Eine Frage der Interpretation

In Europa sind die Länder mit der höchs­ten Opferzahl die mit den rigi­dis­ten Beschränkungen für das Alltagsleben, näm­lich Italien, Spanien und Frankreich. In der BRD sind das die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg.

Man kann das so inter­pre­tie­ren, daß die hohen Infektionszahlen eben die­se Maßnahmen erfor­der­lich gemacht haben.

Man kann eben­so ver­mu­ten: Wenn seit Wochen in die­sen Ländern kaum ein Mensch sei­ne Wohnung ver­las­sen durf­te außer zum Einkaufen und zu Arztbesuchen (in Paris etwa nur in einem Umkreis von 1 km), dann kön­nen die wei­te­ren Infektionen ande­re Ursachen haben.

Italien, Spanien und vor allem Frankreich ver­fü­gen über ein deso­la­tes Gesundheitssystem – ein Zustand der wis­sent­lich unter dem Diktat der "schwar­zen Null" und "Schuldenbremse" her­bei­ge­führt wur­de. In Frankreich gab es im gan­zen Jahr 2019 Streik- und Protestaktionen des medi­zi­ni­schen Personals gegen das Kaputtsparens des Systems. Wie die Aktionen der Gelbwesten und der Gewerkschaften hat Macron das schlicht­weg igno­riert. Er befin­det sich jetzt in einem "Krieg", des­sen Schlachtfeld er selbst bestellt hat.

Dort wie auch bei uns ster­ben vor allem alte und kran­ke Menschen. Sie ster­ben wie zahl­lo­se ÄrztInnen und PflegerInnen auch am Virus. Wie vie­le aber sind Opfer der gro­tes­ken Unterversorgung der medi­zi­ni­schen Einrichtungen? Noch heu­te, Wochen nach Ausrufung der Notstandsmaßnahmen, kla­gen im gan­zen Land Arztpraxen und Krankenhäuser dar­über, daß die staat­li­che Hilfe bei der Beschaffung von Material unzu­rei­chend ist. Sie sind damit kon­fron­tiert, auf einem Markt (!) agie­ren zu müs­sen, auf dem sich Bund, Länder und Praxen gegen­sei­tig Konkurrenz machen und die Preise hoch treiben.

In Deuschland ster­ben kei­ne alten Menschen, weil ihre EnkelInnen sie infi­zie­ren. Sie sind seit Wochen ein­ge­sperrt, die Kinder dür­fen dafür noch nicht ein­mal auf den Spielplatz. Ein wirk­li­cher Schutz wür­de bedeu­ten, das Personal end­lich mit dem Nötigsten aus­zu­stat­ten. Statt des­sen erle­ben wir, daß jeder Provinzfürst eige­ne Maßnahmen ergreift, um noch so absur­de Kontaktverbote an ganz ande­ren Stellen durchzusetzen.

Ein Tabu hat eben­falls zu sein, unter wel­chen erbärm­li­chen Bedingungen alte Menschen gera­de dahin­ster­ben. Sie sind kon­fron­tiert mit ver­mumm­tem Personal, das sie auch in schlim­men Krisen nicht in den Arm neh­men darf. Sie ster­ben, ohne sich von ihren Verwandten ver­ab­schie­ben zu kön­nen. Und nicht weni­ge wer­den Opfer des Stresses, dem sie aus­ge­setzt sind – nicht nur die Dementen, die schon gar nicht begrei­fen kön­nen, was mit ihnen passiert.

Und da gibt es allen Ernstes Überlegungen, alle alten Menschen weg­zu­sper­ren bzw. im Quarantäne zu hal­ten. Siehe dazu Alte Menschen wegsperren?

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