des ZDF. Dort heißt es:

»"Die Fachleute sind sich inzwi­schen einig, die Infektionszahlen sind unter Kontrolle, und des­we­gen ist es drin­gend erfor­der­lich, dass wir zu ver­fas­sungs­kon­for­men Zuständen zurück­keh­ren", sagt Volker Wissing in einem Interview…

Bei man­chen der in Zusammenhang mit Corona ergrif­fe­nen Maßnahmen müs­se man sich "rück­bli­ckend schon fra­gen, ob sie ver­fas­sungs­kon­form waren". Die Bundesregierung habe "ihre Meinung zu gewis­sen Dingen ja auch rela­tiv schnell geän­dert". Dann wird Wissing gefragt, ob er denn auch "aktu­ell tat­säch­lich noch Sorge" sehe, dass "gegen die Verfassung ver­sto­ßen wird"

Die kla­re Aussage des FDP-Generalsekretärs: "Das Vorhaben, so viel wie mög­lich Einschränkungen vor­zu­neh­men, ist nicht ver­fas­sungs­kon­form, wenn es nicht erfor­der­lich ist. Wir haben die Grundrechte nicht zur Disposition der Regierung gestellt." Die Verfassung sage ganz klar: "Grundrechtseingriffe darf es nur im äußers­ten Bedarfsfall geben. Und da bleibt die Regierung an vie­len Stellen eine kla­re Begründung schuldig.".«

Ob es dem Wirtschaftsliberalen eher um das Aufrechterhalten der wirt­schaft­li­chen Profitmaschine geht als um die Bürgerrechte, sei dahin­ge­stellt. Recht hat er in jedem Fall.

Drosten kommt ins Schwimmen

Steht ihm das Wasser bis zum Hals? Rudert er zurück? Jedenfalls sieht sich am 23.9. zdf.de ver­an­lasst, eine umfang­rei­che Klarstellung eines Interviews zu ver­sen­den. Dort sieht und hört man etwa:

Highlights: Das Interview ("mit einem sehr wei­ten Zeitrahmen gespannt") ist 6–8 Wochen alt (?!). "Ein ganz gro­ßer unbe­kann­ter Bereich ist ja wei­ter­hin der Bereich der Schulen" (weil nie­mand sei­ne April-Studie ernst neh­men konn­te). "Wenn sich ein Cluster ein­stellt, da ist natür­lich schon noch ganz schön viel Arbeit zu leis­ten." "Da kann kein Ministerium und kei­ne Behörde so in den Alltag wir­ken, wie man das eigent­lich müss­te." Vor dem Besuch bei Oma und Opa "kann man auf eine bestimm­te Art sich viel­leicht tes­ten".

Der Volksmund weiß: "Stille Wasser sind tief". Wie steht es mit stän­dig tosenden?

Was nimmt Professor Wendtner?

Vielleicht soll­te die Frage bes­ser lau­ten: Was bekommt er? Und von wem?

Am 24.9. schreibt auf faz.net Karin Truscheit, "vor allem beschäf­tigt mit Kriminalitätsberichterstattung und Gerichtsprozessen":

»Chefarzt Clemens Wendtner hat im Januar in München die ers­ten Corona-Patienten in Deutschland behan­delt. Im Interview spricht er über Laxheit, Lüftungsanlagen – und war­um die Jugend für die Eindämmung der Pandemie so wich­tig ist…

Der Herbst hat noch nicht ein­mal rich­tig ange­fan­gen, doch allein in München wer­den ange­sichts stei­gen­der Infektionszahlen wei­te­re Kontaktbeschränkungen und sogar eine Maskenpflicht in der Innenstadt not­wen­dig. Ist das die rich­ti­ge Antwort auf die zwei­te Welle?

[Wendtner:] … Das Virus ist ein gefähr­li­cher Feind. Und kennt kei­ne Pause. Es ist daher unge­mein wich­tig, an den eta­blier­ten Maßnahmen – Abstand und Maske – festzuhalten.…«

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Was weiß der Chefredakteur von t‑online schon?

Am 23.9. schreibt er vor­aus­schau­end:

»In außer­ge­wöhn­li­chen Zeiten wie die­sen soll­te man sich dem Außergewöhnlichen fügen – nicht kri­tik­los, aber soli­da­risch. Was ist so schwer dar­an, andert­halb Jahre lang auf Fußballstadion, Weihnachtsmarkt, Kneipentour, Karneval, Großfamilienfest und Betriebsfeier zu ver­zich­ten? Sicher: Es ist bit­ter, und wer mit sol­chen Veranstaltungen Geld ver­dient, der ist noch bit­te­rer dran, der erhebt zu Recht Anspruch auf Unterstützung durch den Staat. Die gibt es hier­zu­lan­de in vie­len Fällen. Für alle Bürger noch rele­van­ter ist aber die Frage, ob wir die kom­men­den Herbst- und Wintermonate halb­wegs glimpf­lich über­ste­hen. Oder ob wir in die­sel­be Misere schlit­tern wie immer mehr Länder in unse­rer Nachbarschaft. Im Berliner Regierungsviertel geht man davon aus, dass Europa einen zwei­ten flä­chen­de­cken­den Lockdown nicht über­ste­hen wür­de. Er könn­te nicht nur das Ende der EU und ihrer wirt­schaft­li­chen Erfolgsgeschichte bedeu­ten, son­dern auch das Ende des Lebens in Wohlstand und Frieden, wie wir es seit Jahrzehnten ken­nen. Mit einem "Gott bewah­re!" ist es des­halb nicht getan. Jeder Einzelne kann und soll­te etwas dage­gen tun: Einsicht, Rücksicht, Disziplin. Auch wenn es schmerzt.«

Was er meint, ist: Noch min­des­tens ander­halb Jahre Maul hal­ten, Maske auf und durch. Damit das mit der Disziplin klappt, emp­fiehlt er das devoteTagesspiegel-Interview mit Christian Drosten "Wir sind die Welle".