Führender Epidemiologe zweifelt an Sperrstunde und Anderem

Unter dem Titel ""Das Virus ist doch schon über­all" ist heu­te auf spiegel.de zu lesen:

»… Der lei­ten­de Epidemiologe des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, Gérard Krause, zwei­felt an der Sinnhaftigkeit der Sperrstunde…

Krause: Ich bin da etwas hin- und her­ge­ris­sen. Wenn man Betriebszeiten grund­sätz­lich kürzt, dann bedeu­tet das ja, dass mehr Kunden in einer kür­ze­ren Zeit zusam­men­kom­men könn­ten. Auf der ande­ren Seite kann es hel­fen zu ver­mei­den, dass die Menschen durch Alkoholkonsum ent­hemmt auf engs­ten Räumen die Hygieneregeln vernachlässigen.

SPIEGEL: Sperrstunden sind also kein gän­gi­ges epi­de­mio­lo­gi­sches Instrument?

Krause: Vor 2020 ist mir jeden­falls nie unter­ge­kom­men, dass Sperrstunden als Infektionsschutzmaßnahme in Erwägung gezo­gen wurden.

SPIEGEL: Und was wäre dann eine Maßnahme, die aus epidemi­o­logischer Sicht sinn­voll wäre?

Krause: Ich will nicht aus­schlie­ßen, dass sie sinn­voll ist, aber es macht mir Sorge, dass die­se gan­zen Diskussionen über Alkoholverbote, Übernachtungsverbote und Ausgangssperren unse­re Aufmerksamkeit von einem sehr viel wich­ti­ge­ren Punkt ablen­ken: dem Schutz der Risikogruppen.

SPIEGEL: Aber wenn die Infektionszahlen all­ge­mein gering blei­ben, schützt das doch auch die Risikogruppen.

Krause: Ja, es senkt das Expositionsrisiko indi­rekt auch für die Risikogruppen, aber zusätz­lich müs­sen wir den direk­ten Schutz die­ser Gruppen stär­ken. Ich bedau­re, dass der Schutz der alten Bevölkerung nicht im Mittelpunkt der Debatte steht. Stattdessen spre­chen wir über Bußgelder für Einzelne, die "Mickey Mouse" auf ihr Datenblatt im Restaurant schrei­ben. Wir arbei­ten uns an Schulklassen und klei­nen Betrieben ab, statt uns den Herausforderungen zum direk­ten Schutz der älte­ren Bevölkerung zu stellen.

SPIEGEL: Auch unter Jüngeren sind inzwi­schen schwe­re Verläufe und Langzeitfolgen bekannt. Muss man nicht alle schützen?

Krause: Ja, das ist rich­tig. Und um eben­die­se rie­si­ge Herausforderung zu bewäl­ti­gen, müs­sen wir da anset­zen, wo unse­re Maßnahmen und Ressourcen den bes­ten Effekt ver­spre­chen. Wir wis­sen inzwi­schen, dass die aller­meis­ten jun­gen Menschen ohne Risikofaktoren eine Infektion mit Sars-CoV‑2 gut über­ste­hen. Alte Menschen hin­ge­gen haben ein zig­fach höhe­res Risiko, an die­ser Infektion zu ster­ben. Aus epi­de­mio­lo­gi­scher Sicht müs­sen wir also auf die­se Personengruppen unse­ren Fokus legen und sie best­mög­lich schüt­zen. Die Bewältigung der Pandemie ent­schei­det sich in den Altenheimen und nicht in den Klassenräumen der Schulen oder den Foyers der Hotels.

SPIEGEL: Im März und April gab es des­halb Besuchsverbote in Alten- und Pflegeheimen. Die Folge ist Vereinsamung, Depression und Verunsicherung. Ist das der rich­ti­ge Weg?

Krause: Nein. Wir müs­sen dafür sor­gen, dass die­se Menschen geschützt wer­den und trotz­dem an der Gesellschaft teil­ha­ben kön­nen. Dazu sind Kreativität, Intelligenz und Geld nötig. Vor allem: Wir kön­nen die Alten­heime und mobi­len Pflegedienste mit die­ser Herausforderung nicht allein lassen.

SPIEGEL: Können Sie da etwas kon­kre­ter werden?

Krause: Das könn­te zum Beispiel sein, dass man Besuche in Alten- und Pflegeheimen ermög­licht, aber dabei geschul­te Pflegekräfte allen Besuchern erklä­ren, wie sie sich am bes­ten ver­hal­ten kön­nen, wie sie sich die Hände des­in­fi­zie­ren, wie sie sich rich­tig den Mundschutz anle­gen. In Krankenhäusern ist das schon größ­ten­teils üblich, aber nicht in Altenheimen, denn da fehlt es wohl häu­fig an Ressourcen…

SPIEGEL: Wenn ich Sie rich­tig ver­ste­he, soll­te das Ziel also gar nicht sein, die Gesamtfallzahlen einzudämmen?

Krause: Eindämmen im Sinne von "die Verbreitung unter­bre­chen" kann nicht mehr das Ziel sein. Das Virus ist doch schon über­all. Eindämmen im Sinne von "die Folgen min­dern" – natür­lich! Die Pandemie im wört­li­chen Sinne zu stop­pen, ist nach mei­ner Einschätzung schlicht nicht mög­lich. Hoffnungen in die­se Richtung zu wecken, droht Enttäuschung zu erzeu­gen und ris­kiert die Akzeptanz der Maßnahmen. Man kann jedoch durch ein geschick­tes Ausbalancieren der Maßnahmen die Schäden der Pandemie abschwä­chen. Das soll­te das Ziel sein. Denn alles, was wir tun, hat einen erwünsch­ten und einen uner­wünsch­ten Effekt. Im Frühjahr war der erwünsch­te Effekt, dass die Zahl schwe­rer Erkrankungen in Deutschland recht nied­rig blieb und der uner­wünsch­te, dass vie­le Menschen in wirt­schaft­li­che Krisen gerie­ten, die mit zeit­li­chen Verzug ver­mut­lich auch gesund­heit­li­che Folgen haben wer­den. Das war damals viel­leicht unver­meid­lich. Jetzt sind wir aber in einer ande­ren Situation und müs­sen ver­su­chen, die uner­wünsch­ten Effekte nied­ri­ger zu hal­ten – mit eben­so ent­schie­de­nen, aber geziel­te­ren Präventionsstrategien.«

Eine Antwort auf „Führender Epidemiologe zweifelt an Sperrstunde und Anderem“

  1. Aha, nicht mehr der Hindukusch, nein das Pflegeheim der Ort ist, an dem ver­tei­digt wird. Drum singt:

    Soldaten woh­nen mit alten Omen, vom Cap bis Couch Behar.
    Berthold, unheim­lich viel ist austauschbar.

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