Wurde die Corona-Krise geplant?

Dieser Text ist ein Auszug aus dem am 14. September erschie­ne­nen Buch "Chronik einer ange­kün­dig­ten Krise – Wie ein Virus die Welt ver­än­dern konn­te", Westend Verlag, 176 Seiten, 15 Euro.

»Wie begann die Corona-Krise? Und wie wur­de sie zum Medienereignis? Untersucht man den genau­en Ablauf der Ereignisse im Januar 2020, dann erge­ben sich über­ra­schen­de Einsichten – und man­che Fragen. Ein Auszug aus dem neu­en Buch "Chronik einer ange­kün­dig­ten Krise".

Zu Silvester 2019 begann sich die Corona-Krise in den Medien zu ent­fal­ten – zunächst noch zag­haft und unschein­bar. Die ers­te Meldung tauch­te am 31. Dezember auf und lau­te­te:

"Eine mys­te­riö­se Lungenkrankheit ist in der zen­tral­chi­ne­si­schen Metropole Wuhan aus­ge­bro­chen. Bislang sei­en 27 Erkrankte iden­ti­fi­ziert wor­den, berich­te­te die Gesundheitskommission der Stadt. Gerüchten im Internet, es könn­te sich um einen neu­en Ausbruch der Lungenseuche Sars han­deln, trat die 'Volkszeitung' ent­ge­gen. Die Gesundheitskommission berich­te­te, vie­le der Infektionen könn­ten auf den Besuch des Huanan-Fischmarktes von Wuhan zurück­ge­führt wer­den. Die Erkrankten sei­en in Quarantäne unter­ge­bracht wor­den. Sieben sei­en in einem erns­ten Zustand."

Diese dpa-Meldung, die offen­bar auf einer Nachricht der Agentur Reuters basier­te, die wie­der­um auf eine Pressemitteilung des Gesundheitsamts der Stadt Wuhan zurück­ging, wur­de in Dutzenden deut­schen Medien ver­öf­fent­licht, erreg­te aller­dings, man­gels erkenn­ba­rer Relevanz, kein wei­te­res Aufsehen.

Dass 27 Erkrankte (nicht etwa Tote) am ande­ren Ende der Welt über­haupt zu einer Agenturmeldung in Deutschland und ande­ren west­li­chen Ländern führ­ten, ist erklä­rungs­be­dürf­tig. Die Tatsache, dass Nachrichtenagenturen die­se Information für ver­öf­fent­li­chungs­wert hiel­ten, hing frag­los mit den im Bericht erwähn­ten "Gerüchten im Internet" zusam­men (von wem eigent­lich ver­brei­tet?), in denen spe­ku­liert wor­den war, die 2003 epi­de­misch auf­ge­tre­te­ne und seit­her wie­der ver­schwun­de­ne Lungenkrankheit SARS kön­ne womög­lich neu aus­ge­bro­chen sein. SARS war vie­len noch in leb­haf­ter Erinnerung, da das Phänomen damals über Wochen hin­weg für welt­wei­te Schlagzeilen gesorgt hat­te. Alle ers­ten Berichte über die "mys­te­riö­se Lungenerkrankung" ver­wie­sen auf den 17 Jahre zurück­lie­gen­den SARS-Ausbruch. Das war der Kontext, der über­haupt erst das Interesse schuf.

Bereits zum Zeitpunkt der ers­ten Veröffentlichung setz­te eine Informationskontrolle ein. Laut einem chi­ne­si­schen Bericht vom 1. Januar 2020 hat­te die Polizei in Wuhan meh­re­re Menschen fest­ge­nom­men, die "fal­sche Informationen" zu die­ser Krankheit im Internet ver­brei­tet hät­ten, was zu "nega­ti­ven gesell­schaft­li­chen Auswirkungen" geführt habe. Die Polizei ermahn­te die Bürger der Stadt, "kei­ne Gerüchte zu glau­ben oder in Umlauf zu brin­gen" und für "ein har­mo­ni­sches, sau­be­res Internet" zu sor­gen – Empfehlungen, die bald auch in Deutschland popu­lär wer­den soll­ten.

Über den Beginn der Epidemie herrsch­te Unklarheit. Im April 2020 tauch­ten in ame­ri­ka­ni­schen und israe­li­schen Medien Berichte auf, wonach eine Abteilung des US-Militärgeheimdienstes DIA, das soge­nann­te National Center for Medical Intelligence, bereits im November (!) 2019 sowohl die eige­ne Regierung als auch die Nato sowie das israe­li­sche Militär vor einer sich aus­brei­ten­den Seuche in der Region Wuhan gewarnt hat­te, die sich "kata­stro­phal" ent­wi­ckeln kön­ne. Der Geheimdienst demen­tier­te die Meldung. War sie den­noch zutref­fend – wofür die zusätz­li­che Bestätigung durch die Israelis sprach –, wür­de eine nahe­lie­gen­de Frage lau­ten, wie der Geheimdienst schon im November zu sei­nen Erkenntnissen hat­te kom­men kön­nen – als allem Anschein nach selbst die chi­ne­si­schen Behörden noch kei­ne Kenntnis von einem Ausbruch hat­ten.

In der ers­ten Januarhälfte blieb das Thema in west­li­chen Medien weit­ge­hend unter­halb der Wahrnehmungsschwelle. Es erschie­nen zwar ver­ein­zel­te Meldungen, aber kei­ne her­aus­ge­ho­be­nen Berichte. Auch als am 9. Januar erst­mals gemel­det wur­de, dass die "rät­sel­haf­ten Lungenerkrankungen in China offen­bar auf ein bis­her unbe­kann­tes Coronavirus" zurück­gin­gen, das "bei 15 der ins­ge­samt fast 60 offi­zi­ell Erkrankten" in Wuhan nach­ge­wie­sen wor­den sei, tauch­te das in Deutschland nicht in den Abendnachrichten auf, son­dern ledig­lich in einem Onlineartikel auf tagesschau.de. Die Redaktion illus­trier­te den Text mit einem Foto der Stadt Wuhan in dich­tem Smog, womit dezent ange­deu­tet wur­de, dass die Lungenerkrankung viel­leicht auch etwas mit der star­ken Luftverschmutzung vor Ort zu tun haben könn­te.

Dass ein Team um den Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité bereits am 16. Januar einen PCR-Test zum Virusnachweis ent­wi­ckelt hat­te, den die WHO umge­hend Laboren in aller Welt emp­fahl, wur­de von den Medien zunächst nicht regis­triert. Zum unglaub­li­chen Tempo die­ser Testentwicklung erklär­te Drosten spä­ter:

2Bereits zwi­schen Weihnachten und Neujahr ging das los, dass hier die ers­te infor­mel­le Information ankam. (…) Wir haben uns tat­säch­lich auf so ein paar Indizien ver­las­sen. Wir haben aus sozia­len Medien Informationen gehabt, dass das ein SARS-ähn­li­ches Virus sein könn­te und wir haben dann eins und eins zusam­men­ge­zählt. (…) Und als dann so eine Zeit spä­ter die Kollegen aus China die ers­te Genom-Sequenz öffent­lich gestellt haben von die­sem neu­en Virus [am 10. Januar; P.S.], haben wir das natür­lich mit all unse­ren Kandidatentests ver­gli­chen, die bes­ten her­aus­ge­sucht und mit denen wei­ter­ge­ar­bei­tet. (…) Wir haben die­sen Test Kollegen in China zur Verfügung gestellt, deren Namen ich jetzt nicht nen­nen kann. Und die haben das für uns getes­tet und uns gesagt, dass es gut funk­tio­niert."

Den Anstoß für die Testentwicklung hat­ten also die schon erwähn­ten, nicht näher bezeich­ne­ten "Gerüchte im Internet" gege­ben, bestä­tigt hat­ten die Wirksamkeit des Tests dann anonym blei­ben­de "Kollegen in China". All das wur­de, wie gesagt, Mitte Januar in den Medien nicht berich­tet. Zu die­sem Zeitpunkt war die "rät­sel­haf­te Lungenerkrankung" am ande­ren Ende der Welt noch ein Nischenthema – wäh­rend eini­ge Experten im Hintergrund aller­dings schon die Weichen für die kom­men­den Monate stell­ten.

Übung und Realität vermischen sich

Am Freitag, dem 17. Januar pas­sier­te in die­sem Zusammenhang etwas aus­ge­spro­chen Seltsames: Das Johns Hopkins Center for Health Security ver­öf­fent­lich­te zusam­men mit dem World Economic Forum und der Gates Foundation eine gemein­sa­me Pressemitteilung, in der die Übungsauswertung von "Event 201" vor­ge­stellt wur­de, ins­be­son­de­re die poli­ti­schen Empfehlungen, die man drei Monate zuvor beschlos­sen hat­te. Bei der Übung hat­ten Konzernmanager und Beamte bekannt­lich im Oktober 2019 eine Coronavirus-Pandemie durch­ge­spielt. In der Mitteilung vom Januar 2020 hieß es:

"Die nächs­te schwe­re Pandemie wird nicht nur Krankheit und Tod ver­ur­sa­chen, son­dern könn­te auch wirt­schaft­li­che und gesell­schaft­li­che Kettenreaktionen aus­lö­sen (…). Die Bemühungen, sol­chen Folgen vor­zu­beu­gen oder auf sie zu reagie­ren, wäh­rend sie sich ent­fal­ten, wer­den ein bei­spiel­lo­ses Maß an Zusammenarbeit zwi­schen Regierungen, inter­na­tio­na­len Organisationen und pri­va­ten Unternehmen erfor­dern."

Angemahnt wur­de der wei­te­re Ausbau einer inter­na­tio­na­len Impfstoffreserve, der Abbau von Regularien bei der Impfstoffentwicklung sowie ein ver­stärk­ter Kampf gegen Falschinformationen. Bizarr war dar­an vor allem, dass die sich gera­de ent­fal­ten­de Corona-Krise mit kei­nem Wort erwähnt wur­de, die Pressemitteilung aber offen­sicht­lich in die­sem Zusammenhang lan­ciert wor­den war. Andernfalls hät­te man sie bereits drei Monate zuvor, unmit­tel­bar nach dem Ende der Übung, ver­öf­fent­li­chen kön­nen. Übung und Realität ver­zahn­ten sich in eigen­ar­ti­ger Weise mit­ein­an­der.

Das gro­ße und bis heu­te anhal­ten­de Medieninteresse am Virus begann dann schlag­ar­tig und unver­mit­telt genau drei Tage spä­ter, am Montag, dem 20. Januar, einen Tag vor der Eröffnung des World Economic Forum (WEF) in Davos, dem jähr­li­chen Treffen der wich­tigs­ten Staats- und Konzernchefs der Welt. An die­sem Tag wur­de die neue Erkrankung auch zum ers­ten Mal in der Hauptausgabe der Tagesschau erwähnt. Der Zwei-Minuten-Beitrag tauch­te zum Ende der Sendung hin auf, nach­dem zuvor aus­führ­lich über das anste­hen­de WEF-Treffen berich­tet wor­den war. Zur ein­ge­blen­de­ten Schlagzeile "Massiver Anstieg von Coronavirus-Fällen" erklär­te Moderator Jens Riewa dem Fernsehpublikum:

"Das neu­ar­ti­ge Coronavirus in China brei­tet sich über­ra­schend schnell aus. Mehr als 200 Menschen sind offi­zi­el­len Angaben zufol­ge bereits an einem Lungenleiden erkrankt, das durch den Erreger aus­ge­löst wird. Inzwischen haben auch drei Nachbarländer Infektionen gemel­det. Die Weltgesundheitsorganisation berief ein Expertengremium ein, das unter ande­rem mög­li­che Maßnahmen emp­feh­len soll. Chinesischen Forschern zufol­ge über­trägt sich das Virus auch von Mensch zu Mensch."

Die Aussage, das Virus ver­brei­te sich "über­ra­schend schnell" war zu dem Zeitpunkt, ange­sichts von ledig­lich 200 Erkrankten inner­halb von drei Wochen, nur schwach belegt. Die wesent­li­che, neue Information lag in der nun erklär­ten Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch. Neu war außer­dem, dass die chi­ne­si­sche Regierung ihren anfäng­li­chen Kurs, das Thema unter den Teppich zu keh­ren, inzwi­schen radi­kal geän­dert hat­te und die Krise nun selbst mit aller Kraft und öffent­li­chem Nachdruck zu einer Staatsaffäre erklär­te. Beginnend mit dem 20. Januar leg­ten die chi­ne­si­schen Gesundheitsbehörden täg­lich einen Bericht mit den neu­es­ten Corona-Fallzahlen vor. Auf die­se ers­ten Zahlen bezog sich auch die Tagesschau in ihrem Fernsehbericht. Anschließend an die kur­ze Moderation Jens Riewas folg­te ein Bericht des Pekinger ARD-Korrespondenten, in dem es hieß:

"Jetzt vor dem Neujahrsfest ist Hauptreisezeit in China. Auf dem Bahnhof von Wuhan wird nun jeder kon­trol­liert. Fiebermessgeräte und medi­zi­ni­sches Personal sind im Einsatz. (…) Bisher sind drei Menschen gestor­ben. Die meis­ten Patienten sei­en nicht schwer krank, lit­ten unter Fieber und Atemproblemen. (…) Im Staatsfernsehen berich­tet heu­te ein Forscher von Infizierten, die nicht selbst in Wuhan waren, aber Angehörige von ihnen: 'Wir kön­nen daher bestä­ti­gen, dass es Fälle gibt, bei denen das Virus von Mensch zu Mensch über­tra­gen wur­de.' Mit die­ser Nachricht ist klar: Eine wei­te­re Ausbreitung des Virus in China wird wahr­schein­li­cher und die Kontrolle der Krankheitswelle schwie­ri­ger."

Damit war der Ton für die kom­men­den Wochen vor­ge­ge­ben – nicht nur in der Tagesschau. Das zu die­sem Zeitpunkt abrupt anschwel­len­de Medieninteresse lässt sich auch anhand der Berichterstattung der New York Times nach­ver­fol­gen. Während bis dahin nur ver­ein­zel­te Artikel zum Virus erschie­nen waren, so etwa am 10.1. ("China berich­tet ers­ten Toten durch neu­es Virus"), 15.1. ("Japan und Thailand bestä­ti­gen neue Fälle des chi­ne­si­schen Coronavirus"), 17.1. ("Drei US-Flughäfen kon­trol­lie­ren Passagiere auf ein töd­li­ches chi­ne­si­sches Coronavirus"), 18.1. ("Tödliches Rätselvirus wird in zwei neu­en chi­ne­si­schen Städten und Südkorea gemel­det"), und 20.1. ("China bestä­tigt, dass neu­es Coronavirus sich von Mensch zu Mensch über­trägt"), so explo­dier­te die Menge der Artikel mit Beginn des WEF-Treffens in Davos gera­de­zu.

Allein am 21. Januar, dem Eröffnungstag der Konferenz, erschie­nen in der New York Times fünf ver­schie­de­ne Artikel zum Coronavirus sowie zusätz­lich erst­mals eine optisch leicht erfass­ba­re "Wuhan Coronavirus-Karte" zur Verfolgung des Ausbruchsgeschehens. Ebenfalls am 21. Januar ver­öf­fent­lich­te die WHO ihren ers­ten "Coronavirus-Lagebericht", der seit­her täg­lich erscheint. Der Startschuss für das media­le und poli­ti­sche "Corona-Dauerfeuer" war erfolgt.

Das Covid-19-Dashboard ist sofort einsatzbereit

Schon am nächs­ten Tag pas­sier­te etwas Weiteres, für die media­le Vermittlung des Themas sehr Folgenreiches: Die Johns Hopkins Universität star­te­te ihr Covid-19-Dashboard, jene mitt­ler­wei­le berühmt gewor­de­ne online ver­füg­ba­re Weltkarte, in der die geo­gra­fi­sche Verteilung aller Corona-Fälle sowie deren Entwicklungstrend, die Fall- und Todeszahlen stän­dig aktua­li­siert dar­ge­stellt wur­den. Zum Start am Mittwoch, dem 22. Januar hieß es in einem Pressebericht:

"Bis Mittwochnachmittag wur­den laut offi­zi­el­len chi­ne­si­schen Berichten 444 Menschen ins Krankenhaus ein­ge­lie­fert, von denen min­des­tens 17 am neu­ar­ti­gen Coronavirus ver­stor­ben sind. Doch die Karte, die am Mittwoch von Forschern der Johns Hopkins Universität vor­ge­stellt wur­de, lässt ver­mu­ten, dass die­se Zahlen mög­li­cher­wei­se schnel­ler wach­sen, als natio­na­le Quellen es zei­gen. 'Wir den­ken, dass es für die Öffentlichkeit wich­tig ist, die Situation in ihrem Verlauf mit trans­pa­ren­ten Datenquellen zu ver­ste­hen', so Lauren Gardner, Professorin an der Johns Hopkins University, die das Team lei­te­te, das die Karte erstell­te. (…) Laut Gardner han­delt es sich bei der Karte um eine 'sehr ein­fa­che' Sammlung von gemel­de­ten Fällen, die aus Quellen auf loka­ler Ebene zusam­men­ge­tra­gen wur­den und kei­ne Modellierung erfor­dern. Um die Karte zu erstel­len, haben Gardner und ihr Team loka­le chi­ne­si­sche Medienberichte gesich­tet und zusam­men­ge­stellt. Diese Berichte wur­den dann ins Englische über­setzt, und ihre Standorte wur­den kar­tiert. Wenn neue Berichte ein­tref­fen, wird die Karte aktua­li­siert, so Gardner."

Das Dashboard ent­wi­ckel­te durch sei­ne leich­te Verständlichkeit ein Eigenleben. Hunderte Medien in aller Welt über­nah­men die Daten und auch die Art der gra­fi­schen Darstellung. Die schwer greif­ba­re Gefahr einer Epidemie ließ sich damit her­vor­ra­gend ver­an­schau­li­chen. Das Dashboard bedien­te zusätz­lich das media­le Bedürfnis nach stän­di­gen News und Updates – und befeu­er­te damit die öffent­li­che Nervosität wei­ter. Viele Redakteure und Medienkonsumenten, aber auch Politiker schau­ten fort­an gebannt auf die stei­gen­den Kurven, die in fast jeden Artikel zum Thema ein­ge­baut waren und die den Eindruck ver­mit­teln, man habe mit einem Blick dar­auf auch bereits das Wesentliche ver­stan­den. "Quelle: Johns Hopkins" wur­de zu einem geflü­gel­ten Wort in den Medien, wo man den ame­ri­ka­ni­schen Zahlen meist blind ver­trau­te. Durch das Dashboard erlang­te eine pri­va­te US-Institution die inter­na­tio­na­le Deutungshoheit über die Höhe der Fallzahlen.

Ebenfalls am 22. Januar folg­te der nächs­te gro­ße Paukenschlag: Die chi­ne­si­schen Behörden kün­dig­ten an, am fol­gen­den Tag die Zehn-Millionen-Metropole Wuhan sowie meh­re­re wei­te­re Großstädte voll­stän­dig unter Quarantäne zu stel­len. Niemand dür­fe die­se Städte dann mehr betre­ten oder ver­las­sen – eine in die­sem Umfang bei­spiel­lo­se Aktion. Die Entscheidung schien die Größe der Gefahr noch­mals zu bele­gen. Als Beobachter muss­te man anneh­men, dass die Lage außer­ge­wöhn­lich bedroh­lich war, wenn die Regierung sich zu einem so extre­men Schritt ent­schloss.

Innerhalb der WHO-Gremien wur­de am glei­chen Tag ver­sucht, die Behörde zu ver­an­las­sen, einen "Internationalen Gesundheitsnotstand" ("Public Health Emergency of International Concern") aus­zu­ru­fen, was sich zunächst intern nicht durch­set­zen ließ, am 30. Januar aber nach­ge­holt wur­de. (1)

Die welt­wei­te Berichterstattung fokus­sier­te nun voll­stän­dig auf das Thema Corona. In der New York Times erschie­nen allein am 23. Januar 13 (!) Artikel zum Thema. Die Überschriften lau­te­ten unter ande­rem: "Ängste wegen des neu­en Coronavirus ergrei­fen Davos" und "Wie Chinas Virusausbruch die Weltwirtschaft bedro­hen könn­te". (2)
Wie erwähnt, tag­ten zur glei­chen Zeit, vom 21. bis zum 24. Januar, fast 3.000 Politiker, Manager und Journalisten, dar­un­ter vie­le der mäch­tigs­ten Staats- und Konzernchefs, in Davos. Dieser Umstand erin­nert an das bereits geschil­der­te Pandemieszenario der Übung "Atlantic Storm" von 2005, wo die Nachricht von einem Seuchenausbruch die Staatschefs eben­falls auf einer inter­na­tio­na­len Konferenz über­rasch­te, wo alle Entscheidungsträger güns­ti­ger­wei­se schon gemein­sam ver­sam­melt waren (sie­he Kapitel 4). Hier der ent­spre­chen­de Auszug aus dem dama­li­gen Drehbuch:

"Am 13. Januar, dem Vorabend des Gipfels, wur­den in Deutschland, den Niederlanden, Schweden und der Türkei Pockenfälle gemel­det. Die Staats- und Regierungschefs beschlie­ßen, sich am 14. Januar für eini­ge Stunden zu tref­fen, bevor sie sich auf den Heimweg machen, um sich mit der begin­nen­den Krise zu befas­sen. Während des sechs­stün­di­gen Treffens ran­gen die trans­at­lan­ti­schen Staats- und Regierungschefs mit dem Ausmaß und dem rasan­ten Tempo der sich aus­brei­ten­den Pockenepidemie, den Spannungen zwi­schen Innen- und Außenpolitik, der Herausforderung, die Bewegung von Menschen über die Grenzen hin­weg zu kon­trol­lie­ren und dem welt­wei­ten Mangel an kri­ti­schen medi­zi­ni­schen Ressourcen wie einem Pockenimpfstoff." (3)

Ersetzte man hier das Wort "Pocken" durch "Coronavirus" und den 13. Januar durch den 23. Januar, dann lan­de­te man recht genau in der Realität.

Die wichtigsten Entscheidungsträger sind versammelt

Das jähr­lich statt­fin­den­de WEF-Treffen in Davos ist die größ­te und am hoch­ka­rä­tigs­ten besetz­te Veranstaltung die­ser Art. Ende Januar 2020 waren die Führer der mäch­tigs­ten Konzerne der Welt dort ver­sam­melt, dar­un­ter die Chefs von Google, Apple, Facebook und Microsoft. Dazu kamen die Vorstandsvorsitzenden der füh­ren­den Pharmafirmen: Roche, Bayer, Sanofi, Astra Zeneca (das Unternehmen, das weni­ge Monate spä­ter Deutschland für einen drei­stel­li­gen Millionenbetrag einen Impfstoff ver­kauf­te, der noch gar nicht ent­wi­ckelt war) sowie der Chef des Pharmakonzerns Moderna, wo man sich auf neu­ar­ti­ge mRNA-Impfstoffe kon­zen­trier­te, die in der Corona-Krise in hohem Tempo ent­wi­ckelt wur­den. Ebenfalls zuge­gen waren die Vorsitzenden der Impfallianz Gavi und des Impfstoffforschungsverbundes CEPI, Richard Hatchett, der kurz dar­auf "die welt­wei­te Covid-19-Impfstoffentwicklung koor­di­nier­te".

Zu den wei­te­ren Gästen in Davos zähl­ten die Bosse diver­ser Großbanken sowie von BlackRock, Visa, Mastercard, der Rockefeller Foundation, des Atlantic Council, die Vorsitzenden der Zentralbanken von einem Dutzend Staaten, zahl­rei­che Chefredakteure gro­ßer Medien sowie die Staats und Regierungschefs von meh­re­ren Dutzend Ländern, dar­un­ter Donald Trump und Angela Merkel.

Sie alle ver­füg­ten wäh­rend der auf­re­gen­den Woche in Davos über aus­rei­chend Gelegenheit, ihre Reaktionen auf die Krise mit­ein­an­der abzu­stim­men – nicht unbe­dingt nur auf offe­ner Bühne, son­dern auch dis­kret am Rande der Veranstaltung. Die Marschrichtung an die Politik gab am 23. Januar ein Kommentar in der New York Times vor: "Seien Sie auf alles gefasst und über­las­sen Sie es den Experten."

Gleichzeitig mit dem Abschluss des WEF-Treffens am 24. Januar mel­de­te die WHO welt­weit 25 Corona-Tote. Zu einer bedroh­li­chen "glo­ba­len Krise" pass­te die­se Zahl über­haupt nicht. Und doch war durch die beschrie­be­nen poli­ti­schen Entscheidungen, deren media­le Begleitung sowie die all­ge­mei­ne Projektion eines "neu­en SARS" der Eindruck einer rie­sen­haf­ten Gefahr ent­stan­den.

Was im Nachhinein auf­fällt: Am 24. Januar, als die in Davos ver­sam­mel­ten Staats- und Konzernchefs wie­der nach Hause reis­ten, waren meh­re­re für das zukünf­ti­ge Management der Corona-Krise wesent­li­che Elemente bereits gestar­tet oder ein­satz­fä­hig:

        • der PCR-Test zum Sammeln der Fälle
        • die täg­li­chen Lageberichte der WHO zur Unterrichtung der Öffentlichkeit
          das Covid-19-Dashboard zur gra­fi­schen Darstellung der Lage in den Medien
        • die poli­ti­schen Empfehlungen des WEF und der Gates Foundation

Alles war vor­be­rei­tet. Und tat­säch­lich: Von die­sem Zeitpunkt an ent­fal­te­te sich die Krise fast wie auto­ma­tisch. Die gro­ße Pandemie-Maschine, jah­re­lang kon­stru­iert, geprobt und für den Ernstfall vor­be­rei­tet, lief nun.

Auch an die­ser Stelle sei aber wie­der der Hinweis ange­fügt: Diese Beobachtung unter­stellt noch kei­ne Planung oder bewuss­te Herbeiführung der Pandemie. Der Ablauf lässt sich auch harm­los erklä­ren: Die betei­lig­ten Institutionen waren auf einen sol­chen Ausbruch ganz ein­fach "gedrillt". Virologen such­ten stän­dig nach neu­en Krankheitserregern, begie­rig, die­se nach­zu­wei­sen. Wissenschaftler wie von der Johns Hopkins Universität hat­ten seit 20 Jahren nichts ande­res gemacht, als vor Bioterror und Pandemien zu war­nen. Zeichnete sich deren rea­le Möglichkeit ab, ent­fal­te­ten sie maxi­ma­le Betriebsamkeit. Auch die WHO und vie­le ande­re Behörden setz­ten ledig­lich dut­zend­fach geprob­te Abläufe um, bestrebt, so "effi­zi­ent" wie mög­lich zu arbei­ten, kei­ne Fehler zu machen und dem ein­stu­dier­ten Protokoll genau zu fol­gen. Es han­del­te sich, so gese­hen, tat­säch­lich um eine Art Maschine, die, ein­mal gestar­tet, ihrer pro­gram­mier­ten Eigendynamik folg­te.

So weit die harm­lo­se Erklärung. Dennoch blie­ben auch ande­re denk­bar.

Anmerkungen:
(1) WHO: "Statement on the mee­ting of the International Health Regulations (2005) Emergency Committee regar­ding the out­break of novel coro­na­vi­rus (2019-nCoV)", 23. Januar 2013 – Auszug: "On 22 January, the mem­bers of the Emergency Committee expres­sed diver­gent views on whe­ther this event con­sti­tu­tes a PHEIC or not. At that time, the advice was that the event did not con­sti­tu­te a PHEIC, but the Committee mem­bers agreed on the urgen­cy of the situa­ti­on and sug­gested that the Committee should be recon­ve­ned in a mat­ter of days to exami­ne the situa­ti­on fur­ther."

(2) "Fears Over New Coronavirus Grip Davos" / "How China’s Virus Outbreak Could Threaten the Global Economy", New York Times, 23. Januar 2020

(3) Bradley T. Smith et al.: "Navigating the Storm: Report and Recommendations from the Atlantic Storm Exercise", Biosecurity and Bioterrorism, Volume 3, Number 3, 2005, S. 256–267«


Siehe auch das Interview mit Paul Schreyer auf nachdenkseiten.de.

Autor des Textes ist Paul Schreyer. In Wikipedia wer­den ihm u.a. fol­gen­de Eigenschaften zuge­schrie­ben: Er ver­tritt "'lin­ke Positionen' und stellt vor allem die Narrative infra­ge, mit denen poli­ti­sche Entscheidungen in einer reprä­sen­ta­ti­ven Demokratie begrün­det wer­den". Er zählt "sicher­lich [zu den] intel­li­gen­te­ren Vertretern soge­nann­ter Verschwörungstheorien". Er ist "Putin-Versteher“. Er beklagt eine "Oligarchie der Reichen in der Mitte Europas“, die Parlamente zur "Fassade diver­ser Machtinteressen soge­nann­ter Eliten“ gemacht habe.

2 Antworten auf „Wurde die Corona-Krise geplant?“

  1. Herzlichen Dank für die Empfehlung! Wenn ein Autor aus dem Lager der Gegenaufklärung, der Zeugen Coronas mit ihrem Vokabular aus der Zeit der Glaubenskriege (Corona-Leugner, Alubommel, usw.usf.) so bespro­chen wird wie in Wikipedia zu sehen hat er zumin­dest deren Respekt ver­dient. Mir fällt auf dass Schreyer zur Zeit Hassobjekt No. 1 bei den frü­her lin­ken sozia­len Medien zu sein scheint. Widerlich dass man ihn nicht abtun kann wie die­sen Veganer-Koch und nicht mal halb­sei­den „…wie undif­fe­ren­ziert!“ rum­mä­keln kann wie beim Aktivismus enes Ken Jebsen.

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