Täuschung mit Intensivbetten hat Tradition

Im kur­zen Sommer der Meinungsfreiheit im öffent­lich-recht­li­chen Fernsehen konn­te "Kontraste" am 16.7. noch sol­che Fragen stellen:

»Laut einem inter­nen Schreiben des Bundesgesundheitsministeriums feh­len etwa 7.300 Intensivbetten, für die der Bund bereits rund 360 Millionen Euro bezahlt hat. Wurden hier Intensivbetten abge­rech­net, die es gar nicht gibt?«

Sogar die "Tagesschau" berich­te­te damals, sie­he Wo sind 7305 Intensivbetten geblie­ben? Eine Nachrecherche von "Kontraste" im September brach­te nur etwas Licht ins Dunkel (Wie war das noch… mit 7305 ver­schwun­de­nen Intensivbetten?).

7 Antworten auf „Täuschung mit Intensivbetten hat Tradition“

  1. Nachdem der General Anzeiger Bonn mona­te­lang sei­ne Leser mit der angeb­lich dra­ma­ti­schen Lage auf den Intensivstationen ter­ro­ri­siert hat­te, bekämpft der GA nun die "Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker" mit einer Flut von wir­ren Behauptungen, die unter ande­rem den Veröffentlichungen des BMG wider­spre­chen. Es feh­len ordent­li­che Quellenangaben, wie z. B.:
    https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2021/2‑quartal/corona-gutachten-beirat-bmg.html
    "Gemessen an der vor­han­de­nen Bettenkapazität ergibt sich eine durch­schnitt­li­che Belegungsquote von 1,3% durch COVID-19. Die höchs­ten tages­be­zo­ge­nen Belegungsquoten gab es in der zwei­ten Dezemberhälfte mit knapp 5% aller Betten."

    Nun der Artikel des General Anzeigers Bonn im aktu­el­len Wortlaut:
    https://ga.de/corona/corona-sind-die-zahlen-zur-intensivkapazitaet-manipuliert_aid-58200191
    (auch unter archive.org zu fin­den, ggf. muss man Javascript abschal­ten, um den Text zu lesen).

    Die Thesen der Autoren wer­den beson­ders stark von Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern wei­ter­ver­brei­tet. (Symbolbild) Foto: dpa/Waltraud Grubitzsch

    Düsseldorf Die Zahl tat­säch­lich beleg­ter Intensivbetten wäh­rend der Pandemie soll mani­pu­liert sein. Das jeden­falls behaup­ten zehn Autoren in einem Thesenpapier, das unter dem Hashtag #DiviGate für hef­ti­ge Diskussionen im Netz sorgt. Was ist dran an den Behauptungen?

    Von Tanja Walter

    Die Situation auf den Intensivstationen hier­zu­lan­de ist ein Dauerthema. Immer wie­der warn­ten Mediziner vor Versorgungsengpässen. In den sozia­len Medien hin­ge­gen wird häu­fig ange­zwei­felt, dass es sol­che Engpässe über­haupt gibt. Ebenso wird in Zweifel gezo­gen, dass, so es doch eine Überlastung geben soll­te, die hohe Zahl von Covid-19-Patienten dafür ver­ant­wort­lich ist.

    Nun sorgt eine Ad-Hoc-Stellungnahme, über die die Tageszeitung „Die Welt“ zuerst berich­te­te, im Netz für Aufmerksamkeit. Was auf­fällt: Die Thesen der Autoren wer­den beson­ders stark von Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern wei­ter­ver­brei­tet. Verfasst hat die Stellungnahme eine zehn­köp­fi­ge Autorengruppe – unter ihnen: Mediziner, Juristen, Versorgungsforscher und ande­re Gesundheitsexperten.

    Worum geht es genau? Die Autorengruppe um Matthias Schrappe, einem ehe­ma­li­gen Vorstandsmitglied des Sachverständigenrates Gesundheit, weist in ihrem Thesenpapier dar­auf hin, dass es in Deutschland eine zu hohe Zahl an Intensivbetten gebe. Im Vergleich zu ande­ren Ländern wür­den hier­zu­lan­de so oft wie nir­gend­wo anders ambu­lant behan­del­ba­re Fälle im Krankenhaus ver­sorgt. Ähnlich ver­hal­te es sich auch bei der Behandlung von Corona-Kranken: „In kei­nem Land wer­den im Vergleich zur Melderate so vie­le Infizierte inten­siv­me­di­zi­nisch behan­delt“, heißt es in dem Thesenpapier.
    Es soll kei­ne Engpässe auf den Intensivstationen gege­ben haben

    Zu kei­nem Zeitpunkt sei es jedoch zu Engpässen an Intensivbetten gekom­men, so die Behauptung der Autoren. Im Jahr 2020 sei­en wegen der Behandlung Covid-19-Erkrankter ledig­lich zwei Prozent der sta­tio­nä­ren und nur vier Prozent der inten­siv­me­di­zi­ni­schen Kapazitäten genutzt wor­den. Dennoch sei­en vom Staat Ausgleichszahlungen an Krankenhäuser in Höhe von 10,2 Milliarden Euro und Prämienzahlungen für die Bereitstellung zusätz­li­cher Intensivbetten in Höhe von 530 Millionen Euro gezahlt worden.

    Im Interview mit „Der Welt“ äußert Schrappe in die­sem Zusammenhang den Verdacht, es han­de­le sich um „Subventionsbetrug und zwei­fel­haf­te Verwendung von Fördermitteln“. Dazu sei­en, so Schrappe, offi­zi­el­le Statistiken mani­pu­liert worden.

    Dabei bezie­hen sich die Autoren unter ande­rem auf das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Das Register erfasst tages­ak­tu­ell freie wie beleg­te Behandlungskapazitäten in Deutschland und auch, wie vie­le davon von Covid-19-Patienten belegt sind.

    Was den Autoren auf­fällt: In Bezug auf die­ses Register habe das Robert-Koch-Institut am 30.7.2020 noch 33.367 Intensivbetten gemel­det. Jetzt hin­ge­gen sei­en es für die­ses Datum nur noch 30.340. Diese Diskrepanz, so heißt es in der Stellungnahme, sei nicht mit einer ver­än­der­ten Dokumentationsweise zu erklären.
    Für die ver­schwun­de­nen Betten gibt es eine Erklärung

    Richtig ist: Aus dem Intensivregister sind annä­hernd 3000 Betten ver­schwun­den. Falsch aller­dings ist die Aussage, es gäbe dafür kei­ne Erklärung. Die Zahlenabweichung lässt sich durch­aus durch eine ver­än­der­te Dokumentationsweise erklä­ren, auf die das DIVI sogar sel­ber auf­merk­sam macht: Seit dem 4. März 2021 wer­den die Kinder-Intensivbetten näm­lich in der Statistik nicht mehr mit­ge­zählt, wie Malte Kreutzfeldt von der „taz“ twittert.

    Das DIVI pass­te aus die­sem Grund sei­ne Übersicht rück­wir­kend an. In sei­nen Anmerkungen weist das Intensivregister aus­drück­lich dar­auf hin, dass sich die Reduktion der Betten aus einer ver­än­der­ten Zählweise erge­be. „Die Kapazitäten für Erwachsene ste­hen in der gegen­wär­ti­gen Sars-CoV-2-Pandemie im Fokus, da schwe­re Verläufe vor­der­grün­dig bei Erwachsenen auf­tre­ten“, heißt es in der Begründung dafür. Die Summe der Kinderkapazitäten wird in den Grafiken seit­dem geson­dert ausgewiesen.

    Ein wei­te­rer Punkt aus dem kri­tisch beäug­ten Thesenpapier: Die Autoren unter­stel­len in Bezug auf die Zahl der Pflegekräfte das Fehlen objek­ti­ver Daten. "Eine Abnahme der aktiv täti­gen Pflegekräfte lässt sich sta­tis­tisch nicht nach­wei­sen", heißt es in der abschlie­ßen­den Bewertung des Papiers. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft tei­le jüngst in Bezug auf eine Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit mit, dass die Zahl der Pflegekräfte in deut­schen Kliniken gestie­gen sei. Innerhalb eines Jahres sei deren Zahl von Oktober 2019 bis zum Oktober 2020 um 18.500 Pflegerinnen und Pfleger auf­ge­stockt wor­den. Allerdings erfüll­ten nicht alle Pflegekräfte nach „Insiderinformationen“, wie es im Thesenpapier heißt, die erfor­der­li­che Qualifikation.

    Tatsächlich stie­gen die Beschäftigtenzahlen vor der Pandemie leicht an. Von März bis Juni 2020 aber san­ken die Beschäftigungszahlen laut Bericht der Bundesagentur für Arbeit um 0,5 Prozent ab. Dieser Einbruch sei laut Arbeitsmarktexperten zwar sai­so­nal bedingt. DIVI-Präsident Christian Karagiannidis erklär­te in einem Podcast des NDR, dass jedoch auch die Zahl der Stationen gewach­sen sei, die Personalmangel mel­den und ver­weist zudem dar­auf, dass wegen Pandemie der Aufbau zusätz­li­cher Intensivkapazitäten not­wen­dig gewe­sen sei. „Jedes Krankenhaus in Deutschland wür­de Pflegekräfte ein­stel­len, aber der Markt ist wirk­lich kom­plett leer“, so Karagiannidis wörtlich.

    Die Autoren des Thesenpapiers kri­ti­sie­ren fer­ner, dass die Zahl der Corona-Patienten trotz hoher Melderate nur maxi­mal ein Viertel aller Intensivbetten mit Covid-19-Patienten aus­ma­che. Allein die Covid-19-Patienten für die Überlastung der Intensivstationen ver­ant­wort­lich zu machen, erschei­ne vor die­sem Hintergrund nur bedingt glaub­wür­dig. Es habe laut Schrappe in den Krankenhäusern die Tendenz gege­ben, Covid-19-Patienten ohne Not auf die Intensivstation zu verlegen.
    Unter #divi­ga­te mel­den sich Mediziner zu Wort

    Unter dem Hashtag #divi­ga­te mel­den sich indes­sen zahl­rei­che Mediziner und Pflegekräfte zu Wort, die sich durch das Thesenpapier atta­ckiert füh­len. So äußert sich unter ande­rem Intensivkrankenpfleger Ricardo Lange, der zuletzt auch auf einer Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn zu Wort kam: Er müs­se lesen, dass auf Intensivstationen offen­bar Patienten lagen, die dort nicht hät­ten lie­gen müs­sen. „Bei uns lag nie­mand, der es nicht muss­te“, twit­tert er.

    Die Aussagen der Autoren wer­den im Netz hef­tig dis­ku­tiert. Ein mehr­fach genann­tes Argument: Die zugrun­de geleg­ten Zahlen im Thesenpapier sei­en falsch inter­pre­tiert oder grund­sätz­lich nicht richtig.

    Wie ist die der­zei­ti­ge Lage auf den Intensivstationen?

    Laut DIVI-Intensivregister (Stand 17. Mai 2021) wer­den der­zeit rund 4000 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen behan­delt. 62 Prozent von ihnen wer­den inva­siv-medi­zi­nisch beatmet. Derzeit sind rund 20.000 Intensivbetten in Deutschland belegt. Die Kliniken mel­den noch freie Kapazitäten von 3400 Betten. Im Vergleich zum Vortag sind die­se Zahlen leicht gestiegen.

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