Wenn die Zahlen sinken, braucht es Perkolation. Neues aus dem Tollhaus

Im Wust der neu­en Erkenntnisse, die Christian Drosten in sei­nem Podcast vom 1.9. prä­sen­tier­te (Warum gibt es mehr "Fälle" in Frankreich? "Ein wahr­schein­lich hin­rei­chen­der Grund ist, dass in Frankreich ein­fach viel mehr Infektionstätigkeit war") ist ein schö­ner neu­er Begriff auf­ge­taucht, der in der Wahrnehmung etwas unter­ge­gan­gen ist: Perkolation.

»Das kommt aus der Physik. Und es ist so, dass das aber auf die Infektionsökologie schon längst über­tra­gen wor­den ist und damit auch auf die Infektionsepidemiologie. Denn die Epidemiologie ist ein medi­zi­ni­scher Spezialfall der Ökologie, so könn­te man viel­leicht sagen… Jedenfalls in der Infektionsökologie ist es ein akzep­tier­tes Prinzip, das aber noch wenig über­tra­gen wur­de, gera­de im deutsch­spra­chi­gen Sprachraum. Hier muss ich jetzt ein biss­chen aus­ho­len, bevor ich dann ein wis­sen­schaft­li­ches Beispiel nen­ne und auch eine Publikation vor­stel­le, die ich ges­tern Abend noch ein­mal raus­ge­fischt habe…«

Wir haben also ein akzep­tier­tes Prinzip, das aber noch wenig über­tra­gen wur­de, uns nun aber erklärt wird.

Da stelle ma uns mal janz dumm (Lehrer Bömmel in "Die Feuerzangenbowle")

Auf die Frage "Vielleicht defi­nie­ren wir ein­mal den Begriff Perkolation. Da geht es eigent­lich um Durchsickern, rich­tig?" ant­wor­tet der Starvirologe:

»Genau, "durch­si­ckern" ist ein gutes Wort. Stellen wir uns mal einen Kaffeefilter vor, also jetzt nicht eine hoch­mo­der­ne Espressomaschine, son­dern der gute alte Kaffeefilter, den man auf die Kanne drauf­stellt. Und jetzt tut man so ein biss­chen Wasser rein. Also die­je­ni­gen, die das noch klas­si­scher­wei­se ken­nen, wie man frü­her Kaffee gekocht hat, da hat man so vor­ge­brüht. Da hat man erst mal einen klei­nen Schuss Wasser auf das Kaffeepulver getan, damit das quillt. Und was man da eigent­lich sieht, ist, da kommt unten gar nichts raus. Man kippt oben etwas rein und es kommt nichts raus.

Korinna Hennig: Der Filter wird erst mal voll mit Wasser.

Genau. Das Kaffeepulver wird nass, aber noch nicht durch­ge­hend nass. Jetzt kön­nen wir uns vor­stel­len, nor­ma­ler­wei­se wür­de man im Schwall was hin­ter­her­kip­pen, dann kommt der Kaffee unten raus. Wenn man das aber ganz lang­sam macht, wür­de man das trop­fen­wei­se zuge­ben und dann wür­de man mer­ken, es pas­siert ganz lan­ge Zeit gar nichts. Der Kaffee wird zwar nas­ser und nas­ser, aber das kön­nen wir gera­de nicht beob­ach­ten. Wir sehen nur, wir tun oben Wasser rein und es kommt unten nichts raus. Und so geht das minu­ten­lang, Minuten über Minuten. Und irgend­wann mer­ken wir: Plötzlich kommt für jeden Tropfen, den ich oben rein­tue, ein Tropfen unten raus. Wenn ich auf­hö­re, kommt wie­der nichts raus. Das ist das ers­te Beispiel für Perkolation. Was da pas­siert, das könn­te man mal über­set­zen, da ist ein Netzwerk von klei­nen Hohlräumen in die­sem Kaffeepulver, durch das die Flüssigkeit durch­si­ckert. Und irgend­wann ist eine gera­de Verbindung durch die­ses Netzwerk von Löchern geschlos­sen. Ab dann sickert das Wasser ein­fach nach, weil es eine gera­de Verbindung gibt, oder eine durch­ge­hen­de Verbindung. Die ist schief und nicht gera­de, es ist ein ver­schlun­ge­ner Weg durch die­ses Kaffeepulver, von oben nach unten..«

Ok, das Beispiel war nix

»Ein lei­der nicht sehr gut zu erfas­sen­des Beispiel, wie ich fin­de. Ich gebe des­we­gen noch zwei wei­te­re Beispiele.
Ein Beispiel ist, wir ken­nen das Spiel "Vier gewinnt". Wenn wir uns vor­stel­len, wir haben gel­be und rote Chips, die wir da rein­schmei­ßen in die­ses Plastikgitter, 50/50-Anteil von gel­ben und roten Chips, da kann es sein, dass wir eigent­lich kaum jemals eine durch­ge­hen­de Verbindung mit roten Chips machen könn­ten.
Wir haben das Vorhaben, wir wol­len immer sprin­gen in die­sem vol­len Gitter, von einem roten Chip zum nächs­ten Chip. Wir brau­chen jetzt nicht eine gera­de Verbindung, son­dern irgend­ei­ne Verbindung, die immer über Nachbarfelder funk­tio­niert. Ungefähr bei 50 Prozent ist es so, dass wir sta­tis­tisch fast immer bei einem vol­len Gitter durch Zufall so eine Verbindung fin­den wer­den. Da wer­den die Cluster von roten Chips und gel­ben Chips sich so ver­tei­len, dass zwi­schen den roten Häufungen von Chips immer eine Verbindung besteht. Jetzt kann man sich vor­stel­len, wenn wir 80 zu 20 neh­men, also 80 Prozent rote, 20 Prozent gel­be, dann wird es immer so eine Verbindung geben.«

Noch plastischer mit Holzkiste und Strom

»Und ich will es noch mal ein biss­chen plas­ti­scher machen, indem ich die­ses Beispiel noch mal spe­zi­fi­zie­re. Wir stel­len uns statt die­ses Gitterrahmens von dem Vier-Gewinnt-Spiel einen Holzrahmen vor, eine Holzkiste. Da sind an der unte­ren und obe­ren Ecke jeweils zwei Stromelektroden dran, sodass wir mes­sen kön­nen. Und jetzt fül­len wir Kugeln in die­se Holzkiste, die sich ent­spre­chend eines Gittermusters anord­nen wer­den. Diese Kugeln sind zur Hälfte aus Holz und zur Hälfte aus Metall. Und die Frage, die wir jetzt stel­len, ist: Ab wel­chem Mischverhältnis von Holz und Metallkugeln ist es so, dass wir von der unte­ren lin­ken Ecke des Kastens – der liegt auf dem Tisch und wir tun bis zur Füllung, also dass eine Lage Kugeln drin ist ohne Lücke, tun wir die­se Kugeln rein –, bei wel­chem Verhältnis, Metall zu Holzkugeln, krie­gen wir eine elek­tri­sche Durchleitung dar­über, dass immer Metallkugeln mit­ein­an­der in Kontakt sind?

Korinna Hennig: Also ein Weg durch die Kiste.

Ein Weg durch die Kiste, ein Stromweg. Da kann man wie­der mathe­ma­ti­sche Berechnungen dar­über anstel­len und fin­det sehr regel­mä­ßi­ge phy­si­ka­li­sche, mathe­ma­ti­sche Gesetzmäßigkeiten, ab wel­chem Mischungsanteil der Strom durch­lei­tet. Und es ist wirk­lich so: Wir ver­än­dern die­ses Mischverhältnis und fin­den, der Strom lei­tet nicht, der Strom lei­tet nicht, der Strom lei­tet nicht – und plötz­lich lei­tet er aber doch. Und wenn wir die­se Experimente wie­der­ho­len, sind das kei­ne ganz schar­fen Phänomene, son­dern das sind sta­tis­ti­sche Zufälle, ob auch mal durch Zufall eine gan­ze Reihe von Metallkugeln ent­steht, obwohl wir ganz weni­ge Metallkugeln nur haben. Und durch Zufall haben wir in die­sem einen Experiment doch mal eine Durchleitung.
Also stel­len wir uns den ein­fachs­ten Fall vor: Eine sau­be­re Diagonale von Metallkugeln, der gan­ze Rest sind Holzkugeln. Da sind die Metallkugeln abso­lut in der Unterzahl und trotz­dem krie­gen wir in die­sem einen Wiederholungsversuch mal eine elek­tri­sche Durchleitung. Wenn wir aber im Bereich von 50 Prozent sind, dann krie­gen wir fast immer eine elek­tri­sche Durchleitung. Und bei über 50 Prozent kann man sich prak­tisch dar­auf ver­las­sen: Egal, wie wir die Kugeln mischen, das wird sich fast immer so ver­tei­len, dass wir eine elek­tri­sche Durchleitung haben.
«

Nach die­sem groß­ar­ti­gen Spannungsbogen erwar­tet man die Erklärung, wie man, egal wie man tes­tet, posi­ti­ve Fälle erzeu­gen kann, auf man sich "prak­tisch dar­auf ver­las­sen kann". Doch ist Geduld gefragt. Denn zunächst kommt

Die kasachische Wüstenmaus und die Panmixie beim R‑Wert

»Wüstenrennmaus, genau­er gesagt, für die Zoologen hier unter den Hörern Rhombomys opi­mus, das ist die Unterfamilie der Gerbils in den Nagetieren. Dort ist es eine Gattung Rhombomys und die Spezies Rhombomys opi­mus. Das wur­de da stu­diert und zwar in Kasachstan, glau­be ich. Und was getes­tet wur­de, war ein Infektionsmodell, das real ist, und zwar Yersinia pestis, der Erreger der Pest. Der kommt nicht nur bei nor­ma­len Ratten vor, son­dern auch bei die­sen Nagetieren. Und hier hat man etwas ange­schaut, was so ein Perkolationsphänomen in der Realität reflek­tiert. Und die Autoren fan­gen an, hier zu argu­men­tie­ren in der Studie, eigent­lich haben wir ja in all die­sen Modellen der Infektionsepidemiologie den R‑Wert. Wir wis­sen alle, wenn R grö­ßer eins ist, dann wird die Infektion ver­brei­tet. Aber all die­se Modelle zur Populationsmodellierung, die machen eine Grundannahme, die häu­fig gar nicht zutrifft, näm­lich die Grundannahme der Panmixie, also alles durch­mischt sich frei. Jeder hat rein theo­re­tisch mit jedem gleich wahr­schein­lich Kontakt in einem bestimm­ten Beobachtungszeitraum. Und das ist eine Grundvoraus­setzung, die ein­fach nicht stimmt. Das ist eine Verallgemeinerung und Vereinfachung in einer Modellannahme zu dem R‑Wert. Moderne Modellierungen neh­men das schon mit in die Rechnung rein. Aber wenn man gera­de in der Öffentlichkeit über so was spricht, dann wird grob ver­ein­facht und daher kommt es, dass in der Öffentlichkeit häu­fig von sol­chen Schwelleneffekten kei­ne Vorstellungen bestehen. Also ich hof­fe, alle kön­nen mir noch fol­gen

Aber sicher. Die Modelle, mit denen uns ein R‑Wert ver­kauft wird, gehen von fal­schen Grundannahmen aus.

Faule Großfamilien in lückenhafter Steppenlandschaft aus Satellitenflughöhe betrachtet

»Okay. Jetzt haben wir hier eine Tierart, die die Eigenschaft hat, in Familienverbänden zu leben. Diese Familienverbände leben in Erdhöhlensystemen. Das sind Gänge, die so eine Ausdehnung von zehn bis 30 Metern haben, so weit gra­ben die­se Tiere ihre unter­ir­di­schen Höhlensysteme. Aber wei­ter gra­ben sie die auch nicht. Dafür sind sie dann zu faul oder sie brau­chen ein­fach nicht mehr Platz zum Leben. Das sind Großfamilien, die da jeweils leben.«

»Und die­se Verbände sind in einer rela­tiv frei­en, kar­gen Steppenlandschaft gegra­ben. Dazwischen sind immer Lücken, fast so wie ein Gitter von einem Vier-Gewinnt-Spiel, wenn man das aus der Satellitenflughöhe betrach­tet. Da ist wirk­lich in die­sem "Nature"-Paper, das wir wie­der in die Referenzen rein­stel­len wer­den, ein Satellitenbild. Und das ist erstaun­lich, das sieht fast aus wie ein Vier-Gewinnt-Spiel, also Löcher, die ein biss­chen git­ter­ar­tig ange­ord­net sind. Und jedes Loch ist aus dem Weltraum betrach­tet so ein zehn bis 30 Meter gro­ßer Höhlenverband, wor­in eine Großfamilie von die­sen Wüstenrennmäusen lebt.
Und die haben oder haben nicht die Pest.
Die wird über Flöhe über­tra­gen, also da gibt es einen Vektor. Aber die Beobachtung hier ist eine ganz ein­fa­che. Man hat Replikate beob­ach­tet, also jeweils Beobachtungskreise gemacht von so drei, vier Kilometern um ein Zentrum her­um und man hat geguckt: Im Zentrum, da ist jetzt so ein Familienverband, da hat man Yersinia pestis, den Pesterreger, nach­ge­wie­sen. Und jetzt schaut man um die­sen Familienverband her­um immer wei­ter in der Entfernung: Kann ich Yersinia pestis nach­wei­sen? Man beob­ach­tet also einen Riesenkreis. Und das macht man nicht nur in einem Replikat, son­dern mehr­mals par­al­lel. Das ist eine Riesenlandschaft, ich weiß nicht, wie vie­le Kreise da beob­ach­tet wur­den, aber da kann man sehr vie­le par­al­lel beob­ach­ten, also prak­tisch die­se Beobachtung immer wie­der par­al­lel anstel­len. Jedenfalls hat man die­se Beobachtung gemacht. Und jetzt gibt es eine inter­es­san­te Grundhypothese und die Grundhypothese ist doch ein­fach: Wenn sich die­se Erkrankung strikt nach der Reproduktionsidee wei­ter fort­pflanzt, dann wird doch jede Erhöhung der Populationsdichte in die­sem gan­zen Beobachtungsareal dazu füh­ren, dass wir mehr Infektionen krie­gen. Also je mehr Ratten, oder sagen wir mal beim Menschen, je mehr Leute auf einem Raum sind, des­to bes­ser kann sich so ein Virus ver­brei­ten. In die­sem Beispiel so ein Bakterium, Yersinia pestis ist ja ein Bakterium.«

Wenn man sich vor Augen führt, wofür der Virologe einen Doktortitel erwor­ben haben soll, kann man sich auch vor­stel­len, daß er für die­se bahn­bre­chen­de Entdeckung den Nobelpreis bekommt.

Je mehr Löcher besetzt, desto mehr Infektionen – eigentlich

Frau Hennig behält die Contenance und fährt kon­ge­ni­al fort:

»Korinna Hennig: Also je mehr Menschen in einem Kontaktnetzwerk, um die Brücke zu schla­gen?

Ja, also je mehr emp­fäng­li­che Mitglieder da sind. Das basiert ja alles oft auf Empfänglichkeit, die­se R‑0-Modellierungen. Und je mehr emp­fäng­li­che Mitglieder wir pro Raumeinheit haben, des­to bes­ser wird sich der Erreger ver­brei­ten. Das müss­te eine linea­re oder zumin­dest regel­mä­ßi­ge Beziehung sein. Wenn man das anguckt, dann ist das nur in der Nähe so, aber nicht in der Entfernung. Also wenn wir bei dem zen­tra­len Punkt, wo wir gese­hen haben, hier ist ein Familienverbund mit Infektion, wenn wir da in einer ande­ren Beobachtungssituation schau­en, wo eine höhe­re Populationsdichte vor­liegt – prin­zi­pi­ell – oder wo mehr von die­sen Löchern besetzt sind in die­sem Gitter, dann müss­ten wir eigent­lich beob­ach­ten: je mehr Tiere, des­to mehr Infektionen. Und zwar über­all, weil sich die Infektion gleich­mä­ßig ver­brei­tet.

Korinna Hennig: Über das gan­ze Gebiet.

Über das gan­ze Beobachtungsgebiet, genau. Was man aber in Wirklichkeit beob­ach­tet, ist, dass das nur in der Nähe gilt. Wenn wir zum Beispiel einen Kilometer um die Initialbeobachtung her­um wei­te­re Tierfamilien tes­ten, Großfamilienverbände tes­ten, dann ist das schon so, dass wir sagen kön­nen, je mehr Tiere hier hau­sen, des­to mehr Infektionen sehen wir. Wenn man das aber aus­dehnt und wenn man die Frage stellt, fin­den wir hier noch eine Infektion in drei oder vier Kilometern Entfernung von dem zen­tra­len Familienverband, dann macht man eine inter­es­san­te Beobachtung.«

Sauber designt – "Es kommt zuverlässig zu Infektionen"

»Und zwar, wenn man sol­che Studien­situationen ver­gleicht, die immer höhe­re Tierdichten haben, also man stei­gert prak­tisch die Tierdichte, als wäre das ein Experiment – das ist hier kein Experiment, son­dern das ist letzt­end­lich beob­ach­ten­de Ökologie, aber so sau­ber designt, dass das fast wie ein künst­li­ches Experiment aus­zu­wer­ten ist. Also: Wir erhö­hen die Tierdichte und wir sehen plötz­lich, wenn wir in grö­ße­rer Entfernung von dem initia­len Infektionsherd mes­sen, da haben wir einen Schwelleneffekt. Da ist es so, wir kön­nen drauf­le­gen und drauf­le­gen und drauf­le­gen und wir fin­den kei­ne Infektionsübertragungen – und dann plötz­lich, schlag­ar­tig, kommt es zu einer Infektionsübertragung.

Korinna Hennig: Warum?

Also um das nur noch mal zu beschrei­ben: Wir haben einen Ausgangs­punkt und dann beob­ach­ten wir ande­re Tiere in der Nähe. Da sehen wir rela­tiv regel­mä­ßig, wir tun ein biss­chen mehr drauf an Tierdichte, dann fin­den wir ein biss­chen mehr Infektionen in der Nachbarschaft. Tun wir noch mehr Tierdichte drauf in dem gesam­ten Beobachtungsgebiet, dann fin­den wir noch mehr Infektionen in der Nachbarschaft. Wenn wir aber die­se Nachbarschaft wei­ter weg­tra­gen, also wenn wir den Beobachtungs­posten wei­ter weg legen und Tiere tes­ten, die wei­ter ent­fernt sind in die­sem Gitter, dann ist es so, wir kön­nen drauf­le­gen und drauf­le­gen und drauf­le­gen und es kommt nicht zu einer Infektion an dem ent­fern­ten Beobachtungspunkt. Und dann, irgend­wann, legen wir noch ein biss­chen mehr drauf und plötz­lich ist es infi­ziert und dann bleibt es auch infi­ziert. Wir tun mehr drauf und es kommt immer noch wei­ter zuver­läs­sig zu Infektionen, ein schlag­ar­ti­ger Effekt, ein Schwelleneffekt. Zurück zur Ursprungsüberlegung: Irgendwann ist der Kaffee nass und dann tropft es durch. Also die­ser Schwelleneffekt, der da im Kaffeefilter über­schrit­ten wur­de, der ist hier in der Natur, in der Infektionsökologie, bei den Wüstenrennmäusen über­schrit­ten wor­den…«

Ich spreche bewusst ein bisschen diffus

»Was dahin­ter liegt, ist Folgendes: Diese Infektion wird in Cluster­verbänden über­tra­gen. Diese Familiengruppen sind räum­li­che Cluster und die haben mit­ein­an­der nur ein­ge­schränkt Kontakt. Da hüpft mal ein Floh rüber und da geht auch mal ein Tier rüber zu einem Nachbarverband. Aber im Wesentlichen sind die­se Tiere für sich. Das sind Cluster, räum­li­che Cluster. Die haben mit­ein­an­der ein­ge­schränk­ten Kontakt. Und damit so eine Infektion jetzt von Cluster zu Cluster zu Cluster springt, gehört schon ein biss­chen was dazu. Aber wenn man jetzt mehr Tiere pro Cluster hat, dann wird das schnel­ler pas­sie­ren. Wenn man jetzt aber nicht nur zwei Sprünge hat, also von Cluster zu Cluster zu Cluster, son­dern 30 Sprünge braucht, dann muss da so viel Infektionsmasse dahin­ter sein, also so vie­le Tiere müs­sen da sein oder so vie­le Flöhe oder wor­an man es immer auch fest­ma­chen will – ich spre­che bewusst ein biss­chen dif­fus von dem Begriff Infektionsmasse – da muss viel Masse da sein, bevor das durch­schlägt. So wie bei dem Beispiel vom Kaffeefilter. Da muss rela­tiv viel Wasser sein, bevor das durch­si­ckert. Und wenn wir jetzt mal auf SARS‑2 kom­men, dann kön­nen wir uns sehr gut vor­stel­len, was wir eigent­lich in der Bevölkerung haben. Wir wis­sen ja: Diese Infektionskrankheit ver­brei­tet sich sehr stark in Clustern, das ist die Überdispersion. Also wir haben schon Einzelübertragungsketten. Aber die­se Einzelübertragungsketten ver­bin­den die Cluster. Das ist so, wie wenn eine Wüstenrennmaus von einem Loch zum ande­ren rüber­läuft, von einem Familienverband zum ande­ren.«

Vielleicht gerade gar keine Flöhe im Pelz

»Korinna Hennig: Aber die Einzelübertragungsketten rei­ßen manch­mal auch ab, woge­gen das bei den Clustern schwie­ri­ger wird, weil da so viel gleich­zei­tig pas­siert.

Genau, so ist das ja bei den Wüstenrennmäusen auch. Da rennt immer mal eine Maus rüber oder eine Ratte, von einem infi­zier­ten Familienverband zum ande­ren. Aber die Übertragung fin­det nicht jedes Mal statt. Vielleicht hat er gera­de gar kei­ne Flöhe im Pelz gehabt. Und genau so ist das hier bei einer Viruserkrankung auch zu sehen, a[l]so gera­de bei einer, die so eine Überdispersion hat. Wir haben in der Bevölkerung ört­li­che Cluster. Und man muss fast sogar sagen, zeit­lich-ört­li­che Cluster. Denn die Geburtstagsparty, die war ein Cluster für eine Zeit, und da kocht das Virus jetzt hoch. Und viel­leicht tref­fen sich die­se Leute häu­fi­ger. Vielleicht ist das eine Studierenden-WG plus deren Freundeskreis. Das ist schon so ein sozia­ler Verband, so ein Cluster, so eine Häufung von Infektionen. Aber die haben natür­lich spo­ra­disch auch Kontakte mit ande­ren Cluster-Situation, viel­leicht eine ande­re Studierenden-WG, die man nur ent­fernt kennt. Oder auch eine Kursveranstaltung, im Sport- oder im Freizeitbereich oder die Geburtstagsfeier von den Eltern, 600 Kilometer weit ent­fernt, die man letz­ten Sonntag besucht hat und wo man viel­leicht die Infektion ein­ge­tra­gen hat [so im Original, AA].

Korinna Hennig: Das ist der Floh, der dann über­springt – von einer Höhle zu ande­ren.

Der viel­leicht über­springt, wenn man gera­de dann in die­sen paar infek­tiö­sen Tagen von sei­ner Erkrankung ist, zwei oder drei davon vor Symptombeginn und vier, fünf Tage nach Symptombeginn. In die­sem kur­zen Zeitfenster über­trägt man über­haupt nur die Infektionskrankheit und da müs­sen die­se Zufälle dann pas­sie­ren. Aber ins­ge­samt haben wir eben in der Bevölkerung sol­che Cluster, sol­che Häufungen, die mit­ein­an­der lose und schlecht ver­bun­den sind. Da kann man sich jetzt vor­stel­len, da kön­nen an einem Ort mal Infektionen hoch­ko­chen und die detek­tie­ren wir auch. Aber das wird von selbst wie­der tot­lau­fen, weil die Konnektivität die­ser Cluster nicht groß genug ist, um etwas frei­zu­ge­ben, was dann schlag­ar­tig ein­tritt, wo wir auch wie­der einen Begriff aus der Ökologie und Populationswissenschaft haben, näm­lich der Begriff der Metapopulation.
Also wenn wir sagen, so ein Cluster ist eine Unterpopulation oder eine Population in sich für die Infektion, eine Population von emp­fäng­li­chen Individuen, dann ent­steht durch das Verbinden von Clustern über die Gesamtheit der Gruppe – oder sagen wir ruhig mal über die Gesamtheit des Landes, die gesam­te Weite und Geografie des Landes – ein ver­füg­ba­res Übertragungsnetzwerk, eine Metapopulation, für das Virus ver­füg­bar, weil die­se dün­nen Verbindungen zwi­schen den Clustern plötz­lich doch alle geschlos­sen sind, weil so viel Infektionsmasse da ist und jetzt plötz­lich der Strom durch­lei­tet, um mal an unse­re Holz- und Metallkugeln zurück­zu­den­ken.«

Schwellenwert ja. Beziehungsweise nein.

»Korinna Hennig: Ist das der Schwellenwert, von dem Sie sagen wür­den, da müs­sen wir von einer zwei­ten Welle reden?

Ja. Ich will jetzt hier auch nicht von einem Schwellenwert reden, denn ich kann das genau­so wie alle ande­ren Wissenschaftler nicht zah­len­mä­ßig erfas­sen. Es gäbe wel­che, die könn­ten das model­lie­ren, dazu gehö­re ich nicht. Ich bin Virologe. Ich bin kein theo­re­ti­scher Epidemiologe. Theoretische Epidemiologen könn­ten das model­lie­ren, aber auch die hät­ten die Grundparameter dafür nicht, das Grundwissen. Wir wis­sen nicht, wie groß im Durchschnitt ein Cluster in Deutschland ist. Das ist wirk­lich popu­la­ti­ons­be­zo­gen. Das kann in Deutschland anders sein als in Indien, ist es mit Sicherheit.

Korinna Hennig: Und auch als in Italien zum Beispiel.

Die Mobilität in der Bevölkerung, die durch­schnitt­li­che Reiseweite, die Größe der Haushalte, die Größe der Sozialsituationen – alles das sind die Störgrößen, die da rein­spie­len oder die Einflussgrößen. Darum kann ich nicht sagen: Hier ist der Schwellenwert. Sondern ich kann als Wissenschaftler nur sagen: Ich erklä­re das Prinzip eines Schwellen­effektes. Es gibt sicher­lich die­sen Schwelleneffekt. Wir soll­ten davor nicht unse­re Augen ver­schlie­ßen. Die Existenz eines sol­chen Schwellen­effektes ist wahr­schein­lich der Grund dafür, dass wir durch­aus erle­ben kön­nen, dass die Welle im Moment an- und abschwillt – oder um mit Hendrik Streeck zu spre­chen, eine Dauerwelle ist, das wird mal mehr und mal weni­ger – wäh­rend sie dann aber irgend­wann außer Kontrolle gerät, und wir wis­sen nicht, wann. Aber irgend­wann könn­te es sein. Und ich hof­fe, genau wie alle ande­ren in der Öffentlichkeit auch, dass das in Deutschland nicht statt­fin­det.
Aber ich will nur sagen, es gibt die Möglichkeit, dass wir uns da auch was vor­ma­chen, wenn wir uns sagen: Das läuft ja im Moment ganz gut, dann machen wir mal so wei­ter wie bis­her. Es kann sein, dass, ohne dass wir es mer­ken, dar­über, dass Leute auch in der Bevölkerung ihre Infektion ver­ste­cken und wir weni­ger Überblick über die wirk­li­chen Zahlen haben und es dann doch zu immer mehr Clustern kommt, die wir zum Teil gar nicht nach­wei­sen, dass wir doch plötz­lich ein Perkolationseffekt haben, also einen Schwelleneffekt, wo wir schlag­ar­tig eine Änderung der Grundbedingungen haben. Und schlag­ar­tig sehen wir: Jetzt wird es jeden Tag mehr an Meldezahlen. Wir wis­sen gar nicht, was sich geän­dert hat, aber es wird ein­fach immer mehr. «

Zwei Fragen sind unab­weis­lich: Was nimmt der Mann vor sei­nen Auftritten? Wer zieht ihn end­lich aus dem Verkehr?

Update: Die letz­te Frage ist an die Verantwortlichen gerich­tet und darf nicht als Aufruf zur Selbstjustiz ver­stan­den wer­den. Leider ist in die­sen Zeiten die­ser Hinweis nötig.

18 Antworten auf „Wenn die Zahlen sinken, braucht es Perkolation. Neues aus dem Tollhaus“

  1. Wow, ich woll­te nach der Hälfte schon auf­ge­ben, habe aber doch durch­ge­hal­ten. Das ist ein tol­les Skript für einen Kabarettabend. Vorgetragen von Piet Klocke.

    Die Frage, die sich wirk­lich stel­len, näm­lich wel­che PCR Tests wer­den in Frankreich und Spanien benutzt und mit wie vie­len Zyklen arbei­ten die Labore, die wer­den natür­lich nicht beant­wor­tet. Dafür weiß ich jetzt mehr über Wüstenrennmäuse.

  2. Vielen Dank für Ihre Mühe die­ses wert­vol­le, ein­zig­ar­ti­ge Sprachdokument zu tran­skri­bie­ren. Vielleicht ein geeig­ne­ter Stoff für eine Deutsch-Abitur Prüfung?

    1. @Andreas: Der Dank gebührt nicht mir. Den Verdienst haben sich die flei­ßi­gen Menschen im NDR erwor­ben. Ich kann mir vor­stel­len, wie die dabei sich krin­gelnd auf dem Boden lagen.

  3. das ist doch die Strategie von Drosten: die Sachverhalte so ver­schwur­beln, dass alle den­ken: pu, ist das kom­pli­ziert, das über­las­se ich mal lie­ber den Fachleuten.
    Das macht er von Anfang an so.

  4. Unfassbar und erschüt­ternd!
    Darf man sich eigent­lich dar­über wun­dern, dass die­ser Fachmann die deut­sche Bundesregierung berät?
    Wenn es nicht so trau­rig wäre, das die­ser Unfug eine Massentraumatisierung aus­lös­te, wür­de man den gan­zen Tag lachen.
    @ C. Drosten
    Was hät­ten Sie eigent­lich über­haupt sagen, wenn es den Konjunktiv nicht gäbe?

  5. Solche "Drostereien" sind nur aus einem Grund in wei­ter Verbreitung mög­lich: weil die Verantwortlichen, weil die Wissenden, weil die "Experten", weil die Ehrlichen (in ein­fluss­rei­chen Positionen) dazu schwei­gen.

    In einem nor­ma­len Land wäre die­ser Mann schon längst in irgend einer Form von Quarantäne. Hierzulande bekommt man Preise und Sendeplätze.

  6. Der Professor Drosten (ohne Habilitation und und mit zwei­fel­haf­ter Promotion) muss end­lich Vorlesungen hal­ten, damit die Studenten auch mal was zu lachen haben oder in der Psychiatrie lan­den, wenn sie den Braten nicht rie­chen.

  7. Perkolation. Toll. Was ver­nünf­ti­ge Menschen die­sem Unsinnsdoktor sagen kön­nen, wur­de in den Leserbriefen erwähnt. Ist wohl doch der neue DOKTOR EISENBART, der Dr. Drosten. Eine Schande für sei­ne Zunft.

  8. Als jemand, der etwas von Perkolation ver­steht, hat mich bei Drostens Erklärungen fast der Schlag getrof­fen. Der Mann ver­zapft so einen Unsinn, dass man gar nicht ein­mal weiß, wo man mit dem Erklären anfan­gen soll. Das ist eigent­lich ein Fall, wo man die Bearbeitung der Prüfungsaufgabe ein­fach durch­streicht und null Punkte dane­ben schreibt.

  9. Also ich fas­se mal zusam­men:
    1. Drosten redet wild und unüber­legt einen Haufen wir­res Zeug.
    2. Drosten erklärt die Ausbreitung einer Erkrankung am Beispiel … der Ausbreitung einer Erkrankung.
    3. Drosten stellt den hei­li­gen R‑Wert in Frage.
    4. Drosten refe­riert über die clus­ter­haf­te Ausbreitung, obwohl wir ja jetzt kei­ne Cluster mehr, son­dern spo­ra­di­sche Ausbreitung haben (eine ande­re Art zu sagen: zufäl­li­ge Ereignisse durch False-Positive Tests).

  10. Was ist eigent­lich mit den Großdemonstrationen, da waren doch auch zig­tau­send Wüstenrennmäuse unter­wegs, sau­ber desi­gned sozu­sa­gen. Und bei erhöh­ter Tierdichte kommt es dann doch unwei­ger­lich irgend­wann zur Perkolation in wei­ter ent­fern­te Gebiete, weil die alle wie­der nach Hause gefah­ren sind. Und dann stei­gen ganz plötz­lich die Infektionen. Komischerweise ist davon nichts zu bemer­ken. Hatten die alle kei­ne Flöhe im Pelz?

  11. Witziger Kommentar, Martinez!

    Schlimm, dass man in einem Land lebt, wo Millionen die­sem Herrn an den Lippen kle­ben und sei­ne frag­wür­di­gen Verlautbarungen für seriö­se Wissenschaft hal­ten.

  12. Das Immunsystem als Kaffefilter.
    Wieviel Kaffe trin­ken die Herrschaften,
    dass sie sich zu sol­chen Analogien ver­stei­gen.
    Das wür­de ja für alle Viren und Bakterien gel­ten. Und ich den­ke auch unter die­sen hat das Corona-Virus natür­li­che Feinde.
    Und man kann dann genau­so – und viel logi­scher – schluss­fol­gern, dass sich das Virus ohne Distancing & Maskenschutz immer mehr aus­dünnt, dass dann immer weni­ger Cluster mess­bar wür­den. Einfach weil die Infektiosität bei Corona dann noch weni­ger aus­reicht, den Schwellenwert zu errei­chen.

  13. Puh! Und wenn man dann so eine Perlokation simu­liert dann kann man sich die Parameter so jus­tie­ren , dass genau das raus­kommt, was man sehen möch­te. Das hat Herr Ferguson in England gemacht und 1 Million Tote pro­gnos­ti­ziert, falls kein lock­down gemacht wür­de. Man hat den Eindruck, dass die­ser Laborvirologe mal was gele­sen hat und enneu erwor­be­nes Wissen, wie eine Salondame aus plau­dert. Ich hsa­be an der Uni eine gan­ze Menge der­ar­ti­ger Schaumschlaeger gese­hen. Die schwim­men immer oben, wäh­rend die Dickbrettbohrer oft unter­ge­hen. Armes Deutschland.

  14. Passend dazu wur­de am 9.9. der Eintrag zur Perlokationstheorie in Wikipedia ange­passt. Auf daß der betreu­te Denker vor­ge­spielt bekommt, daß alles sei­ne Richtigkeit hat…

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