Offener Brief des Wissenschaftsjournals BMJ an Mark Zuckerberg

»Lieber Mark Zuckerberg,

wir sind Fiona Godlee und Kamran Abbasi, Herausgeber des BMJ, einer der ältes­ten und ein­fluss­reichs­ten all­ge­mein­me­di­zi­ni­schen Fachzeitschriften der Welt. Wir schrei­ben Ihnen, um ernst­haf­te Bedenken über die "Faktenüberprüfung" zu äußern, die von Drittanbietern im Namen von Facebook/Meta durch­ge­führt wird.

Im September begann ein ehe­ma­li­ger Angestellter von Ventavia, einem Auftragsforschungsunternehmen, das bei der Durchführung der Hauptstudie zum Impfstoff Covid-19 von Pfizer mit­wirk­te, dem BMJ Dutzende von unter­neh­mens­in­ter­nen Dokumenten, Fotos, Tonaufnahmen und E‑Mails zur Verfügung zu stel­len. Diese Materialien ent­hüll­ten eine Vielzahl schlech­ter Praktiken bei der Durchführung kli­ni­scher Studien bei Ventavia, die die Integrität der Daten und die Sicherheit der Patienten beein­träch­ti­gen könn­ten. Wir ent­deck­ten auch, dass die FDA die Prüfzentren von Ventavia nicht inspi­ziert hat, obwohl sie vor über einem Jahr eine direk­te Beschwerde über die­se Probleme erhal­ten hatte.

Das BMJ beauf­trag­te einen inves­ti­ga­ti­ven Reporter, die Geschichte für unse­re Zeitschrift zu schrei­ben. Der Artikel wur­de am 2. November ver­öf­fent­licht, nach­dem er recht­lich geprüft und extern begut­ach­tet wor­den war und der übli­chen stren­gen redak­tio­nel­len Aufsicht und Überprüfung durch das BMJ unterlag.

Doch ab dem 10. November mel­de­ten die Leser eine Reihe von Problemen, wenn sie ver­such­ten, unse­ren Artikel zu tei­len. Einige berich­te­ten, dass sie ihn nicht tei­len konn­ten. Viele ande­re berich­te­ten, dass ihre Beiträge mit einer Warnung über "feh­len­den Kontext …" gekenn­zeich­net wur­den. Unabhängige Faktenprüfer sagen, dass die­se Information die Menschen in die Irre füh­ren könn­te. Diejenigen, die ver­such­ten, den Artikel zu pos­ten, wur­den von Facebook dar­über infor­miert, dass die Beiträge von Personen, die wie­der­holt "fal­sche Informationen" tei­len, im News Feed von Facebook nach unten ver­scho­ben wer­den könn­ten. Administratoren von Gruppen, in denen der Artikel geteilt wur­de, erhiel­ten Nachrichten von Facebook, die sie dar­über infor­mier­ten, dass sol­che Beiträge "teil­wei­se falsch" seien.

Die Leser wur­den auf einen "Faktencheck" ver­wie­sen, der von einem Facebook-Auftragnehmer namens Lead Stories durch­ge­führt wurde.

Wir hal­ten den von Lead Stories durch­ge­führ­ten "Faktencheck" für unge­nau, inkom­pe­tent und unverantwortlich.

– Er ent­hält kei­ne Tatsachenbehauptungen, die im BMJ-Artikel falsch dar­ge­stellt wurden.

– Er hat einen unsin­ni­gen Titel: "Faktencheck: Das British Medical Journal hat KEINE dis­qua­li­fi­zie­ren­den und igno­rier­ten Berichte über Fehler in Pfizers COVID-19-Impfstoffstudien aufgedeckt"

– Der ers­te Absatz bezeich­net das BMJ fälsch­li­cher­wei­se als "Nachrichtenblog".

– Er ent­hält einen Screenshot unse­res Artikels mit dem Stempel "Flaws Reviewed" (Fehler über­prüft), obwohl der Artikel von Lead Stories nichts Falsches oder Unwahres im BMJ-Artikel enthielt

– Er ver­öf­fent­lich­te den Artikel auf sei­ner Website unter einer URL, die den Ausdruck "Hoax-Alert" enthält.

Wir haben Lead Stories kon­tak­tiert, aber sie wei­gern sich, irgend­et­was an ihrem Artikel oder an den Handlungen zu ändern, die zur Kennzeichnung unse­res Artikels durch Facebook geführt haben.

Wir haben uns auch direkt an Facebook gewandt und um die sofor­ti­ge Entfernung der Kennzeichnung "Faktenüberprüfung" und aller Links zu dem Lead-Stories-Artikel gebe­ten, damit unse­re Leser den Artikel auf Ihrer Plattform frei tei­len können.

Es gibt noch ein wei­te­res Problem, das wir anspre­chen möch­ten. Wir sind uns bewusst, dass das BMJ nicht der ein­zi­ge hoch­wer­ti­ge Informationsanbieter ist, der von der Inkompetenz der Meta-Faktenprüfung betrof­fen ist. Als wei­te­res Beispiel möch­ten wir die Behandlung von Cochrane, dem inter­na­tio­na­len Anbieter hoch­wer­ti­ger sys­te­ma­ti­scher Übersichten über medi­zi­ni­sche Erkenntnisse, durch Instagram (das eben­falls zu Meta gehört) anfüh­ren. Anstatt einen Teil der beträcht­li­chen Gewinne von Meta zu inves­tie­ren, um die Richtigkeit der über sozia­le Medien ver­brei­te­ten medi­zi­ni­schen Informationen zu gewähr­leis­ten, haben Sie offen­bar die Verantwortung an Leute dele­giert, die für die­se wich­ti­ge Aufgabe nicht geeig­net sind. Die Überprüfung der Fakten ist seit Jahrzehnten ein Grundpfeiler des guten Journalismus. Was in die­sem Fall gesche­hen ist, soll­te jeden beun­ru­hi­gen, der Quellen wie das BMJ schätzt und sich auf sie verlässt.

Wir hof­fen, dass Sie schnell han­deln wer­den: ins­be­son­de­re, um den Fehler in Bezug auf den Artikel des BMJ zu kor­ri­gie­ren und die Prozesse, die zu dem Fehler geführt haben, zu über­prü­fen; und all­ge­mein, um Ihre Investitionen in und Ihren Ansatz zur Faktenüberprüfung ins­ge­samt zu überdenken.

Mit freund­li­chen Grüßen,

Fiona Godlee, Chefredakteurin
Kamran Abbasi, neu­er Chefredakteur
Das BMJ

Konkurrierende Interessen:
Als der­zei­ti­ge und künf­ti­ge Chefredakteure sind wir für den gesam­ten Inhalt von The BMJ ver­ant­wort­lich.«
bmj​.com (17.12.)

Die Fußnoten des Originals wur­den hier fortgelassen.

7 Antworten auf „Offener Brief des Wissenschaftsjournals BMJ an Mark Zuckerberg“

  1. Ich glau­be Herr Zuckerberg steht dar­über. Solche Briefe wenn sie noch oöd­school auf Papier wären wür­den er neh­men um sich in sei­nem Elfenbeinturm den H.…. abzu­wi­schen. Mir war von Anfang an suspekt was die Plattform Gesichtsbuch soll. Es war klar das es nicht als sozia­le Plattform die­nen soll.

    1. Briefe die­ser Art schickt man mit leicht vari­an­tem Text an Anwälte, die ohne vor­he­ri­ge Warnung Unterlassungsklagen mit beglei­tend unglaub­lich hohen Schadenersatzforderungen und ergän­zen­de rui­nö­se Vertragsstrafen für jede auf­find­ba­re Veröffentlichung des strei­ti­gen Textes nach einem Stichtag anzetteln.
      Die haben da geschrie­ben, dass der Text nebst den ver­lä­um­den­den Falschdarstellungen auch auf ande­rem Wege als über Facebook ein­seh­bar war.

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