Es gibt nicht die „endgültige“ Interpretation eines Bildes!

faz.net (7.5.)

Vor allem soll­te man nicht zu rasch die Bildunterschrift für bare Münze nehmen.

»Grundsätzliches

Bilder spre­chen zunächst ein­mal für sich selbst. Sie haben einen Gehalt und eine Botschaft, die sich dem Betrachter erschlie­ßen kann, wenn er das Bild anschaut. Dies führt auch dazu, dass bei der Betrachtung Details und Deutungsideen auf­tau­chen kön­nen, die ursprüng­lich nicht bedacht bzw. inten­diert waren. Diese neu auf­tau­chen­den Aspekte müs­sen ernst­ge­nom­men wer­den und soll­ten nicht über­gan­gen oder als falsch bezeich­net wer­den. Es gibt nicht die „end­gül­ti­ge“ Interpretation eines Bildes!

Sinnvolle Schritte einer Bildbetrachtung

1. Wirken lassen

unächst braucht es Zeit und Ruhe das Bild zu betrach­ten. Ein Betrachten des Bildes in Stille ver­hin­dert vor­schnel­le „das kenn ich schon“-Reflexe…«
medienpaedagogik.jugend-im-erzbistum.de

Beim ers­ten Lesen des letz­ten Absatzes dach­te ich an eine sub­ti­le Solidaritätserklärung an die Ukraine. Wie der fol­gen­de Absatz zeigt, han­delt es sich aber nur um Schlampigkeit:

»2. Beschreiben

er nächs­te Schritt ist die Beschreibung des Bildes. Dabei geht es nur um das was wirk­lich zu sehen ist und noch nicht um die Deutung. Durch das Beschreiben in der Gruppe ent­steht ein voll­stän­di­ges und viel­fäl­ti­ges Bild, denn die Detailgenauigkeit erhöht sich mit der Zahl der Betrachter…

Das Kunstwerk hat mir in mei­ner Lebenssituation etwas zu sagen. Stimme ich der Aussage, die hin­ter dem Kunstwerk steht, zu oder leh­ne ich sie ab? Ist das dar­ge­stell­te Thema, ein Thema mei­nes Lebens?…«

Im Sinne des Jugendamts der Erzdiözese und des BDKJ-Diözesanverbands Bamberg, die uns die­se Handreichungen bie­tet, lade ich ein, gemein­sam das vor­lie­gen­de Kunstwerk zu betrachten.

Für mich kann ich sagen, daß es sich hier zum Glück nicht mehr um ein Thema mei­nes Lebens han­delt. Bei der Beschreibung des Bildes wird es schwie­rig. Vordergründig und durch die Bildunterschrift gelei­tet soll ich einen Mann (könn­te hin­hau­en, kur­ze Fingernägel) sehen, der eine FFP-2-Maske in der Hand trägt. Doch ist das so? Sehen wir irgend­wo ein CE-Siegel? Kann es sich nicht viel eher um eine zeit­ge­mä­ße Form eines Männertäschchens han­deln, um in Zeiten des Mangels für Spontaneinkäufe gerüs­tet zu sein? Es mag wenig geeig­net erschei­nen, um über­ra­schend ange­bo­te­ne Mengen von Rapsöl nach Hause zu tra­gen. Wenn ich dage­gen zurück­bli­cke auf das letz­te Jahr, in dem wochen­lang kei­ne Backhefe zu erwer­ben war, wird der Gedanke schon plau­si­bler. Auch für das Format rus­si­cher Kaviardöschen, die hier und da als Bückware noch erhält­lich sein sol­len, kann sich das Täschchen als hilf­reich erweisen.

Bemerkenswert, wenn auch nicht auf den ers­ten Blick erfass­bar, ist die sub­ti­le Farbkomposition. Wendet sich der Blick ab von dem zen­tra­len Tragegefäß in neu­tra­lem Weiß und von den domi­nan­ten Flächen in rot und schwarz, die unschwer das poli­ti­sche System der alten BRD erken­nen las­sen, so erblickt man am lin­ken Bildrand einen unmo­ti­viert wir­ken­den und kaum wahr­nehm­ba­ren gol­de­nen Farbklecks. In meis­ter­li­cher Weise hat es damit der Künstler ver­stan­den, einen unter­schwel­li­gen Appell an den Nationalstolz zu pla­zie­ren. Vollends im Zusammenhang mit der Überschrift ergibt sich die Aussage: Wir Deutschen haben es geschafft, und wir sind stolz darauf.

Zugleich läßt der Auftrag der Farben eine muti­ge Positionierung des Künstlers erken­nen. Im Mittelpunkt sehen wir die klar gezeich­ne­te zupa­cken­de Hand mit dem Einkaufsbeutel (Marktwirtschaft), die deut­lich aus einem dif­fu­sen Grau (DDR) her­vor­ste­chen. Sie gehört zu zu dem kon­tu­rier­ten Schwarz eines Mannes (Friedrich Merz?), abge­setzt von einem zöger­li­chen andro­gy­nen Rot (Olga Scholz?), das womög­lich dem­nächst in ein FDP-Magenta kip­pen kann. Das zag­haf­te Gold mag einen Hoffnungsschimmer aus der gleich­na­mi­gen Mainzer Grube darstellen.

Einmal mehr zeigt sich, wie wert­voll der Hinweis aus Bamberg ist:

»Die Deutung und der Lebensbezug des Kunstwerkes kön­nen in der Weiterführung ver­tieft wer­den oder das gedeu­te­te Kunstwerk steht am Beginn einer wei­te­ren Auseinandersetzung mit dem Thema. Auch ein Vergleich mit ande­ren Kunstwerken ist möglich…«

Das über­las­se ich den geneig­ten LeserInnen.

12 Antworten auf „Es gibt nicht die „endgültige“ Interpretation eines Bildes!“

    1. @navy: Als auf­merk­sa­mer Leser des Blogs und von Kommentaren kann Ihnen nicht ent­gan­gen sein, daß Letzteres nicht ganz stim­men kann.

  1. Ich möch­te auf die sub­ti­le Linienführung hin­wei­sen, denn wei­sen nicht alle Linien der Maskentasche steil nach oben? 

    Muss dies nicht als eine sub­ti­le Kritik an den steil anstei­gen­den Preisen ver­stan­den wer­den, zumal die Hand sehr kraft­los und bei­na­he schon resi­gniert wirkt, fast als wol­le uns der Künstler sagen: "Seht her, kaum hat des hun­gern­den Deutschen Hand noch die Kraft, die Einkaufstasche zu hal­ten, so klein sel­bi­ge auch sein mag."?
    Und ist es nicht ein tris­tes Graubraun, wel­ches hier so kraft­los ein­her­schleicht, wäh­rend das Rosa im Hintergrund ob sei­ner Dynamik für den Betrachter als schnell dahin­schwir­ren­des Etwas erscheint, wel­ches gleich­zei­tig auch noch durch sei­ne Beliebigkeit und Unschärfe bedroh­lich wirkt?

    Ja, für mich ist dies deut­lich eine Kritik eines alten wei­ßen Mannes, der sich schwach und zurück­ge­las­sen fühlt und fürch­tet, von den woken Hipsterinnen schmäh­lich rechts lie­gen gelas­sen zu werden.

    Eine offen­sicht­li­che Botschaft der rechts­ex­tre­mis­ti­schen Netzwerke, um die hel­den­haf­te freie Presse zu unterwandern 😀

  2. Schwarz Weiß Rot reprä­sen­tiert für mich ein Teutschland vor Gründung der BRD

    Willy Brandt:
    Wenn man 5 Flaschen im Keller hat, ist das rela­tiv wenig. Wenn man 5 Flaschen im Kabinett hat, ist das rela­tiv viel. 

    Wieviel hat Olga-Olaf?

  3. Das Bild zeigt den Idiotenlappen in der Hand eines Menschen der die­sen idio­ti­schen Lappen genau­so­gut auch im Gesicht zu tra­gen bereit ist. Wenn er das nicht wäre, wür­de er die­ses idio­ti­sche Teil nicht wei­ter tra­gen, weder im Gesicht noch in der Hand.

  4. Erst hielt ich die Interpretation für einen schlech­ten Scherz und fühl­te mich ertappt, weil ich ja ger­ne Bilder und Phrasen ana­ly­sie­re. Nun den­ke ich aber doch, dass das Foto in der Tat eine Signalwirkung hat: Die Botschaft ist nicht "werft die ver­damm­ten Masken weg, die Inzidenzen sind nied­rig, es ist Sommer, die Pandemie ist vor­bei". Die Botschaft lau­tet eher "ich gehe trotz Sommerwetter ver­hüllt und auf­rech­ten Schrittes und tra­ge mei­ne Maske wie einen Hund an der Leine wei­ter­hin neben mir her, denn ich wer­de sie bald wie­der brau­chen". Auf dem Foto wird die Maske ja nicht nach­läs­sig oder läs­sig getra­gen, son­dern gera­de­zu sorg­sam, wie eine Monstranz.
    Von mei­ner Deutung kann man hal­ten, was man will, ich hät­te mir natür­lich in den Medien mal ein Bild gewünscht, wo man die FFP2-Masken sorg­los auf dem Boden her­um­ge­wor­fen sieht, wie sie im Rinnstein lie­gen und dazu die Botschaft "es ist vor­bei". Oder einen Haufen mit Masken, der ver­brannt wird auf einem Foto. So wird nun auf dem Foto auch wei­ter­hin das Separations-Objekt 'hoch­ge­hal­ten'.

    Meine Masken sind ver­brannt. Für die Bahnfahrt mit einer ver­damm­ten Privatbahn muss­te ich mir wie­der eine neue FFP2-Maske kau­fen, die ich im Zug dann aber nicht auf­setz­te. Die ande­ren OP-Masken habe ich noch für die Bibliothek, aber ich wer­de einen Teufel tun, die­se Masken jemals so am Ärmel wie ein Abzeichen zu tra­gen oder am Handgelenk bau­meln zu las­sen. Sobald ich die Maske nicht mehr tra­gen 'muss' rei­ße ich sie mir vom Gesicht und ver­staue sie sofort in irgend­ei­ner Tasche. Bloß weg aus dem Sichtfeld…

    … Erst jetzt erken­ne ich den Witz, wenn man im bestimm­ten Winkel auf das Foto schaut… Sieht tat­säch­lich wie eine Mini-Herrenhandtasche aus *lol*
    Wenn ich mal wie­der Leute mit Maskenarmbändchen sehe, wer­de ich dran den­ken und ver­mut­lich wird nie­mand ver­ste­hen, war­um ich ohne Grund vor mich hin­grin­sen muss.. (die Vorstellung, dass das Gehirn der Maskenträger sich dort drin befin­det, ist auch lus­tig… könn­te von der Größe gera­de so passen)

  5. Also ich sehe hier vor allem eine Komposition aus rot, weiß und schwarz. Das waren mal die deut­schen Nationalfarben in dunk­le­ren Zeiten. Das Gold ist gegen­über dem Weiß doch deut­lich in den Hintergrund gescho­ben. Alles in allem ist damit ja ein­deu­tig, dass es sich um einen poli­ti­schen Kommentar han­delt, der die Coronapolitik, tref­fend sym­bo­li­siert durch die FFP2-Maske, in die auto­ri­tä­re Tradition des Kaiserreichs bzw. der Nazizeit ein­ord­net, gar als einen vor­de­mo­kra­ti­schen Rollback inter­pre­tiert. Da kann ich mitgehen. 

    "Das Kunstwerk hat mir in mei­ner Lebenssituation etwas zu sagen. Stimme ich der Aussage, die hin­ter dem Kunstwerk steht, zu oder leh­ne ich sie ab? Ist das dar­ge­stell­te Thema, ein Thema mei­nes Lebens?" – Ja klar, das Kunstwerk sagt mir ja auch, was ich hören möch­te (das machen die ande­ren Kunstwerke meis­tens auch) 🙂

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