Drosten: Dinge, die einfach mal gesagt werden mußten

Es ist nicht leicht, aus den vie­len Worten, die Christian Drosten der Podcast-Welt zukom­men läßt, die schöns­ten oder wenigs­tens wich­tigs­ten her­aus­zu­fin­den. Man muß sich die gesam­te Übertragung eher als Gesamtkunstwerk in einem Poetry-Slam (s.u.) vor­stel­len. Hier eini­ge Auszüge vom 1.9., unter ande­rem zur Nutzlosigkeit von PCR-Test:

»Da haben sich jetzt gera­de zwei Dinge mit­ein­an­der ver­mischt in mei­ner gan­zen Argumentation. Ich weiß nicht, ob Ihnen das auf­ge­fal­len ist. Ich habe ein­mal eine zeit­li­che Argumentation gemacht und eine Indikationsgruppenargumentation.
Korinna Hennig
Eine ört­li­che Argumentation sozu­sa­gen, ja.

Christian Drosten
Genau, oder sagen wir mal eine gesell­schaft­li­che oder eine medi­zi­ni­sche. Also ein­mal sage ich: Wir sind in der ers­ten Welle oder wir sind nicht mehr in der ers­ten Welle.

Also die Frage, wie ist die Hintergrund-Inzidenz in Wirklichkeit. Und die zwei­te Überlegung: Testen wir jetzt Symptomatische oder irgend­wen? Diese Argumentationen, die gehen da alle kom­plett durch­ein­an­der. Darum ist es sehr schwie­rig im Moment, das so ein­fach zusam­men­zu­fas­sen. Es ist zum Beispiel so: Wenn wir uns die Testzahlen anschau­en, die sind sehr, sehr hoch. Die trei­ben die medi­zi­ni­schen Labore an die Belastungsgrenze und wir fin­den eigent­lich sehr, sehr wenig Positive. Allerdings wenn man sich das noch mal ganz genau anschaut: Vergleichen wir zwi­schen jetzt und Mai, Juni, also die Zeit der wirk­li­chen Niedrig-Inzidenz, als wir die Vollbremsung ein­ge­legt hat­ten und dann wie­der gelo­ckert haben und gese­hen haben: Die Fälle neh­men gar nicht so doll zu. Da haben wir aber auch rela­tiv flei­ßig schon getes­tet. Und es ist jetzt nicht so, dass wir sagen kön­nen, wir fin­den jetzt ein­fach nur wegen des vie­len Testens wie­der mehr Infektionen gegen Ende Juli, August. Denn dann müss­ten wir auch so Effekte sehen wie, dass wir mit zuneh­men­der Testung in dem­sel­ben Maße auch eine Abnahme der Nachweisfrequenz haben. Das ist nicht ein­ge­tre­ten. Also die jet­zi­gen Zahlen, die sind schon real, wenn man sie im Verhältnis zum Vorherigen sieht…«

Halsschmerzen nach illegaler Techno-Party einpreisen

»Und jetzt plötz­lich fan­gen die jun­gen Leute an, zu fei­ern und sich zu infi­zie­ren…
Korinna Hennig
Und zu rei­sen.
Christian Drosten
Und auch zu rei­sen. Alle die­se Dinge kom­men zusam­men. Dann ist es schon so, dass wir vie­le Fälle von Personen haben, die eigent­lich harm­lo­se, mil­de Infektionen haben. Denn die jün­ge­ren Leute haben ja mil­de Infektionen. Und gleich­zei­tig ist es dann auch so, gera­de wenn ich auf einer ille­ga­len Techno-Party war, dann habe ich ja noch mehr die Tendenz, mei­ne Symptome zu ver­ste­cken und mich nicht dia­gnos­ti­zie­ren zu las­sen. Also wenn ich als 20-Jähriger sage, jetzt war ich auf der Party, die war ver­bo­ten. Und jetzt habe ich fünf Tage spä­ter Halsschmerzen. Da gehe ich doch nicht zum Arzt. Also wenn ich ver­ant­wort­lich bin, dann blei­be ich drei, vier Tage zu Hause und ver­ste­cke mich und sage, es wird schon gut gehen. Und die­ser Fall wird wahr­schein­lich rela­tiv häu­fig auf­tre­ten im Moment, ohne dass wir das mer­ken… Ich gehe jetzt bewusst mal auf so ein Beispiel, ein­fach nur, um mal klar­zu­ma­chen, wenn man in der einen Lage nach­denkt, in der einen Durchdringungstiefe des Problems, dann stellt man fest, da gibt es noch eine zwei­te und eine drit­te und eine vier­te Schicht der Durchdringung. Irgendwann muss man aner­ken­nen, man kann die­se Effekte nicht alle erfas­sen, die sich in die­sem kom­ple­xen Konglomerat abspie­len, das wir Bevölkerung nen­nen. Ich nen­ne Ihnen ein ande­res Beispiel, die­ses heik­le Thema
der Reiserückkehrer… Und nicht alle sind über­haupt Urlauber, son­dern vie­le sind ein­fach Familienbesucher. Und das sind dann auch Personen, die aus kul­tu­rell ande­ren Zusammenhängen kom­men und dort nicht nur mit ihrer Familie, son­dern auch mit einem wei­te­ren Gesellschaftskreis in Kontakt waren…
Korinna Hennig
Wir kön­nen also nicht ein­fach Zahlen neben­ein­an­der­le­gen, auch wenn sie viel­leicht Hinweise in eine bestimm­te Richtung geben. Sie haben das gesagt: Die cir­ca 30-Jährigen, die sieht man in den RKI-Zahlen der
Positiv-Testungen trotz die­ses Verstecken-Phänomens?
Christian Drosten
Das RKI ist ja sehr prä­zi­se in sei­ner Aufbereitung der Daten. Und es gibt kaum eine ande­re natio­na­le Gesundheitsbehörde, die ich ken­ne, die das so prä­zi­se und fein­glied­rig macht. Diese Zahlen sind das Beste, was wir haben und wir kön­nen uns dar­an ori­en­tie­ren. Natürlich gibt es auch im System des Meldeapparates hier und da Korrektive. Das geht los damit, dass die Meldung immer auch Ärzte invol­viert, sowohl Laborärzte als auch Kliniker, Amtsärzte, die wei­ter­fra­gen und mit­den­ken und sol­che Dinge hier und da auch epi­de­mio­lo­gisch mit ein­prei­sen, indem zum Beispiel gefragt wird: "Moment mal, du bist doch hier nicht der ein­zi­ge Fall in dei­ner Familie. Können wir mal den Haushalt tes­ten?" Dann kor­ri­gie­ren sich schon so Dinge wie, dass jemand die Tendenz hat, sei­ne Infektion zu ver­ste­cken, doch wie­der her­aus. Deswegen hal­ten wir uns an die­sen Zahlen fest. Die sind sicher­lich nicht falsch und ins­be­son­de­re die Entwicklung der Zahlen – also frü­her weni­ger, heu­te mehr –, das ist nicht falsch. Wir haben sicher­lich einen Effekt, den wir im Moment sehen, dass wir eine Schwankung haben – mal ein biss­chen mehr, mal ein biss­chen weni­ger – im nied­ri­gen Inzidenzbereich, die­ses An- und Abschwellen. Da sind sicher­lich ein paar Artefakte mit dabei.«

"Es ist natürlich als ClusterTagebuch gemeint."

Drosten fühlt sich miß­ver­stan­den. Er spricht

»…von Leuten, die sagen: "Ja, ich mache da mit und füh­re ab jetzt ein Kontakttagebuch", und zwar in dem Zusammenhang, wie ich das geschrie­ben habe in dem "Zeit"-Artikel und nicht in dem Zusammenhang, wie das irgend­wel­che Leute gleich in der Öffentlichkeit zer­fa­sert haben. Die sagen dann: "Der Drosten hat sich ver­ga­lop­piert. Das wird nie lau­fen mit dem Kontakttagebuch, da macht ja kei­ner mit." Man kann es eigent­lich im Zusammenhang von die­sem Artikel nicht miss­ver­ste­hen, es sei denn, man macht es absicht­lich. Es ist natür­lich als Cluster-Tagebuch gemeint.

Korinna Hennig
Das heißt, wir könn­ten mit dem Kontakttagebuch das machen, was man sich von der Corona-Warn-App eigent­lich erhofft?
Christian Drosten
Ja, also das Kontakttagebuch im Kleinen, dass ich sage: "Okay, ich muss mir auf­schrei­ben, mit wem ich Kontakt hat­te." Dass das nicht zu leis­ten ist, das weiß jeder. Und dafür gibt es die App. Und wer die hat, ist gut. Und wenn die auch nicht jeder hat, dann muss man da auch mit den Schultern zucken und sagen: "Naja, so ist das in einer Demokratie, machen nicht alle mit." Aber wo alle mit­ma­chen könn­ten, wäre das Führen eines Cluster-Kontakttagebuchs. Dass ich mir ein­fach abends auf­schrei­be: "War ich heu­te in einer Cluster-Situation?" Also ich für mich selbst mache das. Ich schrei­be mir das abends auf und bin jeden drit­ten oder vier­ten Tag in einer Cluster-Situation. Meine Familie zäh­le ich nicht dazu. Meinen engs­ten Arbeitskreis zäh­le ich auch nicht dazu, mei­ne engs­te Arbeitsgruppe, die ich prak­tisch jeden Tag sehe. Denn wir haben Spezialmaßnahmen hier im Institut. Wir tra­gen immer Maske und so wei­ter. Das ist fast wie ein Arbeitsplatz in der Medizin, wo man auch sagen muss, da gel­ten wegen der per­sön­li­chen Schutzausrüstung und so wei­ter ande­re Regeln…«

Frau Hennig dokumentiert den Tanz mit dem Tiger

»Das hat dann sogar noch einen wei­te­ren Effekt. Dann wird man sagen: "Moment, das hier steht sogar auf der Cluster-Liste, was ich vor­ha­be. Vielleicht las­se ich das jetzt mal die nächs­ten paar Wochen, weil ich ja ein mit­den­ken­des Mitglied der Gesellschaft bin und ich will auch mei­nen Beitrag leis­ten. Darum spa­re ich mir jetzt mal das Hockeyspiel, obwohl es eigent­lich erlaubt ist."
Korinna Hennig
Genau, obwohl es im Prinzip eigent­lich erlaubt ist. Wenn wir sagen, wir sind in dem Tanz mit dem Tiger, wir ver­su­chen mit dem Virus zu leben und trotz­dem das Infektionsgeschehen ein­zu­däm­men, dann beinhal­tet das auch: Man lässt Situation zu, doku­men­tiert sie aber gut genug.«

Streng akademisch gegen heimlich Infizierte

»Christian Drosten
Es gibt zwei ver­schie­de­ne Cluster, die las­sen sich ohne Kooperation der Bevölkerung kaum aus­ein­an­der­hal­ten. Das Eintragungscluster, wo ich jeman­den fra­ge, der frisch infi­ziert ist und dia­gnos­ti­ziert ist: "Wo hat­ten Sie vor ein paar Tagen Kontakt mit vie­len Leuten?" Und denen tele­fo­nie­re ich hin­ter­her: Haben die sich viel­leicht infi­ziert an die­sem Patienten, der hier vor mir sitzt? Das ist ein Eintragungscluster. Das müss­te man dann noch mal streng aka­de­misch unter­schei­den von einem Quell-Cluster. Das ist das, wor­an die­ser Patient sich infi­ziert haben könn­te. Und da ist das gro­ße Problem. Denn dort köchelt schon eine Gruppe von Infektionen über län­ge­re Zeit und unser jet­zi­ger, vor uns sit­zen­der Patient ist nur ein Indikator von einem uner­kann­ten vor sich hin köcheln­den Quell-Cluster, das schon 10, 20, 30 oder 50 Mitglieder hat und davon über die Hälfte infi­ziert und alle nicht erkannt. Und das ist, was ich dann als Nächstes geschrie­ben habe, dass wir hier auch eine neue Umgangsweise fin­den könn­ten mit der Diagnostik, auf ver­schie­de­ne Art und Weisen. Die eine Art ist hier ganz leicht zu erklä­ren in unse­rem Redefluss, in dem wir uns gera­de befin­den. Dieses Quellcluster ist viel­leicht vol­ler heim­lich Infizierter. Bevor wir jetzt groß anfan­gen, die alle zu tes­ten, die anzu­ru­fen, die zum Arzt, zur Teststelle oder sonst wohin zu schi­cken und dann war­ten, bis das Labor das Ergebnis zurück­schickt. Das Labor ist über­las­tet, es dau­ert. Vier, fünf Tage kön­nen viel­leicht ver­ge­hen in die­ser Zeit. Bis dahin sind so vie­le wei­te­re Infektionen schon ent­stan­den, wäh­rend man auf die Testung war­tet. Da muss man ein­fach sagen: Wenn so ein Quellcluster erkannt ist, dann muss das sofort ohne wei­te­res Hinsehen zu Hause iso­liert wer­den, jeder Einzelne von denen muss zu Hause blei­ben. Und das machen die Gesundheitsämter auch heu­te schon, wenn sie kön­nen. Zum Beispiel wenn ein zusätz­li­cher Fall noch mal auf­ge­fal­len ist oder wenn immer­hin schon Symptome bestehen, dann haben Amtsärzte die Möglichkeit, gleich zu sagen: "Okay, alle hier in die­sem Kurs, von die­ser Familienfeier, alle erst mal in die Heimisolation oder Quarantäne." Eigentlich ist es dann eine Quarantäne und dadurch mischen sich die Begrifflichkeiten. Weil es eine Mischung aus Isolierung und Quarantäne ist – da sind erkann­te Fälle dabei und das sind mög­li­che Fälle dabei – nen­ne ich das mal eine Abklingzeit für die­ses Cluster. Man lässt das Cluster abklin­gen, indem man die alle zu Hause ver­ein­zelt.«

Immer stört die Realität

»Das Problem, auf das der Amtsarzt hier aber immer stößt, ist in der Realität… Ich weiß das, weil ich mit vie­len, vie­len Vertretern
von Gesundheitsämtern aus ganz Deutschland immer
wie­der tele­fo­nie­re… Deswegen hat der Amtsarzt im Prinzip schon einen star­ken Verdacht: Da ist ein Quellcluster, aber er muss sich dar­auf ein­las­sen, erst mal tes­ten zu las­sen, um doch mehr Evidenz zu krie­gen, nicht nur zwei Fälle, son­dern viel­leicht drei oder vier Fälle. Und irgend­wann ist es nicht mehr von der Hand zu wei­sen und dann wird iso­liert. Und dann ist aber schon eini­ges an Übertragung wei­ter­ge­gan­gen.

Und die­se Quell-Cluster haben auch die Eigenschaft, dass sie sehr stark syn­chron lau­fen und ein­fach explo­siv sind

Wenn ich getes­tet wer­de, dann braucht das Labor drei, vier Tage rea­lis­tisch. Auch wenn Labore eine Turnaround-Time von 24-Stunden haben, die Realität sagt etwas ande­res. Da sind Probentransporte dabei, da geht ein Fax ver­lo­ren, weil "Kein Anschluss unter die­ser Nummer" gewählt wur­de und nicht die rich­ti­ge Faxnummer für die Übertragung des Befundergebnisses ange­ge­ben wur­de. Da wie­gelt irgend­je­mand, viel­leicht ein Arzt, ab und sagt: "Das kann doch gar nicht sein, das haben wir hier doch gar nicht, die Krankheit. Gehen Sie erst noch ein­mal nach
Hause. Das wird schon wie­der bes­ser." Solche Sachen pas­sie­ren ein­fach in der Wirklichkeit, ohne dass man da irgend­je­man­dem einen Vorwurf machen muss.«

PCR ein bisschen grob

En pas­sant erklärt uns der Erfinder des gegen­wär­ti­gen Tests, daß es dafür kei­ner­lei Qualitätsstandards gibt:

» PCR haben wir im Frühjahr ja zur Genüge bespro­chen. Damit quan­ti­fi­zie­ren wir die Viruslast. Es ist ein Anhaltspunkt für die Viruslast, aber der ist schon ein biss­chen grob und gera­de die medi­zi­ni­schen Labore, die unter Qualitätsbedingungen arbei­ten, denen ist das nicht gut genug. Ich fin­de es jetzt nicht falsch, wenn gera­de auch in den USA gesagt wird: "Lass uns ein­fach mal einen Ct-Wert festlegen."Ich fin­de es auch nicht falsch, ich wür­de da auch mit­ge­hen. Aber ich ver­ste­he den Punkt der qua­li­täts­ori­en­tier­ten medi­zi­ni­schen Labore, dass die genau­er sein wol­len. Die ver­lan­gen zu Recht nach einem Standard. Wir sind gera­de dabei, so etwas auch zu machen. Wir machen eine Referenz-Präparation, die Labore ein­fach bezie­hen kön­nen, die sie ein­mal lau­fen las­sen kön­nen auf ihrer Maschine. Dann wis­sen Sie, zu wel­chem Ct-Wert sich die­ser jetzt von mir ein­fach mal so gesag­te Wert von einer Million Kopien pro Abstrich über­set­zen lässt. In dem einen ist das dann ein CtWert von 28, im ande­ren ist es ein Ct-Wert von 30 und in noch einem ande­ren Labor wird es ein Ct-Wert von 27 sein. Und wir sind hier in einer Interviewsituation, ich erlas­se hier kei­ne Empfehlung oder spre­che eine Richtlinie aus. Ich sage jetzt mal nur eine Zahl, damit man sich das vor­stel­len kann. Und die mag, wenn wir im inter­nen Diskussionsprozess – da sind Experten von ver­schie­de­nen Instituten dabei und natür­lich auch vom Robert Koch-Institut –, wenn wir da durch sind, ist es viel­leicht nicht eine Million, son­dern ein ande­rer Wert, weil man sich da unter Experten eini­gen muss. Ich sage das jetzt ein­fach nur mal, damit man sich das vor­stel­len kann, wie die Denkweise ist. Ich den­ke an eine Million Kopien…

Ich wäre nicht dafür, dass man sagt: Der Patient hat ein Ct von 28, obli­ga­to­risch, weil das ver­steht man wie­der nicht. Und das ist zwi­schen Laboren nicht über­trag­bar. Sondern ich wäre ein­fach dafür, dass man sagt: Positiv und im Befundsatz, also in dem schrift­li­chen Interpretationsansatz zum Befund, das gehört zum ärzt­li­chen Befund dazu, da schreibt man dann dazu: "Die nach­ge­wie­se­ne Virusmenge sug­ge­riert kei­ne hohe Infektionsgefahr anhand von Surrogat-Kriterien."..

Dann müs­sen vie­le Experten erst ein­mal mit­ein­an­der auch dar­über spre­chen. Aber ich glau­be, es wol­len schon alle in die glei­che Richtung. Wir haben nie­man­den im System, der Dinge behin­dert, son­dern wir haben auch eine gewis­se Präzision, die auch ein biss­chen Zeit braucht. Aber viel­leicht haben wir die­se Zeit auch noch.«

Deshalb: Schnelltests mit regulatorischen Abkürzungen im Hintergrund

»Christian Drosten
Die sind vor Ort durch­führ­bar. Die sind wie Schwangerschaftstests. Die sind jetzt noch nicht lizen­siert und zuge­las­sen. Es gibt eini­ge zuge­las­se­ne Produkte, aber die sind nicht in aus­rei­chen­der Menge lie­fer­bar. Die sind zum Teil schon wie­der aus­ver­kauft. Aber die wird es in eini­gen Monaten wahr­schein­lich in zuge­las­se­ner Weise geben. Und da gibt es zum Beispiel auch in Deutschland Produktionsmöglichkeiten. Da sind Experten im Hintergrund gera­de dabei zu prü­fen, mit ver­ein­ten Kräften, wie man das hin­krie­gen kann, so etwas in Deutschland auch in so einem Maßstab zu pro­du­zie­ren, dass dann nicht irgend­wann die Versorgung zusam­men­bricht…

Das Erste, was geschafft wer­den muss, ist eine CE-Zertifizierung, eine euro­päi­sche Zertifizierung von so einem Test für den Produktions­prozess und für die ana­ly­ti­sche Qualität des Testes, sodass man den als In-vitro-Diagnostikum benut­zen darf. Das müs­sen wir errei­chen. Wir könn­ten sogar über­le­gen, ob man auf dem regu­la­ti­ven Weg noch eine klei­ne Abkürzung machen kann, indem man sagt: Nur in der Hand eines Amtsarztes kann so ein Test auch unter etwas mil­de­ren Qualitätskautelen benutzt wer­den, nur in der Hand eines Amtsarztes. Auch das wird im Moment juris­tisch und regu­la­tiv über­prüft im Hintergrund, aber nicht im "Heute Journal" und auch nicht bei Maybrit Illner, son­dern im Hintergrund, unter Leuten, die wirk­lich mit der Methodik und mit der Materie befasst sind.«

Impfdiskussion gehört nicht in die Öffentlichkeit

» Ich kann Ihnen sagen, das geht sehr hoch bis auch in die Politik hin­ein. Und es geht direkt bis an die Herstellerlabore. Da sind wirk­lich gute Personen im Moment invol­viert. Aber das gehört nicht in die Öffentlichkeit, denn das sind Prozesse, da müs­sen auch juris­ti­sche Dinge abge­stimmt wer­den. Und wir sehen gera­de jetzt bei der gan­zen irre­füh­ren­den Information in der Öffentlichkeit, wie schäd­lich und zer­set­zend das ist, wenn die­se Dinge in der Öffentlichkeit zer­re­det wer­den. Wir sehen ja jetzt schon, wie eta­blier­te Laborverfahren, eta­blier­te Medizin ein­fach aus Zerstörungswut zer­re­det wer­den – und aus Selbstdarstellerei

Es gibt immer Realitäten beim viel In-die-Zukunft-Denken

»Ich möch­te ein­fach noch ein­mal sagen, wenn ein Professor so etwas in der "Zeit" schreibt, mit viel Berufserfahrung und viel In-die-Zukunft-Denken, dann ist das immer noch ein aka­de­mi­scher Vorschlag. Und wenn dann die Amtsärzte oder das Robert KochInstitut sagen: "Lieber Herr Drosten" oder "lie­ber Christian", ich duze mich auch mit vie­len von den Kollegen, "du hast da was über­se­hen." Dann sage ich: "Oh, stimmt. Stimmt, das habe ich über­se­hen. Ich bin euch nicht böse." Ich wür­de nie­mals sagen: "Ihr müsst das aber trotz­dem machen.", oder: "Ich habe aber recht.", und ich gebe jetzt ein Fernsehinterview und bestehe auf mei­nem Recht. Das ist ein­fach ein Fehlverhalten. Das darf man nicht tun, gera­de nicht als Wissenschaftler. Es gibt immer Realitäten und ich wür­de nie­mals erwar­ten, dass ein Vorschlag, den ich irgend­wo in der Zeitung schrei­be, zu 100 Prozent umge­setzt wird. Vielleicht wird nichts davon umge­setzt, weil ich mich kom­plett ver­spe­ku­liert habe. Aber ich muss schon sagen, dass ich doch auch ein biss­chen Einblick in die Dinge habe und den­ke, dass man ein paar Dinge so machen könn­te. Insbesondere auch des­we­gen, weil inter­na­tio­nal genau die­sel­ben Gedanken gera­de auf­kom­men, die wir hier zum Teil schon vor Monaten vor­ge­dacht und vor­be­spro­chen haben.«

Faktor kann 2 sein oder 20 oder ganz anders

»Wir haben im Moment eine nied­ri­ge Inzidenz-Situation, die kaum abwäg­bar ist. Wir müs­sen uns ehr­lich ein­ge­ste­hen, dass wir nicht genau wis­sen, wo das Virus jetzt gera­de über­all ist. Es kann sein, dass die täg­li­chen Zahlen, die das RKI mel­det, oder dem RKI gemel­det wer­den, dass das um den Faktor zwei zu gering ein­ge­schätzt ist. Es kann auch sein, dass es um den Faktor 20 zu gering ein­ge­schätzt ist. Den hät­te ich im Frühjahr nicht genannt, den Faktor 20. Aber im Moment kann das sein, eben wegen die­ser vie­len sozia­len Effekte. Also den­ken wir zurück an die PartyPeople, die mit 20 Jahren nicht viel von ihren Symptomen mer­ken und gleich­zei­tig wis­sen: Eigentlich soll­ten sie jetzt nicht auf die­sem Rave sein. Und die vie­len Reisenden, die zum Teil kul­tu­rell gar nicht so gut zugäng­lich sind und sich eigent­lich eher von Ärzten auch fern­hal­ten, mög­li­cher­wei­se. All die­se Phänomene gibt es im Moment. Deswegen: Wir wis­sen gar nicht genau, wo das Virus ist.«

Ferien: Familien in Quarantäne

»In die­ser Woche sind Herbstferien, das ist die ers­te Herbstferienwoche. Da müs­sen die Kinder sowie­so nicht zur Schule und der Kleine muss nicht in die Kita. Und wir könn­ten uns ja jetzt mal eine Urlaubswoche als Vorquarantäne so legen, dass wir mit den Kindern zusam­men fast nur zu Hause sind und wenig Bekannte tref­fen und ein­fach ein biss­chen Familie machen. Das muss noch nicht mal eine gan­ze Woche sein. Mit ein biss­chen Wochenende dazu wäre das gera­de so eine knap­pe Arbeitswoche plus das Wochenende oder so, also sol­che Überlegungen. Oder dass man das zwi­schen zwei Wochenenden legt, so eine fami­liä­re Vorquarantäne, Vorisolierung. Und dass man dann los­fährt für den Verwandtenbesuch, unter der Maßgabe, dass man sich da in die­ser Woche wahr­schein­lich nicht infi­ziert hat, son­dern sich vor der Woche infi­ziert hat. Und dass es rela­tiv unwahr­schein­lich ist, dass sich in der gan­zen Familie, bei kei­nem ein­zel­nen Mitglied, über­haupt irgend­ein Symptom ein­stellt, das ist sehr unwahr­schein­lich…

Da wäre es tat­säch­lich so, dass man sagen könn­te: Wir sind als Familie eine Woche in Vor-Quarantäne. Und wenn in der Woche kei­ner auch nur die lei­ses­ten Symptome kriegt, da ist es doch fast aus­ge­schlos­sen, dass irgend­wer hier infi­ziert ist. Und jetzt kön­nen wir los­fah­ren. Und in die­sem geschlos­se­nen Familienverband besu­chen wir jetzt Oma und Opa für ein paar Tage und blei­ben auch in die­sem glei­chen geschlos­se­nen Verband…«

Immer mehr Omas und Opas glauben Verschwörungstheoretikern

»Man muss auch mit Oma und Opa spre­chen und denen auch sagen, das ist wei­ter­hin gefähr­lich. Also es wäre absurd, eine fami­liä­re Vor-Quarantäne zu machen, bevor man zum Besuch fährt, wäh­rend Oma und Opa aber zu Hause ein eif­ri­ges Vereinsleben pfle­gen, weil dort sich nie­mand mehr dafür inter­es­siert in der Altersgruppe, in dem sozia­len Kontext, über­haupt. Das ist lei­der etwas, das ich auch zuneh­mend beob­ach­te, gera­de in der älte­ren Generation, bei denen, die im Ruhestand sind und viel Zeit haben, sich YouTube-Videos anzu­gu­cken – die kön­nen ja inzwi­schen auch alle mit dem iPad umge­hen –, da ver­brei­ten sich gera­de die wirk­lich zer­stö­re­ri­schen und zer­set­zen­den Botschaften der Verschwörungstheoretiker, die Menschenleben kos­ten. Ich glau­be, eine etwas durch­ge­führ­te Kontrolle oder ein Nachfragen, gera­de auch bei der älte­ren Generation: Wie seht ihr das im Moment? Fühlt ihr euch eigent­lich in Gefahr? Wie ver­hal­tet ihr euch? Das ist viel­leicht sogar noch wich­ti­ger als die­ses stän­di­ge Angsthaben, dass
ich selbst jetzt etwas dahin schlep­pe.«


»Ein Poetry-Slam (alter­na­ti­ve Schreibweisen: Poetryslam, Poetry Slam) ist ein lite­ra­ri­scher Wettbewerb, bei dem selbst­ver­fass­te Texte inner­halb einer bestimm­ten Zeit vor­ge­tra­gen wer­den. Die Zuhörer küren anschlie­ßend den Sieger. Die Darbietung wird häu­fig durch per­for­ma­ti­ve Elemente und die bewuss­te Selbstinszenierung des Vortragenden ergänzt. Der Begriff Poetry-Slam wird eng­lisch aus­ge­spro­chen; sinn­ge­mäß lässt er sich mit "Dichterschlacht" oder "Dichterwettstreit" über­set­zen. Die Veranstaltungsform ent­stand 1986 in Chicago und ver­brei­te­te sich in den 1990er Jahren welt­weit. Die deutsch­spra­chi­ge Poetry-Slam-Szene gilt als eine der größ­ten der Welt. 2016 wur­den die deutsch­spra­chi­gen Poetry-Slams in das Bundesweite Verzeichnis des imma­te­ri­el­len Kulturerbes der UNESCO auf­ge­nom­men.« Wikipedia

(Hervorhebungen nicht in den Originalen.)

3 Antworten auf „Drosten: Dinge, die einfach mal gesagt werden mußten“

  1. Klingt in etwa so kohä­rent wie ein Transkript eines Auftritts von Joe Biden (wie kürz­lich zur Frage, ob er sich ent­schul­di­gen möch­te dafür, dass er Frauen beläs­tigt habe).

  2. das ging mir am Anfang auch so, als ich die pod­casts anhör­te und hin­ter­her dach­te: komisch, jetzt weiß ich genau so wenig wie vor­her. Und ich bemerk­te bei mir eine gewis­se Verwirrung. Mittlerweile glau­be ich, das hat Methode. Der Effekt, der m.E. erreicht wer­den soll: Alle Laien sol­len sich den­ken, das ist aber auch ein kom­pli­zier­tes Thema, die­ses Corona. Gut, dass es Experten gibt, die sich damit aus­ken­nen.
    Andere Fachleute haben bewie­sen, dass man Sachverhalte durch­aus ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar erklä­ren kann. Darauf aber legt er gera­de kei­nen Wert, im Gegenteil.

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