"Die Pharmaindustrie ist schlimmer als die Mafia"

Warum darf die­ser Hetzartikel aus der Süddeutschen Zeitung von 2015 noch im Netz ver­blei­ben? Müssen wir uns nicht wie ein Mann hin­ter das flei­ßi­ge und erfolg­rei­che deut­sche Unternehmen BioNTech stellen?

»Wer wünscht sich nicht ein lan­ges, gesun­des Leben? Die Pharmaindustrie ent­wi­ckelt, tes­tet und ver­treibt die Mittel, die das gewähr­leis­ten sol­len. Doch der Mediziner Peter C. Gøtzsche hält das gegen­wär­ti­ge System für geschei­tert. Der Däne hat selbst für Arzneimittelhersteller gear­bei­tet, dann die Seiten gewech­selt und lei­tet heu­te das Nordic Cochrane Center in Kopenhagen. In sei­nem Buch "Tödliche Medizin und orga­ni­sier­te Kriminalität" übt er hef­ti­ge Kritik an der Branche.

SZ.de: Kürzlich ist auf­ge­flo­gen, dass eine Firma in Indien Daten gefälscht hat, um Studien für inter­na­tio­na­le Pharmakonzerne bes­ser aus­se­hen zu las­sen. Sie behaup­ten, dass auch die Pharmaindustrie selbst Studien mani­pu­liert. Aber Sie machen der Branche wei­te­re schwe­re Vorwürfe. Sie spre­chen sogar von orga­ni­sier­ter Kriminalität und Mafia.

Peter C. Gøtzsche: Ja, der welt­weit größ­te Medikamentenhersteller Pfizer zum Beispiel hat in den USA 2009 nach einem Prozess wegen der ille­ga­len Vermarktung von Arzneimitteln 2,3 Milliarden Dollar gezahlt. Das Unternehmen GlaxoSmithKline war 2011 sogar bereit, drei Milliarden Dollar zu zah­len, um einen Prozess wegen Arzneimittelbetrugs zu been­den. Bei Abbot waren es immer­hin 1,5 Milliarden, Eli Lilly zahl­te 1,4 Milliarden, Johnson & Johnson 1,1 Milliarden. Bei den ande­ren gro­ßen Unternehmen waren es Summen im zwei- und drei­stel­li­gen Millionenbereich. Immer ging es um Betrug und Irreführung, Bestechung oder Vermarktung nicht zuge­las­se­ner Mittel.

Diese Straftaten erfül­len die Kriterien für das orga­ni­sier­te Verbrechen, des­halb kann man von Mafia reden. In einem Prozess gegen Pfizer haben die Geschworenen 2010 aus­drück­lich fest­ge­stellt, dass die Firma über einen Zeitraum von zehn Jahren gegen das soge­nann­te Rico-Gesetz gegen orga­ni­sier­te Kriminalität ver­sto­ßen hat.

Was ist mit der Firma Roche? Die fehlt in Ihrer Aufzählung.

Dieses Unternehmen hat 2009 den USA und euro­päi­schen Ländern für meh­re­re Milliarden Euro und Dollar das Grippemittel Tamiflu ver­kauft. Sie woll­ten sich mit die­sen Vorräten gegen eine Grippe-Epidemie wapp­nen. Allerdings hat­te Roche nur einen Teil der Studien zur Wirksamkeit ver­öf­fent­licht. Aufgrund des öffent­li­chen Druckes haben sie die Daten inzwi­schen zugäng­lich gemacht. Demnach nutzt das Mittel noch weni­ger als befürch­tet, kann aber in eini­gen Fällen schwe­re Nebenwirkungen aus­lö­sen. Meiner Meinung nach hat die Firma so den größ­ten Diebstahl aller Zeiten begangen.

Sind das nicht Verstöße ein­zel­ner schwar­zer Schafe in eini­gen Unternehmen? Und was ist mit klei­ne­ren Firmen?

Ich habe bei mei­nen Recherchen nicht alle klei­nen Firmen berück­sich­tigt, son­dern die wich­tigs­ten Unternehmen. Es arbei­ten außer­dem natür­lich vie­le anstän­di­ge Leute in der Pharmaindustrie. Es gibt sogar Kritiker inner­halb der Unternehmen. Aber das sind nicht die, die bestim­men, wo es lang­geht. Mir geht es dar­um, dass das gan­ze System mit sei­ner Art, wie Medikamente pro­du­ziert, ver­mark­tet und über­wacht wer­den, geschei­tert ist.

Sie wer­fen den Unternehmen vor, dass sie Mittel auf den Markt gedrückt haben, obwohl sie schäd­lich und für vie­le Patienten sogar töd­lich waren.

Dafür gibt es etli­che Beispiele. Die Pharmaunternehmen sind des­halb sogar schlim­mer als die Mafia. Sie brin­gen viel mehr Menschen um.

Können Sie Beispiele nennen?

Etwa Schmerzmittel wie Vioxx, von denen bekannt war, dass sie ein Herzinfarktrisiko dar­stel­len und zum Tod füh­ren kön­nen. Vioxx kam ohne aus­rei­chen­de kli­ni­sche Dokumentation auf den Markt, wes­halb Merck vor Gericht stand und 2011 immer­hin 950 Millionen Dollar zah­len musste.

Bevor es vom Markt genom­men wur­de, wur­de das Mittel bei Rückenschmerzen ein­ge­setzt, bei Tennisarm, bei allen mög­li­chen Leiden. Vielen Patienten wäre es aber schon mit Paracetamol oder auch ganz ohne Medikamente wie­der gut­ge­gan­gen – und jetzt sind sie tot. Das ist eine Tragödie.

Wissenschaftler der Food and Drug Administration (FDA), also der US-Zulassungsbehörde, haben geschätzt, in den USA könn­te Vioxx bis zu 56 000 Patienten getö­tet haben …

Mit dem Mittel wur­den mehr als 80 Millionen Menschen in mehr als 80 Ländern behan­delt. Meinen Schätzungen zufol­ge sind es des­halb etwa 120 000 Todesopfer welt­weit gewe­sen. Und Celebrex von Pfizer, das mit Vioxx ver­gleich­bar ist, wur­de dem Unternehmen zufol­ge bis 2004 welt­weit 50 Millionen Menschen ver­ab­reicht. Es dürf­te bis zu die­sem Jahr also etwa 75 000 Patienten getö­tet haben. Das Mittel wird für eini­ge Krankheiten noch immer ver­schrie­ben. Obwohl Pfizer Millionen Dollar zah­len muss­te, weil sie Studienergebnisse zur Sicherheit des Mittels falsch dar­ge­stellt hatten.

Andere Beispiele für Mittel, die so auf den Markt gedrückt wur­den, sind Schlankheitspillen wie Redux und Pondimin, das Epilepsie-Medikament Neurontin, das Antibiotikum Ketek oder das Diabetesmittel Avandia.

In Ihrem Buch wei­sen Sie auch auf beson­de­re Probleme mit Psychopharmaka hin.

Ich schät­ze, dass allein das Antipsychotikum Zyprexa (Anm. d. Red.: Mittel zur Behandlung schi­zo­phre­ner Psychosen) von Eli Lilly etwa 200 000 der 20 Millionen Patienten, die das Mittel welt­weit genom­men haben, umge­bracht hat. Denn Studien an Alzheimer-Patienten haben gezeigt, dass es unter hun­dert Patienten, die mit sol­chen aty­pi­schen Antipsychotika behan­delt wer­den, zu einem zusätz­li­chen Todesfall kommt. Es han­del­te sich in den Studien zwar um älte­re Patienten, die Untersuchungen dau­er­ten aber meist auch nur zehn bis zwölf Wochen. Im rea­len Leben wer­den Patienten meist jah­re­lang behan­delt. Außerdem wur­de Zyprexa häu­fig Älteren ver­ord­net, obwohl es etwa für Demenz, Alzheimer und Depressionen gar nicht zuge­las­sen war. Deshalb muss­te das Unternehmen 1,4 Milliarden Dollar wegen ille­ga­ler Vertriebsmethoden bezah­len. Der Umsatz mit Zyprex lag zwi­schen 1996 und 2009 aller­dings bei 39 Milliarden Dollar.

Auch eine wei­te­re Gruppe Psychopharmaka, die Antidepressiva, ist gefähr­lich. Ältere Patienten ver­kraf­ten die­se Mittel schlecht. Und es ist bekannt, dass Mittel wie Seroxat (Paxil) von GlaxoSmithKline unter Kindern und Jugendlichen das Suizidrisiko erhöht haben. Außerdem behaup­te­ten die Autoren der wich­tigs­ten Studie zu Seroxat bei schwe­ren Depressionen bei Jugendlichen, das Mittel sei wirk­sam und sicher. Aber die Ergebnisse beleg­ten das gar nicht, wie eine Überprüfung der Daten gezeigt hat.

Die Firma hat es dann auch noch als Medikament für Kinder ange­prie­sen, obwohl es dafür gar nicht zuge­las­sen war. Das war einer der Gründe dafür, wes­halb sie drei Milliarden Dollar zah­len muss­te.

Es gibt Wissenschaftler, die heu­te wie­der sagen, die Suizidgefahr für Kinder und Jugendliche wür­de nicht erhöht.

Die FDA und ande­re Zulassungsbehörden welt­weit haben sie offen­bar nicht über­zeugt, die war­nen noch immer davor. Auch der letz­te Review der Cochrane Collaboration zu die­sen Mitteln bestä­tigt, dass es Hinweise auf ein erhöh­tes Selbsttötungsrisiko gibt. Über neue­re Studien wird dis­ku­tiert. Aber für mich gibt es kei­nen Zweifel, dass das Risiko erhöht ist.«

6 Antworten auf „"Die Pharmaindustrie ist schlimmer als die Mafia"“

  1. Unfassbar. Und die Bundesregierung hat gera­de viel Geld in einen Verbund mit Pfizer gege­ben. Was das wohl noch gibt…und wie unüber­legt ist die­se unse­re Regierung?

  2. Die Regierung hat immer Recht.
    Die Maßnahmen dür­fen nie mehr hin­ter­fragt werden.
    Jeder muss Opfer bringen.
    Nebenwirkungen gibt es nicht.
    Big Pharma will nur unse­re Gesundheit sichern.
    Keine Gesundheit ohne Pharma.
    Jeder ist krank.
    Verweigerung von Impfung und Tabletten ist unsolidarisch!
    Drosten ist Schiller!!!!!

  3. Eine Suche auf you­tube nach "Seehofer Pharmalobby" (oder ähn­li­chem) führt zu die bekann­ten Interviews – zig mal hoch­ge­la­den in den letz­ten Jahren und über 100.000 mal abgerufen.

    Horst Seehofer – Die Macht der Pharmalobby war zu groß (2006 + 2010) https://www.youtube.com/watch?v=3_TyzggX_TA

    "Diejenigen, die ent­schei­den, sind nicht gewählt und die­je­ni­gen, die gewählt wer­den haben nichts zu entscheiden!"

    "Der ehe­ma­li­ge Bundesgesundheitsminister und akti­ve Politiker Horst Seehofer gibt zu, dass sich die Politik durch den Druck der Pharma-Industrie "unfrei­wil­lig" beu­gen "muss" und gegen die Interessen des Volkes und somit gegen die Patienten ent­schie­den wird!"

    https://www.youtube.com/watch?v=zLkT0EHI3sY
    "Der Minister gibt im Interview unver­ho­len zu, dass zumin­dest im Gesundheitssektor nicht die Politik Entscheidungen trifft, son­dern die Lobbyverbände"

    Auch inter­es­sant:

    Pharmalobby: Wie Medizinstudenten gekö­dert wer­den (2:36 min)
    https://www.youtube.com/watch?v=4PhX9S1TN‑o

    Sowie die Doku über Medikamentenschäden und aktu­el­le Forschungen/Patentanmeldungen zu Corona Covid-19:

    Big Pharma – Die Allmacht der Konzerne | Doku | ARTE
    https://www.youtube.com/watch?v=5ckDyDZuwPE

    Dokumentarfilm von Claire Lasko und Luc Hermann 88 min
    Video auf Youtube ver­füg­bar bis zum 14/02/2021

    "Die Pharmaindustrie hat einen enor­men Einflussradius und kann über gesund­heits­po­li­ti­sche Entscheidungen ver­fü­gen. Einigen Konzernen gelingt es, Forschung, Gelder und Krankenkassen für die Förderung ihrer teu­ers­ten Medikamente zu gewin­nen. Anderen wur­de nach­ge­wie­sen, Nebenwirkungen ver­tuscht zu haben. Der Kampf gegen Covid-19 sta­chelt die Gier der Pharmakonzerne wei­ter an …

    Seit rund zehn Jahren hat sich der Arzneimittelmarkt stark ver­än­dert. Eine Handvoll Großkonzerne, auch Big Pharma genannt, stel­len den Großteil der Medikamente auf dem Weltmarkt her. Sie sind rei­cher und mäch­ti­ger denn je und kön­nen über die Gesundheitspolitik von Regierungen entscheiden. 


    Die Pharmaindustrie kann sich auf die Unterstützung ein­fluss­rei­cher Ärzte ver­las­sen. In Deutschland dekla­riert nur ein Fünftel der Ärzte Zuwendungen durch die Pharmaindustrie. Im aktu­el­len Kampf gegen die Corona-Pandemie beleuch­tet die Dokumentation die Lobbyarbeit des Herstellers Gilead, der ver­sucht, eine Genehmigung für ein viel­ver­spre­chen­des Medikament [Remdesivir] zu erhal­ten. Die Forschungsarbeit an dem Mittel wur­de zu einem gro­ßen Teil durch öffent­li­che Gelder finan­ziert. Alle Unternehmen der Branche sind der­weil gespannt, wer es schafft, das Wundermittel zu fin­den und die Konkurrenz damit weit hin­ter sich zu lassen."

  4. Die Cochrane Collaboration – Ein sin­ken­des Schiff?

    Gøtzsche und sein Koautor Jørgensen kri­ti­sier­ten an dem Cochrane Review zur HPV-Impfung in einem Artikel im British Medical Journal schwe­re metho­di­sche Mängel.
    Außerdem wei­sen sie aus­drück­lich auf rele­van­te Interessenkonflikte des Hauptautors und der Reviewer hin, die das Urteil des Reviews beein­flusst haben könn­ten (https://www.bmj.com/content/362/bmj.k3945/rr‑0).

    https://www.der-arzneimittelbrief.de/de/Presseerklaerung_20180925_Die_Cochrane_Collaboration_Ein_sinkendes_Schiff.aspx

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