Vom Segen der Maske

zeit​.de (8.9.)

Ein wun­der­ba­res Foto mit einer noch wun­der­ba­re­ren Bildunterschrift geht dem Kommentar der "Zeit" vor­an, der Wissenschaft im Stil der Lauterbachschen Zeitenwende betreibt:

Frau Schöps wehklagt:

»… Im klein­li­chen Politgeschacher der letz­ten Wochen und Monate ist aus dem Blick gera­ten, was Masken unver­än­dert leis­ten kön­nen. Und was für ein ein­fa­ches Mittel sie sind, um sich selbst oder Schutzbedürftigen eine über­flüs­si­ge Infektion oder schwe­re Krankheitsverläufe vom Leib zu halten…

Jedenfalls ent­steht womög­lich in der Bevölkerung der Eindruck: Die wis­sen ja alle selbst nicht, was das Maskentragen gebracht hat und jetzt noch bringt, was wis­sen­schaft­lich gesi­chert ist.

Doch der Eindruck trügt, denn vie­les ist voll­kom­men klar:

Die wis­sen­schaft­li­che Evidenz für die Wirksamkeit von Masken zum Schutz vor Sars-CoV‑2 ist gera­de­zu erschla­gend, mehr denn je. FFP2-Masken sind im Krankenhaus klar die bes­se­re Wahl«


"Evidenz für den Nutzen der Verwendung von Masken weiterhin gering bis moderat"

Ein Leser hat nach­ge­prüft, wel­che erschla­gen­de Evidenz hier zitiert wird. Der ers­te Link führt zu einem Aufsatz "Update-Warnung 8: Masken zur Vorbeugung von Infektionen mit Atemwegsviren, ein­schließ­lich SARS-CoV‑2, im Gesundheitswesen und in Gemeinschaftseinrichtungen". Er ist erschie­nen in den "Annals of Internal Medicine" am 26.7. Dort heißt es:

»… In frü­he­ren Aktualisierungen wur­de die Evidenz für die Verwendung von Masken im Vergleich zur Nichtverwendung zur Prävention von SARS-CoV-2-Infektionen in Gemeinschaftsumgebungen auf der Grundlage von 2 RCTs und 8 Beobachtungsstudien als gering bis mäßig stark zuguns­ten der Verwendung von Masken bewer­tet. Bei die­ser Aktualisierung stimm­ten 2 neue Beobachtungsstudien mit den frü­he­ren Erkenntnissen über­ein, wonach die Verwendung von Masken mit einem ver­rin­ger­ten Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion ver­bun­den ist. Die berei­nig­te Odds Ratio (OR) für das Tragen von Masken in öffent­li­chen Innenräumen im Vergleich zum Nichttragen betrug in einer neu­en Studie 0,51 (95% CI, 0,29 bis 0,93). Die zwei­te, nicht von Fachleuten begut­ach­te­te Studie unter­such­te die Verwendung von Masken bei allen Interaktionen in einem Abstand von weni­ger als einem Meter (ohne Haushaltsmitglieder). Das Tragen einer Maske für min­des­tens einen Tag bei sol­chen Interaktionen inner­halb der vor­an­ge­gan­ge­nen 10 Tage war mit einem gerin­ge­ren Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion ver­bun­den als das Nichttragen einer Maske. Die Verringerung des Risikos war in der Prä-Delta- (Juli 2020 bis Juni 2021; berei­nig­te OR, 0,60 [CI, 0,52 bis 0,70]) und Delta- (Juli 2021 bis November 2021; berei­nig­te OR, 0,65 [CI, 0,53 bis 0,81]) Ära ähn­lich, schwäch­te sich jedoch in der Omicron-Ära (Dezember 2021 bis Februar 2022; berei­nig­te OR, 0,86 [CI, 0,76 bis 0,97]) ab. Da es sich bei den neu­en Studien um Beobachtungsstudien han­del­te und sie metho­di­sche Einschränkungen auf­wie­sen, ist die Evidenz für den Nutzen der Verwendung von Masken im Vergleich zur Nichtverwendung zur Prävention von SARS-CoV-2-Infektionen in der Bevölkerung wei­ter­hin gering bis mode­rat…«


Die zwei­te Quelle ist ein "Research Letter", ver­öf­fent­licht am 15.8. auf jamanet​work​.com, in dem es über eine Studie aus der Schweiz heißt:

»… In die­ser Folgestudie ana­ly­sier­ten wir das SARS-CoV-2-Risiko für medi­zi­ni­sches Personal in Abhängigkeit von der kumu­la­ti­ven Exposition gegen­über Patienten mit COVID-19 und unter­such­ten, ob die­ses Risiko durch die Verwendung von Atemschutzmasken im Vergleich zu chir­ur­gi­schen Masken redu­ziert wer­den kann…

Ergebnisse

Wir schlos­sen 2919 Angehörige des Gesundheitswesens [HCW] ein (mitt­le­res Alter 43 Jahre (Spanne 18–73 Jahre); 749 Teilnehmer (26 %) waren mit SARS-CoV‑2 infi­ziert. Die SARS-CoV-2-Positivität lag bei 13 % der HCW ohne Patientenexposition. Bei den­je­ni­gen, die mit Patienten in Berührung kamen, lag die Positivität bei 21 % für HCW, die Atemschutzmasken benutz­ten, und bei 35 % für die­je­ni­gen, die chirurgische/gemischte Masken benutz­ten (OR, 0,49; 95 % CI, 0,39–0,61)…

Diskussion

In die­ser Studie war die SARS-CoV-2-Positivität bei medi­zi­ni­schem Personal des Gesundheitswesens mit der kumu­la­ti­ven Exposition gegen­über COVID-19-Patienten ver­bun­den. Die Wahrscheinlichkeit, SARS-CoV-2-posi­tiv zu sein, war bei Personen, die Atemschutzmasken tru­gen, unab­hän­gig von der kumu­la­ti­ven Exposition um mehr als 40 % redu­ziert, selbst nach Bereinigung um meh­re­re arbeits­be­zo­ge­ne und nicht arbeits­be­zo­ge­ne Kovariablen…«

Das klingt nach einem kla­ren Fall. Jedenfalls wenn man annimmt, daß die posi­ti­ven Tests von Kontakten mit glei­cher­ma­ßen posi­tiv getes­te­ten PatientInnen her­rühr­ten. Wie stets wäre es gewiß sinn­vol­ler gewe­sen, Erkrankungen zu zäh­len. Ob das Verfahren zur Berechnung schlüs­sig ist, ist eine Betrachtung wert:

»Methoden

… Im September 2021 gaben die Teilnehmer an, wel­chen Maskentyp sie in den letz­ten 12 Monaten bei Kontakt mit Patienten mit COVID-19 außer­halb aero­sol­erzeu­gen­der Verfahren ver­wen­det hat­ten (nur chir­ur­gi­sche Maske, bei­de Maskentypen und nur Beatmungsgeräte). Zur Bewertung der kumu­la­ti­ven Patientenexposition wur­de die selbst ange­ge­be­ne Anzahl der Kontakte mit Patienten mit COVID-19 (Bereich, 0–100) mit der mitt­le­ren Kontaktdauer (Bereich, 1–60 Minuten) mul­ti­pli­ziert. Die kumu­la­ti­ve Patientenexposition wur­de in 8 Kategorien ein­ge­teilt, die durch Potenzen von 2 defi­niert wur­den. Zu Beginn der Studie, im Januar und September 2021, wur­den die Teilnehmer auf Antinukleokapsid-Antikörper untersucht.

Das Hauptergebnis war die SARS-CoV-2-Infektion wäh­rend der Nachbeobachtung, d. h. ein selbst­be­rich­te­ter posi­ti­ver Nasopharyngealabstrich und/oder eine Antinukleokapsid-Serokonversion gegen­über dem Ausgangswert. Die Odds Ratios (ORs) für den Anstieg der SARS-CoV-2-Positivität pro Verdoppelung der Kontaktzeit wur­den getrennt für die Beschäftigten des Gesundheitswesens berech­net, die nur Atemschutzmasken ver­wen­de­ten, und für die­je­ni­gen, die nur chir­ur­gi­sche oder bei­de Maskentypen benutz­ten…«

Wie auch immer, hal­ten wir fest: 13 % der Beschäftigten ohne Kontakte zu PatientInnen wur­den posi­tiv getes­tet. Bei denen mit Kontakten waren es 21 % mit Atemschutzmasken, womit wohl FFP-2-Masken gemeint sind, und 35 % bei denen mit "chirurgischen/gemischten" Masken. Letzteres dürf­te bedeu­ten, daß die HCW mal die eine, mal die ande­re Art trugen.

77 Prozent "geimpft"

Im übri­gen waren 77 Prozent aller posi­tiv Getesteten "geimpft", mehr als 40 Prozent hat­ten posi­ti­ve Haushalt-Kontakte, wie der ein­zi­gen Tabelle zu ent­neh­men ist:

jamanet​work​.com

Das alles hat die "Zeit"-Autorin aus­ge­blen­det, als sie formulierte:

»Alles deu­tet dar­auf hin, dass sie auch für Laien vor­teil­haf­ter ist – selbst wenn man sie nicht herz­lich liebt und nicht per­fekt trägt. Eine nicht per­fekt getra­ge­ne FFP2-Maske ist bes­ser als kei­ne, und auch nicht schlech­ter als eine meist eben­falls im Alltag nicht per­fekt getra­ge­ne chir­ur­gi­sche Maske. 

Diejenigen, die das Gegenteil behaup­ten, haben dafür bis heu­te kei­ner­lei Belege geliefert…

Für erfolg­rei­che Public-Health-Maßnahmen war es noch nie nötig, dass alle sich hun­dert­pro­zen­tig an sie hal­ten und alles rich­tig machen. 60, 70 oder 80 Prozent rich­tig getra­ge­ne Masken dürf­ten nach allem, was man weiß, aus­rei­chen, um maß­geb­li­che Effekte zu erzie­len. Es käme ja auch kein Mensch auf die Idee zu ver­lan­gen, dass man sich vom Zähneputzen und Händewaschen befrei­en müss­te, weil es ja die meis­ten etwas schlam­pig machen.

Dass man die Masken in die­sem Winter noch brau­chen wird, steht eben­falls außer Zweifel: Schon jetzt ächzt das aus­ge­laug­te Personal in den Kliniken…

Weder waren Masken der Hauptgrund für die Belastungen der Kinder in die­ser Pandemie noch stö­ren sie das Evolutionswunder Immunsystem, das wahr­lich nicht mit jedem, noch dazu gefähr­li­chen her­um­flie­gen­den Erreger kämp­fen muss, um fit zu bleiben.

Meine Güte: Die Maske ist ein klei­nes Stück Vlies. Sie leis­tet gute Dienste zur Schadensbegrenzung. Man wird sie viel­leicht nicht bis in alle Ewigkeit im Alltag brau­chen, aber zumin­dest eine Weile dürf­te sie doch noch nütz­lich sein: Solange man noch nicht so viel über die­ses neue Sars-Virus weiß..«

An die­ser Stelle habe ich kapi­tu­liert. Ich erin­ne­re mich an einen Mitschüler, der tief und fest an die Heilige Dreifaltigkeit glaub­te, was sein gutes Recht war. Eine Zeit lang hat er ver­sucht, mich zu mis­sio­nie­ren. Er wäre aber nie auf die Idee gekom­men, mich zum Verzehr einer Hostie, des "Leibes Christi" zu zwin­gen. Ich geste­he auch Frau Schöps ihren Glauben zu. Auch sie soll­te sich hüten, mir des­sen Regeln auf­zu­zwin­gen. Zumal sie weder eine theo­lo­gi­sche noch gar eine medi­zi­ni­sche Ausbildung hat.

zeit​.de

(Hervorhebungen nicht in den Originalen. Fußnoten und Verweise der Originale wur­den hier weggelassen.)

7 Antworten auf „Vom Segen der Maske“

  1. Grundgütiger… das zwei­te Papierchen ist herz­al­ler­liebst, aber metho­disch bes­ten­falls schlecht. Sinnlose Kovariablen, nicht wei­ter auf­ge­klär­te inkon­sis­ten­te Ergebnisse (bei den hel­den­haf­ten Supermaskenträgern gibt es kei­ne kon­ti­nu­ier­li­che Korrelation zwi­schen Kontakten und posi­ti­ven Tests), die bei­den Hauptvariablen wer­den in einem Punkt zusammengefasst… 

    Nun gut, Frau Schöps hat das mit Sicherheit nicht gele­sen. Wissenschaft und vor allem die grund­le­gen­den Regeln der wis­sen­schaft­li­chen Beweisführung sind wohl nicht so ihr Ding.
    Niemand ist so leicht mit Grasnarbenwissenschaft zu beein­dru­cken und zu beein­flus­sen wie die zeit­ge­nös­si­schen Bilbüs (Bildungsbürgerinnen und ‑bür­ger), die ihre aka­de­mi­sche Ausbildung wie eine Monstranz vor sich her tra­gen und dar­an nicht mehr vor­bei­gu­cken geschwei­ge denn vor­bei­den­ken können.

  2. An die­ser Stelle soll­te man viel­leicht auch auf die Einschätzung der Europäischen Gesundheitsbehörde ECDC ver­wei­sen und bei die­ser Gelegenheit in Erinnerung rufen, dass Experten wie Frau Schöps uns immer­hin ein Jahr lang erzählt haben, ein Stofflappen vor dem Gesicht wäre das Allheilmittel. Das ECDC schreibt: „Die Evidenz für die Wirksamkeit von medi­zi­ni­schen Gesichtsmasken zur Prävention von COVID-19 in der Bevölkerung ist mit einem klei­nen bis mäßi­gen Schutzeffekt ver­ein­bar, aber es bestehen erheb­li­che Unsicherheiten hin­sicht­lich der Größe die­ses Effekts. Die Evidenz für die Wirksamkeit von nicht-medi­zi­ni­schen Gesichtsmasken, Gesichtsschilden/Visieren und Atemschutzmasken in der Bevölkerung ist spär­lich und von sehr gerin­ger Gewissheit.“
    https://​www​.ecdc​.euro​pa​.eu/​s​i​t​e​s​/​d​e​f​a​u​l​t​/​f​i​l​e​s​/​d​o​c​u​m​e​n​t​s​/​c​o​v​i​d​-​1​9​-​f​a​c​e​-​m​a​s​k​s​-​c​o​m​m​u​n​i​t​y​-​f​i​r​s​t​-​u​p​d​a​t​e​.​pdf

  3. Und wo blei­ben bei die­ser Diskussion die syri­schen Goldhamster aus dem amt­li­chen Evaluationsbericht?—Schlechte Recherche der "Zeit".

    Und hier hat ein Amerikaner/Kanadier (?) ein­drück­lich die hohe Wirksamkeit (in Winterlandschaft) gezeigt.

    https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​_​f​P​f​G​U​1​M​izY

    Aus:

    https://​www​.ach​gut​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​e​i​n​e​_​e​v​i​d​e​n​z​_​f​u​e​r​_​m​a​s​k​e​n​_​i​m​_​a​l​l​tag

  4. "Weder waren Masken der Hauptgrund für die Belastungen der Kinder…"
    Woher will sie das denn wissen?

    "…in die­ser Pandemie…"
    In wel­cher Pandemie?

    "…noch stö­ren sie das Evolutionswunder Immunsystem, das wahr­lich nicht mit jedem, noch dazu gefähr­li­chen her­um­flie­gen­den Erreger kämp­fen muss, um fit zu bleiben."
    Die schäd­li­chen Auswirkungen zei­gen sich wahr­schein­lich erst in Jahren oder Jahrzehnten!

  5. "Schon jetzt ächzt das aus­ge­laug­te Personal in den Kliniken…", 

    herr­lich die­se Empathie und die­ses Einfühlungsvermögen den Pflegenden gegen­über. Die wer­den sich sicher über die­se reli­giö­se Lobrede bedan­ken und wei­ter unter ihren Masken äch­zen, um sol­chen tex­ten­den Hohlköpfchen ein ver­meint­lich gutes Gewissen zu verschaffen.

  6. Da feh­len einem schlicht und ergrei­fend die Worte ob all diesem
    hirn­er­wei­chend dümm­li­chen Gefasels. Aber die­ses Niveau scheint
    sich ja mitt­ler­wei­le eta­bliert zu haben (sowohl in den Redaktionen
    als auch in der Politik und bei all den mit­lau­fen­den Schreihälsen).
    Das nennt man dann wohl mensch­li­che Involution.
    Denn wo steht geschrie­ben, daß wir uns immer weiterentwickeln
    würden/müssten ?

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