Drosten: Dinge, die einfach mal gesagt werden mußten

Es ist nicht leicht, aus den vie­len Wor­ten, die Chris­ti­an Dros­ten der Pod­cast-Welt zukom­men läßt, die schöns­ten oder wenigs­tens wich­tigs­ten her­aus­zu­fin­den. Man muß sich die gesam­te Über­tra­gung eher als Gesamt­kunst­werk in einem Poet­ry-Slam (s.u.) vor­stel­len. Hier eini­ge Aus­zü­ge vom 1.9., unter ande­rem zur Nutz­lo­sig­keit von PCR-Test:

»Da haben sich jetzt gera­de zwei Din­ge mit­ein­an­der ver­mischt in mei­ner gan­zen Argu­men­ta­ti­on. Ich weiß nicht, ob Ihnen das auf­ge­fal­len ist. Ich habe ein­mal eine zeit­li­che Argu­men­ta­ti­on gemacht und eine Indikationsgruppenargumentation.
Korin­na Hennig
Eine ört­li­che Argu­men­ta­ti­on sozu­sa­gen, ja.

Chris­ti­an Drosten
Genau, oder sagen wir mal eine gesell­schaft­li­che oder eine medi­zi­ni­sche. Also ein­mal sage ich: Wir sind in der ers­ten Wel­le oder wir sind nicht mehr in der ers­ten Wel­le.

Also die Fra­ge, wie ist die Hin­ter­grund-Inzi­denz in Wirk­lich­keit. Und die zwei­te Über­le­gung: Tes­ten wir jetzt Sym­pto­ma­ti­sche oder irgend­wen? Die­se Argu­men­ta­tio­nen, die gehen da alle kom­plett durch­ein­an­der. Dar­um ist es sehr schwie­rig im Moment, das so ein­fach zusam­men­zu­fas­sen. Es ist zum Bei­spiel so: Wenn wir uns die Test­zah­len anschau­en, die sind sehr, sehr hoch. Die trei­ben die medi­zi­ni­schen Labo­re an die Belas­tungs­gren­ze und wir fin­den eigent­lich sehr, sehr wenig Posi­ti­ve. Aller­dings wenn man sich das noch mal ganz genau anschaut: Ver­glei­chen wir zwi­schen jetzt und Mai, Juni, also die Zeit der wirk­li­chen Nied­rig-Inzi­denz, als wir die Voll­brem­sung ein­ge­legt hat­ten und dann wie­der gelo­ckert haben und gese­hen haben: Die Fäl­le neh­men gar nicht so doll zu. Da haben wir aber auch rela­tiv flei­ßig schon getes­tet. Und es ist jetzt nicht so, dass wir sagen kön­nen, wir fin­den jetzt ein­fach nur wegen des vie­len Tes­tens wie­der mehr Infek­tio­nen gegen Ende Juli, August. Denn dann müss­ten wir auch so Effek­te sehen wie, dass wir mit zuneh­men­der Tes­tung in dem­sel­ben Maße auch eine Abnah­me der Nach­weis­fre­quenz haben. Das ist nicht ein­ge­tre­ten. Also die jet­zi­gen Zah­len, die sind schon real, wenn man sie im Ver­hält­nis zum Vor­he­ri­gen sieht…«

Halsschmerzen nach illegaler Techno-Party einpreisen

»Und jetzt plötz­lich fan­gen die jun­gen Leu­te an, zu fei­ern und sich zu infizieren…
Korin­na Hennig
Und zu reisen.
Chris­ti­an Drosten
Und auch zu rei­sen. Alle die­se Din­ge kom­men zusam­men. Dann ist es schon so, dass wir vie­le Fäl­le von Per­so­nen haben, die eigent­lich harm­lo­se, mil­de Infek­tio­nen haben. Denn die jün­ge­ren Leu­te haben ja mil­de Infek­tio­nen. Und gleich­zei­tig ist es dann auch so, gera­de wenn ich auf einer ille­ga­len Tech­no-Par­ty war, dann habe ich ja noch mehr die Ten­denz, mei­ne Sym­pto­me zu ver­ste­cken und mich nicht dia­gnos­ti­zie­ren zu las­sen. Also wenn ich als 20-Jäh­ri­ger sage, jetzt war ich auf der Par­ty, die war ver­bo­ten. Und jetzt habe ich fünf Tage spä­ter Hals­schmer­zen. Da gehe ich doch nicht zum Arzt. Also wenn ich ver­ant­wort­lich bin, dann blei­be ich drei, vier Tage zu Hau­se und ver­ste­cke mich und sage, es wird schon gut gehen. Und die­ser Fall wird wahr­schein­lich rela­tiv häu­fig auf­tre­ten im Moment, ohne dass wir das mer­ken… Ich gehe jetzt bewusst mal auf so ein Bei­spiel, ein­fach nur, um mal klar­zu­ma­chen, wenn man in der einen Lage nach­denkt, in der einen Durch­drin­gungs­tie­fe des Pro­blems, dann stellt man fest, da gibt es noch eine zwei­te und eine drit­te und eine vier­te Schicht der Durch­drin­gung. Irgend­wann muss man aner­ken­nen, man kann die­se Effek­te nicht alle erfas­sen, die sich in die­sem kom­ple­xen Kon­glo­me­rat abspie­len, das wir Bevöl­ke­rung nen­nen. Ich nen­ne Ihnen ein ande­res Bei­spiel, die­ses heik­le Thema
der Rei­se­rück­keh­rer… Und nicht alle sind über­haupt Urlau­ber, son­dern vie­le sind ein­fach Fami­li­en­be­su­cher. Und das sind dann auch Per­so­nen, die aus kul­tu­rell ande­ren Zusam­men­hän­gen kom­men und dort nicht nur mit ihrer Fami­lie, son­dern auch mit einem wei­te­ren Gesell­schafts­kreis in Kon­takt waren…
Korin­na Hennig
Wir kön­nen also nicht ein­fach Zah­len neben­ein­an­der­le­gen, auch wenn sie viel­leicht Hin­wei­se in eine bestimm­te Rich­tung geben. Sie haben das gesagt: Die cir­ca 30-Jäh­ri­gen, die sieht man in den RKI-Zah­len der
Posi­tiv-Tes­tun­gen trotz die­ses Verstecken-Phänomens?
Chris­ti­an Drosten
Das RKI ist ja sehr prä­zi­se in sei­ner Auf­be­rei­tung der Daten. Und es gibt kaum eine ande­re natio­na­le Gesund­heits­be­hör­de, die ich ken­ne, die das so prä­zi­se und fein­glied­rig macht. Die­se Zah­len sind das Bes­te, was wir haben und wir kön­nen uns dar­an ori­en­tie­ren. Natür­lich gibt es auch im Sys­tem des Mel­de­ap­pa­ra­tes hier und da Kor­rek­ti­ve. Das geht los damit, dass die Mel­dung immer auch Ärz­te invol­viert, sowohl Labor­ärz­te als auch Kli­ni­ker, Amts­ärz­te, die wei­ter­fra­gen und mit­den­ken und sol­che Din­ge hier und da auch epi­de­mio­lo­gisch mit ein­prei­sen, indem zum Bei­spiel gefragt wird: "Moment mal, du bist doch hier nicht der ein­zi­ge Fall in dei­ner Fami­lie. Kön­nen wir mal den Haus­halt tes­ten?" Dann kor­ri­gie­ren sich schon so Din­ge wie, dass jemand die Ten­denz hat, sei­ne Infek­ti­on zu ver­ste­cken, doch wie­der her­aus. Des­we­gen hal­ten wir uns an die­sen Zah­len fest. Die sind sicher­lich nicht falsch und ins­be­son­de­re die Ent­wick­lung der Zah­len – also frü­her weni­ger, heu­te mehr –, das ist nicht falsch. Wir haben sicher­lich einen Effekt, den wir im Moment sehen, dass wir eine Schwan­kung haben – mal ein biss­chen mehr, mal ein biss­chen weni­ger – im nied­ri­gen Inzi­denz­be­reich, die­ses An- und Abschwel­len. Da sind sicher­lich ein paar Arte­fak­te mit dabei.«

"Es ist natürlich als ClusterTagebuch gemeint."

Dros­ten fühlt sich miß­ver­stan­den. Er spricht

»…von Leu­ten, die sagen: "Ja, ich mache da mit und füh­re ab jetzt ein Kon­takt­ta­ge­buch", und zwar in dem Zusam­men­hang, wie ich das geschrie­ben habe in dem "Zeit"-Artikel und nicht in dem Zusam­men­hang, wie das irgend­wel­che Leu­te gleich in der Öffent­lich­keit zer­fa­sert haben. Die sagen dann: "Der Dros­ten hat sich ver­ga­lop­piert. Das wird nie lau­fen mit dem Kon­takt­ta­ge­buch, da macht ja kei­ner mit." Man kann es eigent­lich im Zusam­men­hang von die­sem Arti­kel nicht miss­ver­ste­hen, es sei denn, man macht es absicht­lich. Es ist natür­lich als Clus­ter-Tage­buch gemeint. 

Korin­na Hennig
Das heißt, wir könn­ten mit dem Kon­takt­ta­ge­buch das machen, was man sich von der Coro­na-Warn-App eigent­lich erhofft?
Chris­ti­an Drosten
Ja, also das Kon­takt­ta­ge­buch im Klei­nen, dass ich sage: "Okay, ich muss mir auf­schrei­ben, mit wem ich Kon­takt hat­te." Dass das nicht zu leis­ten ist, das weiß jeder. Und dafür gibt es die App. Und wer die hat, ist gut. Und wenn die auch nicht jeder hat, dann muss man da auch mit den Schul­tern zucken und sagen: "Naja, so ist das in einer Demo­kra­tie, machen nicht alle mit." Aber wo alle mit­ma­chen könn­ten, wäre das Füh­ren eines Clus­ter-Kon­takt­ta­ge­buchs. Dass ich mir ein­fach abends auf­schrei­be: "War ich heu­te in einer Clus­ter-Situa­ti­on?" Also ich für mich selbst mache das. Ich schrei­be mir das abends auf und bin jeden drit­ten oder vier­ten Tag in einer Clus­ter-Situa­ti­on. Mei­ne Fami­lie zäh­le ich nicht dazu. Mei­nen engs­ten Arbeits­kreis zäh­le ich auch nicht dazu, mei­ne engs­te Arbeits­grup­pe, die ich prak­tisch jeden Tag sehe. Denn wir haben Spe­zi­al­maß­nah­men hier im Insti­tut. Wir tra­gen immer Mas­ke und so wei­ter. Das ist fast wie ein Arbeits­platz in der Medi­zin, wo man auch sagen muss, da gel­ten wegen der per­sön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung und so wei­ter ande­re Regeln…«

Frau Hennig dokumentiert den Tanz mit dem Tiger

»Das hat dann sogar noch einen wei­te­ren Effekt. Dann wird man sagen: "Moment, das hier steht sogar auf der Clus­ter-Lis­te, was ich vor­ha­be. Viel­leicht las­se ich das jetzt mal die nächs­ten paar Wochen, weil ich ja ein mit­den­ken­des Mit­glied der Gesell­schaft bin und ich will auch mei­nen Bei­trag leis­ten. Dar­um spa­re ich mir jetzt mal das Hockey­spiel, obwohl es eigent­lich erlaubt ist."
Korin­na Hennig
Genau, obwohl es im Prin­zip eigent­lich erlaubt ist. Wenn wir sagen, wir sind in dem Tanz mit dem Tiger, wir ver­su­chen mit dem Virus zu leben und trotz­dem das Infek­ti­ons­ge­sche­hen ein­zu­däm­men, dann beinhal­tet das auch: Man lässt Situa­ti­on zu, doku­men­tiert sie aber gut genug.«

Streng akademisch gegen heimlich Infizierte

»Chris­ti­an Drosten
Es gibt zwei ver­schie­de­ne Clus­ter, die las­sen sich ohne Koope­ra­ti­on der Bevöl­ke­rung kaum aus­ein­an­der­hal­ten. Das Ein­tra­gungs­clus­ter, wo ich jeman­den fra­ge, der frisch infi­ziert ist und dia­gnos­ti­ziert ist: "Wo hat­ten Sie vor ein paar Tagen Kon­takt mit vie­len Leu­ten?" Und denen tele­fo­nie­re ich hin­ter­her: Haben die sich viel­leicht infi­ziert an die­sem Pati­en­ten, der hier vor mir sitzt? Das ist ein Ein­tra­gungs­clus­ter. Das müss­te man dann noch mal streng aka­de­misch unter­schei­den von einem Quell-Clus­ter. Das ist das, wor­an die­ser Pati­ent sich infi­ziert haben könn­te. Und da ist das gro­ße Pro­blem. Denn dort köchelt schon eine Grup­pe von Infek­tio­nen über län­ge­re Zeit und unser jet­zi­ger, vor uns sit­zen­der Pati­ent ist nur ein Indi­ka­tor von einem uner­kann­ten vor sich hin köcheln­den Quell-Clus­ter, das schon 10, 20, 30 oder 50 Mit­glie­der hat und davon über die Hälf­te infi­ziert und alle nicht erkannt. Und das ist, was ich dann als Nächs­tes geschrie­ben habe, dass wir hier auch eine neue Umgangs­wei­se fin­den könn­ten mit der Dia­gnos­tik, auf ver­schie­de­ne Art und Wei­sen. Die eine Art ist hier ganz leicht zu erklä­ren in unse­rem Rede­fluss, in dem wir uns gera­de befin­den. Die­ses Quell­clus­ter ist viel­leicht vol­ler heim­lich Infi­zier­ter. Bevor wir jetzt groß anfan­gen, die alle zu tes­ten, die anzu­ru­fen, die zum Arzt, zur Test­stel­le oder sonst wohin zu schi­cken und dann war­ten, bis das Labor das Ergeb­nis zurück­schickt. Das Labor ist über­las­tet, es dau­ert. Vier, fünf Tage kön­nen viel­leicht ver­ge­hen in die­ser Zeit. Bis dahin sind so vie­le wei­te­re Infek­tio­nen schon ent­stan­den, wäh­rend man auf die Tes­tung war­tet. Da muss man ein­fach sagen: Wenn so ein Quell­clus­ter erkannt ist, dann muss das sofort ohne wei­te­res Hin­se­hen zu Hau­se iso­liert wer­den, jeder Ein­zel­ne von denen muss zu Hau­se blei­ben. Und das machen die Gesund­heits­äm­ter auch heu­te schon, wenn sie kön­nen. Zum Bei­spiel wenn ein zusätz­li­cher Fall noch mal auf­ge­fal­len ist oder wenn immer­hin schon Sym­pto­me bestehen, dann haben Amts­ärz­te die Mög­lich­keit, gleich zu sagen: "Okay, alle hier in die­sem Kurs, von die­ser Fami­li­en­fei­er, alle erst mal in die Heimiso­la­ti­on oder Qua­ran­tä­ne." Eigent­lich ist es dann eine Qua­ran­tä­ne und dadurch mischen sich die Begriff­lich­kei­ten. Weil es eine Mischung aus Iso­lie­rung und Qua­ran­tä­ne ist – da sind erkann­te Fäl­le dabei und das sind mög­li­che Fäl­le dabei – nen­ne ich das mal eine Abkling­zeit für die­ses Clus­ter. Man lässt das Clus­ter abklin­gen, indem man die alle zu Hau­se vereinzelt.«

Immer stört die Realität

»Das Pro­blem, auf das der Amts­arzt hier aber immer stößt, ist in der Rea­li­tät… Ich weiß das, weil ich mit vie­len, vie­len Vertretern
von Gesund­heits­äm­tern aus ganz Deutsch­land immer
wie­der tele­fo­nie­re… Des­we­gen hat der Amts­arzt im Prin­zip schon einen star­ken Ver­dacht: Da ist ein Quell­clus­ter, aber er muss sich dar­auf ein­las­sen, erst mal tes­ten zu las­sen, um doch mehr Evi­denz zu krie­gen, nicht nur zwei Fäl­le, son­dern viel­leicht drei oder vier Fäl­le. Und irgend­wann ist es nicht mehr von der Hand zu wei­sen und dann wird iso­liert. Und dann ist aber schon eini­ges an Über­tra­gung weitergegangen. 

Und die­se Quell-Clus­ter haben auch die Eigen­schaft, dass sie sehr stark syn­chron lau­fen und ein­fach explo­siv sind

Wenn ich getes­tet wer­de, dann braucht das Labor drei, vier Tage rea­lis­tisch. Auch wenn Labo­re eine Tur­n­around-Time von 24-Stun­den haben, die Rea­li­tät sagt etwas ande­res. Da sind Pro­ben­trans­por­te dabei, da geht ein Fax ver­lo­ren, weil "Kein Anschluss unter die­ser Num­mer" gewählt wur­de und nicht die rich­ti­ge Fax­num­mer für die Über­tra­gung des Befund­er­geb­nis­ses ange­ge­ben wur­de. Da wie­gelt irgend­je­mand, viel­leicht ein Arzt, ab und sagt: "Das kann doch gar nicht sein, das haben wir hier doch gar nicht, die Krank­heit. Gehen Sie erst noch ein­mal nach
Hau­se. Das wird schon wie­der bes­ser." Sol­che Sachen pas­sie­ren ein­fach in der Wirk­lich­keit, ohne dass man da irgend­je­man­dem einen Vor­wurf machen muss.«

PCR ein bisschen grob

En pas­sant erklärt uns der Erfin­der des gegen­wär­ti­gen Tests, daß es dafür kei­ner­lei Qua­li­täts­stan­dards gibt:

» PCR haben wir im Früh­jahr ja zur Genü­ge bespro­chen. Damit quan­ti­fi­zie­ren wir die Virus­last. Es ist ein Anhalts­punkt für die Virus­last, aber der ist schon ein biss­chen grob und gera­de die medi­zi­ni­schen Labo­re, die unter Qua­li­täts­be­din­gun­gen arbei­ten, denen ist das nicht gut genug. Ich fin­de es jetzt nicht falsch, wenn gera­de auch in den USA gesagt wird: "Lass uns ein­fach mal einen Ct-Wert festlegen."Ich fin­de es auch nicht falsch, ich wür­de da auch mit­ge­hen. Aber ich ver­ste­he den Punkt der qua­li­täts­ori­en­tier­ten medi­zi­ni­schen Labo­re, dass die genau­er sein wol­len. Die ver­lan­gen zu Recht nach einem Stan­dard. Wir sind gera­de dabei, so etwas auch zu machen. Wir machen eine Refe­renz-Prä­pa­ra­ti­on, die Labo­re ein­fach bezie­hen kön­nen, die sie ein­mal lau­fen las­sen kön­nen auf ihrer Maschi­ne. Dann wis­sen Sie, zu wel­chem Ct-Wert sich die­ser jetzt von mir ein­fach mal so gesag­te Wert von einer Mil­li­on Kopien pro Abstrich über­set­zen lässt. In dem einen ist das dann ein CtWert von 28, im ande­ren ist es ein Ct-Wert von 30 und in noch einem ande­ren Labor wird es ein Ct-Wert von 27 sein. Und wir sind hier in einer Inter­view­si­tua­ti­on, ich erlas­se hier kei­ne Emp­feh­lung oder spre­che eine Richt­li­nie aus. Ich sage jetzt mal nur eine Zahl, damit man sich das vor­stel­len kann. Und die mag, wenn wir im inter­nen Dis­kus­si­ons­pro­zess – da sind Exper­ten von ver­schie­de­nen Insti­tu­ten dabei und natür­lich auch vom Robert Koch-Insti­tut –, wenn wir da durch sind, ist es viel­leicht nicht eine Mil­li­on, son­dern ein ande­rer Wert, weil man sich da unter Exper­ten eini­gen muss. Ich sage das jetzt ein­fach nur mal, damit man sich das vor­stel­len kann, wie die Denk­wei­se ist. Ich den­ke an eine Mil­li­on Kopien…

Ich wäre nicht dafür, dass man sagt: Der Pati­ent hat ein Ct von 28, obli­ga­to­risch, weil das ver­steht man wie­der nicht. Und das ist zwi­schen Labo­ren nicht über­trag­bar. Son­dern ich wäre ein­fach dafür, dass man sagt: Posi­tiv und im Befund­satz, also in dem schrift­li­chen Inter­pre­ta­ti­ons­an­satz zum Befund, das gehört zum ärzt­li­chen Befund dazu, da schreibt man dann dazu: "Die nach­ge­wie­se­ne Virus­men­ge sug­ge­riert kei­ne hohe Infek­ti­ons­ge­fahr anhand von Surrogat-Kriterien."..

Dann müs­sen vie­le Exper­ten erst ein­mal mit­ein­an­der auch dar­über spre­chen. Aber ich glau­be, es wol­len schon alle in die glei­che Rich­tung. Wir haben nie­man­den im Sys­tem, der Din­ge behin­dert, son­dern wir haben auch eine gewis­se Prä­zi­si­on, die auch ein biss­chen Zeit braucht. Aber viel­leicht haben wir die­se Zeit auch noch.«

Deshalb: Schnelltests mit regulatorischen Abkürzungen im Hintergrund

»Chris­ti­an Drosten
Die sind vor Ort durch­führ­bar. Die sind wie Schwan­ger­schafts­tests. Die sind jetzt noch nicht lizen­siert und zuge­las­sen. Es gibt eini­ge zuge­las­se­ne Pro­duk­te, aber die sind nicht in aus­rei­chen­der Men­ge lie­fer­bar. Die sind zum Teil schon wie­der aus­ver­kauft. Aber die wird es in eini­gen Mona­ten wahr­schein­lich in zuge­las­se­ner Wei­se geben. Und da gibt es zum Bei­spiel auch in Deutsch­land Pro­duk­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Da sind Exper­ten im Hin­ter­grund gera­de dabei zu prü­fen, mit ver­ein­ten Kräf­ten, wie man das hin­krie­gen kann, so etwas in Deutsch­land auch in so einem Maß­stab zu pro­du­zie­ren, dass dann nicht irgend­wann die Ver­sor­gung zusammenbricht…

Das Ers­te, was geschafft wer­den muss, ist eine CE-Zer­ti­fi­zie­rung, eine euro­päi­sche Zer­ti­fi­zie­rung von so einem Test für den Produktions­prozess und für die ana­ly­ti­sche Qua­li­tät des Tes­tes, sodass man den als In-vitro-Dia­gnos­ti­kum benut­zen darf. Das müs­sen wir errei­chen. Wir könn­ten sogar über­le­gen, ob man auf dem regu­la­ti­ven Weg noch eine klei­ne Abkür­zung machen kann, indem man sagt: Nur in der Hand eines Amts­arz­tes kann so ein Test auch unter etwas mil­de­ren Qua­li­täts­kautelen benutzt wer­den, nur in der Hand eines Amts­arz­tes. Auch das wird im Moment juris­tisch und regu­la­tiv über­prüft im Hin­ter­grund, aber nicht im "Heu­te Jour­nal" und auch nicht bei May­brit Ill­ner, son­dern im Hin­ter­grund, unter Leu­ten, die wirk­lich mit der Metho­dik und mit der Mate­rie befasst sind.«

Impfdiskussion gehört nicht in die Öffentlichkeit

» Ich kann Ihnen sagen, das geht sehr hoch bis auch in die Poli­tik hin­ein. Und es geht direkt bis an die Her­stel­ler­la­bo­re. Da sind wirk­lich gute Per­so­nen im Moment invol­viert. Aber das gehört nicht in die Öffent­lich­keit, denn das sind Pro­zes­se, da müs­sen auch juris­ti­sche Din­ge abge­stimmt wer­den. Und wir sehen gera­de jetzt bei der gan­zen irre­füh­ren­den Infor­ma­ti­on in der Öffent­lich­keit, wie schäd­lich und zer­set­zend das ist, wenn die­se Din­ge in der Öffent­lich­keit zer­re­det wer­den. Wir sehen ja jetzt schon, wie eta­blier­te Labor­ver­fah­ren, eta­blier­te Medi­zin ein­fach aus Zer­stö­rungs­wut zer­re­det wer­den – und aus Selbst­dar­stel­le­rei

Es gibt immer Realitäten beim viel In-die-Zukunft-Denken

»Ich möch­te ein­fach noch ein­mal sagen, wenn ein Pro­fes­sor so etwas in der "Zeit" schreibt, mit viel Berufs­er­fah­rung und viel In-die-Zukunft-Den­ken, dann ist das immer noch ein aka­de­mi­scher Vor­schlag. Und wenn dann die Amts­ärz­te oder das Robert Koch­In­sti­tut sagen: "Lie­ber Herr Dros­ten" oder "lie­ber Chris­ti­an", ich duze mich auch mit vie­len von den Kol­le­gen, "du hast da was über­se­hen." Dann sage ich: "Oh, stimmt. Stimmt, das habe ich über­se­hen. Ich bin euch nicht böse." Ich wür­de nie­mals sagen: "Ihr müsst das aber trotz­dem machen.", oder: "Ich habe aber recht.", und ich gebe jetzt ein Fern­seh­in­ter­view und bestehe auf mei­nem Recht. Das ist ein­fach ein Fehl­ver­hal­ten. Das darf man nicht tun, gera­de nicht als Wis­sen­schaft­ler. Es gibt immer Rea­li­tä­ten und ich wür­de nie­mals erwar­ten, dass ein Vor­schlag, den ich irgend­wo in der Zei­tung schrei­be, zu 100 Pro­zent umge­setzt wird. Viel­leicht wird nichts davon umge­setzt, weil ich mich kom­plett ver­spe­ku­liert habe. Aber ich muss schon sagen, dass ich doch auch ein biss­chen Ein­blick in die Din­ge habe und den­ke, dass man ein paar Din­ge so machen könn­te. Ins­be­son­de­re auch des­we­gen, weil inter­na­tio­nal genau die­sel­ben Gedan­ken gera­de auf­kom­men, die wir hier zum Teil schon vor Mona­ten vor­ge­dacht und vor­be­spro­chen haben.«

Faktor kann 2 sein oder 20 oder ganz anders

»Wir haben im Moment eine nied­ri­ge Inzi­denz-Situa­ti­on, die kaum abwäg­bar ist. Wir müs­sen uns ehr­lich ein­ge­ste­hen, dass wir nicht genau wis­sen, wo das Virus jetzt gera­de über­all ist. Es kann sein, dass die täg­li­chen Zah­len, die das RKI mel­det, oder dem RKI gemel­det wer­den, dass das um den Fak­tor zwei zu gering ein­ge­schätzt ist. Es kann auch sein, dass es um den Fak­tor 20 zu gering ein­ge­schätzt ist. Den hät­te ich im Früh­jahr nicht genannt, den Fak­tor 20. Aber im Moment kann das sein, eben wegen die­ser vie­len sozia­len Effek­te. Also den­ken wir zurück an die Par­ty­Peo­p­le, die mit 20 Jah­ren nicht viel von ihren Sym­pto­men mer­ken und gleich­zei­tig wis­sen: Eigent­lich soll­ten sie jetzt nicht auf die­sem Rave sein. Und die vie­len Rei­sen­den, die zum Teil kul­tu­rell gar nicht so gut zugäng­lich sind und sich eigent­lich eher von Ärz­ten auch fern­hal­ten, mög­li­cher­wei­se. All die­se Phä­no­me­ne gibt es im Moment. Des­we­gen: Wir wis­sen gar nicht genau, wo das Virus ist.«

Ferien: Familien in Quarantäne

»In die­ser Woche sind Herbst­fe­ri­en, das ist die ers­te Herbst­fe­ri­en­wo­che. Da müs­sen die Kin­der sowie­so nicht zur Schu­le und der Klei­ne muss nicht in die Kita. Und wir könn­ten uns ja jetzt mal eine Urlaubs­wo­che als Vor­qua­ran­tä­ne so legen, dass wir mit den Kin­dern zusam­men fast nur zu Hau­se sind und wenig Bekann­te tref­fen und ein­fach ein biss­chen Fami­lie machen. Das muss noch nicht mal eine gan­ze Woche sein. Mit ein biss­chen Wochen­en­de dazu wäre das gera­de so eine knap­pe Arbeits­wo­che plus das Wochen­en­de oder so, also sol­che Über­le­gun­gen. Oder dass man das zwi­schen zwei Wochen­en­den legt, so eine fami­liä­re Vor­qua­ran­tä­ne, Voriso­lie­rung. Und dass man dann los­fährt für den Ver­wand­ten­be­such, unter der Maß­ga­be, dass man sich da in die­ser Woche wahr­schein­lich nicht infi­ziert hat, son­dern sich vor der Woche infi­ziert hat. Und dass es rela­tiv unwahr­schein­lich ist, dass sich in der gan­zen Fami­lie, bei kei­nem ein­zel­nen Mit­glied, über­haupt irgend­ein Sym­ptom ein­stellt, das ist sehr unwahrscheinlich…

Da wäre es tat­säch­lich so, dass man sagen könn­te: Wir sind als Fami­lie eine Woche in Vor-Qua­ran­tä­ne. Und wenn in der Woche kei­ner auch nur die lei­ses­ten Sym­pto­me kriegt, da ist es doch fast aus­ge­schlos­sen, dass irgend­wer hier infi­ziert ist. Und jetzt kön­nen wir los­fah­ren. Und in die­sem geschlos­se­nen Fami­li­en­ver­band besu­chen wir jetzt Oma und Opa für ein paar Tage und blei­ben auch in die­sem glei­chen geschlos­se­nen Ver­band…«

Immer mehr Omas und Opas glauben Verschwörungstheoretikern

»Man muss auch mit Oma und Opa spre­chen und denen auch sagen, das ist wei­ter­hin gefähr­lich. Also es wäre absurd, eine fami­liä­re Vor-Qua­ran­tä­ne zu machen, bevor man zum Besuch fährt, wäh­rend Oma und Opa aber zu Hau­se ein eif­ri­ges Ver­eins­le­ben pfle­gen, weil dort sich nie­mand mehr dafür inter­es­siert in der Alters­grup­pe, in dem sozia­len Kon­text, über­haupt. Das ist lei­der etwas, das ich auch zuneh­mend beob­ach­te, gera­de in der älte­ren Gene­ra­ti­on, bei denen, die im Ruhe­stand sind und viel Zeit haben, sich You­Tube-Vide­os anzu­gu­cken – die kön­nen ja inzwi­schen auch alle mit dem iPad umge­hen –, da ver­brei­ten sich gera­de die wirk­lich zer­stö­re­ri­schen und zer­set­zen­den Bot­schaf­ten der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, die Men­schen­le­ben kos­ten. Ich glau­be, eine etwas durch­ge­führ­te Kon­trol­le oder ein Nach­fra­gen, gera­de auch bei der älte­ren Gene­ra­ti­on: Wie seht ihr das im Moment? Fühlt ihr euch eigent­lich in Gefahr? Wie ver­hal­tet ihr euch? Das ist viel­leicht sogar noch wich­ti­ger als die­ses stän­di­ge Angst­ha­ben, dass
ich selbst jetzt etwas dahin schleppe.«


»Ein Poet­ry-Slam (alter­na­ti­ve Schreib­wei­sen: Poet­rys­lam, Poet­ry Slam) ist ein lite­ra­ri­scher Wett­be­werb, bei dem selbst­ver­fass­te Tex­te inner­halb einer bestimm­ten Zeit vor­ge­tra­gen wer­den. Die Zuhö­rer küren anschlie­ßend den Sie­ger. Die Dar­bie­tung wird häu­fig durch per­for­ma­ti­ve Ele­men­te und die bewuss­te Selbst­in­sze­nie­rung des Vor­tra­gen­den ergänzt. Der Begriff Poet­ry-Slam wird eng­lisch aus­ge­spro­chen; sinn­ge­mäß lässt er sich mit "Dich­ter­schlacht" oder "Dich­ter­wett­streit" über­set­zen. Die Ver­an­stal­tungs­form ent­stand 1986 in Chi­ca­go und ver­brei­te­te sich in den 1990er Jah­ren welt­weit. Die deutsch­spra­chi­ge Poet­ry-Slam-Sze­ne gilt als eine der größ­ten der Welt. 2016 wur­den die deutsch­spra­chi­gen Poet­ry-Slams in das Bun­des­wei­te Ver­zeich­nis des imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes der UNESCO auf­ge­nom­men.« Wiki­pe­dia

(Her­vor­he­bun­gen nicht in den Originalen.)

3 Antworten auf „Drosten: Dinge, die einfach mal gesagt werden mußten“

  1. Komisch. Wenn ich so eine Wei­le die Tran­skrip­ti­on von Gere­de von die­sem Dros­ten gele­sen habe, wird mir immer ganz wuschig im Kopf. Man kann ja durch unhör­ba­re Töne das Bewußt­sein beeinflussen …
    ( https://de.wikipedia.org/wiki/Subliminal_%28Psychologie%29 )

    Kann Dros­ten das auch mit­tels gedruck­tem Gerede…?

    Oder liegt es ein­fach dar­an, dass ich all­er­gisch gegen geball­ten Schwach­sinn reagiere?

  2. Klingt in etwa so kohä­rent wie ein Tran­skript eines Auf­tritts von Joe Biden (wie kürz­lich zur Fra­ge, ob er sich ent­schul­di­gen möch­te dafür, dass er Frau­en beläs­tigt habe).

  3. das ging mir am Anfang auch so, als ich die pod­casts anhör­te und hin­ter­her dach­te: komisch, jetzt weiß ich genau so wenig wie vor­her. Und ich bemerk­te bei mir eine gewis­se Ver­wir­rung. Mitt­ler­wei­le glau­be ich, das hat Metho­de. Der Effekt, der m.E. erreicht wer­den soll: Alle Lai­en sol­len sich den­ken, das ist aber auch ein kom­pli­zier­tes The­ma, die­ses Coro­na. Gut, dass es Exper­ten gibt, die sich damit auskennen.
    Ande­re Fach­leu­te haben bewie­sen, dass man Sach­ver­hal­te durch­aus ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar erklä­ren kann. Dar­auf aber legt er gera­de kei­nen Wert, im Gegenteil.

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