Wieder ohne Schweden

Halb Europa ist nach den frag­wür­di­gen RKI-Kriterien inzwi­schen Risikogebiet. Schweden ist wie­der ein­mal nicht dabei. focus.de ver­sucht am 24.9. eine Erklärung:

»Kein Lockdown. Kaum Schulschließungen. Gefüllte Restaurants und Bars. Schweden ging in der Corona-Krise einen Sonderweg – und schien zunächst zu schei­tern. Zu Beginn der Pandemie star­ben vie­le Menschen, bis heu­te muss das Land 5870 Tote ver­zeich­nen. Das Vorgehen des Staatsepidemiologen Anders Tegnell geriet hart in die Kritik.

Heute sieht die Lage in Skandinavien anders aus. Während die Betten des im Stockholmer Karolinska Universitätshospital ein­ge­rich­te­ten "Pandemie-Saal" leer­ste­hen, muss­ten im benach­bar­ten Dänemark erneu­te Maßnahmen ver­hängt wer­den…

„Wieder ohne Schweden“ wei­ter­le­sen

Alter Schwede!

Todesfälle in Schweden ins­ge­samt:

2015

2016

2017

2018

2019

2020

61.805

60.220

61.134

61.811

58.065

63.804

Dies sind die (vor­läu­fi­gen) Daten der schwe­di­schen Statistikbehörde SCB, jeweils bis zum 4. September.

Und die zur Sterberate (Einw.-Zahl nach countrymeters.info):

EinwohnerInnen Sterberate
2015 9.741.337 0,63
2016 9.822.093 0,61
2017 9.903.518 0,62
2018 9.985.618 0,62
2019 10.068.399 0,58
2020 10.151.866 0,63

In Deutschland beträgt die­se Rate 0,75 (countrymeters.info).
Danke für den Hinweis an Marco Wißkirchen.

Schweden: Einschätzung wird realistischer

Heute ist auf merkur.de eine unge­wohnt sach­li­che Einschätzung der Entwicklung in Schweden zu lesen:

'Corona in Schweden: Vorteile des umstrit­te­nen Sonderwegs im Vergleich zu Deutschland – sowie die Nachteile

3175 Menschen sind in Schweden bis­her an den Folgen einer Sars-CoV-2-Infektion gestor­ben (Johns-Hopkins-Universität, Stand 9. Mai, 12.48 Uhr). Im Schnitt sind das 310 Todesopfer pro Million Einwohner. In Deutschland beträgt die Zahl ledig­lich 90,5. Im Vergleich zu den Pandemie-geschüt­tel­ten Lockdown-Ländern wie Italien (500) oder Spanien (560) steht Schweden jedoch gut da. „Die Pandemie ebbt all­mäh­lich ab“, erklär­te Tegnell Anfang Mai dem schwe­di­schen Sender SVT.
Zugleich sind die Nebenwirkungen der Pandemie-Maßnahmen nied­ri­ger als in ande­ren Ländern. So sind die bis­her in Deutschland noch wenig the­ma­ti­sier­ten Folgen häus­li­cher Gewalt oder Selbsttötungen im Rahmen des Lockdown auf­grund der libe­ra­len Maßnahmen in Schweden gerin­ger. In Anbetracht der strik­ten Maßnahmen ande­rer euro­päi­scher Länder muss sich Schweden auch kaum mit Grundrechtsverletzungen aus­ein­an­der­set­zen.'

Siehe auch Die schlim­men Schweden, WHO lobt Schweden, Schweden: Reproduktionszahl unter 1, Tagesspiegel ganz vorn bei hohen Zahlen

Stuttgart noch schlimmer als die Schweden!

'Demo gegen Corona-Einschränkungen
Stadt Stuttgart begrenzt Teilnehmerzahl auf 10.000

Die Ordnungsbehörde setzt dem Veranstalter der „Mahnwache Grundgesetz“ auf dem Cannstatter Wasen eine kla­re Grenze. Der hat­te 50.000 Demonstranten ange­kün­digt…

Eine Kundgebung in die­ser Größenordnung will die Stadt Stuttgart aller­dings nicht zulas­sen: „Wir begren­zen die Zahl der Teilnehmer auf höchs­tens 10.000“, teil­te Ordnungsbürgermeister Martin Schairer am Donnerstag mit. Das sei in einem tele­fo­ni­schen Kooperationsgespräch mit dem Veranstalter so bespro­chen wor­den. „Entscheidend ist, dass sich nie­mand, der an einer Versammlung teil­nimmt, ansteckt“, so Schairer.' Link

Tagesspiegel ganz vorn bei hohen Zahlen

Der Tagesspiegel ver­öf­fent­licht seit gerau­mer Zeit Zahlen zu Corona, die er mit­tels "Schwarmintelligenz Dutzender Freiwilliger" zusam­men­stellt. Damit gelingt es ihm, die frag­wür­di­gen Zahlen der pri­va­ten Johns-Hopkins-Universität noch zu top­pen.

So wer­den in der gezeig­ten Grafik die Todesfälle in Deutschland mit 7.382 ange­ge­ben, die JHU kommt auf 7.342, das RKI auf 7.119. Gilt hier die Hoffnung, je höher die Zahlen, des­to höher die Auflage?

Schweden, das wider­bors­ti­ge Land ohne Lockdown, liegt zwar bei Toten pro 100.000 Einw. deut­lich über den Werten von Dänemark und Deutschland, ist aber bei wei­tem nicht Spitzenreiter.

Die Medienwelt soll­te sich den Rat von Prof. Schmidt-Chanasit zu Herzen neh­men: "Zu behaup­ten, das Land macht es bes­ser, jenes Land macht es bes­ser, das Land macht es schlech­ter – das wird man ganz am Ende wis­sen, weil man dann eben schlau­er ist. Aber jetzt zu sagen, das ist der bes­te Weg oder jenes, das wäre, glau­be ich, zu früh.“ (s. Zwei Richtungen in der Wissenschaft)

Zwei Richtungen in der Wissenschaft

In einem Podcast des rbb (nicht mehr online) beschreibt Prof. Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung zwei Richtungen in der wis­sen­schaft­li­chen Diskussion um Corona.

Es scheint, daß eine davon sehr viel lau­ter ist.

„Die eine Richtung sagt, wir müs­sen ver­su­chen, das Virus aus­zu­trock­nen. Ich kann das aus epi­de­mio­lo­gi­scher Sicht natür­lich theo­re­tisch nach­voll­zie­hen.

Die ande­re Seite sagt, wir soll­ten ver­su­chen, die Infektionszahlen so nied­rig zu hal­ten, daß es zu kei­ner Überlastung des Gesundheitssystems kommt. Das heißt, daß man natür­lich sich öff­net und daß es eben auch zu Infektionen kommt. Das sind die bei­den Richtungen. Ich hal­te die zwei­te Richtung für rea­lis­ti­scher. Die ers­te mag theo­re­tisch rich­tig sein, nur sie ist rea­li­täts­fern. Es ist eine Pandemie, wir kön­nen uns qua­si nicht ein­schlie­ßen in einer Glaskugel und die nächs­ten Jahre sozu­sa­gen ver­su­chen, hier nichts rein­zu­las­sen…

[Es ist] ein­fach zu sagen, hät­ten wir jetzt die­sen Lockdown inten­si­viert und noch eben wei­te­re Wochen so durch­ge­hal­ten, dann hät­ten wir es geschafft. Das ist ja erst mal eine Behauptung. Niemand weiß, ob das über­haupt so mög­lich wäre und dann auch so gekom­men wäre. Insofern ist das immer eine Position, die sich natür­lich leicht ein­neh­men läßt, weil man sie nicht über­prü­fen kann. Insofern bin ich da eher, glau­be ich, auf der Linie, daß wir hier ein­fach mit der Realität umge­hen müs­sen, mit dem Virus leben, so weit, wie es geht, die schäd­li­chen Folgen mini­mie­ren für die Menschen, die eben da wirk­lich gefähr­det sind…

Ob es unbe­dingt einen Jojo-Effekt geben wird, das bleibt abzu­war­ten. Wie gesagt, noch mal: Niemand weiß, was hier sozu­sa­gen das bes­te Vorgehen ist, wel­che Lockerungen dazu füh­ren wer­den, daß Infektionszahlen anstei­gen oder eben nicht anstei­gen. Also wer das behaup­tet, muß man ganz klar sagen, der lügt. Es gibt kei­ne Plaupause. Darum sehen wir eben auch unter­schied­li­che Strategien in den Ländern, in Schweden, in Österreich bei uns. Und das ist auch rich­tig so. Also zu behaup­ten, das Land macht es bes­ser, jenes Land macht es bes­ser, das Land macht es schlech­ter – das wird man ganz am Ende wis­sen, weil man dann eben schlau­er ist. Aber jetzt zu sagen, das ist der bes­te Weg oder jenes, das wäre, glau­be ich, zu früh.“

Die schlimmen Schweden

Schweden wird immer wie­der als Beispiel dafür vor­ge­stellt, wie gefähr­lich ein Verzicht auf einen Lockdown ist. In die­ser Frage ist die Medienlandschaft wenig dif­fe­ren­ziert.

Dabei wird stets auf die Sterblichkeit pro Mio. Einwohner ver­wie­sen. Sie ist in der Tat deut­lich höher als in der BRD.

Vergleicht man dar­über hin­aus ande­re Länder, dann stellt man fest: Staaten ohne Lockdown (in der Grafik rot) schnei­den nicht wirk­lich schlech­ter ab.

Die Zahlen sind der heu­ti­gen Statistik der Johns-Hopkins-Universität ent­nom­men. Link

WHO lobt Schweden

Deutschlands Medien sind irri­tiert über die Position der Weltgesundheitsorganisation. Bevor in weni­gen Worten die eigent­li­che Nachricht ver­mit­telt wird, kom­men in aller Regel aus­führ­lichs­te Bedenken. Dazu pas­sen Überschriften wie "Plötzlich wird Schwedens Corona-Strategie zum Vorbild" (Focus), "WHO lobt plötz­lich Corona-Sonderweg" (Merkur)

'Bis Ende April sind in Schweden 2586 Menschen mit einer Corona-Infektion gestor­ben. Auf eine Million Einwohner kom­men 248 Corona-Tote. . Damit liegt der aktu­el­le Wert um mehr als das Dreifache höher als in Dänemark (76 Todesfälle pro Million Einwohner) und Deutschland (78).…

Doch den obers­ten Seuchenbekämpfer in Schwedens Gesundheitsbehörde ficht die­se Relation nicht an. Stoisch steht Staatsepidemiologe Anders Tegnell, 64, fast täg­lich in einem sei­ner Wollpullover vor der Presse, selbst­ge­wiss wie ein Mathelehrer beim Unterrichten des Einmaleins."

Hierzulande käme ver­mut­lich kein seriö­ses Medium auf die Idee, einen Christian Drosten als "Staatsvirologen" zu bezeich­nen. Der trägt ja auch den wei­ßen Kittel und kei­nen Wollpullover. Wenigstens an Selbstgewißheit kann er aber mit­hal­ten. Dafür stim­men nur sei­ne Behauptungen nicht:

"Die Sterbezahlen gehen rapi­de nach oben."

Das sind die Zahlen der WHO von heu­te (3.5.): Link

„WHO lobt Schweden“ wei­ter­le­sen

Schweden: Reproduktionszahl unter 1

"Stockholm – Die Zahl neu­er Corona-Ansteckungen geht nach Angaben der natio­na­len Gesundheitsbehörde in Schweden zurück. Der schwe­di­sche Staatsepidemiologe Anders Tegnell bestä­tig­te im Gespräch mit dem Sender SVT, dass die soge­nann­te Reproduktionszahl seit eini­gen Tagen unter 1,0 lie­ge…

Eine Zusammenstellung der schwe­di­schen Gesundheitsbehörde zeigt laut dpa-AFX, dass die Reproduktionsrate im Land seit dem 10. April rela­tiv sta­bil bei rund 1,0 lag. Am 1. April hat­te sie dem­nach noch 1,40 betra­gen, am 25. April – dem letz­ten bis­lang ver­öf­fent­lich­ten Wert – nach mehr­tä­gi­gem Rückgang nur noch 0,85.

Schweden geht im Kampf gegen die Corona-Krise einen inter­na­tio­nal beach­te­ten Sonderweg. Im Vergleich zu den meis­ten ande­ren Ländern hat das skan­di­na­vi­sche Land mit locke­re­ren Maßnahmen auf die Pandemie reagiert, Kindergärten, Schulen und ande­re Einrichtungen wur­den zum Beispiel nie­mals geschlos­sen."

Das berich­tet heu­te die Berliner Zeitung