Falsches Masken-Attest: Amtsgericht Diez verurteilt 32-Jährigen

Bei einem Mas­ken-Attest kann die Jus­tiz gering­fü­gig gna­den­lo­ser wal­ten als bei­spiels­wei­se beim Mil­lio­nen-Betrug mit der Beschaf­fung von Mas­ken. Unter genann­ter Über­schrift ist auf swr​.de am 14.12.22 zu lesen und zu hören, daß nach Auf­fas­sung des Redak­teurs nicht etwa das Urteil skur­ril ist, son­dern der Verurteilte:

»Das Amts­ge­richt Diez hat einen Mann zu 1.200 Euro Geld­stra­fe ver­ur­teilt: Er hat­te bei einer Kon­trol­le in einem Die­zer Super­markt kei­ne Coro­na-Mas­ke – angeb­lich aus medi­zi­ni­schen Gründen.

Das Amts­ge­richt Diez begrün­de­te die Ver­ur­tei­lung des Man­nes damit, dass der Ham­bur­ger Arzt ihn nie unter­sucht hat­te. Der 32-Jäh­ri­ge habe des­we­gen wis­sen müs­sen, dass das Attest falsch war. Trotz­dem habe er es bei einer Kon­trol­le in einem Super­markt in Diez Ende Dezem­ber 2021 der Poli­zei gezeigt. In Rhein­land-Pfalz galt bis Anfang April eine Mas­ken­pflicht beim Ein­kau­fen«

11 Antworten auf „Falsches Masken-Attest: Amtsgericht Diez verurteilt 32-Jährigen“

  1. Viel­leicht hat­te er dochh lie­ber einen Anwalt beauf­tra­gen sol­len, der dann haet­te argu­men­tie­ren koen­nen, dass es ja bereits eine gericht­li­che Ent­schei­dung gibt, dass man aus einer feh­len­den aerzt­li­chen Unter­su­chung noch nichht schlies­sen koen­ne, dass ein Attest wirk­lich falsch ist. Dazu mues­se man expli­zit bewei­sen, dass die attes­tier­ten Beschwer­den zum Zeit­punkt der Aus­stel­lung tat­saech­lich nicht vor­la­gen (oft­mals ein ziem­lich aus­sichts­lo­ses Unterfangen).
    Zwar ist auch das noch kein Garant fuer ein sinn­vol­les Urteil, aber es haet­te viel­leicht die Chan­cen des Man­nes vor Gericht erhoeht.

  2. Ich hat­te den Hin­weis auf die­ses bizar­re Urteil, ver­se­hen mit einem klei­nen Kom­men­tar, ges­tern an ande­rer Stel­le plat­ziert, hier passts jetzt bes­ser (ich hof­fe die noch­ma­li­ge Ver­öf­fent­li­chung ist für den Blog­be­trei­ber in Ordnung).

    14. DEZEMBER 2022 UM 23:30 UHR

    Das nach wie vor gro­tes­ke Geba­ren der deut­schen Jus­tiz lässt sich schwer­lich bes­ser beleuch­ten als mit die­ser Mel­dung des SWR vom 14.12. 2022:

    https://​www​.swr​.de/​s​w​r​a​k​t​u​e​l​l​/​r​h​e​i​n​l​a​n​d​-​p​f​a​l​z​/​k​o​b​l​e​n​z​/​c​o​r​o​n​a​-​f​a​l​s​c​h​e​s​-​m​a​s​k​e​n​a​t​t​e​s​t​-​m​a​n​n​-​v​e​r​u​r​t​e​i​l​t​-​d​i​e​z​-​1​0​0​.​h​tml

    Ver­ur­teilt näm­lich wur­de ein 32 Jäh­ri­ger Mann, der sich im Dezem­ber 2021 die uner­hör­te Frei­heit nahm, ein­kau­fen zu gehen. Aller­dings trug er dabei kei­ne (vor­ge­schrie­be­ne) Mas­ke und muss­te sich infol­ge­des­sen den kri­ti­schen Fra­gen der hin­zu­ge­zo­ge­nen Poli­zei stel­len. Aber der klu­ge Mann hat­te vor­ge­sorgt und zeig­te den Beam­ten ein Mas­ken­be­frei­ungs­at­test, wel­ches jedoch lei­der von einem Ham­bur­ger Arzt stamm­te, der sich, wie das Gericht durch­bli­cken ließ, auf die gene­rö­se Aus­tel­lung von Mas­ken­be­frei­ungs­at­tes­ten spe­zia­li­siert hat­te und daher auch die­ses Mas­ken­be­frei­ungs­at­test sowohl von Exe­ku­ti­ve wie Judi­ka­ti­ve als völ­lig unbrauch­bar ange­se­hen und ein­ge­stuft wur­de. Da der in Rede ste­hen­de Arzt zu allem Über­fluss "nach eige­nen Anga­ben inzwi­schen in Por­tu­gal lebe", war der Fall des unein­sich­ti­gen, sich selbs­ver­tei­di­gen­den (wenn das alle machen wür­den!) Nicht­mas­ken­trä­gers eigent­lich klar:

    "Das Amts­ge­richt Diez ver­ur­teil­te den Mann zu 1200 Euro Geldstrafe"

    Das Mas­ken­be­frei­ungs­at­test sei zwar von einem rich­ti­gen Medi­zi­ner aus­ge­stellt aber trotz­dem falsch, schließ­lich habe "der Ham­bur­ger Medi­zi­ner den Mann ja nie untersucht". 

    Man wird es sicher schon ver­mu­ten: glück­lich war der Mann mit dem Urteil nicht und ließ sich am Ende sogar dazu hin­rei­ßen von einem "poli­ti­schen" zu spre­chen. Das hät­te er nicht müs­sen, die Schuld­fra­ge ist ein­deu­tig, gab es doch, man höre und stau­ne, noch einen zwei­ten Arzt:

    "Ein (wei­te­rer) Arzt aus Nah­stät­ten hat­te dem Mann ein Attest aus­ge­stellt, das ihn von der Pflicht befrei­te eine Coro­na­mas­ke zu tragen".

    Die­ser Arzt ist nun aber­mals ein rich­ti­ger Medi­zi­ner, lebt nicht in Por­tu­gal und stellt sogar rich­ti­ge Mas­ken­be­frei­ungs­at­tes­te aus, obgleich auch er:

    "dafür kei­ne kör­per­li­che Unter­su­chung gemacht habe, son­dern dem 32-Jäh­ri­gen die Schil­de­run­gen über sei­ne Beschwer­den beim Besuch in der Pra­xis geglaubt habe".

    Aber deut­sche Gerich­te glau­ben eben Gott sei Dank nicht alles, denn:

    "die­ses Attest sei für das Urteil nicht rele­vant, weil der Ange­klag­te bei der Kon­trol­le das offen­bar fal­sche Attest des Ham­bur­ger Arz­tes vor­ge­zeigt habe"

    D.h. und mit ande­ren Wor­ten, der Ange­klag­te hät­te also nur das rich­ti­ge Mas­ken­be­frei­ungs­at­test bei­sicht­ra­gen müs­sen und nicht das fal­sche oder am bes­ten gleich bei­de und zwar unge­ach­tet des­sen, daß die Mas­ken­be­frei­ungs­at­tes­te (wie das Gericht ja selbst fest­stell­te) im Aus­fer­ti­gungs­ver­fah­ren der bei­den Ärz­te doch auf­fal­lend ähn­lich waren, ja sich sogar wie ein Ei dem ande­ren gleichen…

    Unser Mann war also im Dezem­ber 2021, wie so vie­le ande­re auch, zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort und über­dies noch mit völ­lig untaug­li­chen Papie­ren bzw. eben den falschen!

    Ein solch selbst­ver­ges­se­nes und ganz und gar unso­li­da­ri­sches Fehl­ver­hal­ten kann dann schon mal, auf den Tag genau ein Jahr spä­ter, von einem deut­schen Gericht mit einer Geld­stra­fe von 1200 Euro, in Wor­ten ein­tau­send­zwei­hun­dert Euro geahn­det wer­den, rich­ti­ge Ärz­te, rich­ti­ge Mas­ken­be­frei­ungs­at­tes­te und fal­sche Jus­tiz hin oder her.

    P.S.: "Der Ver­ur­teil­te kün­dig­te im Gespräch mit dem SWR an, daß er Beru­fung gegen das Urteil ein­le­gen wolle".

      1. Habs gemerkt. Aber so passt es doch bes­ser, mit dem schö­nen Video­bild vom dümm­li­chen Repor­ter, der immer nur die Pro­vin­z­ur­tei­le kom­men­tie­ren darf…

  3. Stand: 15.12.2022 13:04 Uhr
    Corona-News-Ticker:
    Bre­men will Mas­ken­pflicht im März abschaffen

    11:40 Uhr
    Fuß­ball-Pro­fis hel­fen bei Mas­ken­pflicht in Zügen

    Nach­dem eini­ge Bun­des­li­ga-Pro­fis des VfL Wolfs­burg bei einer Aus­wärts­fahrt per Bahn die Mas­ken­pflicht igno­riert haben, 

    wer­den die Spie­ler der Niedersachsen
    zur "Buße"
    Zug­be­glei­ter der deut­schen Bahn einen Tag lang bei deren Auf­ga­ben unterstützen. 

    "Wir wer­den nun sehen, wie ner­vig es sicher­lich auch ist, immer wie­der zu beto­nen, dass die Mas­ken auf­ge­setzt wer­den müs­sen", sag­te Mann­schafts­ka­pi­tän Maxi­mi­li­an Arnold.
    Sport-Geschäfts­füh­rer Jörg Schmadt­ke, der das Ver­hal­ten der VfL-Pro­fis bei der Anrei­se zum Aus­wärts­spiel nach Lever­ku­sen unmiss­ver­ständ­lich kri­ti­siert hat­te, begrüßt die Idee des Mannschaftsrats.
    Maxi­mi­li­an Arnold mit Mas­ke © Witters/TimGroothuis
    Feh­len­de Mas­ken: Wolfs­burg-Pro­fis wer­den Zug­be­glei­tern helfen

    Ende Okto­ber hat­ten eini­ge Pro­fis des Fuß­ball-Bun­des­li­gis­ten die Mas­ken­pflicht in der Deut­schen Bahn ignoriert.

    https://​www​.ndr​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​i​n​f​o​/​C​o​r​o​n​a​-​N​e​w​s​-​T​i​c​k​e​r​-​B​r​e​m​e​n​-​w​i​l​l​-​M​a​s​k​e​n​p​f​l​i​c​h​t​-​i​m​-​M​a​e​r​z​-​a​b​s​c​h​a​f​f​e​n​,​c​o​r​o​n​a​l​i​v​e​t​i​c​k​e​r​2​2​1​8​.​h​tml

  4. Die haben auch nix ande­res zu tun …oder. Gibt wohl auch in Diez nur noch eine schwe­re Straf­tat die man bege­hen kann .… hat irgend­wie Ähn­lich­keit mit der ein­zi­gen noch ver­füg­ba­ren Krankheit .…

  5. Nicht Jus­ti­zia ist blind, son­dern das Gericht.

    "Mehr als 170 ver­glei­chen­de Stu­di­en und Arti­kel zur Unwirk­sam­keit und Schäd­lich­keit von Masken
    Von Paul Eli­as Alex­an­der­Paul Eli­as Alex­an­der 20. Dezem­ber 2021"
    https://​brown​stone​.org/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​s​t​u​d​i​e​s​-​a​n​d​-​a​r​t​i​c​l​e​s​-​o​n​-​m​a​s​k​-​i​n​e​f​f​e​c​t​i​v​e​n​e​s​s​-​a​n​d​-​h​a​r​ms/

  6. Vie­len Dank für die Ver­öf­fent­li­chung die­ses Bei­trags. Ich bin der Ver­ur­teil­te in die­sem Pro­zess, und möch­te ger­ne ein paar Sach­ver­hal­te klar­stel­len, die in der Bericht­erstat­tung des SWR unter­ge­gan­gen bzw. falsch dar­ge­stellt wurden.

    SWR-Repor­ter: "Wer­den Sie in Beru­fung gehen?"

    Ant­wort: "Ich muss in Beru­fung gehen, nicht nur wegen mir selbst, son­dern stell­ver­tre­tend für alle, die poli­tisch ver­folgt werden."

    SWR-Repor­ter: "War­um haben Sie sich denn einen Arzt aus­ge­sucht, der in Ham­burg wohnt, und nicht einen aus der Nähe?"

    Ant­wort: "Kein Kommentar."

    SWR-Repor­ter: "Aber das ist doch eine inter­es­san­te Fra­ge, war­um wol­len Sie das nicht kommentieren?"

    Ant­wort: "Wis­sen Sie, war­um die Fra­ge nicht inter­es­sant ist? Weil es recht­lich nicht rele­vant ist. Ent­schei­dend ist, dass mir der Tat­vor­wurf nicht ein­deu­tig nach­ge­wie­sen wur­de. In dubio pro reo gilt wohl nicht mehr, des­halb muss ich hier lei­der von einem poli­tisch moti­vier­ten Urteil aus­ge­hen. Die viel­fach zitier­te 'alte und neue Rechts­spre­chung' in die­ser Sache ist nichts wei­ter als die Schaf­fung eines poli­ti­schen Tat­be­stands – so sieht es das Netz­werk kri­ti­scher Rich­ter und Staats­an­wäl­te. Ich bin mir sicher, die meis­ten Bun­des­bür­ger wür­den mir zustim­men, dass ein Pati­ent nicht für die angeb­li­chen Feh­ler eines Arz­tes ver­ant­wort­lich gemacht wer­den darf. Der aus­stel­len­de Arzt ist neben­bei bemerkt nicht ein­mal rechts­staat­lich ver­ur­teilt wor­den. Aber viel­leicht hat sich das Gericht ja bereits an dem Wunsch der Innen­mi­nis­te­rin ori­en­tiert, näm­lich der Beweis­last­um­kehr. Zur Bemer­kung des Staats­an­walts, dass die 'Regeln der Ärz­te­kunst' nicht befolgt wor­den wären, kann ich nur sagen: Die Regeln der Ärz­te­kunst, sowie deren Beur­tei­lung, soll­te man den Ärz­ten überlassen."

    Das Inter­view dau­er­te kei­ne zwei Minu­ten. Inso­fern bin ich ent­täuscht, dass der Repor­ter mei­ne Audio-Auf­nah­me nicht ein­fach ver­öf­fent­licht, oder wenigs­tens unge­kürzt wie­der­ge­ge­ben hat. Statt­des­sen redet er knapp eine Minu­te, und spricht dabei län­ger über mei­ne Klei­dung, als über den Inhalt des Interviews.

    Zum Inhalt des Arti­kels bzgl. der Ver­hand­lung möch­te ich her­vor­he­ben, dass sich die Mas­ken­kon­trol­le nicht wie ange­ge­ben im Super­markt, son­dern auf dem Park­platz davor ereig­ne­te. Im Markt selbst ließ man mich unbe­hel­ligt ein­kau­fen, dort wur­de ich weder ange­spro­chen noch kon­trol­liert. Ich war bereits im Begriff nach Hau­se zu gehen, als ich vor dem Ein­gangs­be­reich einen Poli­zei­wa­gen mit Blau­licht bemerk­te. Die Beam­ten tru­gen selbst kei­ne Mas­ke, was der als Zeu­ge gela­de­ne Beam­te sofort ein­räum­te. Auf mei­ne Fra­ge, war­um er ohne Mas­ke eine Mas­ken­kon­trol­le durch­führ­te, gab er an, dass es auf dem Park­platz kei­ne Mas­ken­pflicht gege­ben hät­te. Nach mei­nen Infor­ma­tio­nen galt die Mas­ken­pflicht im Dezem­ber 2021 in Rhein­land-Pfalz auch auf Park­plät­zen vor Geschäf­ten. Eine ver­läss­li­che Quel­le müss­te dafür noch recher­chiert werden.

    Im Nach­hin­ein fra­ge ich mich natür­lich, war­um ich nicht ein­fach gegan­gen bin. Es kam mir zwar gro­tesk vor, dass mich ein unmas­kier­ter Poli­zei­be­am­ter auf­for­dert, eine Mas­ke zu tra­gen. Da ich jedoch an die Absur­di­tät der Coro­na-Maß­nah­men bereits gewöhnt war, und dem Beam­ten am Abend vor Hei­lig­abend die Arbeit erleich­tern woll­te, zeig­te ich bereit­wil­lig mein Attest vor. Ich ging davon aus, dass der Mann genau wie ich nur schnell nach Hau­se zu sei­ner Fami­lie woll­te um das Weih­nachts­fest vor­zu­be­rei­ten. Ein Para­de­bei­spiel dafür, dass Sen­ti­men­ta­li­tät ver­häng­nis­vol­le Kon­se­quen­zen nach sich zie­hen kann.

    Über eine hal­be Stun­de wur­de ich spät­abends in der Käl­te fest­ge­hal­ten. Wäh­rend­des­sen bemerk­te ich drei Män­ner, die weni­ge Meter ent­fernt laut mit­ein­an­der rede­ten. Es fie­len u.a. die fol­gen­den Sprü­che: "Fres­se hal­ten und Mas­ke tra­gen", "ohne Mas­ke ein­kau­fen gehen, ist wie ohne Hose ein­kau­fen gehen", und "kei­ne Mas­ke tra­gen ist aso­zi­al". In dem Moment begriff ich, dass die­se Män­ner die Poli­zei geru­fen haben muss­ten. Laut Akte soll zwar zuerst ein Mark­mit­ar­bei­ter die Poli­zei alar­miert haben, und erst im Anschluss meh­re­re Kun­den. Jedoch wur­de ich wie gesagt im Markt nicht ein­mal ange­spro­chen, was die Situa­ti­on umso sku­r­il­ler machte.

    Jeden­falls konn­te ich mir einen Kom­men­tar nicht ver­knei­fen, als ich erkann­te, dass ich von Kun­den denun­ziert wur­de. "Ach­so", sag­te ich laut in die Rich­tung der Män­ner, "DDR lässt grü­ßen". Die Män­ner schau­ten irri­tiert, und einer rief: "DDR? Sowas gucken wir nicht". Das hat mir dann tat­säch­lich die Spra­che ver­schla­gen. Was soll man dazu noch sagen?

    Soviel zum Tat­her­gang. Nun ein paar Bemer­kun­gen zur Gerichts­ver­hand­lung; der Ent­schluss mich selbst zu ver­tei­di­gen fiel mir leicht, da die Ankla­ge sich aus­schließ­lich auf Behaup­tun­gen ohne Nach­wei­se stütz­te. Es wur­den Indi­zi­en genannt, aber für eine Ver­ur­tei­lung ver­langt der Rechts­staat Bewei­se. Die­se wur­den erwar­tungs­ge­mäß nicht erbracht. Nicht erwar­tet habe ich aller­dings, dass sich das Gericht bei sei­ner Urteils­be­grün­dung der­ar­tig unver­hoh­len auf Annah­men stützt.

    Der Rich­ter sag­te tat­säch­lich, dass das Gericht "zwei­fels­frei über­zeugt" sei, dass kei­ne kör­per­li­che Unter­su­chung statt­ge­fun­den hät­te. Die­se Über­zeu­gung gehe dar­aus her­vor, dass der aus­stel­len­de Arzt im Inter­net mit der Aus­stel­lung von Attes­ten per Fern­dia­gno­se gewor­ben habe, und der Ange­klag­te kei­ne Anga­ben zu den Pra­xis­räu­men des Arz­tes machen woll­te. Den Vor­wurf der Täu­schung sehe das Gericht dadurch erfüllt, dass der Ange­klag­te "hät­te wis­sen müs­sen", dass ein Attest falsch sei, wenn es ohne kör­per­li­che Unter­su­chung aus­ge­stellt wird.

    Nun sehe ich bei die­ser Rechts­auf­fas­sung eine Rei­he von Pro­ble­men. Zum einen wur­den die Behand­lungs­mög­lich­kei­ten der Tele­me­di­zin im Jahr 2018 unter Gesund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn deut­lich erwei­tert. Seit­dem ist es gän­gi­ge Pra­xis, bei leich­ten bis mit­tel­schwe­ren Sym­pto­men Attes­te per Fern­dia­gno­se aus­zu­stel­len. In der Anfangs­zeit der Coro­na-Pan­de­mie wur­de dies sogar aus­drück­lich zuguns­ten des Infek­ti­ons­schut­zes von amt­li­chen Stel­len emp­foh­len, wie sich viel­leicht noch eini­ge erin­nern kön­nen. Folg­lich wären nach der Rechts­auf­fas­sung des Amts­ge­richt Diez alle sol­che Fern­dia­gno­sen unrichtig.

    Die­sen offen­sicht­li­chen Wider­spruch habe ich wäh­rend der Ver­hand­lung bewusst gar nicht erst ange­führt, weil ich mich in der Haupt­sa­che auf das klas­si­sche Rechts­prin­zip der Unschulds­ver­mu­tung stütz­te. Es ging mir also in ers­ter Linie nicht dar­um, das Gericht zu über­zeu­gen, dass sowohl aus medi­zi­ni­scher, als auch aus juris­ti­scher Sicht ein Attest nicht auto­ma­tisch unrich­tig ist, wenn vor­her kei­ne kör­per­li­che Unter­su­chung statt­ge­fun­den hat, son­dern dass die Ankla­ge zunächst ein­mal ihre Behaup­tung bewei­sen muss, dass tat­säch­lich kei­ne kör­per­li­che Unter­su­chung statt­ge­fun­den hat. Dies war ohne Aus­sa­ge des aus­stel­len­den Arz­tes oder belas­ten­de Zeu­gen schlicht­weg nicht möglich.

    Zusätz­lich habe ich bereits in mei­nem Ein­spruch gegen den Straf­be­fehl das Gericht auf das Urteil des Baye­ri­schen Ober­lan­des­ge­richts vom 18.07.2022 hin­ge­wie­sen (Az. 203 StRR 179/22), wonach ein Attest nicht unrich­tig ist, weil kei­ne kör­per­li­che Unter­su­chung des Pati­en­ten statt­ge­fun­den hat. Wäh­rend der Ver­hand­lung sag­te mir der Rich­ter, dass die­ses Urteil vom Bun­des­ge­richts­hof auf­ge­ho­ben wor­den sei. Mei­ner Nach­fra­ge nach einem Akten­zei­chen kam der Rich­ter nicht nach. Ich erklär­te, dass ich sämt­li­che Pres­se­mit­tei­lun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs durch­ge­gan­gen bin, und kein der­ar­ti­ges Urteil fin­den konn­te. Der Staats­an­walt gab an, dass auch er kei­nes fin­den konn­te. Schließ­lich erklär­te mir der Rich­ter, dass der Bun­des­ge­richts­hof sich auf ein ande­res Urteil bezog, wo es um gefälsch­te Impf­päs­se ging. Das Urteil aus Bay­ern "ist also wohl gül­tig", räum­te dar­auf­hin der Staats­an­walt ein. "Das ist dann aber doch ein signif­kan­tes Urteil", ent­geg­ne­te ich. "Wir müs­sen uns nicht an einem Urteil aus Bay­ern ori­en­tie­ren", argu­men­tier­te der Staats­an­walt, kurz bevor er sein Plä­doy­er hielt.

    Wäh­rend der Beweis­auf­nah­me führ­te ich noch zwei wei­te­re Urtei­le an (Amts­ge­richt Mün­chen, 11.11.2021 und Amts­ge­richt Frank­furt, 09.08.2022), wel­che vom Rich­ter zur Kennt­nis genom­men, aber wenig beach­tet wur­den. Beim älte­ren Urteil der bei­den woll­te er schon beim Datum auf­hö­ren zu lesen, weil es "alte Rechts­spre­chung sei". Damit bezog er sich auf die Ände­rung der Para­gra­phen 277 bis 279 StGB vom 24.11.2021 – also genau einen Monat, bevor mich die omi­nö­se Kon­trol­le auf dem besag­ten Park­platz zum Objekt staats­an­walt­schaft­li­cher Ermitt­lun­gen wer­den ließ. Ich erwar­te­te die­se Reak­ti­on, und ent­geg­ne­te dem Rich­ter, dass ein Pro­fes­sor einer juris­ti­schen Fakul­tät der Ansicht ist, dass die "neue Rechts­spre­chung" an der Bewer­tung des besag­ten Urteils nichts geän­dert hät­te. Viel­mehr gin­ge es dabei um die Urteils­be­grün­dung, näm­lich man­geln­der Tat­vor­satz. "Das Gericht hat es zur Kennt­nis genom­men", war der ein­zi­ge Kom­men­tar dazu.

    Hier wur­de eine ver­meint­li­che Lücke der feh­len­den Straf­bar­keit des blo­ßen Gebrauchs unrich­ti­ger Gesund­heits­zeug­nis­se geschlos­sen und die Straf­an­dro­hung deut­lich ange­ho­ben. Das Netz­werk kri­ti­scher Rich­ter und Staats­an­wäl­te n.E.V. sieht dar­in einen poli­ti­schen Tat­be­stand. Ich schlie­ße mich die­ser Auf­fa­sung voll und ganz an. Link zum Artikel:

    https://​netz​werk​kris​ta​.de/​2​0​2​2​/​0​8​/​0​8​/​e​i​n​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​r​-​t​a​t​b​e​s​t​a​n​d​-​d​a​s​-​h​e​r​s​t​e​l​l​e​n​-​u​n​r​i​c​h​t​i​g​e​r​-​g​e​s​u​n​d​h​e​i​t​s​z​e​u​g​n​i​s​se/

    Hoch­span­nend fand ich bei der Urteils­ver­kün­dung, dass über­haupt nicht auf die essen­ti­el­len Vor­aus­set­zun­gen des Straf­be­stands der Täu­schung ein­ge­gan­gen wur­de. Kann jemand ohne per­sön­li­ches Ver­schul­den schul­dig gespro­chen wer­den? Das Amts­ge­richt Diez hat dies mit "ja" beant­wor­tet. Denn der Rich­ter hat in sei­nem Urteil zwar von "Täu­schung" gespro­chen, nicht jedoch von "Vor­satz", "Absicht", "Inten­ti­on" oder einem sons­ti­gen Begriff, der nach gän­gi­ger Rechts­spre­chung das Motiv der Täu­schung erst ermög­licht. Statt­des­sen hieß es, "der Ange­klag­te hät­te wis­sen müs­sen". Die­se Aus­sa­ge unter­stellt dem Ange­klag­ten jedoch Unwis­sen­heit, was ein Täu­schungs­de­likt eigent­lich aus­schlie­ßen soll­te. Im Fol­gen­den mein Plä­doy­er, wel­ches ich vor der Urteils­ver­kün­dung vor­ge­tra­gen habe:

    "Euer Ehren, die Ankla­ge in die­sem Fall beruh­te von Beginn an auf nichts als Indi­zi­en und Mut­ma­ßun­gen. Der Vor­wurf der Täu­schung ist schon allein des­halb nicht halt­bar, weil Täu­schung vor­sätz­li­ches Han­deln vor­aus­setzt. Der Ange­klag­te hat­te kein Motiv zu einer Täu­schung. Es gab am genann­ten Tat­ort nicht ein­mal eine Nach­weis­pflicht. Die Kon­trol­le fand auf einem Park­platz statt, und der Ange­klag­te hat­te bereits den Heim­weg ange­tre­ten. Dies wur­de durch den Zeu­gen Poli­zei­kom­mis­sar S. bestätigt.

    Das Zeug­nis von hat bestä­tigt, dass der Ange­klag­te aus gesund­heit­li­chen Grün­den von der Mas­ken­pflicht befreit wur­de. Da der Ange­klag­te bereits vor dem Tat­zeit­punkt im Besitz des Attes­tes von war, kann folg­lich ein Täu­schungs­mo­tiv gänz­lich aus­ge­schlos­sen wer­den. Die Tat­sa­che, dass der Ange­klag­te bereit­wil­lig das Attest von vor­zeig­te, ist Beleg dafür, dass er von des­sen Vali­di­tät über­zeugt war.

    Wie bereits die Amts­ge­rich­te in Mün­chen und Frank­furt fest­ge­stellt haben, ist vor­sätz­li­ches Han­deln zur Erfül­lung des Straf­tat­be­stands nach Para­praph 279 StGB zwin­gend erfor­der­lich. So urteil­te der Straf­rich­ter in Mün­chen wie folgt, Zitat:

    "Mit der für eine Ver­ur­tei­lung not­wen­di­gen Sicher­heit war die Tat­be­ge­hung nicht nachzuweisen."

    In Frank­furt lau­te­te die Urteils­be­grün­dung fol­gen­der­ma­ßen, Zitat:

    „Der Ange­klag­te war aus recht­li­chen Grün­den frei­zu­spre­chen, da ihm die zur Last geleg­te Tat nicht nach­zu­wei­sen war“.

    Mein Plä­doy­er lau­tet des­halb auf Frei­spruch. In dubio pro reo Euer Ehren. Die Ver­tei­di­gung ruht."

    War­um ich in Beru­fung gehe; neben den mei­nes Erach­tens offen­sicht­li­chen Rechts­feh­lern sehe ich in die­sem Fall ein enor­mes Spreng­po­ten­ti­al. Der Aus­gang die­ser Straf­sa­che könn­te rich­tungs­wei­send für zukünf­ti­ge Mas­ken­pro­zes­se wer­den. Die beson­de­ren Umstän­de mei­nes Fal­les, näm­lich eine Ver­ur­tei­lung ohne Tat­nach­weis und ent­ge­gen der Aus­sa­ge eines behan­deln­den Arz­tes, bie­ten mei­nes Erach­tens die idea­le Grund­la­ge um einen Prä­ze­denz­fall zu schaf­fen, der die poli­ti­sche Ver­fol­gung von Bür­gern been­det, die ein­zig auf­grund gesund­heit­li­cher Beschwer­den kri­mi­na­li­siert wer­den. Geschä­dig­te soll­ten sich zu einer Sam­mel­kla­ge gegen die will­kür­li­che und ver­mut­lich rechts­wid­ri­ge Aus­le­gung des "Gebrauchs unrich­ti­ger Gesund­heits­zeug­nis­se" zusam­men­schlie­ßen, zumin­dest im Fal­le von ärzt­lich aus­ge­stell­ten Attesten.

    Gege­be­nen­falls wäre auch zu prü­fen, inwie­weit die Neu­fas­sung der Aus­gangs­vor­schrift der Para­gra­phen 277 bis 279 StGB ver­fas­sungs­kon­form ist. Nicht nur wer­den Pati­en­ten für die angeb­li­chen Ver­ge­hen ihrer Ärz­te haft­bar gemacht, es wird auch mas­siv die Auto­ri­tät von Ärz­ten in medi­zi­ni­schen Fra­gen unter­gra­ben. Wie kann es sein, dass Juris­ten sich her­aus­neh­men, die Fach­kom­pe­tenz von nie­der­ge­las­se­nen Medi­zi­nern zu bewer­ten, und Dia­gno­sen und Behand­lungs­me­tho­den bei Nicht­ge­fal­len für ungül­tig zu erklä­ren? Hier steht der Ver­dacht von Behör­den­will­kür ganz tief im Raum.

    Gegen­wär­tig fin­det eine poli­ti­sche Ver­fol­gung von Min­der­hei­ten statt, die eines Rechts­staats unwür­dig ist. Wer poli­ti­sche Maß­nah­men ablehnt, wird straf­recht­lich ver­folgt, selbst wenn die Ableh­nung aus gesund­heit­li­chen Grün­den geschieht. Ärz­te und sogar Rich­ter, die von der poli­ti­schen Linie abwei­chen, wer­den mas­siv unter Druck gesetzt und dabei behin­dert, ihrer Arbeit unab­hän­gig und gewis­sen­haft nach­zu­ge­hen. Die­se Miß­stän­de kön­nen nur been­det wer­den, indem der Rechts­staat sich klar gegen eine poli­ti­sche Aus­le­gung von Geset­zen positioniert.

    Des­halb wer­de ich die­ses Urteil mit allen Mit­teln anfech­ten, die mir der Rechts­staat bie­tet. Für mein Beru­fungs­ver­fah­ren bin ich zur­zeit auf der Suche nach einem cou­ra­gier­ten Rechts­bei­stand. Für Hin­wei­se und Unter­stüt­zung bin ich jeder­zeit dankbar.

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