Schnelltests außer Kontrolle

»Nicht nur Ärz­te und Apo­the­ker bie­ten Bür­ger­tests an, son­dern auch Fri­seu­re oder Café­be­trei­ber. Recher­chen von WDR, NDR und SZ zei­gen, wie unkon­trol­liert das Gan­ze abläuft.

Wer kos­ten­lo­se Bür­ger­tests anbie­ten will, braucht meist kaum Vor­aus­set­zun­gen: Ein Online-Kurs über die Abstrich-Ent­nah­me reicht vie­ler­orts aus und schon kann man beim Gesund­heits­amt einen Antrag auf Eröff­nung eines Test­zen­trums stel­len – was dann meist ohne Schwie­rig­kei­ten auch geneh­migt wird. So ver­zeich­ne­te allein Nord­rhein-West­fa­len Mit­te März noch 1862 Test­stel­len, Mit­te April waren es dann 5776 und Mit­te Mai bereits 8735, wie das Minis­te­ri­um für Arbeit, Gesund­heit und Sozia­les (MAGS) auf Anfra­ge mit­teilt.«

»Aus Steuergeldern bezahlt

Abrech­nen kön­nen die Test­stel­len pro Bür­ger­test 18 Euro, die sich auf­tei­len in zwölf Euro für die eigent­li­che Tes­tung und bis zu sechs Euro für das Mate­ri­al. Einen Über­blick, wie viel Geld inzwi­schen für die­se Tests aus­ge­ge­ben wur­den, ist schwer zu bekom­men. Baden-Würt­tem­berg teilt mit, dass es im April 62 Mil­lio­nen Euro waren, in Bay­ern waren es bis Mit­te Mai mehr als 120 Mil­lio­nen Euro. Ver­teilt wird das Geld über die Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen, die sich aber jeden Euro wie­der aus Steu­er­mit­teln erstat­tet bekom­men über das Bun­des­amt für Sozia­le Sicherung. 

Weder die Gesund­heits­äm­ter noch die Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen oder das Bun­des­amt und schon gar nicht das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um füh­len sich zustän­dig, zu kon­trol­lie­ren, ob bei der Abrech­nung alles kor­rekt läuft. Der Grund für die­sen Miss­stand liegt bereits in der Test­ver­ord­nung des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums. Dort heißt es in Para­graf 7, Absatz 4 aus­drück­lich: "Die zu über­mit­teln­den Anga­ben dür­fen kei­nen Bezug zu der getes­te­ten Per­son aufweisen."

Vergütung ohne Belege

Mit ande­ren Wor­ten: Die Test­zen­tren dür­fen kei­ne Namen und kei­ne Anschrift der Getes­te­ten über­mit­teln, sie müs­sen noch nicht mal nach­wei­sen, dass sie über­haupt Anti­gen­tests ein­ge­kauft haben. Statt­des­sen reicht es, wenn sie den Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen ledig­lich die nack­te Zahl der Getes­te­ten ohne jeg­li­chen Beleg über­mit­teln – und schon bekom­men sie kur­ze Zeit spä­ter das Geld überwiesen. 

Nur weni­ge Bun­des­län­der wis­sen über­haupt, wie vie­le Bür­ger­tests bei ihnen täg­lich stattfinden…

Vom Immobilienunternehmer zum Testcenterbetreiber

Inha­ber von Medi­Can ist der Immo­bi­li­en­un­ter­neh­mer Oguz­han Can, der bis 2019 auch Auf­sichts­rats­chef des Fuss­ball-Regio­nal­li­gis­ten Wat­ten­scheid 09 war. Auf sei­ner Web­site coro​na​test​-eu​.com fin­den sich immer­hin 54 Test­zen­tren in 36 Städ­ten Deutsch­lands, Schwer­punkt ist NRW. Vie­le die­ser Test­stel­len fin­den sich auf den Park­plät­zen von Bau­märk­ten, eine davon auch in Gie­ven­beck, einem Stadt­teil von Müns­ter. Von 8 Uhr mor­gens an zäh­len die Repor­ter am Frei­tag den 14. Mai etwas mehr als 100 Per­so­nen an den bei­den Test­zel­ten. Um 19 Uhr wird die Test­sta­ti­on geschlos­sen. Ans Minis­te­ri­um mel­det Medi­Can für die­sen Tag aber 422 Bürgertests. 

Eine Woche spä­ter ein ande­rer Stand­ort: Mars­dorf, ein Außen­be­zirk von Köln. Vor dem "Roller"-Markt steht ein roter Medi­Can-Bus. Das Test­zen­trum hat dies­mal von 10 bis 20 Uhr geöff­net. In die­ser Zeit kom­men rund 80 Per­so­nen vor­bei, um sich tes­ten zu las­sen. Für die­sen Tag mel­det Medi­Can an das Minis­te­ri­um aller­dings 977 Personen. 

Drit­ter Stand­ort: Ikea in Essen. Am Sams­tag, den 22. Mai, ist der Andrang groß, offi­zi­ell öff­net die Test­stel­le um 10 Uhr, doch schon 20 Minu­ten zuvor tes­tet Medi­Can bereits. Bis 20 Uhr las­sen sich hier etwa 550 Men­schen tes­ten. Doch ans Minis­te­ri­um mel­det Medi­Can für die­sen Tag an die­sem Ort nicht 550, son­dern 1743 Bürgertests.

Zahlen lediglich zusammengefasst?

Bei den Zah­len han­delt es sich um kei­ne Aus­rei­ßer. Auch an den Tagen davor und danach wer­den ähn­lich hohe Test­zah­len gemel­det. Mit den Zäh­lun­gen kon­fron­tiert, erklärt Medi­Can-Inha­ber Can: "Die Test­zah­len stim­men im Gan­zen, aber nicht auf die ein­zel­nen Stand­or­te bezo­gen." Das lie­ge dar­an, dass "die Tes­tun­gen in eini­gen Städ­ten mit meh­re­ren Stand­or­ten auch zusam­men­ge­fasst über­mit­telt wer­den". Dies erfol­ge "in Abspra­che mit den Behörden". 

Zuständige Ämter dementieren

Doch stimmt das? In Müns­ter erklärt das Gesund­heits­amt, dass Medi­Can nur über zwei Test­stel­len ver­fügt. Für bei­de mel­det das Unter­neh­men hohe Zah­len. Dass es mit dem Behör­den abge­spro­chen sei, Zah­len aus einem Stand­ort bei einem ande­ren drauf­zu­schla­gen, weist die Stadt Müns­ter zurück…

Keine positiven Tests

Fra­gen wer­fen auch die Test­ergeb­nis­se auf: So hat Medi­Can am Stand­ort Müns­ter-Gie­ven­beck inner­halb einer Woche 3600 Bür­ger­tests gemel­det, dar­un­ter war aber kein ein­zi­ger posi­ti­ver. Am Stand­ort Köln Mars­dorf war unter den 9200 Bür­ger­tests inner­halb der ver­gan­ge­nen Woche eben­falls kein ein­zi­ger posi­tiv und in Essen bei Ikea waren von 12.199 dort gemel­de­ten Bür­ger­tests genau 12.199 negativ.

Auf Nach­fra­ge erklärt Can, dass es "seit ca. Anfang Mai sehr sehr weni­ge posi­ti­ve Tests" gebe. "Wir soll­ten alle froh sein, dass die Inzi­denz­wer­te in Deutsch­land zurück gehen." Laut dem inter­nen Dash­board des NRW-Minis­te­ri­ums wur­de lan­des­weit bei etwa jedem 350. Bür­ger­test ein posi­ti­ves Test­ergeb­nis ent­deckt, am Mitt­woch die­ser Woche war einer von 700 Tests positiv…

"Es war Wildwest"

Die Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen selbst hal­ten sich für Kon­trol­len aller­dings für unzu­stän­dig und von Abrech­nungs­be­trug hät­ten sie auch noch nichts gehört, wie sie in ihren offi­zi­el­len Ant­wor­ten mit­tei­len. Ledig­lich unter der Hand und ohne Namens­nen­nung räumt ein hoch­ran­gi­ger Funk­tio­när ein: "Ich schät­ze, dass allein im Mai 50 bis 60 Mil­lio­nen Bür­ger­tests abge­rech­net wer­den, also Kos­ten von rund einer Mil­li­ar­de Euro ent­ste­hen. Aber im Som­mer wird die­ser Markt zusam­men­bre­chen, weil dann nie­mand mehr so einen Test braucht. Am Ende wird man auf die Tests schau­en wie auf die Mas­ken: Die Poli­tik brauch­te ganz drin­gend gro­ße Men­gen, es war Wild­west, vie­le Glücks­rit­ter und Betrü­ger dräng­ten in den Markt und es gab kei­ne ver­nünf­ti­ge Kontrolle."

Nach­dem WDR, NDR und SZ Fra­gen zu dem Unter­neh­men gestellt hat, kün­dig­te die Stadt Müns­ter an, der Fir­ma Medi­Can die Beauf­tra­gung für die dor­ti­gen Test­cen­ter zu ent­zie­hen.«

Das berich­tet tages​schau​.de am 27.5.

13 Antworten auf „Schnelltests außer Kontrolle“

  1. Ich bin auf der drin­gen­den Suche nach dem Wurm­loch, durch das ich die­ses völ­lig irre Par­al­lel­uni­ver­sum, in das ich irgend­wie gera­ten bin, wie­der ver­las­sen kann. Hilfe!!

    1. Das Loch ist im Kopf. Dahin­ter ein Micro­schal­ter "Invers". Mit Hil­fe einer Büro­klam­mer betä­ti­gen und so sämt­li­che Irri­ta­tio­nen löschen.

  2. Boah, wenn das nicht gewich­tigs­te Grün­de sind, den Jen­si zu beför­dern? Könn­te er nicht WHO Gene­ral­se­kre­tär wer­den? Oder gleich einen neu zu schaf­fen­den, qua­si maß­ge­schnei­der­ten Pos­ten wie z.B. »Panga­lac­tic Ambassa­dor For Viral Manage­ment And Mone­ta­ry Hygie­nic« bekommen?

  3. Bei die­ser hohen Zahl ist es unmög­lich das es kein positives(falsches)Ergebnis gibt.Can hät­te sich mal bes­ser infor­mie­ren sollen…

  4. "Die Test­zah­len stim­men im Gan­zen, aber nicht auf die ein­zel­nen Stand­or­te bezo­gen." Das lie­ge dar­an, dass "die Tes­tun­gen in eini­gen Städ­ten mit meh­re­ren Stand­or­ten auch zusam­men­ge­fasst über­mit­telt wer­den". Dies erfol­ge "in Abspra­che mit den Behörden". 

    - Zah­len­über­mitt­lung: Vom RKI ler­nen heißt sie­gen lernen!

    Wenn ein Herr von der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung sowas doch nur offen – nicht anonym – sagen dürfte:

    "Am Ende wird man auf die Tests schau­en wie auf die Mas­ken: Die POLITIK brauch­te ganz drin­gend gro­ße Men­gen, es war Wild­west, vie­le Glücks­rit­ter und Betrü­ger dräng­ten in den Markt und es gab kei­ne ver­nünf­ti­ge Kontrolle."

    - dann wür­de man sich viel­leicht mal mit den tra­di­ti­ons­deut­schen "Unter­neh­mern" befas­sen, anstatt Klein­vieh wie das tür­kisch betrie­be­ne Test­cen­ter zu jagen.
    Fir­ma Can nutzt doch nur Mög­lich­kei­ten, die der ganz gro­ße Betrug eröff­net hat!

  5. Irre!

    Man muss sich immer wie­der ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass die­se Situa­ti­on wil­lent­lich so ent­glei­sen gelas­sen wur­de. Und dass die­ses Cha­os als Recht­fer­ti­gung dafür genom­men wird, den Wahn­sinn weiterzuführen.

  6. Ein Blick nach hin­ten, Jahr 2011, Inter­view FR mit Wirt­schafts­kri­mi­na­list Uwe Dolata:

    Wel­ches ist der kor­rup­tes­te deut­sche Wirtschaftszweig?

    Die größ­te Bau­stel­le im Bereich der Kor­rup­ti­on ist das Gesund­heits­we­sen. Hier gibt es die meis­ten Schmier­geld­emp­fän­ger. Ob Ärz­te, Hör­ge­rä­te­akus­ti­ker, Phy­sio­the­ra­peu­ten, Kur­zen­tren, Apo­the­ken, Kran­ken­häu­ser oder eben die berüch­tig­ten Phar­ma­kon­zer­ne, alle Berei­che sind von Kor­rup­ti­on betroffen.

    Wie viel Geld geht im Gesund­heits­we­sen dadurch verloren?

    Genau kann man es nicht sagen, weil die Dun­kel­zif­fer sehr hoch ist. Aber wir spre­chen von vie­len Mil­li­ar­den. Die Schät­zun­gen gehen von 13,5 bis 20 Mil­li­ar­den Euro, die jähr­lich dem deut­schen Gesund­heits­we­sen dadurch ent­ge­hen. Aber ich war­ne immer davor, mit die­sen Zah­len zu ope­rie­ren, weil die Dun­kel­zif­fer in die­sem Bereich bei 97 Pro­zent liegt. Dann sind die­se Zah­len mehr oder min­der ein Blick in die Glaskugel.
    https://​www​.fr​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​g​e​l​e​g​e​n​h​e​i​t​-​m​a​c​h​t​-​d​i​e​b​e​-​1​1​7​1​8​2​6​5​.​h​tml

  7. Unglaub­lich! Für jedes 50-Cent-Bröt­chen muss der Bäcker einen Beleg mit Trans­ak­ti­ons­num­mer und allem Schnick­schnack erstel­len. Und bei den Tests kann man ein­fach wünsch-dir-was abrech­nen? Wie stüm­per­haft wird es denn noch?

  8. Nur, um mal kurz auf die Unmög­lich­keit des Aus­blei­bens posi­ti­ver Ergeb­nis­se hin­zu­wei­sen: Ich habe das mal aus­ge­rech­net. Es ist völ­lig offen­sicht­lich, dass die­se Tests nichts als Betrug sind. 

    (Ach­tung, der Link geht auf einen Text, der bewusst kei­ne duden­kon­for­me Recht­schrei­bung benutzt und einen gene­rell etwas rot­zi­gen Ton­fall hat. All­er­gi­ker mögen bit­te Abstand davon nehmen!)

  9. Bun­des­rech­nungs­hof beauf­tra­gen ,um die Kos­ten der Schnell­tests offen­zu­le­gen. BGM ist dafür zuständig..die müs­sen die Daten bringen.

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