Bergamo – Tod mit Ansage (und eine merkwürdige Charité-Studie)

Am 28.5. erin­ner­te die Tagesschau an die Bilder, die unser alle Verhalten zur Corona geprägt haben. Sie stam­men aus der Stadt Nembro in Bergamo. Aus dem Bericht geht auch her­vor: Der mas­sen­haf­te Tod hat­te min­des­tens zwei Ursachen, das Virus und die jah­re­lan­ge kri­mi­nel­le Gesundheitspolitik der dort regie­ren­den Rechten.

»Es waren Bilder wie im Krieg: Militärtransporter vol­ler Särge, Intensivstationen, auf denen Ärzte ent­schei­den muss­ten, wer stirbt…

Die Stadt mit 11.500 Einwohnern in der Provinz Bergamo gilt als ein Epizentrum der Corona-Krise in Norditalien…

Salvatore Mazzola trägt wie alle in Nembro eine Maske. Nur die Tränen in sei­nen Augen ver­ra­ten, was er in den ver­gan­ge­nen Wochen durch­ge­macht hat. "Mein Vater ist gestor­ben. Nach neun Tagen. Wir haben um Hilfe gebe­ten. Aber nie­mand kam." Der Bäcker und Café-Betreiber ist wütend. Wie konn­te es dazu kom­men, dass sein Vater neun Tage auf eine Behandlung war­ten muss­te – bis sei­ne Lunge irrepa­ra­bel beschä­digt war? Warum kam kein Arzt recht­zei­tig zu ihm nach Hause? "Unser Gesundheitssystem ist zusam­men­ge­bro­chen", sagt er. "Der Fehler war, dass sie den Leuten erst ganz am Ende gehol­fen haben – als sie schon gar kei­ne Luft mehr beka­men und die Lungen schwer ange­grif­fen waren."…

"Zwei Lektionen müs­sen gelernt wer­den: Das Personal in Krankenhäusern, in Pflegeheimen und Hausarztpraxen hät­te durch­ge­tes­tet und die asym­pto­ma­tisch Positiven hät­ten sofort iso­liert wer­den müs­sen." Doch das geschah zunächst nicht. "Diese Tatsache und die am Anfang feh­len­de Schutzkleidung führ­ten zu ihrem Tod", schrei­ben auch drei Ärzte des Krankenhauses Papa Giovanni XXIII in Bergamo in einer Untersuchung.«

Es folgt eine merk­wür­dig iner­pre­tier­te Studie der Charité, auf die unten näher ein­ge­gan­gen wird und nach der es in der Lesart der Tagesschau wesent­lich mehr Opfer gab als bis­her bekannt. Hier nur der Hinweis, daß der Hauptautor Marco Piccininni Ende 2019 Mitverfasser einer von der Bill & Melinda Gates Stiftung finan­zier­te Studie über das ita­lie­ni­sche Gesundheitssystem war. Link und Link.

»Zahlreiche Ursachen für die Katastrophe
Warum ist die Zahl der Toten hier so exor­bi­tant hoch? Der Leiter des Altenheims, Valerio Polloni, macht dafür unter ande­rem eine Fehlentscheidung der Regionalregierung ver­ant­wort­lich: Weil vie­le der Patienten mit abklin­gen­den mil­den Symptomen anfangs in Alten- und Pflegeheimen unter­ge­bracht wur­den, habe sich das Virus unter Hochrisikogruppen schnell ver­brei­ten kön­nen. Pollonis Vorgänger hat­te sich gewei­gert, die­se Entscheidung in sei­nem Heim umzu­set­zen. Von den 87 Bewohnern star­ben den­noch 37. Der frü­he­re lang­jäh­ri­ge Direktor der Einrichtung und ein Arzt der Einrichtung erla­gen dem Virus.

Nach Ansicht des Bürgermeisters von Nembro ist auch die ver­spä­te­te Schließung sei­ner Region für die hohen Todeszahlen ver­ant­wort­lich. "Jeden Abend in der ers­ten Märzwoche wäre der rich­ti­ge Zeitpunkt gewe­sen. Aber wir haben nichts gehört. Ich rief die Präfektur in Bergamo an, und sie sag­ten, sie war­te­ten auf Anweisungen aus Mailand oder Rom. Die 'rote Zone' hät­te aus­ge­ru­fen wer­den müs­sen, sobald unser Nationales Gesundheitsinstitut das Risiko einer Ausbreitung fest­ge­stellt hat­te." Eine Monitor-Anfrage an die Regionalregierung dazu blieb unbeantwortet…

Nachbarprovinzen nah­men kei­ne Patienten auf
Man hät­te Bergamo ganz leicht ent­las­ten kön­nen, sagt Rizzi. Im benach­bar­ten Venetien sei­en vie­le Intensivbetten frei gewe­sen. "Selbst in der schlimms­ten Phase war es sehr schwer, dort einen Platz für unse­re Patienten zu fin­den." Da habe sicher, mut­maßt Rizzi, die Angst der Nachbarn eine Rolle gespielt, die sich vor einem ähn­li­chen Notstand fürch­te­ten – und sich abschotteten.«

Da es sich hier um die Tagesschau han­delt, kann die Information nicht ein­fach ste­hen­blei­ben (schließ­lich war der Bericht fäl­schend über­schrie­ben mit "Noch mehr Todesopfer in Norditalien?" – sie­he dazu unten). Sie muß in Meinung(smache) über­setzt wer­den, und das geht so:

»"Das ist kei­ne nor­ma­le Grippe"
Claudio Cancelli, Bürgermeister von Nembro, meint: "Das ist kei­ne nor­ma­le Grippe, kei­ne sai­so­na­le Erkrankung gewe­sen." Cancelli ist stu­dier­ter Physiker… Keine Region in Europa wur­de so früh und so hef­tig vom Coronavirus getrof­fen wie die Lombardei. Mehr als 15.000 Menschen sind hier schon gestor­ben. Nembros Bürgermeister Cancelli appel­liert des­halb an die Deutschen vor­sich­tig zu sein. "Man darf das Virus nicht unter­schät­zen und zu spät reagie­ren, sonst pas­sie­ren sol­che Dramen, wie sie uns pas­siert sind."«

Eine dras­ti­sche­re Schilderung der gesund­heits­po­li­ti­schen Lage bot n‑tv am 23.5.:

»Nur ein Beispiel für das Missmanagement in den Lega-geführ­ten Regionen: In Mailand kennt jeder den Fall der gro­ßen Seniorenresidenz "Pio Albergo Trivulzio", in die man noch Anfang März auf Anordnung von Regionalfunktionären "leich­te" Covid-19 Fälle ver­legt hat­te. Als der zustän­di­ge Heimarzt dage­gen pro­tes­tier­te und dem Pflegepersonal Schutzbekleidung ver­ord­ne­te, wur­de er frist­los ent­las­sen, weil er angeb­lich "Panik stif­te­te". Heute weiß man, dass fast die Hälfte der Opferzahl in der Region in den Altenheimen und Residenzen ver­mel­det wurde.

Auch drei Monate nach Beginn der Seuche wer­den Infektionsketten nicht ordent­lich nach­ver­folgt, müs­sen Angehörige eines Covid-19-Opfers – wie in Bergamo öffent­lich gewor­den – 500 Euro Gebühren zah­len, um sich tes­ten zu lassen.

Fast jede Familie in der Lombardei hat ein Opfer der Seuche zu bekla­gen; Tote oder Überlebende, die nun schwer­krank Pflege brau­chen. Jeder Vierte als "geheilt" von der Intensivstation ent­las­se­ne Covid-19 Patient muss in die Dialyse, weil die Nieren ver­sagt haben. Die Lungen sind bei vie­len dau­er­haft geschä­digt. Als "geheilt" ent­las­sen zu sein, ist bei die­ser Seuche nicht gleich­be­deu­tend mit gesund sein. Auf Angehörige und das Gesundheitswesen kommt eine Nachwelle Zehntausender Schwerbehinderter zu…

Zu Beginn der Krise aber woll­te sich nie­mand den Verhältnissen in der Lombardei befas­sen. Der ers­te Verdacht, den rechts­na­tio­na­le Medien wie "Libero", "Il Giornale", aber auch das Staatsfernsehen Rai gleich zu Anfang März streu­ten, stell­te die "Musterregion Italiens", mit dem mus­ter­gül­ti­gen Gesundheitssystem", "von der gan­zen Welt bewun­dert", als Opfer des Auslands dar…

In den Proben von 800 Blutspendern in Mailand fand man nun übri­gens bei 4 Prozent die­ser gesun­den Spender bereits im Januar 2020 Antikörper auf das Virus. Das Virus war also bereits Anfang Januar in der Stadt, zwei Monate bevor es zum gro­ßen Ausbruch gekom­men ist…

Kliniken als Virenschleudern
Wahr ist dage­gen, dass das ver­meint­lich groß­ar­ti­ge Gesundheitssystem der Lombardei für den Pandemie-Fall kom­plett falsch auf­ge­stellt ist, wie es 13 Notärzte des Krankenhauses "Papst Johannes XXIII" von Bergamo in einem offe­nen Brief schon im März schrie­ben. "Alleingelassen", gezwun­gen, Patienten "nur noch pal­lia­tiv behan­deln zu kön­nen", "kei­nen Platz auch für Schwerkranke mehr": Der Zusammenbruch des angeb­lich so vor­bild­li­chen Systems, trotz des über­mensch­li­chen Einsatzes von Ärzten und Pflegepersonal, so schrei­ben die 13 Notärzte, lie­ge am System selbst.

Die Katastrophe war eben nicht der von Fontana genann­te "Tsunami", die Wasserwelle nach einem Erdbeben unter dem Meer, son­dern die Folge men­schen­ge­mach­ter Fehlaufstellung. Der Kern des Problems: Das Gesundheitssystem ganz Italiens ist "Krankenhaus-zen­triert", ganz beson­ders in der Lombardei. Jede Art von Diagnostik, alle Spezialisten, arbei­ten nur in Großkrankenhäusern. In rie­si­gen Wartesälen war­tet man stun­den­lang auf den Termin, muss zuerst die Zuzahlung leis­ten, pro Arztbesuch auch schon ein­mal 150 Euro, um dann wie­der in lan­gen Korridoren, immer dicht an dicht gedrängt, vor dem Arztzimmer zu war­ten. Das Krankenhaus als idea­le Virenschleuder. Tatsächlich kam es zu den ers­ten Massenansteckungen in drei Krankenhäusern der Lombardei: in Nembro, Alzano Lombardo und Codogno.

Allein gelas­se­ne Hausärzte
"In die­ser Krise räch­te es sich, dass man uns Hausärzte, die Versorgung vor Ort, sträf­lich ver­nach­läs­sigt hat", meint der Präsident der Hausärzte von Bergamo, Guido Marinoni. "Wir Hausärzte sind aus dem Gesundheitssystem her­aus­ge­fal­len, allein gelas­sen wor­den. Wir wur­den zu Patienten geru­fen, die schwers­te Atemprobleme hat­ten, aber wir hat­ten kei­ne Schutzausrüstungen. Wir bet­tel­ten in der Region um Masken, nichts kam. Wir haben uns im Baumarkt Schutzmasken gekauft, aber das hat bei vie­len mei­ner Kollegen und Kolleginnen nicht gereicht. Von den 630 Hausärzten von Bergamo Stadt und Kreis haben sich 150 mit dem Virus infi­ziert und 28 sind gestorben."

Es gibt eine direk­te Beziehung zwi­schen der Verfasstheit des lom­bar­di­schen Gesundheitssystems zu Beginn der Pandemie und der Regionalregierung. Wenige Tage vor dem Virus-Ausbruch sag­te der stell­ver­tre­ten­de Lega-Vorsitzende Giancarlo Giorgetti, man kön­ne auf die Hausärzte ("medi­ci di famiglia") ver­zich­ten, sie sei­en über­flüs­sig. Die Region setzt mehr als jede ande­re auf weni­ge gro­ße, die Leistungen kon­zen­trie­ren­de öffent­li­che Kliniken sowie auf pri­vat­wirt­schaft­lich orga­ni­sier­te Häuser, die sich auf finan­zi­ell attrak­ti­ve Behandlungen des Leistungskatalogs konzentrieren.

Dass es auch anders geht, beweist die Nachbarregion Venetien: auch sie unter Leitung eines Lega-Politikers, Luca Zaia. Der aber von Anfang von einem bekann­ten Virologen, Andrea Crisanti, bera­ten wur­de, mas­sen­haft tes­ten ließ und vor allem in der "roten Zone" von Vo Euganeo 43 Prozent der asym­pto­ma­ti­schen Träger ent­de­cken konn­te. Ein System ganz kon­zen­triert auf Hausärzte, mit "nur" 1841 offi­zi­ell gezähl­ten Covid-19-Opfern. Im Vergleich zum Lega-Parteifreund Fontana aus der Lombardei steht Zaia heu­te blen­dend da: Keine neu­en Infektionen mehr im Veneto, aber am Donnerstag 316 Neuinfektionen in der Lombardei und 65 Tote.

Privatisierung allent­hal­ben
Von den 114 Milliarden Euro öffent­li­chen Mitteln, die der staat­li­che, regio­nal orga­ni­sier­te Gesundheitsdienst pro Jahr aus­gibt, geht die Hälfte an pri­va­te, gewinn­ori­en­tier­te Krankenhäuser. Deren Leistungen aber kon­zen­trie­ren sich auf teu­er abzu­rech­nen­de Einzelleistungen, sehr viel weni­ger auf die all­ge­mei­ne Gesundheitsvorsorge, schon gar nicht auf Notfallmedizin. Von den 5060 Intensivbetten in ganz Italien zu Jahresbeginn gab es weni­ger als 100 in den Privatkliniken.

Die öffent­li­chen Krankenhäuser sind die ers­ten Anlaufstellen für alle Kranken, egal ob anste­ckend, oder nicht. Die Vernachlässigung der Versorgung vor Ort, der Hausärzte, der Mangel an dezen­tra­ler Facharztversorgung, die Konzentration auf Großkrankenhäuser hat aber auch, das ist eine gerichts­fes­te Tatsache, ihren Grund in mas­si­ver Korruption. In den Großkrankenhäusern wer­den gro­ße Aufträge ver­ge­ben, weni­ge Personen ver­schie­ben da Riesensummen. Kein Korruptionsskandal in der öffent­li­chen Verwaltung Italiens ohne Krankenhaus-Beteiligung.

Im Februar 2019 trat der lang­jäh­ri­ge Präsident der Region Lombardei, Roberto Formigoni, nach fast zwei Jahrzehnten im Amt eine fünf­jäh­ri­ge Haftstrafe an. Er hat­te sich bestechen las­sen, um die pri­va­te Klinikgruppe Maugeri-San Raffaele zu begünstigen.

Zeitungen wie "Libero", die im Besitz von ande­ren pri­va­ten Klinikbetreibern wie der Familie Angelucci sind, ste­hen nun in vor­ders­ter Front, um wei­ter­hin die "Errungenschaften" der lom­bar­di­schen Medizin zu ver­tei­di­gen. Der Häftling Formigoni wird dort inter­viewt und preist "sein" Gesundheitswesen als exzel­lent. So erweist sich das Gefängnis womög­lich als Glücksfall für Formigoni, bewahrt es ihn doch vor einer direk­ten Begegnung mit Nutzern sei­nes ach so "exzel­len­ten" Gesundheitssystems.«

Wochenlang gal­ten der­ar­ti­ge Informationen als Fake News von Corona-Leugnern oder Relativierern. Als eine Ausnahme kann der kaum beach­te­te Bericht der Süddeutschen Zeitung von Ende März gel­ten. Dort war damals schon zu lesen:

»Offenbar hat sich die Epidemie aber schon zuvor über eini­ge Zeit hin­weg ausgebreitet.

"Die Sache gibt es seit Anfang des Jahres – oder sogar seit Weihnachten"
Don Matteo betont, dass er kein Arzt sei – und dass er des­halb nicht zu weit gehen möch­te. Der Vikar von Nembro beschränkt sich des­halb dar­auf, die Fakten zu schil­dern, die in sei­ner Gemeinde für so viel Verwüstung gesorgt haben.

"Wir glau­ben", sagt er, "dass es die­se Sache seit Anfang des Jahres oder sogar seit Weihnachten gibt, ohne dass sie iden­ti­fi­ziert wur­de. Zunächst hat­te das Pflegeheim in Nembro eine wach­sen­de Zahl von ano­ma­len Todesfällen: Im Januar star­ben zwan­zig Menschen an einer Lungenentzündung. Im gesam­ten letz­ten Jahr gab es dort nur sie­ben Todesfälle. Und so schwoll die Zahl der Beerdigungen Woche für Woche an, und alle spra­chen von die­ser schwe­ren Lungenentzündung. Vor dem Karneval lag die hal­be Stadt mit Fieber im Bett. Ich erin­ne­re mich, dass wir, wäh­rend wir dis­ku­tier­ten, ob wir die Feierlichkeiten und die Parade mit den Kindern abhal­ten soll­ten, den 'Hausaufgabenraum' schlie­ßen muss­ten. Denn die meis­ten Freiwilligen, die die Kinder beauf­sich­tig­ten, waren krank. Aber vom Coronavirus war damals in Italien kei­ne Rede. Wer weiß, wie vie­le von uns schon krank waren und dann wie­der gesund wurden."

Don Matteo küm­mert sich nor­ma­ler­wei­se um die jün­ge­ren Mitglieder der Gemeinde. "Nach und nach", berich­tet er, "kam alles zum Stillstand. Wir began­nen, die Messe aus­zu­set­zen. Aber wir küm­mer­ten uns so lan­ge wie mög­lich um die Kranken, tra­fen ihre Familien, denn man kann ihnen den Trost nicht ver­wei­gern. Wir ver­such­ten, so viel Vorsicht wie mög­lich wal­ten zu las­sen, aber heu­te bin ich der ein­zi­ge Priester, der noch gesund ist; die ande­ren haben alle Fieber. Don Giuseppe ist im Krankenhaus, und auch Don Antonio, der Pfarrer, war krank. Jetzt ist er wie­der gesund. Dann began­nen wir mit den ers­ten Beerdigungen derer, die vom Coronavirus befal­len wur­den. Nur die engs­te Familie war anwe­send. In der ers­ten Märzwoche begru­ben wir 14 Personen, wäh­rend es nor­ma­ler­wei­se nur zwei sind."


Zur Studie der Charité. Merkwürdig ist zunächst, daß die Tagesschau am 28.5. dar­auf Bezug nimmt. Sie war bereits am 15.5. bekannt gemacht wor­den. Der Verdacht liegt nahe, sie konn­te zu oben genann­ter Meinungsmache beitragen.

Was sind die Kernaussagen der Studie? Und wie wer­den sie prä­sen­tiert? Seriös in der Süddeutschen Zeitung:

»Studie ana­ly­siert Coronavirus-Ausbruch in Nembro
Am 21. Februar wur­de der ers­te Fall in der Stadt bestä­tigt, schnell folg­ten wei­te­re Infektionen. Mitte April war der Ausbruch end­lich abge­flaut. Bis dahin muss­te die Stadt 166 Menschen zu Grabe tra­gen. 151 von ihnen waren allein im März gestor­ben, wie Public-Health-Forscher aus Mailand und Berlin im British Medical Journal ana­ly­sier­ten. Damit star­ben in einem ein­zi­gen Monat mehr Menschen als sonst in einem gesam­ten Jahr, es waren fast elf­mal so vie­le wie im März 2019.

Etwa die Hälfte der Gestorbenen hat­te eine bestä­tig­te Covid-19-Diagnose. Die Forscher schlie­ßen nicht aus, dass auch ein Teil der ande­ren mit dem Coronavirus infi­ziert war, aber nicht erfasst wur­de, weil es zwi­schen­zeit­lich an Kapazitäten für die Entnahme und Auswertung der Tests man­gel­te. Möglich ist aber auch, dass Menschen an den indi­rek­ten Folgen der Pandemie gestor­ben sind. Die Kliniken der Region waren über­füllt, Schutzausrüstung wur­de knapp, Angestellte infi­zier­ten sich und fie­len in der Krankenversorgung aus, Ärzte und Pflegekräfte stan­den unter enor­mem Druck.

Es ist denk­bar, dass in die­ser Situation nicht mehr alle Patienten opti­mal ver­sorgt wer­den konn­ten. Manche Kranke könn­ten den Kliniken auch aus Angst fern­ge­blie­ben sein…«

Oder wie auf www.gesundheitsstadt-berlin.de, wohin der diri­gie­ren­de Arm des Instituts eher gelangt.

»Charité Studie: Mehr Pandemie-Tote in Norditalien als gemeldet
Allein im März gab es in einem nord­ita­lie­ni­schen Ort mehr Tote als im gesam­ten ver­gan­ge­nen Jahr. Nur rund die Hälfte der jetzt Verstorbenen war jedoch als COVID-19-Todesfall gemel­det. Wissenschaftler der Charité haben die­se Diskrepanz auf­ge­deckt und schlie­ßen dar­aus, dass die Pandemie weit mehr Menschenleben for­dert als offi­zi­ell bekannt.«

So sehen Fake News aus. Details wer­den aus dem Zusammenhang geris­sen und zu einer neu­en Botschaft ver­mengt. Die Studie stellt nicht etwa fest, es gebe mehr Tote als gemel­det. Sie beschäf­tigt sich viel­mehr damit, daß ledig­lich die Hälfte als Corona-Tote gilt.

Im Artikel wird obi­ge Nachricht sogleich mit ande­ren Worten wie­der­holt und ergänzt:

»Dabei waren in dem 11.500 Einwohner-Städtchen allein im März mehr Menschen gestor­ben als im gesam­ten ver­gan­ge­nen Jahr und elf Mal so vie­le wie im März des Vorjahres. Das fan­den Wissenschaftler der Charité in einer Studie her­aus, deren Ergebnisse nun im Fachmagazin "The BMJ" ver­öf­fent­licht wurden.«

Damit es hän­gen bleibt, wird noch zwei Mal wie­der­holt, daß im März elf Mal so vie­le Tote wie üblich star­ben. Verblüffend dann die Zusammenfassung des Charité-Experten:

»„Diese sehr mas­si­ve Erhöhung der Sterberate im März 2020 kön­nen wir vor dem Hintergrund der sonst sehr sta­bi­len Gesamtsterblichkeit in Nembro nur als Folge der Coronavirus-Pandemie wer­ten“, sagt Marco Piccininni, Wissenschaftler am IPH und Erstautor der Studie.«

Es folgt die erneu­te Benennung der Zahl der Toten und die Frage

»Wie erklärt sich die­se Diskrepanz? Die Wissenschaftler ver­mu­ten zum einen, dass nicht alle Coronavirus-Infizierten iden­ti­fi­ziert wur­den – etwa weil das Testmaterial knapp war und nicht alle Verdachtsfälle labor­dia­gnos­tisch getes­tet wur­den. Ein zwei­ter Grund könn­te dar­in lie­gen, dass Menschen mit ande­ren Erkrankungen schlech­te­ren Zugang zur Krankenversorgung hat­ten: ent­we­der weil die Kapazität des Gesundheitssystems schon durch COVID-19-Fälle aus­ge­schöpft war oder weil sie aus Sorge vor einer Infektion das Krankenhaus nicht auf­su­chen wollten.«


Fragen sind ange­bracht, dies­mal an die von der Charité ver­öf­fent­lich­te Mitteilung.

1. Was ist der Zweck der Studie? Vermutlich gibt die Schlußbemerkung die Antwort:

»„Für eine prä­zi­se Abschätzung der gesund­heit­li­chen Auswirkungen der Pandemie dür­fen wir also nicht aus­schließ­lich auf die bestä­tig­ten COVID-19-Sterbezahlen schau­en“, betont Prof. Kurth. „Um vor Ort die gel­ten­den Eindämmungsmaßnahmen bes­ser an die Situation anpas­sen zu kön­nen, soll­ten zusätz­lich aktu­el­le Daten zur regio­na­len Gesamtsterblichkeit berück­sich­tigt wer­den. Leider sind Daten zur Gesamtsterblichkeit nicht über­all zeit­nah abruf­bar. Ich begrü­ße, dass vor­läu­fi­ge Daten für Deutschland seit Kurzem zur Verfügung stehen.“«

Man kann das so lesen: Um an den Eindämmungsmaßnahmen fest­hal­ten zu kön­nen, rei­chen die Corona-Toten nicht mehr aus. Jedenfalls ist in der Studie nichts von einer Hilfestellung für das ita­lie­ni­sche Gesundheitssystem in der Region zu finden.

2. Wie sau­ber sind die Zahlen? Wir fin­den in zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Absätzen die­se Angaben: Es "star­ben in den drei­ein­halb Monaten zwi­schen dem 1. Januar 2020 und 11. April 2020 in Nembro 194 Personen" und "Von den wäh­rend der Infektionswelle (Ende Februar bis Anfang April) gestor­be­nen 166 Menschen waren aber nur 85 posi­tiv auf das Coronavirus getes­tet und offi­zi­ell als COVID-19-Todesfälle gemel­det wor­den." Warum wird ein­mal als Ausgangsbasis der 1.1., ein ande­res Mal Ende Februar ver­wen­det? Und wie ver­tra­gen sich die Daten mit der Information am Schluß der Mitteilung, wonach es zwi­schen dem 8. März und dem 16. April 85 Tote gab? Zu der Zeit war die Stadt eine "Rote Zone", die weder ver­las­sen noch betre­ten wer­den durf­te. Wenn somit vom 1.1. bis zum 11.4. 194 Menschen star­ben, davon zwi­schen dem 8.3 und dem 16.4 "nur" 85 – wie sind dann die 109 Verstorbenen vor die­ser Zeit zu erklären?

Für das Weitere ist ein Blick in die Originalveröffentlichung im British Medical Journal nötig. (Übersetzung aus dem Englischen mit Hilfe von translate.google.com)

3. Wie ver­trägt sich fol­gen­de Aussage mit den u.a. oben zitier­ten Medienberichten? (Vielleicht eine dum­me Frage ange­sichts der oben genann­ten BMGS-Connection)

»Das Gesundheitssystem in der Lombardei ist durch hohe Standards und aus­rei­chen­de Ressourcen gekenn­zeich­net. Mehr als 200 akkre­di­tier­te Krankenhäuser beschäf­ti­gen etwa 130 000 qua­li­fi­zier­te Gesundheitsarbeiter. In die­ser Region betrug die Kapazität der Intensivstationen vor der Pandemie etwa 720 Betten (nor­ma­ler­wei­se mit einer Auslastung von 85–90% im Winter).«

4. Bewegt sich der Umfang der genutz­ten Schätzungen in einem gesi­cher­ten Bereich?

Mangels aus­rei­chen­der Daten »haben wir die Anzahl der Einwohner über den gesam­ten Untersuchungszeitraum (1. Januar 2012 bis 11. April 2020) geschätzt… Wir haben auch die monat­li­chen Sterblichkeitsraten unter dem hypo­the­ti­schen Szenario eines star­ken Rückgangs der bei­tra­gen­den Personenjahre in den letz­ten Monaten des Studienzeitraums geschätzt… Wir haben monat­lich alle Ursachensterblichkeitsraten berech­net, indem wir die Anzahl der Todesfälle durch die geschätz­te Anzahl der Personenjahre divi­diert haben.«

5. Bemerkenswert im Zusammenhang mit den sei­ner­zei­ti­gen Horrorberichten über ster­ben­de jun­ge Menschen auf den Intensivstationen ist die­se Bemerkung, die wie­der­um die Frage auf­kom­men läßt, wel­chen Anteil das Virus und wel­chen der kata­stro­pha­le Umgang mit alten Menschen:

»Von den 161 Menschen, die in die­sem Zeitraum star­ben, war kei­ner 14 Jahre oder jün­ger und 14 (8,7%) waren zwi­schen 15 und 64 Jahre alt.«

6. Aufhorchen läßt die­se Feststellung:

»Die Quelle für bestä­tig­te Todesfälle durch Covid-19 ist nicht offi­zi­ell und ent­hält nicht das Todesdatum, son­dern das Datum, an dem das Labor die bio­lo­gi­sche Probe erhal­ten hat. Dies bedeu­tet, dass die Anzahl der in unse­rer Studie gemel­de­ten bestä­tig­ten Covid-19-Todesfälle wahr­schein­lich gering­fü­gig höher ist als die offi­zi­el­le Anzahl im glei­chen Zeitraum, da wir die Todesfälle der­je­ni­gen ein­be­zo­gen haben, die mög­li­cher­wei­se nach dem 11. April gestor­ben sind (obwohl ihre Stichprobe frü­her an das Labor gesen­det wur­de). Darüber hin­aus wis­sen wir, dass die­se ver­stor­be­nen Personen posi­tiv auf Covid-19 getes­tet wur­den, aber wir kön­nen nicht abso­lut sicher sein, ob die Krankheit eine Todesursache war. Dies bedeu­tet, dass der Unterschied zwi­schen Covid-19-spe­zi­fi­schen Todesfällen und der Zunahme aller Todesfälle noch extre­mer sein könnte.«

7. Die Forscher kom­men zu mög­li­chen Erklärungen, die vor allem dem Gesundheitssystem eine mise­ra­ble Zensur ausstellen:

»Erstens wer­den Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 im Allgemeinen als sol­che gezählt, wenn Menschen posi­tiv auf die Krankheit getes­tet wer­den. Angesichts der höhe­ren Todesrate von Covid-19 bei älte­ren Menschen mit Komorbiditäten sowie des Mangels an Gesundheitsressourcen wur­den vie­le, die tat­säch­lich an Covid-19 star­ben, wahr­schein­lich nie getes­tet. Daher wur­de die Todesursache bei die­sen Menschen falsch klas­si­fi­ziert. Zum Beispiel ver­hin­der­te ein Mangel an Tests die Beurteilung von Covid-19 bei Menschen mit Symptomen und bestä­tig­ten Kontakten in Nembro.

Eine zwei­te Erklärung für die Nichtübereinstimmung zwi­schen die­sen bei­den Todesraten könn­te in der Gruppe lie­gen, die kein Covid-19, aber ande­re schwer­wie­gen­de Erkrankungen hat­te und an Ursachen starb, die indi­rekt mit Covid-19 zusam­men­hän­gen. Während die­ses Zeitraums hat­te die­se Gruppe mög­li­cher­wei­se einen ein­ge­schränk­ten Zugang zur Gesundheitsversorgung auf­grund von Kapazitätsengpässen, begrenz­ten Humanressourcen für einen so gro­ßen Patientenzustrom (10% der Patienten mit bestä­tig­tem Covid-19 in Italien arbei­te­ten im Gesundheitswesen) oder der Angst, ein Krankenhaus wäh­rend der Pandemie auf­zu­su­chen. In Nembro waren Anzeichen für eine Belastung des Gesundheitssystems und logis­ti­sche Herausforderungen erkenn­bar. In einem kürz­lich erschie­ne­nen Artikel wer­den die Herausforderungen und Schwierigkeiten des Gesundheitssystems der Provinz beschrie­ben, selbst grund­le­gen­de Gesundheitsdienstleistungen zu erbringen.

Drittens könn­te die bekann­te Verzögerung zwi­schen der Verwaltung und Verarbeitung des Tests und der Verfügbarkeit von Ergebnissen, ins­be­son­de­re in über­las­te­ten Umgebungen, die­sen Unterschied ver­schärft haben.«

»Unsere Ergebnisse beschrei­ben die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Gesundheit einer klei­nen Gemeinde. In grö­ße­rem Maßstab wäre die Folge eines unkon­trol­lier­ten SARS-CoV-2-Ausbruchs in Italien der Zusammenbruch des Gesundheitssystems, was sich wie­der­um erheb­lich nega­tiv auf die Gesundheit der gesam­ten Bevölkerung aus­wir­ken wür­de. Wir beto­nen, dass Letalitätsmaße kaum nur als Merkmale der Krankheit zu inter­pre­tie­ren sind, son­dern auch von der stän­di­gen Verfügbarkeit und Qualität der Versorgung abhän­gen. Die Folgen einer Pandemie beschrän­ken sich nicht nur auf Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19, son­dern tra­gen auf indi­rek­te Weise zu den poten­zi­ell ver­meid­ba­ren Todesfällen bei, die auf die extre­me Triage begrenz­ter Ressourcen in Krisensituationen zurück­zu­füh­ren sind.

Obwohl das ita­lie­ni­sche Gesundheitssystem im letz­ten Jahrzehnt durch eine erheb­li­che Kürzung der öffent­li­chen Mittel geschwächt wur­de, ist die Gesamtleistung des ita­lie­ni­schen Gesundheitssystems im inter­na­tio­na­len Vergleich immer noch hoch. Angesichts der bei­spiel­lo­sen Herausforderung durch covid-19 sind die poli­ti­schen Entscheidungsträger jedoch nur mit der Fähigkeit aus­ge­stat­tet , sozia­le Distanzierungsmaßnahmen ein­zu­füh­ren, um die Ausbreitung des Virus zu ver­lang­sa­men, schutz­be­dürf­ti­ge Gruppen zu schüt­zen und gleich­zei­tig das Gesundheitssystem zu stär­ken, um eine qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Versorgung für alle Patienten sicherzustellen.«

Bemerkenswerterweise kom­men die­se poli­ti­schen Auswertung in den Medien eher am Rande vor.

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