Impfen in Afrika. Wenig Bereitschaft, genug Impfstoff?

Die Frage auf deutschlandfunkkultur.de am 6.1. ist rhetorisch.

»Neun Prozent der Menschen in Afrika sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft. So wenige wie in keinem anderen Erdteil. Die Industrieländer geben kaum Impfstoff ab, so der Vorwurf. Aber so einfach ist es nicht – zeigt etwa das Beispiel Kamerun...

Viele Impfstoffe werden weggeworfen

Die in Europa üblichen Impfstoffe von Biontech, Moderna oder AstraZeneca sucht man in diesem Buschkrankenhaus vergebens. Der Grund: Biontech ist aufgrund der strengen Lagerungsvorschriften bei Minusgraden in den Tropen ungeeignet, Moderna gar nicht erst erhältlich und AstraZeneca nur in den Großstädten verfügbar.
Und die vorhandenen Impfstoffe müssen hier auf der Krankenstation auch oft weggeworfen werden, erzählt Mediziner Mbarag. Wenn der Strom ausfällt – für mehrere Stunden oder sogar Tage – ist er nicht mehr nutzbar. Notstromaggregate oder sogar Solaranlagen mit Stromspeichern seien zu teuer.
Hinzu kommt, dass sich am Tag oft nur eine Person impfen lässt und von den fünf möglichen Dosen einer Ampulle dann vier Dosen weggeworfen werden müssen, so der Arzt.«
Wäre Corona die schlimme Seuche, wie meist in den Medien dargestellt, dann hätten wir es hier mit einer Katastrophe zu tun. So aber belegt die Schilderung das genaue Gegenteil. Die Sprüche von Solidarität, das Beteuern, wir seien nur sicher, wenn die ganze Welt sicher sei, erweisen sich als geheuchelt.
Wären sie ernst gemeint, hätte man Impfstoffe entwickelt, die für den überwiegenden Teil der Welt geeignet wären und nicht nur für den zahlungskräftigen. Die Industrieländer hätten die armen Regionen nicht mit Abfallprodukten ihrer Märkte versorgt, sondern hätten neben den Chemikalien eine Infrastruktur bereitgestellt, um das einzudämmen, was sie als Pandemie etikettieren. Sie hätten auf Patente verzichtet und lokale Produktionskapazitäten unterstützt.
Da es aber nicht zuletzt um Profite der Pharmaindustrie geht, schließlich soll Deutschland wieder die "Apotheke der Welt" werden,  scheren uns Erkrankte in Afrika so wenig wie dort verhungernde Kinder. Sollte es dazu kommen, daß womöglich Infizierte von dort uns aufsuchen wollen, hat Europa sich auch dagegen bereits als Festung ausgebaut. Ob Geflüchtete im Mittelmeer mit oder ohne Corona verrecken, kann dann egal sein.
In der Realität befällt das Virus vornehmlich die wohlstandsgeschwächten Immunsysteme alter Menschen in reichen Ländern. Wo Arme sterben, liegt es in erster Linie an einem nicht vorhandenen oder unzureichenden Gesundheitssystem und Vorerkrankungen durch mangelnde Ernährung, Hygiene und allgemein prekären Verhältnissen. Das war in den Vereinigten Staaten genauso zu beobachten wie in Bergamo und Brasilien. In Afrika sehen wir ("sehen wir" ist übrigens einer meiner Spitzenreiter der dümmsten Floskeln):

»Keine Angst und kaum Tote wegen Corona

Dass sich nur wenige Menschen in Kamerun impfen lassen möchten, bestätigt auch Henri Stéphane Djou. Er ist Chefarzt der nächstgrößeren Klinik in Nkolmelen. In der einst von Missionaren aufgebauten Père Urs Memorial Clinic gibt es 20 Betten samt Operationssaal und 18 Mitarbeiter.
„Die Situation mit Covid würde ich hier als sicher beschreiben, auch wenn wir unsere Anstrengungen, die Bevölkerung aufzuklären, noch intensivieren müssen. Wir wissen nicht wirklich, wie viele unserer Anwohner hier geimpft sind. Aber ich würde sagen, wir konnten bereits viele sensibilisieren dafür“, erzählt er.
Trotzdem ist die Impfquote gering hier im Landesinneren. Die empfohlenen Schutzmaßnahmen wie Abstand halten oder das Tragen von Masken werden in Kirchen oder auf den quirligen lokalen Märkten meinen Eindrücken zufolge kaum befolgt.
Es gebe keine Angst vor dem Virus, erklärt Chefarzt Djou. Hier in den Dörfern hätte es offiziell bisher auch nur drei Todesfälle gegeben. Landesweit sind es in Kamerun seit Pandemiebeginn nur knapp 1900 Tote – bei einer Bevölkerung von 26 Millionen. Im Nachbarland Nigeria sind es bei 210 Millionen Einwohnern offiziell nur 3000 Covid-Tote bisher...

„Derzeitige Welle nicht besorgniserregend“

Dieser Meinung ist auch der Chefarzt des Centre Médical la Cathédrale, einer großen Klinik in der Hauptstadt Yaoundé. Bei Hubert Ndjinga liegen die Coronakranken auf den Stationen. Die Situation habe sich aber merklich entspannt, beobachtet er...
Für den Chefarzt in Kameruns Hauptstadt ist die Pandemie fast vorbei. Neue große Ausbrüche erwartet er nicht. Auch keine sich plötzlich ändernde Impfbereitschaft der Bevölkerung. Wer sich impfen lassen wollte, sei auch geimpft, ist Ndjinga überzeugt, sei es weil die eigene Firma, meist international geführt, die Impfung verlangt. Sei es, weil eine Reise nach Europa geplant ist...

Zwei Prozent vollständig Geimpfte in Kamerun

...Rund eine Million Impfdosen wurden bisher in Kamerun verabreicht. Somit sind etwa drei Prozent der Bevölkerung einmal und zwei Prozent vollständig geimpft. Nur wenige sehen die Notwendigkeit, sich zu impfen, weil die Coronavirus-Statistiken wenig angsteinflößend sind: in Kamerun offiziell insgesamt nur 110.000 Infizierte und knapp 2000 Tote.
Viel wichtiger für die Bevölkerung ist die sich ausbreitende Cholera in der Hauptstadt Yaoundé. Und die wieder zunehmenden Tuberkulose-Fälle. Und natürlich die Malariasaison während der Trockenzeit im Norden des Landes. Laut Zahlen des Gesundheitsministeriums sind 19 Prozent der Todesfälle Kameruns auf Malaria zurückzuführen, ebenso 48 Prozent aller Krankenhausaufenthalte.«
Es wäre an der Zeit, daß sich auch in westlichen Ländern die Erkenntnis Bahn bricht, welches die wirklich bedrohlichen Krankheiten sind.

»In regelmäßigen Abständen laufen im Staatsfernsehen CRTV groß angelegte Kampagnen, immer vor und nach den Nachrichten. Darin wird die Bevölkerung mit freundlichen Videos über einladende Impfzentren, impfwillige Bürger und engagiert impfende Ärzte zum Mitmachen aufgerufen.

Bisher nicht mit großem Erfolg. Dieser ältere Mann vor dem Impfzentrum winkt nur ab: „Ich bin dafür schon zu alt. Ob ich nun Corona bekomme oder nicht, ich bin schon alt. Das ist eher etwas für die jungen Leute.“
Die jungen Leute auf der Straße sehen es genau umgekehrt: Weil sie noch jung seien, bräuchten sie den Impfstoff nicht.«
Sie haben wohl beide Recht.


Es paßt eigentlich nicht, aber irgendwie will mir dieses traurige Lied nicht aus dem Kopf:

Videoquelle: youtube.com

 

7 Antworten auf „Impfen in Afrika. Wenig Bereitschaft, genug Impfstoff?“

  1. Ach komm eyh. Was sol­len die­se däm­li­chen Vergleiche mit ande­ren Ländern!? Im Übrigen ist der Begriff Impfbereitschaft völ­lig falsch, weil Menschen unter Druck gesetzt wer­den. Das hat mit Bereitschaft näm­lich gar nichts zu tun!

  2. Das ist wirk­lich herz­zer­rei­ßend, das Lied.
    Und der Mangel an deut­schen Qualitäts"Impf"Stoffen in Afrika natür­lich auch;)

  3. Dazu ist auch fol­gen­de Reportage auf ARTE sehens­wert: "Kamerun – Kräuter statt Corona-Impfung". Darin wer­den recht neu­tral die Sichtweisen eini­ger Kameruner gezeigt. So sei der Stammeschef der ein­zi­ge gewe­sen, der sich gegen Corona habe imp­fen las­sen und er sei auch der ein­zi­ge, der an Corona gestor­ben sei. Da war das Misstrauen der Leute danach groß. Auch wer­den eini­ge Leute gezeigt, wie sie ihre Naturheilmittel zur Behandlung von Covid zube­rei­ten. Das schö­ne ist, dass die Off-Stimme hier kei­ne abwer­ten­den Bemerkungen gegen alter­na­ti­ve Heilmethoden machen kön­nen, da die Redakteure sich dann des Rassismus oder Kolonialismus ver­däch­tig machen würden.

    https://www.arte.tv/de/videos/105723–000‑A/kamerun-kraeuter-statt-corona-impfung/

  4. Hier mal was für die Freunde der rechts­na­tio­na­len Idee:

    Angenommen, der deut­sche Volkskörper impft sich all­mäh­lich immer klei­ner und krän­ker, was durch­aus plau­si­bel scheint, wäh­rend der han­dels­üb­li­che Afrikaner ent­we­der nicht so blö­de ist, oder aber gar kei­nen Zugang zum Gensaft hat.
    Wer also wird künf­tig im bes­ten Deutschland in Mengen gebraucht? Na, dämmert`s? Das schreit doch nach Umvolkung – oder etwa nicht? (Grinsesmiley)

    Liest irgend­wer auf rech­ten Blogs mit und kann berich­ten, ob die­se schla­gen­de Theorie dort dis­ku­tiert wird?

  5. Komisch, dass die neu­en Varianten angeb­lich immer aus den Ländern kom­men, wo die "Impfung" nicht ange­nom­men wird.

    Teile von Indien, Südafrika, Kamerun,…

  6. Wenn nur die Impfung "Corona-Todesfaelle ver­hin­dern oder redu­zie­ren kann, war­um ist dann Deutschland bei allen Laendern auf Platz 67 nach "Corona-Toten pro Mio Einwohner", Israel auf Platz 88 und die 3 afri­ka­ni­schen Laender, in denen *gar* *nicht* gegen Covid-19 geimpft wird (Eritrea, Tansania und Burundi) auf den Plaetzen 193, 202 und 209 /laut "worl­do­me­ter)? Warum haben die­se Laender pro Mio Einwohner nur ein­stel­li­ge oder nied­ri­ge zwei­stel­li­ge Zahlen von "Corona-Toten", waeh­rend der Wert bei uns *vier­stel­lig* ist? Warum haben wir erst seit den letz­ten Monaten eine *deut­li­che* Uebersterblichkeit, waeh­rend das vor Verfuegbarkeit der Impfung *nicht* so war (eher im Gegenteil)?
    Haben die Laender, die die Impfung mit den Gen-Praeparaten kom­plett ver­wei­gern, moe­g­li­cher­wei­se (im Gegensatz zu den "impp­fen­den Laendern") schlicht und ergrei­fend mit ihrer Entscheidung *recht*?

  7. Am schöns­ten ist immer das Argument: "die Zahlen sind zwar nied­rig, das liegt aber dar­an, dass es wenig Tests gab" (zu hören wie­der im zwei­ten Teil des Radiobeitrags, der nicht abge­druckt wur­de). Damit geben sie zu, dass ohne die vie­len Tests nie­mand gemerkt hät­te, dass wir eine "Pandemie" haben.

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