Mitten in der Krise: Krankenpflegerin soll abgeschoben werden

Nicht etwa feh­len­de Bet­ten sind das Pro­blem auf den Inten­siv­sta­tio­nen, son­dern die Ver­pflich­tung von Kran­ken­häu­sern, nach betriebs­wirt­schaft­li­chen Prin­zi­pi­en zu han­deln und oft­mals Gewin­ne zu erzie­len. Da stellt Per­so­nal einen Kos­ten­fak­tor dar, der zu mini­mie­ren ist. Infol­ge­des­sen geht der Betrieb schon im Nor­mal­fall auf die Kno­chen der Beschäftigten.

In Zei­ten gro­ßer Anspan­nung, sei­en sie jah­res­zeit­lich oder durch eine Pan­de­mie bedingt, ist es um so absur­der, qua­li­fi­zier­te Kräf­te abzu­schie­ben. Über einen sol­chen aku­ten Fall berich­tet zeit​.de am 17.12.:

»Sie wird gebraucht, aber nicht geduldet
Farah Demir arbei­tet auf einer Coro­na-Sta­ti­on und lebt seit 34 Jah­ren in Nie­der­sach­sen. Trotz­dem soll sie abge­scho­ben wer­den. Ihre Kol­le­gen wol­len das verhindern…

Schla­fen kön­ne sie schon seit Novem­ber nicht mehr gut, seit­dem ein Brief der Aus­län­der­be­hör­de bei ihr ankam.

"Sehr geehr­te Frau Demir,

als aus­län­di­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge unter­lie­gen Sie der Pass­pflicht und dür­fen sich nur im Bun­des­ge­biet auf­hal­ten, wenn Sie im Besitz eines gül­ti­gen Natio­nal­pas­ses sind. Ich for­de­re Sie auf, bis spä­tes­tens 20.12.2020 einen gül­ti­gen Natio­nal­pass oder Pass­ersatz bei mei­ner Aus­län­der­be­hör­de vorzulegen. (…)

Für den Fall, dass Sie ihren Mit­wir­kungs­pflich­ten nicht inner­halb der Frist nach­kom­men, wei­se ich auf fol­gen­de Vor­schrif­ten hin: Gedul­de­ten Aus­län­dern mit unge­klär­ter Iden­ti­tät darf die Aus­übung einer Erwerbs­tä­tig­keit nicht erlaubt wer­den. (…) Der Auf­ent­halt im Bun­des­ge­biet ohne gül­ti­gen Pass wird mit einer Frei­heits­stra­fe bis zu einem Jahr oder mit Geld­stra­fe bestraft. Sofern Sie fal­sche Anga­ben zu ihren Per­so­na­li­en täti­gen oder Ihren Mit­wir­kungs­hand­lun­gen nicht nach­kom­men, kön­nen sie Sie aus die­sem Grun­de aus Deutsch­land aus­ge­wie­sen werden.

Soll­ten Sie Ihrer Mit­wir­kungs­pflicht inner­halb der genann­ten Frist nicht nach­kom­men, wird es nicht mehr mög­lich sein, Ihre Dul­dung für sechs Mona­te zu verlängern."

Nur gedul­det, aber systemrelevant
Farah Demir arbei­tet als Kran­ken­schwes­ter auf der Coro­na-Inten­siv­sta­ti­on des Kli­ni­kums der Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le in Hannover…

Sie ist, was man jetzt sys­tem­re­le­vant nennt. Was über­all fehlt und gesucht wird: eine Pfle­ge­kraft. Demir lebt seit 34 Jah­ren in Deutsch­land. Und doch soll sie laut dem Schrei­ben vom 19. Novem­ber die­ses Jah­res bald nicht mehr arbei­ten dür­fen, viel­leicht sogar abge­scho­ben wer­den. "Als Ers­te hat­te mei­ne Mut­ter den Brief gele­sen, dann mein Bru­der, abends ich. Wir waren alle geschockt", sagt Demir. Zwar sei­en sie und ihre Fami­lie schon immer nur gedul­det, doch eine sol­che Ansa­ge habe sie nicht erwar­tet, vor allem nicht jetzt…

Demir ist im Jahr 1986 im Alter von zwei Jah­ren mit ihrer Fami­lie vor dem Krieg aus dem Liba­non nach Deutsch­land geflüch­tet. Erst hat sie mit ihrer Schwes­ter, ihrem Vater und der Mut­ter in einem Erst­auf­nah­me­la­ger gelebt, dann in einem Flücht­lings­heim in Nie­der­sach­sen. Zwei Jah­re spä­ter zog sie in eine Woh­nung in Hameln, ging zur Schu­le, mach­te ihr Abitur mit Best­no­te. Anfangs woll­ten die Eltern noch zurück in den Liba­non, doch mit den Jah­ren gaben sie den Plan auf, auch ihren Kin­dern zulie­be. Sie soll­ten eine bes­se­re Zukunft haben als in dem Land, das nach dem Krieg erst wie­der­auf­ge­baut wer­den muss­te. Nach dem Abitur woll­te Demir eigent­lich Medi­zin stu­die­ren. "Um Men­schen zu hel­fen", sagt Demir. Doch als Staa­ten­lo­se ging das nicht, dafür braucht man einen Pass. Des­halb fing sie eine Aus­bil­dung zur Kran­ken­pfle­ge­rin an. "Ich ent­schied mich für den Pfle­ge­be­ruf, um Men­schen hel­fen zu kön­nen", sagt Demir. Immer mit dem Ziel, eines Tages auf einer Inten­siv­sta­ti­on zu arbei­ten. "Die schwe­ren Fäl­le inter­es­sier­ten mich schon immer", sagt Demir. In der Kli­nik lern­te sie auch ihren Mann, einen Israe­li, ken­nen, bis heu­te sind sie ein Paar. Sie sind kin­der­los, bewusst. "Der Sta­tus einer Staa­ten­lo­sen wird auto­ma­tisch an die Kin­der ver­erbt, das will ich nicht", sagt Demir. An Kin­der kön­ne sie erst den­ken, wenn ihrer Fami­lie kei­ne Abschie­bung mehr droht.

Fami­lie ohne Pass
Demirs Geschwis­ter leben auch mit der Unsi­cher­heit, Deutsch­land wie­der ver­las­sen zu müs­sen. Ihre Schwes­ter ist Leh­re­rin, einer ihrer Brü­der arbei­tet als Maschi­nen­bau­er, ein ande­rer als Pfle­ger wie Demir. Sie haben Kin­der, Part­ner, schlie­ßen Ver­trä­ge, mie­ten Woh­nun­gen, kau­fen Autos. Einen Pass besit­zen sie nicht. Bei der Flucht habe ihr Vater sie ver­lo­ren, spä­ter einen gefälscht, damit sie ein­rei­sen konn­ten. Als das auf­flog, wur­de ihr Asyl­be­scheid abge­lehnt. Seit­dem ist die Fami­lie offi­zi­ell staa­ten­los, wird in Deutsch­land aber gedul­det. Gedul­det heißt, dass sie zwar kei­ne dau­er­haf­te Auf­ent­halts­er­laub­nis haben, aber nicht abge­scho­ben wer­den, bei­spiels­wei­se wenn in dem Ziel­land Krieg herrscht oder Per­so­nen nicht rei­se­fä­hig sind. Über 200.000 Men­schen leben laut Zah­len des Medi­en­diens­tes Inte­gra­ti­on hier­zu­lan­de gedul­det, vie­le leben wie Farah Demir schon lan­ge in Deutsch­land. Für Demir ist der Begriff "Dul­dung" bis heu­te einer, an den sie sich nicht gewöh­nen kann. "Ich weiß, dass das die Behör­den­spra­che ist, aber gedul­det klingt so, als sei ich ein Mensch zwei­ter Klas­se", sagt Demir.

Die Kli­nik tut alles, damit Demir blei­ben kann
Bis zum Jahr 2006 besaß sie eine unbe­fris­te­te Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung. Damals reich­te dazu eine Geburts­ur­kun­de aus dem Liba­non. Doch dann ent­deck­te die Aus­län­der­be­hör­de im Jahr 2014 einen Aus­zug aus dem tür­ki­schen Per­so­nen­re­gis­ter, dar­auf stan­den die Namen aus Demirs Fami­lie. Die Fol­ge: Ihr Auf­ent­halts­recht wur­de ungül­tig, die Päs­se einkassiert.

Seit­dem kann Demir nicht aus­rei­sen, um sich im Liba­non einen neu­en Pass zu besor­gen oder die Geburts­ur­kun­de bestä­ti­gen zu las­sen. Sie kann nicht bewei­sen, wo sie gebo­ren ist. Die Aus­län­der­be­hör­de sagt: Des­halb kann Demir nicht ein­ge­bür­gert wer­den. Statt­des­sen lebt die Fami­lie seit vie­len Jah­ren von Dul­dung zu Dul­dung, alle sechs Mona­te wur­de die­se ver­län­gert. Bis zum Schrei­ben im Novem­ber. Zum ers­ten Mal wird ihr dar­in ange­droht, dass sie ihre Arbeits­er­laub­nis ver­liert – und dass sie abge­scho­ben wer­den kann.

Hameln sei ihre Hei­mat, nicht Beirut
"Ich wür­de in ein Land abge­scho­ben, das ich nicht ken­ne", sagt Demir. Ihre Stim­me stockt, wenn sie aus­spricht, wovor sie sich fürch­tet. Sie muss dann eine kur­ze Pau­se machen, sich sam­meln. Denn egal ob die Aus­län­der­be­hör­de ihre Fami­lie in die Tür­kei oder in den Liba­non abschie­ben wür­de, bei­des sei ihr fremd. Hameln sei ihre Hei­mat, viel­leicht noch Han­no­ver, aber nicht Bei­rut. "Der Liba­non ist mein Vater­land, aber Deutsch­land mein Mut­ter­land. Hier bin ich auf­ge­wach­sen", sagt Demir. Demir denkt auf Deutsch. Sie kön­ne gar nicht anders, sagt sie. Sie kön­ne noch nicht ein­mal flie­ßend Ara­bisch spre­chen, lesen oder schreiben.

Nils Hoff­mann, Per­so­nal­rat der Kli­nik, hat sich schon im Jahr 2019 dem Fall Demir ange­nom­men. Schon damals gab es Pro­ble­me mit der Aus­län­der­be­hör­de und einer Dul­dung, die aus­lief. Im Novem­ber aber sei er kurz sprach­los gewe­sen, als er hör­te, dass Demir abge­scho­ben wer­den soll. Dabei ist Hoff­mann eigent­lich nie­mand, der kei­ne Wor­te fin­det. Wenn er von der Aus­län­der­be­hör­de spricht, benutzt er Begrif­fe wie "Frech­heit", "Skan­dal" oder "beschä­mend". Demir nennt ihn "mei­nen Hel­den". Wenn Hoff­mann das hört, lacht er laut und sagt: "Sie sind hier die Hel­din." Als Demir den Brief der Behör­de erhielt, traf sie sich mit Hoff­mann, brach­te ihm alle Ord­ner und Doku­men­te vor­bei. Hoff­mann han­del­te sofort, schrieb Kom­mu­nal­po­li­ti­ker an, ver­fass­te eine Peti­ti­on. Heu­te sitzt er in sei­nem Büro, blickt auf sein Smart­phone und grinst. "Wir haben die 17.000 gera­de geknackt", sagt Hoff­mann. So vie­le Men­schen haben sei­ne Peti­ti­on namens Eine unbe­fris­te­te Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung für Farah Demir in weni­ger als einer Woche unter­schrie­ben. "Das macht mich schon stolz", sagt Hoffmann.

Die Kli­nik steht hin­ter Demir
Er ist für mehr als 10.000 Ange­stell­te des gro­ßen Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums mit­ver­ant­wort­lich, sozu­sa­gen einer der Chefs des größ­ten Betriebs­rats der Stadt. Ein Mann, der den Kopf ein­zieht, wenn er durch eine Tür geht, und im Sit­zen durch sei­ne tie­fe Stim­me auf­fällt. "Demir hat einen Fest­ver­trag im öffent­li­chen Dienst und ein Füh­rungs­zeug­nis, aus­ge­stellt von einer deut­schen Behör­de. Und sie soll kei­ne Iden­ti­tät haben?", sagt Hoffmann…

Mitt­ler­wei­le spricht die Aus­län­der­be­hör­de in einer Stel­lung­nah­me, die ZEIT ONLINE vor­liegt, nicht mehr davon, dass eine Abschie­bung zeit­nah anste­he. Sie weist aber dar­auf hin, dass Demir "kein Auf­ent­halts­ti­tel erteilt wer­den kann, solan­ge sie nicht einen Pass vor­legt". Auch schreibt die Behör­de wei­ter­hin, dass "Per­so­nen mit unge­klär­ter Iden­ti­tät die Aus­übung einer Beschäf­ti­gung nicht mehr gestat­tet wer­den darf". Die Frist zur Ein­rei­chung der Doku­men­te hat die Aus­län­der­be­hör­de um vier Wochen nach hin­ten auf den 20. Janu­ar verlegt.

Wie Demir aber bis dahin an einen gül­ti­gen Pass kom­men soll, steht in der Stel­lung­nah­me nicht…«

9 Antworten auf „Mitten in der Krise: Krankenpflegerin soll abgeschoben werden“

  1. Das ist ein­fach nicht nach­voll­zieh­bar. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass die Aus­län­der­be­hör­de in sol­chen Fäl­len kei­nen Hand­lungs­spiel­raum haben soll.
    Nur weil jemand aus büro­kra­ti­schen Grün­den kei­nen Pass bekommt, wird er doch nicht auto­ma­tisch illegal…?!
    Was für "Appa­rat­schiks" sind das, die sol­che Ent­schei­dun­gen treffen?
    Sehr gut passt dazu die Mel­dung über die Beför­de­rung des Weiß­hel­me-Chefs Saleh plus Fami­lie mit einer Bun­des­wehr-Maschi­ne nach Deutsch­land, ent­ge­gen der ent­schie­de­nen Beden­ken des Ver­fas­sungs­schut­zes, wegen der isla­mis­tisch- dschi­ha­dis­ti­schen Ein­stel­lung Salehs.
    Da fällt mir nichts mehr ein.
    https://​www​.welt​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​a​r​t​i​c​l​e​2​2​2​0​3​3​9​3​4​/​S​y​r​i​e​n​-​F​u​e​h​r​e​n​d​e​s​-​M​i​t​g​l​i​e​d​-​d​e​r​-​W​e​i​s​s​h​e​l​m​e​-​i​n​-​D​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​e​i​n​g​e​t​r​o​f​f​e​n​.​h​tml

  2. Als IS-Kämp­fe­rin mit Nah­kampf­erfah­rung wäre hät­te sie sofort 'ne Lob­by. Die Welt lacht sich schlapp, wen wir ins Land las­sen und nicht abschie­ben, und wer gar nicht zu uns kom­men will und wen wir ver­grau­len oder abschieben.

    1. @Johannes Schu­mann
      Asyl­recht hat nichts damit zu tun, ob Men­schen "nett" sind oder ob Deutsch­land sie brau­chen kann. Son­dern mit Flucht­grün­den und Staatsangehörigkeit!
      Wenn ein IS-Kämp­fer also deut­scher Staats­bür­ger ist und in ande­ren Län­dern Unheil anrich­tet, ist nicht ein­zu­se­hen, war­um das Land, dass er damit beglückt hat, ihn auch noch behal­ten soll­te. Oder sind sie der Auf­fas­sung, dass es Län­der geben soll­te, in die das "gute" Deutsch­land" sei­ne unlieb­sa­men Staats­bür­ger ent­sor­gen kön­nen sollte?
      Da wäre ich vor­sich­tig, sonst fin­den sich Quer und Den­ker aller Her­künf­te plötz­lich in der Wüs­te wieder.
      Im Übri­gen ein Ver­fah­ren, man nennt das auch DEPORTATION, das z.B. Isra­el prak­ti­zie­ren möch­te, aber – noch nicht oder nicht mehr, da bin ich nicht ganz auf dem Lau­fen­den – darf:
      https://​info​.arte​.tv/​d​e​/​i​s​r​a​e​l​-​k​e​i​n​-​g​e​l​o​b​t​e​s​-​l​a​n​d​-​f​u​e​r​-​m​i​g​r​a​n​ten
      Auch Aus­tra­li­en prak­ti­ziert das und ist des­we­gen umstritten:
      https://​www​.deutsch​land​funk​.de/​a​u​s​t​r​a​l​i​e​n​s​-​u​m​s​t​r​i​t​t​e​n​e​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​s​p​o​l​i​t​i​k​-​b​e​t​r​e​t​e​n​.​7​2​4​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​2​1​252

  3. Nicht jeder zu Unrecht Abzu­schie­ben­de ist ein Intensivpfleger.

    Im Tages­spie­gel schreibt ein Pfle­ger namens Ricar­do Lan­ge (der Mit­ar­bei­ter einer Leih­ar­beits­fir­ma ist) wöchent­lich über sei­ne Erfah­run­gen auf einer Inten­siv­sta­ti­on in einem Level-2-Kran­ken­haus. Level-2-Kran­ken­häu­ser sind in der Kran­ken­haus-Covid-19-Ver­ord­nung Ber­lins sol­che, die "vor­ran­gig die inten­siv­me­di­zi­ni­sche Behand­lung von an Covid-19 erkrank­ten Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten." über­neh­men sollen.

    Rica­do Lan­ge berich­tet also wöchent­lich über die dor­ti­gen Erfah­run­gen mit schwe­ren Covid-Fäl­len und den all­täg­li­chen und dank feh­len­der ech­ter Not­fall-Pla­nung und Umset­zung exis­tie­ren­den Missständen.

    Am 1. April berich­tet er:
    "„Seit Jah­ren wird das Gesund­heits­sys­tem kaputt gespart und das Per­so­nal ver­heizt. Das Wort Frei­zeit und Fami­lie ken­nen vie­le schon gar nicht mehr. […] Was bringt mir das Geklat­sche, wenn sich für uns wei­ter­hin nichts ändert?“
    Lan­ge rech­net damit, dass es in sei­ner Bran­che wei­ter­hin Per­so­nal­man­gel geben wird. „Und gera­de jetzt, wo wir am meis­ten Unter­stüt­zung brau­chen fehlt es an allem. Die Per­so­nal­un­ter­gren­ze wur­de auf­ge­ho­ben, jetzt muss jede Pfle­ge­kraft wie­der mehr Pati­en­ten versorgen.“
    Was sei­ne Arbeit außer­dem erschwe­re: Es feh­le an Schutz­klei­dung. Pro Schicht bekom­me jede*r nur eine Schutz­mas­ke. Ange­hö­ri­ge von Patient*innen hät­ten außer­dem Mas­ken geklaut. "
    https://​uto​pia​.de/​k​r​a​n​k​e​n​p​f​l​e​g​e​r​-​c​o​r​o​n​a​v​i​r​u​s​-​f​a​c​e​b​o​o​k​-​p​o​s​t​-​1​8​1​8​52/

    Am 23. Novem­ber, also fast 8 Mona­te spä­ter, berich­tet er:
    "Ich hat­te auch davor schon mit kran­ken und anste­cken­den Pati­en­ten zu tun. Etwa sol­che mit Tuber­ku­lo­se oder resis­ten­ten Kei­men. Der Unter­schied ist jetzt nur: Davor war immer aus­rei­chend Schutz­aus­rüs­tung und Per­so­nal vor­han­den. Das war zu Beginn der Pan­de­mie anders.
    Was mich viel­mehr beschäf­tigt als das Anste­ckungs­ri­si­ko: Es wur­den noch immer kei­ne neu­en Kon­zep­te vor­ge­legt. Es gibt kei­ne Anrei­ze, jetzt den Pfle­ge­be­ruf zu ergrei­fen. Ganz im Gegen­teil. Statt­des­sen sol­len sogar infi­zier­te Pfle­ger und Ärz­te wei­ter­ar­bei­ten. Die Poli­tik begrün­det all ihre Ent­schei­dun­gen, all die­se Maß­nah­men damit, dass das Coro­na­vi­rus gefähr­lich ist, theo­re­tisch für jeden. Aber wenn ein Pfle­ger oder Arzt infi­ziert ist, soll er trotz­dem zur Arbeit erschei­nen – das passt doch nicht zusammen!"
    "Ein Teil der Inten­siv­bet­ten, die da immer ver­mel­det wer­den – das sind in Wahr­heit kei­ne Bet­ten auf Inten­siv­sta­tio­nen. Das sind Not­fall­bet­ten. Pro­vi­so­risch geschaf­fe­ne Beatmungs­plät­ze. Auf ande­ren Sta­tio­nen, in ande­ren Räu­men. Die sind viel­leicht mit Beatmungs­ge­rä­ten aus­ge­stat­tet – aber das reicht ja nicht. Es braucht auch geschul­tes Per­so­nal. Weil das meis­tens fehlt, wer­den Pati­en­ten mitt­ler­wei­le teil­wei­se von Per­so­nal betreut, das kei­ne oder nur sehr wenig Erfah­rung mit Inten­siv­pa­ti­en­ten hat. Auch wenn noch eine erfah­re­ne Pfle­ge­kraft da ist und sie beauf­sich­tigt. Die müs­sen dann plötz­lich Dia­ly­sen machen, Pati­en­ten beatmen – obwohl sie das vor­her nie getan haben. Sie sind mit Krank­heits­bil­dern kon­fron­tiert, die sie vor­her nie gese­hen haben und müs­sen plötz­lich in einem Drei-Schicht-Sys­tem arbeiten.

    Und, ein wei­te­rer Punkt: 

    Vie­le ver­ste­hen gar nicht, was die Zah­len eigent­lich bedeu­ten. Wenn ich sage, dass wir bei­spiels­wei­se 25 Covid-Pati­en­ten auf unse­rer Inten­siv­sta­ti­on haben – dann bekom­me ich als Reak­ti­on häu­fig ein „Echt, nur?“. Vie­len sind die Ver­hält­nis­se gar nicht klar. 

    Die Inten­siv­sta­tio­nen waren ja vor Coro­na schon voll. Da waren viel­leicht ein, zwei Bet­ten frei. Aber nicht mehr. Es gibt auf der gan­zen Welt ver­mut­lich nicht eine Inten­siv­sta­ti­on, die vor Coro­na 25 freie Bet­ten hat."

    Es hat sich nichts getan. Dumm ist nur, dass man ihn auf zwei Wei­sen zu miss­brau­chen ver­sucht, seit­dem er berichtet:

    1. die, die tat­säch­lich mei­nen , er wür­de lügen und ihn des­we­gen beschimp­fen, aber auch

    2. die, die ihm zwar zuhö­ren, aber Cher­ry-picking betrei­ben und so von den Miss­stän­den auf die Kri­ti­ker umlen­ken wol­len, wie der Focus – so:

    FOCUS: Wie könn­te man es den Men­schen begreif­li­cher machen, was das Virus wirk­lich bedeutet?

    Lan­ge: Das ist schwie­rig. Men­schen, die das Virus nicht sehen, die ver­ste­hen es auch nicht. Aber ich habe es gese­hen. Ich habe mit­er­lebt, wie schnell es gefähr­lich und töd­lich wird.

    Letz­te­res ein gefun­de­nes Fres­sen. Er arbei­tet mit man­gel­haf­ter Aus­stat­tung in einem Level-2-Kran­ken­haus, auf der Inten­siv­sta­ti­on. Dort sind nur gefähr­lich Erkrank­te, auch sol­che, die schwer an Covid erkrankt sind. Ist es das, was "das Virus wirk­lich bedeu­tet", wie FOCUS unter­schiebt, oder ist es ein Zusam­men­fal­len von Schwerst­kran­ken mit Planungsversagen?

    Es mag Leu­te geben, die dumm genug sind zu behaup­ten, dass es Coro­na nicht gibt oder dass schwe­re Fäl­le erfun­den sind. Und es gibt Leu­te, die nicht begrei­fen (wol­len), dass sich Regie­rungs­ver­sa­gen UND die schwe­ren Fäl­le poten­zie­ren, son­dern glau­ben machen wol­len, dass Covid so schlimm sei, dass selbst eine gut­her­zi­ge und intel­li­gent vor­sor­gen­de Regie­rung über­for­dert ist.

    Letz­te­res ist in jedem Fall und jeder Hin­sicht ein Fake.

    Gegen­bei­spiel: http://​www​.tra​vel​me​di​cus​.com/​c​o​v​-​i​d​1​9​/​c​o​v​-​i​n​t​e​r​v​i​e​w​/​i​n​d​e​x​.​php

    Zum Zuhö­ren, das die arme Frau Kanz­le­rin ver­ge­bens bei sich anmahnt, wür­de noch ein zwei­tes Latein gehö­ren: "Dili­gen­tia quam in suis ". Das bedeu­tet, bei der Ver­an­wor­tung als Regie­rung die sel­be Sorg­falt auf­zu­brin­gen, die man auch in eige­nen Ange­le­gen­hei­ten wal­ten lässt. Mit dem Ziel, wirk­lich Lösun­gen zu schaf­fen, anstatt immer wie­der alle nach hau­se zu schi­cken, bis irgend­ein Impf­stoff Wun­der vollbringt.

  4. Doch noch zur Sto­ry der ZON.

    Die Schil­de­rung ist ein wenig selt­sam. Grund­sätz­lich ent­spricht es der recht­li­chen Logik in D: wer sein Her­kunfts­land nicht nach­wei­sen kann, soll hier auch nicht arbei­ten dür­fen. Das ist von der Absicht geprägt zu ver­hin­dern dass sog. Wirt­schafts­flücht­lin­ge (ein Euphe­mis­mus ange­sichts oft , aber nicht immer, bit­te­rer Armut im Her­kunfts­land) Päs­se "ver­lie­ren", um nicht abge­scho­ben wer­den zu kön­nen (… wohin, wenn die Her­kunft unklar ist?) und hier Geld zu verdienen.
    Das wie­der­um führt ange­sichts der behä­bi­gen Behör­den­ver­fah­ren samt der Tat­sa­che, dass jede Ent­schei­dung "von oben" abge­si­chert sein muss, häu­fig (!) dazu, dass sol­che Ver­fah­ren 3 – 5 Jah­re dau­ern. Auch die berüch­tig­ten Abschie­be­flü­ge nach Afgha­ni­stan waren z.T. davon geprägt. Hin­ter­grund von Tra­gö­di­en aller Art, dass die Ver­fah­ren oft tat­säch­lich oder "mora­lisch" man­gel­haft sind, den Flucht­grün­den nicht wirk­lich gerecht wer­den, nach Sche­ma F erfol­gen und viel zu lan­ge dauern.
    Hier sol­len es gar 34 Jah­re gewe­sen sein bei einer Frau, die mit 2 Jah­ren nach Deutsch­land kam. Im Bericht ist die Rede von ein­ge­zo­ge­nen Päs­sen und dem Auf­tau­chen der Namen in tür­ki­schen Regis­tern. Bei den ein­ge­zo­ge­nen Päs­sen muss es sich um die der Eltern han­deln, denn die Frau selbst hat ja kei­nen. Da es kei­ne tür­ki­schen sind, han­delt es sich wohl um ein Dub­lin-Pro­blem: für die Eltern wäre womög­lich die Tür­kei zustän­dig gewe­sen, sie sind aber nach Deutschland.
    Dass sie also kei­nen Pass bean­tra­gen kann, hal­te ich für eine Ente: es gibt Kon­su­la­te, die genau dafür auch da sind. Nur: wenn sie es tut und einen erhält, was zu erwar­ten ist (!), kann sie arbei­ten, aber auch jeder­zeit abge­scho­ben werden.
    Durch die extrem lan­ge Zeit und die Umstän­de ist sie m.E. ein Fall für eine Här­te­fall­kom­mis­si­on – oder ein Kirchenasyl 🙂
    So jeden­falls gehen die Regu­la­ri­en – an denen man viel kri­ti­sie­ren kann, aber: dass sie nicht weiß, WIE sie zu einem Pass kom­men kann, ist m.E. eine "Ente", die sich ein Jour­na­list zusam­men­ge­reimt hat.

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