Beherbergungsverbot für die Heilige Familie

Es steht schlimm um das Land, wenn Berthold Kohler, immer­hin Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen, nur noch Hohn und Spott für das Corona-Management der Regierung auf­bringt. Dabei kann­te er das heu­ti­ge Chaos noch nicht, als er am 16.10. fragte:

»Muss jetzt der Volkssturm ran?
Es kommt nicht häu­fig vor, dass die Politik das Volk bit­tet, etwas zu erle­di­gen, wor­an sie selbst geschei­tert ist. Denn ers­tens glau­ben jeden­falls eini­ge Politiker, sie sei­en klü­ger und fähi­ger als die meis­ten ihrer Wähler, auch wenn sie das natür­lich nicht öffent­lich sagen. Sie wür­den sich damit ja selbst wider­le­gen. Den Arbeitgeber als dumm zu bezeich­nen ist schließ­lich auch und gera­de dann kein beson­ders klu­ger Zug, wenn die Diagnose stimmt. Und zwei­tens könn­te das Volk sich fra­gen, wozu es die­se vie­len Regierungschefs, Minister und Staatssekretäre im Bund und in den Ländern denn bezahlt, wenn die, kaum dass es ein­mal schwie­rig wird, zu ihm sagen: Wir schaf­fen das – nicht. Mach’s doch bit­te selbst.

Die Not muss also groß sein, wenn die Politik kei­nen ande­ren Ausweg mehr weiß, als das Volk an sei­ne Souveränität zu erin­nern. Ein sol­cher Notstand trat auf dem Corona-Gipfel im Kanzleramt ein, was wohl der tie­fe­re Grund dafür war, dass er "his­to­risch" genannt wur­de. Weil selbst so har­te Typen wie Armin Laschet "nicht hart genug (waren), um das Unheil von uns abzu­wen­den", wie die Kanzlerin zu den beschlos­se­nen Maßnahmen gesagt haben soll, rief am nächs­ten Morgen der Kanzleramtsminister qua­si das gan­ze Volk zu den Waffen: "Wir müs­sen im Grunde genom­men alle mehr machen und vor­sich­ti­ger sein als das, was die Ministerpräsidenten ges­tern beschlos­sen haben."

Sind wir im Kampf gegen das Virus schon so in die Defensive gedrängt wor­den, dass unse­re letz­te Hoffnung und Verteidigungslinie der Volkssturm ist? Gott sei Dank noch nicht. Aber das ein­fa­che Volk könn­te den reni­ten­ten Länderchefs schon ein­mal vor­füh­ren, dass sie nur auf die Chefin zu hören brau­chen, um das Unheil abzuwenden.

Einer der Ministerpräsidenten hat die­se Lektion frei­lich nicht mehr nötig, auch wenn man das bis vor eini­ger Zeit am wenigs­ten von ihm erwar­tet hät­te: der baye­ri­sche. Söder ist min­des­tens so besorgt wie Merkel. Eben so, wie man als Kanzler besorgt sein müss­te. Doch dann die­se Hiobsbotschaft: Im Kampf um das Beherbergungsverbot soll Söder nach lan­gem Schweigen gesagt haben, er sei "unent­schlos­sen". Unentschlossen! Söder! Das kann eigent­lich nur üble Nachrede sein. Söder war nicht mehr unent­schlos­sen, seit er zum Vorsitzenden des CSU-Kreisverbandes Nürnberg-West gewählt wur­de. Das kön­nen zahl­lo­se zahn­lo­se Parteifreunde bestä­ti­gen. Einen ent­schlos­se­ne­ren Kämpfer in eige­ner Sache hat­te die Partei nie.

Aber was, wenn Söder das wirk­lich so gesagt hät­te? Und auch noch gedacht? Dann wäre es schon fünf, ach was: sechs nach zwölf. Wenn Söder im Clinch mit dem Virus ins Grübeln kommt, dann ist die Nährlösung in der Petrischale am Dampfen. Das wür­de die sich nach Führungsstärke seh­nen­den Deutschen doch so in Verzweiflung stür­zen wie die Anhänger Trumps, wenn der sag­te, er wis­se nach dem Medikamenten-Cocktail nicht mehr genau, ob er Männlein oder Weiblein sei. Obwohl: Einen ech­ten Trumpisten schreck­te auch das Bekenntnis sei­nes Idols nicht ab, in Wahrheit eine Kreuzung aus Echsenmensch und Hillary Clinton zu sein.

Doch Trump kam ja nicht nach­denk­li­cher aus der Klinik zurück, son­dern noch trumpi­ger. Sollten unse­re unent­schlos­se­nen Ministerpräsidenten also nicht viel­leicht in Washington nach­fra­gen, was genau die dor­ti­gen Ärzte Trump ver­ab­reicht haben? Sie könn­ten die Tropfen ja erst ein­mal stark ver­dünnt ein­neh­men. Wenn man sich die Wirkung beim ame­ri­ka­ni­schen Präsidenten anschaut, soll­ten im Fall unse­rer Politiker homöo­pa­thi­sche Dosen genü­gen. Man will ja nicht, dass sie, plötz­lich zu allem ent­schlos­sen, einen Lockdown beschlie­ßen, nach dem für das gan­ze Land ein Endlager gesucht wer­den müsste.

Dann wäre es, wor­an Spahn zum Glück erin­ner­te, auch mit Weihnachten Essig, so wie wir es ken­nen und lie­ben, und zwar nicht nur in die­sem Jahr. Nein, ein Beherbergungsverbot für die Heilige Familie unter unse­rem Christbaum darf es nicht geben, die hat­te schon damals genug Schwierigkeiten! Und ja, Söder hat abso­lut recht, wenn er sagt, dass das jetzt "die gro­ße Bewährungsprobe unse­rer Generation" ist. Im Advent auf das Gedränge, das Gebimmel und das Gebräu zu ver­zich­ten, das Glühwein genannt wird, ist in der Tat eine har­te Prüfung. Aber wenn wir eines Tages alle geimpft sind, kön­nen wir die Geburt Christi ja wie­der so besinn­lich fei­ern wie eh und je.

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2 Antworten auf „Beherbergungsverbot für die Heilige Familie“

  1. Zeit für eine Evaluation
    Welches System segel­te effi­zi­en­ter und nach­hal­ti­ger durch die Krise?
    Das pri­va­ti­sier­te Gesundheitssystem ver­sus dem Gemeinwohl ver­pflich­te­tem Gesundheitssystem?
    Das rigi­de Anordnungs- und Maßnahmensystem ver­sus dem par­ti­zi­pa­tiv aus­ge­rich­te­ten System des Mitmachens durch Übernahme von Verantwortung (für sich und andere)?
    Wird eine Krise bes­ser gemeis­tert durch spe­zi­ell aus­ge­bil­de­te, ein­satz­wil­li­ge und gut bezahl­te Fachkräfte oder durch Aufwuchs von Kontroll- und Durchsetzungskräften?
    Man könn­te die Fragen erwei­tern und fortsetzen.….

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