„Wunder von Haiti“ statt „maximaler Katastrophe“

Die Voraussagen für Haiti waren im April 2020 denk­bar schlecht, wie in der New York Times zu lesen war:

„Einen Monat nach Bekanntgabe des ers­ten Falls hat es nur 58 bestä­tig­te Fälle und vier Verstorbene gege­ben. […] Doch mit dem Zustrom von Arbeitern, die aus der Dominikanischen Republik zurück­kehr­ten, wo es 5.044 Fälle und 245 Verstorbene durch COVID-19 gege­ben hat, stün­den die Chancen schlecht für Haiti und sein schwa­ches Gesundheitssystem. So warn­te ein Beratergremium des Präsidenten, das von Dr. Jean William ‚Bill‘ Pape gelei­tet wird, einem weit­hin renom­mier­ten Arzt, der eilig Zentren auf­baut, die COVID-19-Patienten behan­deln sollen.
‚Das Monster kommt auf uns zu,‘ sag­te Dr. Pape […]. Doch der Plan, der aus­ge­bil­de­tes Personal, per­sön­li­che Schutzausrüstungen sowie Sauerstoff benö­tigt, ist kost­spie­lig. Dr. Pape schätzt, daß allein der ers­te Monat etwa 30 Millionen US-Dollar kos­ten wird – etwa die Hälfte von dem, was die Regierung Haitis jähr­lich für das Gesundheitssystem ausgibt. […]
Dr. Pape bil­de­te über 1000 Personen aus, die von Tür zu Tür gehen, jeden mit Symptomen her­aus­su­chen und dazu drän­gen sol­len, ins Krankenhaus zu gehen. […] In den letz­ten Wochen sind täg­lich tau­sen­de Haitianer aus der Dominikanischen Republik zurück­ge­kehrt […]. Ärzte haben sie an vier offi­zi­el­len Grenzstationen unter­sucht, aber nicht an Dutzenden ille­ga­ler Übergänge.“ [1]

Und zeit­gleich gab es die dazu pas­sen­den düs­te­ren Prognosen:

„Bei ihrer aller­ers­ten Pressekonferenz sag­te die Wissenschaftsabteilung der Regierung, sie fürch­te für das Land in den nächs­ten Tagen einen signi­fi­kan­ten Anstieg der mit COVID-19 Infizierten wegen des Verhaltens der Bevölkerung, die einem Risiko durch die­se Pandemie gegenübersteht.
Sie sag­te auch 2.000 Todesfälle bei einer ange­nom­men Mindestzahl von Fällen vor­aus und in einem Katastrophenszenario etwa 20.000 Todesfälle und 3 Millionen Infizierte.“ [2]

„Nach Voraussagen wird die Anzahl der COVID-Fälle in Haiti stei­gen, auf mehr als 300.000 erwar­te­te Patienten, die bis August ins Krankenhaus müs­sen. Das Land ist durch die Pandemie beson­ders ver­wund­bar, da vie­le Einwohner in dicht besie­del­ten Teilen leben, wo eine Selbstisolation phy­sisch unmög­lich ist. Die meis­ten Menschen in Port-au-Prince und umlie­gen­den Bereichen haben kei­nen Zugang zu sau­be­rem Wasser und Seife.
‚Das Überleben wird ein nie dage­we­se­nes Niveau an Kreativität, Zusammenarbeit und Engagement bei allen unse­ren Partnern erfor­dern, mit einer schnel­len Freigabe von Mitteln, um COVID-19 zu bekämp­fen,‘ sag­te Pape.“ [3]

Pape ist weit über Haiti hin­aus bekannt. Er ist – unter ande­rem – Mitglied in den Vorständen des Pasteur-Instituts und der Mérieux-Stiftung in Frankreich sowie Preisträger – unter ande­rem – des Gates Award for Global Health, des Clinton Global Citizen Award, des Christophe Mérieux Prize, und des Carlos Slim Award for Life Achievement in Research [4] – der Telekommunikationsmogul Slim war zeit­wei­se der reichs­te Mann der Welt, bil­det „das Zentrum der Machtelite“ Mexikos und ist mit 17% größ­ter Anteilseigner an der New York Times. [5] Das von Pape gelei­te­te Institut GHESKIO (Haitian Study Group for Kaposi's Sarcoma and Opportunistic Infections) in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince ist ver­bun­den mit der Mérieux-Stiftung, dem Mérieux-Institut (Holding u.a. Impfstoffe) und bioMérieux (Diagnostika). [6]

Hispaniola

Haiti und die Dominikanische Republik tei­len sich die Karibikinsel Hispaniola („Kleinspanien“), die von Columbus für das spa­ni­sche Königreich besetzt wur­de. Spanischsprachig ist noch die Dominikanische Republik im Ostteil, wäh­rend Haiti im Westteil der Insel fran­ko­phon ist. Im 17. Jahrhundert hat­te Spanien die­sen Inselteil an Frankreich abge­tre­ten, des­sen reichs­te Kolonie Haiti, die „Perle der Karibik“ wur­de. 1791 brach ein gro­ßer Aufstand aus, der 1804 in die Unabhängigkeit führte.

„Die schwar­zen Sklaven Haitis haben damals die glor­rei­chen Truppen des Napoleon Bonaparte geschla­gen. Europa hat die­se Erniedrigung nie über­wun­den. Haiti hat 150 Jahre lang eine gigan­ti­sche Entschädigung an Frankreich zah­len müs­sen, weil es sich schul­dig gemacht hat, frei zu sein. Aber das alles hat nicht gereicht. Jene schwar­ze Unverschämtheit schmerzt die wei­ßen Herren der Welt noch immer. […]
Haiti ist das Gründerland der Unabhängigkeit Amerikas und das ers­te Land auf der Welt, das die Sklaverei besiegt hat. Es ver­dient viel mehr als eine durch Desaster ver­ur­sach­te Aufmerksamkeit.
Gegenwärtig hal­ten Truppen aus meh­re­ren Ländern – ein­schließ­lich mei­ner Heimat [Uruguay] – Haiti noch immer besetzt [‚Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Haiti‘ 2004–2017]. Wie begrün­det sich die­se mili­tä­ri­sche Invasion? Es wird ange­führt, daß Haiti eine Gefahr für die inter­na­tio­na­le Sicherheit sei.
Also nichts Neues… Während des gan­zen 19. Jahrhunderts war das Beispiel Haiti eine Bedrohung der Sicherheit sol­cher Länder, wel­che die Sklaverei betrie­ben haben. Schon Thomas Jefferson mein­te: Aus Haiti kommt die Pest der Rebellion. In South Carolina, USA, zum Beispiel konn­te jeder schwar­ze Matrose ein­ge­sperrt wer­den, wäh­rend sein Schiff im Hafen lag, wegen des Risikos, er könn­te ande­re Menschen mit der Pest der Sklavereiabschaffung anste­cken. In Brasilien hieß die­se Pest »Haitianismus«.
Im 20. Jahrhundert wur­de Haiti bereits von den Marines über­fal­len, weil es als unsi­che­res Land für aus­län­di­sche Investoren galt. Die Invasoren besetz­ten zuerst alle Zollämter. Schließlich über­tru­gen sie die Nationalbank an die National City Bank of New York. Und weil sie gera­de da waren, blie­ben sie gleich wei­te­re neun­zehn Jahre im Land.
Der Grenzübergang zwi­schen der Dominikanischen Republik und Haiti heißt auf Spanisch »Der fal­sche Schritt«. Vielleicht ist der Name als Alarmsignal gedacht: Achtung, Sie betre­ten die schwar­ze Welt, die der Schwarzen Magie, die der Hexerei…“ [7]

„Erst unter Präsident Roosevelt zogen sie 1934 aus Haiti wie­der ab. Ab 1957 beu­te­te der Diktator Francois Duvalier (genannt Papa Doc) das Land aus und rich­te­te in sei­ner 14-jäh­ri­gen Amtszeit bis 1971 eine Terrorherrschaft ein, die sein Sohn (genannt Baby Doc) bis 1986 wei­ter­führ­te. Sie regier­ten mit Hilfe des Voodoo-Kults und der berüch­tig­ten Schlägerbanden – der Tonton Macoute.
Am 16. Dezember 1990 gewann der Priester Jean-Bertrande Aristide die Wahl, wur­de jedoch von einem Militärputsch ins Exil gezwun­gen. Die USA ver­häng­ten dar­auf­hin eine Blockade über Haiti und erzwan­gen damit im Oktober 1994 die Rückkehr Aristides. Dieser regier­te das Land bis 1996 und dann wie­der von 2000 bis 2004 – vom 7. Februar 1996 bis zum 7. Februar 2001 hat­te René Garcia Préval zwi­schen­durch das Präsidentenamt über­nom­men. Nachdem Aristide die Wahlen 2004 mit einer Mehrheit von 90% gewon­nen hat­te, kam es zu inter­na­tio­na­len Vorwürfen der Wahlmanipulation und Aufständen im eige­nen Land. Aristide ging dar­auf­hin nach Frankreich ins Exil, behaup­tet aber bis heu­te, der recht­mä­ßi­ge Präsident von Haiti zu sein.“[8]

Es folg­te eine Reihe wei­te­rer Präsidenten und seit 2016 ist Jovenel Moïse unter Protesten der Bevölkerung im Amt. Das Land hat neben poli­ti­schem Aufruhr immer wie­der schwe­re Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren und Hurricanes sowie Choleraepidemien zu erlei­den, die letz­te mit über 700.000 Erkrankungen und fast 9.000 Todesfällen soll von UNO-Soldaten nach Haiti gebracht wor­den sein und dau­er­te vier Jahre. Das beson­ders schwe­re Erdbeben 2010 kos­te­te 300.000 Menschen das Leben. [9] In einer Übersicht wer­den eini­ge Daten zu den Lebensbedingungen der Haitianer im Vergleich zu ihren direk­ten Nachbarn in der Dominikanischen Republik zusam­men­ge­fasst. [10]



Frühling in Haiti

Am 19. März 2020 wur­den offi­zi­ell ers­ten bei­den Fälle von COVID-19 in Haiti bekannt­ge­ge­ben und nach­dem sie auf acht gestie­gen waren, hat der Präsident „den Notstand erklärt und die Schließung von Schulen, Fabriken und reli­giö­sen Organisationen ange­ord­net, eine Ausgangssperre ver­hängt und die Landesgrenzen geschlos­sen.“ [11] In die­ser Situation gab die Regierung „eine ers­te Bestellung“ auf für „Geräte im Wert von mehr als 18 Millionen US-Dollar zur Bekämpfung des Coronavirus aus China. 2,5 Millionen medi­zi­ni­sche Handschuhe (Nitril), 300.000 ste­ri­li­sier­te Kittel, 10 auto­ma­ti­sche Biochemieanalyse-Geräten, 100 Beatmungsgeräte und Zubehör, 1.500 Krankenhausbetten, 500 Infusionspumpeneinheiten, 200.000 KN 95-Masken, 1,5 Millionen chir­ur­gi­sche Einweg-Masken und 250.000 per­sön­li­che Schutzausrüstungen wer­den vor­aus­sicht­lich bis zum 10. April im Land ein­tref­fen.“ [12]

Im Mai 2020 gab es ähn­lich düs­te­re Prognosen wie schon im April, dies­mal vom UN-Vertreter, der sagte,

„er befürch­te einen ‚per­fek­ten Sturm‘ und eine ‚Reihe von Tsunamis‘. Seine Prognosen wür­den sich ten­den­zi­ell durch die Explosion von Infektionsfällen mit Covid-19 vor dem Hintergrund einer Verschlechterung der Ernährungsunsicherheit bestä­ti­gen, von der bereits 4,1 Millionen von 11 Millionen betrof­fen sind.
‚Seit einer Woche ist das, was wir wuss­ten, mit der Explosion von Fällen pas­siert,‘ erin­nert er sich und betont, ‚dass es nicht vie­le Tests gege­ben hat.‘ ‚Wir kön­nen extra­po­lie­ren und dar­auf hin­wei­sen, dass es mehr Fälle gibt. Ich weiß nicht, wann wir den Höhepunkt errei­chen wer­den ,‘ behaup­tet Bruno Lemarquis, der bei­läu­fig bestä­tigt, dass PAHO / WHO [Pan American Health Organisation / World Health Organisation] 9.000 Tests durch­ge­führt hat und bereit ist, auf Anfrage des [Gesundheitsministeriums] MSPP gege­be­nen­falls wei­te­re bereit­zu­stel­len. Die Umsetzung der Gesundheitsreaktion mit der Explosion von Fällen habe für alle Beteiligten Priorität, sagt er.“ [13]

Die Testpraxis sah dann so aus, dass an meh­re­ren Orten des Landes Geräte der US-Firma Cepheid ste­hen, die pas­sen­den Tests aber nicht erhält­lich waren. Möglicherweise hat das mit der Unternehmenspolitik des Mutterkonzerns Danaher Business System zu tun, dem vor­ge­wor­fen wird, „die Rendite oft mit allen Mitteln zu maxi­mie­ren, auch indem Betriebe und Standorte gegen­ein­an­der aus­ge­spielt wer­den.“ [14] Auch die Kontakte zu Mérieux schei­nen nichts gehol­fen zu haben und so war dies die Lage im Mai/Juni:

„Haiti hat 41 Zentren, die COVID-19-Tests auf der Cepheid-Plattform durch­füh­ren kön­nen, aber der US-Hersteller schickt kei­ne Tests nach Haiti. Das hat zur Folge, dass nur das Nationallabor Haitis und GHESKIO PCR-Testungen auf ande­ren Geräten durch­füh­ren kön­nen. […] Wir haben früh mit dem Screening begon­nen, um den erwar­te­ten Anstieg fest­zu­stel­len. Am Anfang wur­de in Haiti jeder getes­tet, der auf COVID-19 hin­wei­sen­de Symptome zeig­te; 20 Tests wur­den wöchent­lich durch­ge­führt mit weni­ger als 10% Positiven. Mitte Mai ver­zeich­ne­te Haiti eine dra­ma­ti­sche Steigerung bei den neu­en Fällen mit 1000 Personen, die wöchent­lich getes­tet wur­den, von denen 70% ein posi­ti­ves Ergebnis hat­ten.“ [15]

„Das Coronavirus brei­tet sich nach Ansicht von Ärzte ohne Grenzen besorg­nis­er­re­gend schnell in Haiti aus. Als die Hilfsorganisation am 16. Mai in Port-au-Prince ein Behandlungszentrum für COVID-19-Patienten eröff­ne­te, habe die Zahl der posi­ti­ven Coronatests in Haiti noch bei 100 gele­gen, hieß es in einer Mitteilung gestern.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums des armen Karibik-Staates liegt die­se Zahl inzwi­schen bei 3.334. 51 COVID-19-Erkrankte star­ben dem­nach.
Da nur zwei Labore im Land die Tests bear­bei­ten könn­ten, sei die wah­re Zahl der Infektionen deut­lich höher, teil­te Ärzte ohne Grenzen mit. Hinzu kom­me, dass Infizierte stig­ma­ti­siert wür­den und sich daher oft nicht in einem Krankenhaus behan­deln ließen.
‚Unter den vie­len Herausforderungen, mit denen das Land kon­fron­tiert ist, ist die andau­ern­de Rückkehr Tausender hai­tia­ni­scher Migranten aus dem Nachbarland Dominikanische Republik, das mit mehr als 17.000 regis­trier­ten Fällen die größ­te Häufung in der Karibik hat‘, hieß es.“ [16]

Auch wenn die düs­te­ren Prophezeiungen wei­ter andau­er­ten, zeich­ne­te sich schon ab, dass es ganz anders kom­men würde.

Sommer in Haiti

Zum Sommeranfang dau­er­ten die Beschränkungen wie das Verbot gro­ßer Versammlungen und eine nächt­li­che Ausgangssperre von 20 bis 5 Uhr, ver­bun­den mit Appellen, zu Hause zu blei­ben und sich von ande­ren fern­zu­hal­ten, schon über ein Vierteljahr an. Selbst wenn sie es gewollt hät­ten, konn­ten gera­de Haitis Arme die­se Regeln nicht ein­hal­ten, da sie auf engs­tem Raum zusam­men leben und dar­auf ange­wie­sen sind, für ihren Lebensunterhalt das Haus zu ver­las­sen. „Social distancing: Ein Luxus, den sich Haitis Arme nicht leis­ten kön­nen“ lau­te­te die Überschrift eines Artikels, in dem ein Lehrer zitiert wur­de: „‚Wenn ich mir den Verkehr anse­he, scheint es so, als sei nichts, als wür­den wir in einer nor­ma­len Zeit leben. […] Die Regierung ergreift eini­ge Maßnahmen, sagt den Leuten, sie sol­len zu Hause blei­ben und nicht raus­ge­hen, wenn es nicht nötig ist, aber die Leute respek­tie­ren die­se Regeln nicht‘ sag­te Sylus.“ [17] Im Juli wur­de mit der offi­zi­el­len Rückkehr zur Normalität begonnen:

„Haiti öff­net mit­ten in der Corona-Krise sei­ne Grenzen wie­der. Das gel­te bereits ab Dienstag für die Landgrenze zur Dominikanischen Republik wie auch für die Flughäfen, teil­te Präsident Jovenel Moïse am Montag (Ortszeit) in einer Ansprache mit. Ab 6. Juli könn­ten außer­dem Fabriken den vol­len Betrieb wie­der auf­neh­men, sag­te der Staatschef des Karibikstaates. Für ande­re Institutionen wie Schulen, Universitäten und Kirchen wer­de noch an einer Lösung gear­bei­tet. Diese sind seit dem 19. März geschlossen.
Vor rund drei Wochen warn­te die Organisation Ärzte ohne Grenzen vor einer besorg­nis­er­re­gend schnel­len Ausbreitung des Coronavirus in Haiti. Auch das dor­ti­ge UN-Büro teil­te vor kur­zem mit, das ohne­hin über­stra­pa­zier­te Gesundheitssystem des ärms­ten Landes der west­li­chen Hemisphäre wer­de durch die Pandemie beson­ders schwer bean­sprucht. Auch das sozia­le Sicherungsnetz sei bereits durch eine seit 18 Monaten andau­ern­de poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che, sozia­le und insti­tu­tio­nel­le Krise sehr schwach. Die huma­ni­tä­re Situation kön­ne zur Auswanderung vie­ler Menschen führen.
Offiziell wur­den in dem Land mit rund elf Millionen Einwohnern bis­her 5847 Infektionen mit dem Erreger Sars-CoV‑2 und 104 Todesfälle infol­ge einer Covid-19-Erkrankung regis­triert.“ [18]

Die wie­der gewon­ne­nen Freiheiten wur­den sogleich aus­gie­big genutzt:

„Die wis­sen­schaft­li­che Kommission, die die hai­tia­ni­sche Regierung im Kampf gegen COVID-19 berät, befürch­tet eine neue Ansteckungswelle zu einer Zeit, als Premierminister Joseph Jouthe gera­de den Ausnahmezustand auf­ge­ho­ben hat. ‚Wir erwar­ten ein Wiederaufflammen auf­grund der Voodoo-Festivals, die seit meh­re­ren Wochen in meh­re­ren Städten statt­fin­den. Menschenmassen fei­ern und wir erle­ben einen Zustand der völ­li­gen Nichteinhaltung erfor­der­li­cher Maßnahmen, um die Pandemie ein­zu­däm­men‘ so Dr. Jean-Hugues Henrys, Mitglied der wis­sen­schaft­li­chen Kommission.
‚Das, was bei die­sen Aktivitäten pas­siert, wird einen ech­ten Einfluss auf die Entwicklung der Ausbreitung des Virus haben. Wir gehen davon aus, dass wir es in der zwei­ten Augustwoche sehen wer­den‘, bekräf­tigt Henry. […] Während die­ser Festivals wur­den Sicherheitsmaßnahmen wie Händewaschen, Verwendung von Masken oder phy­si­sche Distanz nicht beach­tet.“ [19]

Anfang August, als sich immer noch kei­ne „Ansteckungswelle“ durch Voodoo-Festivals mani­fes­tiert hat­te, erschien unter dem irri­tie­ren­den Titel „Krise in Haiti Warnung vor der ‚maxi­ma­len Katastrophe‘“ das „Wunder von Haiti“:

"Corona kann viel Schaden anrich­ten. Schütz dich, wasch dei­ne Hände. Wenn du Fieber hast, dann ruf im Krankenhaus an", mahnt die offi­zi­el­le hai­tia­ni­sche Covid-19-Aufklärungskampagne, die mit Unterstützung der UNICEF ver­brei­tet wird.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gibt es im Land etwa 7400 bestä­tig­te Corona-Fälle, 165 Menschen star­ben bis­lang an den Folgen der Viruserkrankung. Die von vie­len Experten erwar­te­te Katastrophe sei aus­ge­blie­ben, sagt Annalisa Lombardo von der Welthungerhilfe in Port-au-Prince. Der Ausnahmezustand sei auf­ge­ho­ben wor­den, berich­tet sie gegen­über der ARD am Telefon.
Was rich­tig ist, dass nach wie vor nur extrem wenig getes­tet wird. Aber die Sterblichkeitsrate hat in den Gemeinden nicht dra­ma­tisch zuge­nom­men. Das bele­gen die offi­zi­el­len Zahlen, aber auch infor­mel­le Befragungen in den Regionen unter­stüt­zen das. Warum das so ist? Wir haben auch kei­ne Erklärung dafür. Es wird hier das Wunder von Haiti genannt […].‘“ [20]

Auch wenn Ende August eine Schlagzeile „Covid-19: Starker Anstieg neu­er Fälle in Haiti“ lau­te­te, gab es „inner­halb von 24 Stunden 35 neue Fälle“ und ins­ge­samt „8.209 Infektionen“ sowie „Todesfälle: Unverändert in den letz­ten 24 Stunden, Gesamtzahl 201“. [21] Die „Ansteckungswelle“ durch Voodoo-Festivals blieb dau­er­haft aus.

Herbstanfang in Haiti

In Haiti arbei­ten extrem vie­le NGOs wie Ärzte ohne Grenzen und die Welthungerhilfe, da es immer wie­der Katastrophen wie Hurricanes und Epidemien gibt – „Willkommen in der NGO-Republik von Haiti“ [22] hieß es nach dem ver­hee­ren­den Erdbeben von 2010. NGOs sowie UNO-Vertreter und ein­hei­mi­sche Mediziner waren mehr als vor­be­rei­tet auf COVID-19, teil­wei­se kann man den Eindruck haben, die Epidemie soll­te – wie ande­ren­orts auch – gera­de­zu her­bei­ge­re­det wer­den. Immer wie­der wur­de auf das schlech­te Gesundheitssystem, die Armut in Haiti, die Nicht-Einhaltung der von der Regierung ver­ord­ne­ten Regeln, die vie­len tau­send Rückkehrer aus der beson­ders von COVID-19 betrof­fe­nen Dominikanischen Republik und nicht zuletzt auf die gerin­ge Anzahl der durch­ge­führ­ten Tests ver­wie­sen. Das ist sicher alles genau­so rich­tig wie die gerin­gen Erkrankungs- und Todeszahlen. Im letz­ten Bericht des Gesundheitsministeriums vom 23. September sind 8.684 bestä­tig­te Fälle und 227 Verstorbene ver­zeich­net. [23]

Experten ver­blüfft von nied­ri­ger Opferzahl, wäh­rend Normalität zurückkehrt
In Port-au-Prince haben Banken und Geschäfte Begrenzungen für die Kunden instal­liert und ver­lan­gen wei­ter­hin das Tragen von Masken. Doch vie­le Menschen auf den Straßen von Haitis Hauptstadt ver­hal­ten sich wie sie es getan haben, bevor das Coronavirus das Land getrof­fen hat und igno­rie­ren die Maskenpflicht und die Anordnungen der Behörden zum Social Distancing. ‚Als ich sah, wie hart die Pandemie eini­ge ande­re Länder getrof­fen hat, dach­te ich, sie wür­de unser Land in eini­gen Wochen zer­stö­ren,‘ sag­te Jacob (24), ein Student aus Port-au-Prince […].“ [24]

Als er das dach­te, war es Frühling, die­se rausch­haf­te Hochzeit mit ihren astro­no­mi­schen Prognosen und den Kauforgien von Masken, Krankenhausbetten und Beatmungsgeräten, doch die­ser Zustand hat einer herbst­li­chen Katerstimmung Platz gemacht. Die Bilanz ist in der Tat ernüchternd:

Haiti weiß nicht, was es mit sei­nen Coronavirus-Behandlungszentren anfan­gen soll / Die meis­ten die­ser Zentren sind men­schen­leer, ande­re muss­ten ihre Türen schließen
In Haiti stan­den 1.011 Betten an 26 Behandlungsorten für das neue Coronavirus zur Verfügung, das die Welt schwer trifft.
Die meis­ten die­ser Zentren sind jetzt ver­las­sen, da die Mehrheit der 8.000 bestä­tig­ten Fälle den Krankenhausaufenthalt ver­wei­gert hat­te. Andere muss­ten ihre Türen aus meh­re­ren Gründen schlie­ßen, ein­schließ­lich Inaktivität oder Nichtbezahlung des medi­zi­ni­schen Personals. […]
Während des Anstiegs der Infektionsfälle im letz­ten Juni hat­te Canaan nur drei Patienten. Das olym­pi­sche Zentrum in der Nähe der Route Neuf hat­te nur einen Patienten bei einer Kapazität von 160 Betten. Das GHESKIO-Zentrum regis­trier­te nur zwei Patienten in Tabarre.
Die in den Covid-19-Behandlungszentren beob­ach­te­te Untätigkeit steht im Gegensatz zu den alar­mis­ti­schen Prognosen der wis­sen­schaft­li­chen Behörden. […]
Anfang August hat Ärzte ohne Grenzen die­ser Pflege ein Ende gesetzt, um sich wie­der auf ihre übli­che Tätigkeit kon­zen­trie­ren zu kön­nen: Verbrennungsopfer. Diese Entscheidung resul­tiert aus der Abnahme der Fälle im Zentrum, so der Kommunikationsmanager von Ärzte ohne Grenzen, Lunos Saint Brave. Ärzte ohne Grenzen hat­te 192 Patienten an sei­nem Behandlungsort in Drouillard auf­ge­nom­men. Der Standort hat­te ins­ge­samt 45 Betten.“ [25]

Wenn Experten ver­blüfft sind und ande­re Wunder sehen, spricht das dafür, einen Perspektivwechsel zu wagen und die Informationen neu zu analysieren.

Asymptomatische Haitianer

Zu Erinnerung: Noch im Frühling hat­te Pape bis August „mit Millionen von Infizierten, Hunderttausenden von Krankenhauspatienten und Tausenden von Todesfällen gerech­net. Das schlimms­te Szenario kün­dig­te drei­ein­halb bis acht Millionen Träger des Virus an, die Zunahme der Krankenhauseinweisungen sowie die Zahl der Todesfälle, die bei etwa 20.000 lie­gen soll­ten.“ [25]

Dass dies nicht im ent­fern­tes­ten ein­ge­tre­ten ist, ist aber nicht das „Wunder von Haiti“: Die Zahlen sind so nied­rig, nicht obwohl so wenig getes­tet wur­de, son­dern weil so wenig getes­tet wur­de, vor allem, weil kei­ne Menschen ohne Symptome (aka Gesunde) getes­tet wur­den. Dazu sag­te Pape: „Wir haben im wesent­li­chen ent­spre­chend den Empfehlungen der [Weltgesundheitsorganisation] WHO Menschen mit Anzeichen und Symptomen getes­tet. Niemand tes­tet eine gan­ze Bevölkerung. Wenn also jemand Anzeichen und Symptome von COVID hat, wird getes­tet.“ [26]

Wenn es bei COVID-19 eine asym­pto­ma­ti­sche Übertragung gäbe, hät­te es unter die­sen Umständen eine hohe Zahl an infek­tiö­sen Menschen mit Kontakten zu ande­ren und einer recht gro­ßen Bewegungsfreiheit gege­ben, was zu einer auf­fal­lend hohen Zahl an Erkrankungs- und Todesfällen geführt hät­te. Es gab jedoch bei­des nicht und das liegt sicher nicht dar­an, dass es nie­man­den inter­es­siert hät­te: UNO-Organisationen, NGOs und ein­hei­mi­sche Ärzte wie Pape waren dar­auf ein­ge­rich­tet und ver­fie­len schon im Vorfeld in einen gera­de­zu erwar­tungs­vol­len Aktionismus.

Die aller­seits bestä­tig­ten gerin­gen Erkrankungs- und Todeszahlen las­sen sich so erklä­ren, dass asym­pto­ma­ti­sche Übertragungen kei­ne Bedeutung haben. Das kann aber nicht auf Haiti beschränkt sein und es gibt kei­nen Grund, war­um das anders­wo anders sein soll­te. Selbstverständlich gilt das auch für Deutschland, obwohl von inter­es­sier­ter Seite mit eini­ger Unverfrorenheit behaup­tet wird, der Test hät­te uns vor dem Schlimmsten bewahrt:

„Durch die­se Möglichkeit, rou­ti­ne­mä­ßig auf Sars-CoV‑2 tes­ten zu kön­nen, sei zur Karnevalszeit klar gewe­sen: ‚Das Virus ver­brei­te­te sich bereits unbe­merkt in Deutschland.‘ Ohne den Test sei dies ‚erst einen Monat‘ spä­ter fest­ge­stellt wor­den, ‚wenn sich wie in Italien, Spanien und Großbritannien die Toten gehäuft hätten‘.
So lan­ge daue­re es von der Infektion bis zum Tod auf der Intensivstation, so der Virologe wei­ter. ‚Und die­sen Monat haben wir – und damit mei­ne ich mein Labor – für Deutschland als Vorsprung ein­ge­spielt. Das ist der Grund dafür, dass wir heu­te so gut daste­hen. Wenn wir nicht so früh hät­ten tes­ten kön­nen, wenn wir Wissenschaftler nicht die Politik infor­miert hät­ten – ich glau­be, dann hät­ten wir in Deutschland jetzt 50.000 bis 100.000 Tote mehr.‘“ [27]

Die Gesamtzahl der mit COVID-19 in Verbindung gebrach­ten Todesfälle betrug 9.471 (am 29.9.2020) – und Drosten will uns allen Ernstes glau­ben machen, ohne sei­nen für die­se Anwendung unge­eig­ne­ten Test [28] hät­ten wir jetzt also 59.471 bis 109.471 Tote. Welche Hybris!

Dagegen wuss­te Dr. Wodarg schon lan­ge ganz klar: „Wenn wir den Test nicht hät­ten, wür­den wir kei­ne ‚Pandemie‘ bemer­ken!“ [29]

Symptomatische Haitianer

Die COVID-19-Definition ist in Haiti [23] zwar immer noch viel zu vage, aber um eini­ges ver­nünf­ti­ger als die des Robert-Koch-Instituts RKI, dem nur das PCR-Ergebnis aus­reicht, um einen „Fall“ zu erklä­ren. [30] In Haiti gibt es die Kategorien „Verdachtsfall“ (Cas suspect) und „Bestätigter Fall“ (Cas con­fir­mé). Ein Verdacht besteht bei ein­zel­nen Symptomen wie Fieber, Atemwegsbeschwerden, Muskelschmerzen, Geschmacks- oder Geruchsveränderungen (ohne Nasenschleimhautentzündung) oder wenn ein Arzt oder eine Krankenschwester COVID-19 ver­mu­tet. Nur vom Cas suspect kann man durch ein posi­ti­ves PCR-Ergebnis zum Cas con­fir­mé wer­den, für Menschen ohne Symptome ist dies also ausgeschlossen.

Bei den Kindern (Chez les enfants) gibt es eine beson­de­re Definition mit allem, was für Erwachsene gilt und: „Veränderung im Gesamtzustand, Durchfall oder iso­lier­tes Fieber beson­ders bei Kinder unter 3 Jahren“, was beson­ders bei Kindern, die in Armut leben, ganz unab­hän­gig von COVID-19 vor­kommt. Die Sterbefälle aller Altersgruppen (Décès du á la COVID-19) wer­den COVID-19 zuge­rech­net, wenn es einen „durch Test oder eine epi­de­mio­lo­gi­sche Verbindung“ bestä­tig­ten Fall betrifft oder kei­ne ande­re offen­sicht­li­che Todesursache existiert.

Demnach gibt es in Deutschland „Fälle“, die in Haiti defi­ni­ti­ons­ge­mäß gar nicht in der Statistik erschei­nen wür­den. Ausgehend von einem Anteil von 25% [31] bis 45% [32] der Asymptomatischen an der Fallstatistik für Deutschland (Gesamtzahl 287.421 am 29.9.2020) blie­ben noch ca. 158.000 bis 216.000 Fälle übrig, wenn hier die Haiti-Definition gel­ten wür­de. Das dürf­te eine eher kon­ser­va­ti­ve Schätzung sein, da damit immer noch die­je­ni­gen in der deut­schen Fallstatistik ent­hal­ten sind, die so mil­de Erkältungssymptome haben, dass mit ihnen weder Arzt noch Krankenhaus auf­ge­sucht werden.

Am 29.9.2020 gab es in Haiti 8.740 bestä­tig­te Fälle bei ins­ge­samt 27.986 durch­ge­führ­ten Tests [33, s.u. Tabelle]. Da dort nur Menschen mit Symptomen getes­tet wer­den, haben 69% der Menschen mit COVID-19-Symptomen kei­nen posi­ti­ven Test. PCR-nega­ti­ve Symptomatische gibt es über­all, meist erfährt man von ihnen in anek­do­ti­scher Form als „Mysteriöse Corona-Fälle“, obwohl ihr Anteil nach ande­ren Angaben 20–30% betra­gen soll [34]. Die Diskrepanz in den Angaben liegt an der äußerst wacke­li­gen Datenbasis, die sich durch das gan­ze COVID-19-Geschehen zieht, ins­ge­samt ist aber fest­zu­stel­len, dass der Anteil nicht zu ver­nach­läs­si­gen ist.

Die sym­pto­ma­ti­schen PCR-Negativen wer­fen Fragen auf: Ist der Test nicht gut genug, wenn er nur so weni­ge Kranke erfasst, viel­leicht ist es nicht die rich­ti­ge Methode? Oder ist die Definition immer noch viel zu weit, da die Krankheit kei­ne wirk­lich spe­zi­fi­schen Symptome hat? Wie ist eine Epidemie unter Kontrolle zu brin­gen, wenn ein nicht unwe­sent­li­cher Teil der infek­tiö­sen Menschen ahnungs­los unter­wegs ist? Und was wür­de wohl Robert Koch sagen? Sein ers­tes von drei Postulaten for­dert, dass der poten­ti­el­le Erreger in jedem ein­zel­nen Fall der in Frage kom­men­den Krankheit vor­han­den sein muss, unter Bedingungen, die die patho­lo­gi­schen Veränderungen und den kli­ni­schen Verlauf der Krankheit erklä­ren kön­nen. In jedem ein­zel­nen Fall.

In der fol­gen­den Graphik aus dem Bericht des Gesundheitsministeriums [23] stellt die­se Daten (Verdachtsfälle blau, bestä­tig­te Fälle rot, Skala links) im zeit­li­chen Verlauf sowie die Positivrate der Tests (grau, Skala rechts) dar.

Verstorbene Haitianer

Auffällig ist außer­dem die gerin­ge Fallsterblichkeit von 2,6% in Haiti. In der Dominikanischen Republik liegt sie sogar noch dar­un­ter und sowohl in den USA als auch in Deutschland dar­über. In der fol­gen­den Tabelle sind die Daten vom 29.9.2020 ent­hal­ten [33], wobei CFR die Todesrate pro Fall und TPR die Positivrate pro Test ist.

Wenn man für Deutschland die hai­tia­ni­sche COVID-19-Definition anwen­den wür­de, sähe es sogar noch schlech­ter aus, da es dann nur noch ca. 158.000 bis 216.000 Fälle als Bezugsgröße wären, was even­tu­ell durch die etwas strik­te­re Todesfalldefinition wie­der nivel­liert wür­de (s.o. „Symptomatische Haitianer“). Wie ist das mög­lich mit unse­rem ver­gleichs­wei­se her­vor­ra­gen­den Gesundheitssystem, mit unse­rem ins­ge­samt bes­se­ren Gesundheitszustand, mit unse­rer gerin­gen Test-Positivrate, die dar­auf hin­weist, dass hier beson­ders breit getes­tet wird und in den Fallzahlen nicht nur vie­le Symptomfreie (aka Gesunde) ent­hal­ten sind, son­dern bei der rie­si­gen Anzahl der Tests auch vie­le Falsch-Positive? Die Fälle in Haiti waren sicher schwe­rer erkrankt als hier. Das höhe­re Durchschnittsalter in Deutschland wird eine Rolle spie­len, doch das erscheint als Erklärung nicht ausreichend.

Ist das viel­leicht auch eine wei­te­re schein­bar para­do­xe Folge des Mangels an fast allem, wie bei den Tests, kon­kret ein Mangel an aggres­si­ver Medikation und Therapie? Bereits für die SARS-Epidemie von 2003 hat­te der Kanadier David Crowe aus dem Kürzel SARS die Bezeichnung Stero­id And Riba­vi­rin Scan­dal gemacht und Todesfälle auf Medikation mit Steroiden, dem anti­vi­ra­len Medikament Ribavirin und ande­ren Arzneimitteln mit schwe­ren Nebenwirkungen sowie wei­te­re Maßnahmen wie inva­si­ve Beatmung zurück­ge­führt. Die Mortalität war am höchs­ten in Kanada, Hongkong und Singapur und am nied­rigs­ten in Vietnam und China. [35] Auch in die­sem Jahr wur­de beim SARS-Nachfolger COVID-19 teil­wei­se ent­spre­chend behan­delt – was auch wie­der kri­ti­siert wur­de –, aber das ist nur dort mög­lich, wo die­se teu­ren Mittel und Geräte auch bezahlt wer­den kön­nen. In Haiti ist das nicht der Fall.

Die nach­fol­gen­den Graphiken zei­gen die Zahl der Fälle und die Zahl der Todesfälle für Haiti, die Dominikanische Republik, die USA und Deutschland pro Million Einwohner vom 25.9.2020. [36]

Überlebende Haitianer

Auch ohne COVID-19 ist das Leben für vie­le Haitianer schwer und noch wei­ter erschwert wur­de es durch das, was die damit ver­bun­de­nen Maßnahmen zur Folge haben. Es war nicht nur die Erklärung des Notstands und die Verschleuderung öffent­li­cher Gelder, son­dern weit­aus mehr, in einer ohne­hin furcht­ba­ren Situation.

„Haiti befin­det sich wei­ter im Ausnahmezustand. Die Welle der Gewalt durch riva­li­sie­ren­de Banden und Sicherheitskräfte hört nicht auf.
Zusätzlich zu die­sen Unruhen hat Haiti mit den Verwüstungen und Überschwemmungen in Folge des Hurrikans Laura von Ende August zu kämpfen.
Eine seit Mitte 2019 anhal­tend hohe Inflationsrate und Ernteausfälle durch Trockenheit desta­bi­li­sie­ren das Land noch wei­ter, in dem die Mehrheit der Menschen von unter zwei US-Dollar am Tag lebt. Die Situation der Bevölkerung wur­de noch gra­vie­ren­der, seit infol­ge der Corona-Krise vie­le im Ausland leben­de Haitianer ihre Arbeitsplätze ver­lo­ren haben und die Überweisungen an Angehörige um 20 Prozent ein­bra­chen. Diese Überweisungen mach­ten etwa 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus.“ [37]

Solche unnö­ti­gen Qualen sind kon­kre­te Folgen der Pandemie-Politik, die Haiti auf­ge­bür­det wer­den und ste­hen in kei­nem Verhältnis zur Krankheit selbst. Dass und wie das Land trotz alle­dem weit­ge­hend dem pan­de­mi­schen Nonsens ent­ge­hen konn­te, ist wohl das eigent­li­che „Wunder von Haiti“.

Hervorhebungen in blau von mir

[1] Ianthe Jeanne Dugan, Catherine Porter: Covid-19 Trickles Into Haiti: ‘This Monster Is Coming Our Way’ (New York Times 22.4.2020)
https://www.nytimes.com/2020/04/22/world/americas/coronavirus-haiti.html
[2] Samuel Louis: Haiti-Covid 19: Eddy Labossière urges experts to be cau­tious in fore­cas­ting trends (The Haitian Times 28.4.2020)
https://haitiantimes.com/2020/04/28/haiti-covid-19-eddy-labossiere-urges-experts-to-be-cautious-in-forecasting-trends/
[3] GHESKIO Founder Dr. Jean William Pape Selected to Lead the Fight Against COVID-19 in Haiti (The Haitian Times 29.4.2020)
https://haitiantimes.com/2020/04/29/gheskio-founder-dr-jean-william-pape-selected-to-lead-the-fight-against-covid-19-in-haiti/
[4] https://whoswhoindustryleaders.com/2017/11/jean-william-pape/
[5] Michael Massing: Who is more dan­ge­rous: El Chapo or Carlos Slim? (Guardian 201.1.2019)
https://www.theguardian.com/commentisfree/2019/jan/20/el-chapo-or-carlos-slim-who-is-more-dangerous
[6] https://www.biomerieux.com/en/public-health-initiatives
[7] Eduardo Galeano: Haiti – Ein besetz­tes Land
http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Haiti/galeano.html
[8] Haiti: Geschichte
https://www.goruma.de/laender/amerika/haiti/geschichte
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Choleraepidemie_in_Haiti_ab_2010
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_schwerer_Erdbeben_in_Haiti
[10] Statistisches Länderprofil Ausgabe 07/2020
Haiti: https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Laenderprofile/haiti.pdf?__blob=publicationFile
Dominikanische Republik: https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Laenderprofile/dominikanische-republik.pdf;jsessionid=E8D1DA2E99FE4CDDD2FDAF6B71C29790.internet8732?__blob=publicationFile
[11] Jake Johnson, Kira Paulemon: COVID-19 in Haiti: the Current Response and Challenges (Counterpunch 1.4.2020)
https://www.counterpunch.org/2020/04/01/covid-19-in-haiti-the-current-response-and-challenges/
[12 «Nous devons fai­re preuve de créa­ti­vi­té et d'iventivité face au coro­na­vi­rus», selon Jean Hugues Henrys (CPAM1410 31.3.2020)
https://www.cpam1410.com/nous-devons-faire-preuve-de-creativite-et-diventivite-face-au-coronavirus-selon-jean-hugues-henrys/
[13] Covid-19 : Bruno Lemarquis de l’ONU redou­te une « tem­pê­te par­fai­te » et une série de tsunamis…(Le nou­vel­lis­te 19.5.2020)
https://lenouvelliste.com/article/216312/covid-19-bruno-lemarquis-de-lonu-redoute-une-tempete-parfaite-et-une-serie-de-tsunamis
[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Danaher_Corporation
[15] Vanessa Rouzier et al.: Facing the Monster in Haiti (New England Journal of Medicine 2.7.2020)
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2021362
[16] Ärzte ohne Grenzen war­nen wegen Corona in Haiti (Ärzteblatt 9.6.2020]
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/113610/Aerzte-ohne-Grenzen-warnen-wegen-Corona-in-Haiti
[17] Sam Bojarski: Social distancing: A luxu­ry Haiti’s poor can­not afford (The Haitian Times 15.4.2020)
https://haitiantimes.com/2020/04/15/social-distancing-a-luxury-haitis-poor-cannot-afford/
[18] Trotz gro­ßer Sorgen wegen Corona-Krise: Haiti öff­net Grenzen wie­der (Börse online 30.6.2020)
https://www.boerse-online.de/nachrichten/aktien/trotz-grosser-sorgen-wegen-corona-krise-haiti-oeffnet-grenzen-wieder-1029352325
[19] Haiti befürch­tet eine neue Welle von Coronavirus-Infektionen (lati­n­apress 1.8.2020]
https://latina-press.com/news/279156-haiti-befuerchtet-eine-neue-welle-von-coronavirus-infektionen/
[20] Anne Demmer: Krise in Haiti Warnung vor der "maxi­ma­len Katastrophe" (Tagesschau 3.8.2020)
https://www.tagesschau.de/ausland/coronavirus-haiti-101.html
[21] Covid-19: Starker Anstieg neu­er Fälle in Haiti (lati­n­apress 31.8.2020)
https://latina-press.com/news/280151-covid-19-starker-anstieg-neuer-faelle-in-haiti/
[22] Kathie Klarreich, Linda Polman: The NGO Republic of Haiti / How the inter­na­tio­nal reli­ef effort after the 2010 ear­th­qua­ke exclu­ded Haitians from their own reco­very (The Nation 31.10.2012]
https://www.thenation.com/article/archive/ngo-republic-haiti/
[23] MINISTERE DE LA SANTE PUBLIQUE ET DE LAPOPULATION (MSPP)DIRECTION D'EPIDEMIOLOGIE, DES LABORATOIRES ETDE LA RECHERCHE (DELR): Numéro: 29 25/03/2020 Situation épi­dé­mio­lo­gi­que du COVID-19 et des InfectionsRespiratoires Aigues (IRA)
https://www.humanitarianresponse.info/sites/www.humanitarianresponse.info/files/documents/files/20200923_sitrep_covid.pdf
[24] Sam Bojarski, Samuel Louis: Experts stum­ped by low toll, as nor­mal­cy returns (The Haitina Times 25.9.2020)
https://haitiantimes.com/2020/09/25/covid-19-in-haiti-experts-stumped-by-low-toll-as-normalcy-returns/
[25] Emmanuel Moïse Yves: Haïti ne sait quoi fai­re de ses cen­tres de trai­te­ment de Coronavirus (ayiboPOST ca. Herbstanfang 2020)
https://ayibopost.com/haiti-ne-sait-quoi-faire-de-ses-centres-de-traitement-de-coronavirus/
[26] Ivette Feliciano, Connie Kargbo: As COVID cases sur­ge, Haiti’s Dr. Pape is on the front­li­ne again (PBS News Hour 13.6.2020)
https://www.pbs.org/newshour/show/as-covid-cases-surge-haitis-dr-pape-is-on-the-frontlines-again
[27] „Mein Labor hat Deutschland Vorsprung ein­ge­spielt“ Virologe Drosten rekla­miert Rettung von bis zu 100.000 Leben für sein Team [Tagesspiegel 29.5.2020]
https://www.tagesspiegel.de/wissen/mein-labor-hat-deutschland-vorsprung-eingespielt-virologe-drosten-reklamiert-rettung-von-bis-zu-100–000-leben-fuer-sein-team/25871954.html
[28] PCR-Spezifität: Auswirkungen auf Fallzahlen und R‑Wert
https://www.corodok.de/pcr-spezifitaet-auswirkungen/
Cycling und Recycling der SARS-CoV-2-PCR
https://www.corodok.de/cycling-recycling-sars/
[29] https://www.wodarg.com/
[30] SARS, COVID-19 und die Macht der Definiton
https://www.corodok.de/sars-covid-definition/
Ein Gespenst geht um in Europa: die „Falldemie“
https://www.corodok.de/ein-gespenst-europa/
[31] SARS-CoV‑2: Studie schätzt den Anteil der asym­pto­ma­ti­schen Erkrankungen neu ein (Ärzteblatt 24.9.2020)
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/116777/SARS-CoV-2-Studie-schaetzt-den-Anteil-der-asymptomatischen-Erkrankungen-neu-ein
[32] Marcia Frellick: Fauci: 'About 40%-45% of Infections Are Asymptomatic' (Medscape 11.9.2020)
https://www.medscape.com/viewarticle/937297 fauci
[33] https://www.worldometers.info/coronavirus/
[34] Heike Klovert: Mysteriöse Corona-Fälle / Sie waren infi­ziert und wur­den trotz­dem nega­tiv getes­tet (Spiegel online 26.9.2020)
https://www.spiegel.de/gesundheit/coronavirus-covid-19-patienten-berichten-infiziert-und-trotzdem-negativ-getestet-a-c2e8b89e-c3fc-4664–847c-2b9827adac80
[35] Der Kanadier David Crowe hat sich aus­führ­lich mit SARS beschäf­tigt und ein Buch dar­über begon­nen: http://theinfectiousmyth.com/book/SARS.pdf
Da der Autor im Juli 2020 gestor­ben ist, könn­te die lang­fris­ti­ge Verfügbarkeit sei­ner Veröffentlichungen nicht sicher sein; bei Interesse ist mög­li­cher­wei­se Eile geboten.
[36] https://ourworldindata.org/
[37] Christian Betov: Haiti: Gewalt, mas­si­ve Proteste, Streiks und ein Präsident, der nicht gehen will (amerika21 24.9.2020)
https://amerika21.de/2020/09/243662/haiti-gewalt-streiks-wahlen

2 Antworten auf „„Wunder von Haiti“ statt „maximaler Katastrophe““

  1. Tolle Analyse! Sachlich, fak­ten­ba­siert und gute, wei­ter­füh­ren­de Fragen gestellt. Derartige Arbeiten wünsch­te ich mir von mehr Journalistinnen und Journalisten. Herzlichen Dank!

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