Thesenpapier Nr. 7 von Prof. Schrappe & Co.

Das Papier ist überschrieben

»Sorgfältige Integration der Impfung in eine umfas­sen­de Präventionsstrategie
Impfkampagne resi­li­ent gestal­ten und wis­sen­schaft­lich begleiten
Aufklärung und Selbstbestimmung beach­ten«

Als Motto wird ihm vorangestellt:

»„Was jetzt fehlt, ist eine Kommunikation dar­über… ins­be­son­de­re ein gera­de­zu täg­li­cher und wöchent­li­cher Hinweis dar­auf, dass das Ziel aller Maßnahmen die Beendigung aller Maßnahmen ist – das habe ich noch nicht gehört.“
Markus Gabriel, Philososph, Universität Bonn In: Corona. Sicherheit kon­tra Freiheit. ARTE 10.11.2020, 20:15, Min. 52:16«

»Zusammenfassung

Die SARS-CoV‑2/CoViD-Epidemie hat sich, zumin­dest in Deutschland, zu einer hand­fes­ten Krise aus­ge­wach­sen, die Konsequenzen gra­vie­ren­der poli­ti­scher Fehlentscheidungen wer­den offenbar. 

Obwohl von Anfang an klar erkenn­bar war, dass es sich um eine „Epidemie der Alten“ han­delt, und man alle Zeit gehabt hät­te, sich mit gut zuge­schnit­te­nen Präventionsprogrammen auf Herbst und Winter vor­zu­be­rei­ten (und die Intensivkapazitäten zu sichern), ist nichts gesche­hen – außer einer sich per­p­etu­ie­ren­den Aneinanderreihung von Lockdowns. Die Sterblichkeit der über 70-Jährigen liegt Ende 2020 bei über 88% der CoViD-19-beding­ten Gesamtsterblichkeit (genau bei 31.402 Todesfällen in die­ser Altersgruppe von ins­ge­samt 35.452), und die Verantwortlichkeit hier­für liegt nicht in der Biologie eines Erregers begrün­det, son­dern in der Verantwortung der poli­tisch Handelnden. 

In einer sol­chen Situation fällt es nicht leicht, eine dif­fe­ren­zier­te Stellungnahme zu einem Thema wie der Impfung zu ver­fas­sen, das nur einer dif­fe­ren­zier­ten Betrachtung zugäng­lich ist. Die Autorengruppen sieht jedoch hier­zu einen gewich­ti­gen Grund, denn es droht wie­der­um die Reduktion auf einen ledig­lich klei­nen Ausschnitt des Themas. So wie die Rezeption der Corona-Krise als eines „apo­li­ti­schen“ bio­lo­gi­schen Ereignisses, den man mit täg­li­chen Zahlenwerten bei­zu­kom­men meint, eine unge­mei­ne Missachtung der epi­de­mio­lo­gi­schen (und his­to­ri­schen) Grundeinsicht dar­stellt, dass jeg­li­che Epidemie ein sozia­les Ereignis (mit bio­lo­gi­schem Auslöser) dar­stellt, so weit ist die Ansicht von der Realität ent­fernt, eine Impfkampagne sei letzt­lich nur ein „klei­ner Piks“ in den Oberarm. 

Das hier vor­ge­leg­te 7. Thesenpapier geht daher von einer ein­fa­chen, aber weit­rei­chen­den Begriffsklärung aus: die Impfung (umfas­send Entwicklung, Prüfung und Applikation eines oder meh­re­rer Impfstoffe) ist klar von der Impfkampagne zu tren­nen, die die gesam­te Umsetzung im Alltag der medizinisch/pflegerischen Versorgung und des gesell­schaft­li­chen Umfeldes betrifft. Ebensowenig wie eine Epidemie aus der Perspektive von Gensonde und Computermodellen zu ver­ste­hen ist, ist es bei der Etablierung und Bewältigung einer Impfkampagne – einer der gewal­tigs­ten Unternehmungen, der sich eine Gesellschaft stel­len kann – nicht aus­rei­chend, einen Impfstoff zur Vefügung zu haben, son­dern man muss die viel­fäl­ti­gen, kon­flikt­rei­chen, grund­rechts­be­zo­ge­nen und ethi­schen Konflikte in der Organisation, Vermittlung, Erfolgskontrolle, über­haupt in der Zieldefinition einer sol­chen Kampagne zum Gegenstand der Überlegungen machen. 

Zum Gegenstand der Überlegungen, und damit zum Gegenstand des gesell­schaft­li­chen Diskurses: das Thesenpapier hat wie­der sei­ne Dreiteilung von Epidemiologie, Prävention und Gesellschaftspolitik ange­nom­men, und des­halb soll­te man mit der Lektüre viel­leicht beim letz­ten Kapitel begin­nen, dort wo zwei Beiträge den gesell­schafts­po­li­ti­schen Background beleuch­ten. Durch die Epidemie ist es zu einer Fragmentierung der Gesellschaft in Gruppen („Clans“) gekom­men, die sich in ers­ter Linie in der Abgrenzung gegen­über dem „Außen“ sta­bi­li­sie­ren und das Interesse an der Integration dis­kor­d­an­ter, „nicht pas­sen­der“ Meinungen ver­lo­ren haben. Es wird die Tendenz sicht­bar, der einen Seite exklu­siv Vernunft und wis­sen­schaft­li­che Fundierung zuzu­spre­chen, der ande­ren Seite hin­ge­gen Unvernunft und den Hang zur Verschwörungstheorie. Die dabei ins Spiel kom­men­de Vorstellung von Wissenschaft als geschlos­se­ne Faktenordnung mit direkt ableit­ba­ren Handlungsanweisungen ruht auf einem szi­en­tis­ti­schen (und solu­tio­nis­ti­schen) Missverständnis des­sen, was Wissenschaft dar­stellt – es ist näm­lich das kon­sti­tu­ti­ve Prinzip des sys­te­ma­ti­schen Zweifels, das Wissenschaft als plu­ra­les Wissensregime aus­macht. Dieses Missverständnis erfüllt eine rela­tiv prä­zi­se zu benen­nen­de poli­ti­sche Funktion: näm­lich die der argu­men­ta­ti­ven Schließung und der Abwehr bzw. Abwertung von Kritik. Damit begibt sich die libe­ra­le Gesellschaft einer ihrer wert­volls­ten Ressourcen – dem kri­ti­schen öffent­li­chen Diskurs. Verfangen in den bekann­ten media­len Aufmerksamkeitszyklen und der bis­he­ri­gen Kurzatmigkeit der poli­ti­schen Maßnahmen hat sich die wis­sen­schafts­jour­na­lis­ti­sche Berichterstattung zur Corona-Pandemie bis­lang nur sel­ten von sol­chen ver­ein­fa­chen­den Zuschreibungen frei gezeigt. In pra­xi hat die­se Einengung und Störung des Diskurses zu einer Einengung der Problemlösungen und zur Eindimensionalität des Vorgehens geführt, ein schwer­wie­gen­der Mangel, gera­de im Hinblick auf die Problemlösungskomptetenz, die wir heu­te zur Bewältigung der CoronaKrise und spe­zi­ell zur erfolg­rei­chen Durchführung einer Impfkampagne drin­gend brauchen. 

Die epi­de­mio­lo­gi­sche Situation ist wei­ter­hin bedrü­ckend. Unter den fort­ge­setz­ten Lockdowns scheint sich in meh­re­ren Ländern eine täg­li­che Melderate von 20 bis 30/100.000 Einwohoner [so im Original, AA] ein­zu­stel­len, was unter der Annahme einer Dunkelziffer von 5 in Deutschland etwa der Zahl von 1 Mill. Neuinfizierten pro Woche ent­spricht. Die Risiken der Infektion sind jedoch extrem ungleich ver­teilt, die rela­ti­ve CoViD-19-asso­zi­ier­te Sterblichkeit (bezo­gen auf die Größe der Alterskohorten) liegt in der Alterskohorte über 90 Jahre in der 52. KW bei 17%, zwi­schen 80 und 89 bei 13% sowie zwi­schen 70 und 79 Jahren bei 6,5%, dem­ge­gen­über für die unter 40jährigen nur zwi­schen 0,002 und 0,09%. Bevor wie­der Einzelfallberichte vor­ge­tra­gen wer­den, die das Gegenteil bewei­sen sol­len: natür­lich gibt es auch Todesfälle und schwe­re Krankheitsverläufe unter den Jüngeren, aber in der Abwägung in einer epi­de­mi­schen Situation, in der guter Rat extrem teu­er ist, muss es Grundlage des Handelns sein, dort anzu­set­zen, wo das Problem – mit Abstand! – am größ­ten ist. Und: wenn wir meh­re­re Millionen von Personen mit ande­ren Erkrankungen mit ähn­li­cher Altersverteilung zum Vergleich her­an­zie­hen – auch dort gibt es Opfer unter den Jüngeren, das macht (hier wäre der Begriff rich­tig) die „Biologie“ einer (Infektions-)Erkrankung aus. 

Der Mittel- und damit auch Schwerpunktteil die­ses 7. Papiers ist in Fortsetzung von Thesenpapier 5 wie­der­um der Prävention gewid­met. Die zen­tra­le Aussage geht von einer Einheit von nicht-phar­ma­ko­lo­gi­scher Prävention in all­ge­mei­ner und spe­zi­fi­scher (Zielgruppen-ori­en­tier­ter) Ausprägung auf der einen Seite und Impfung bzw. Impfkampagne auf der ande­ren Seite aus: „sorg­fäl­ti­ge Integration der Impfung in eine umfas­sen­de Präventionsstrategie“, so der Untertitel des Papiers. Nur in Kombination der Ansätze kann eine Wirkung erzielt wer­den, die Impfung allein kann es nicht rich­ten, allein schon wegen der Personen, die ent­we­der eine Kontraindikation gegen die Impfung auf­wei­sen, bei denen die Impfung kei­nen Schutz zu Folge hat oder die eine Impfung ableh­nen. Die bis­he­ri­gen Präventionmaßnahmen müs­sen wei­ter im Spiel blei­ben und vor allem hin­sicht­lich des Schutzes der vul­nerablen Bevölkerungsgruppen lau­fend ange­passt wer­den; sie müs­sen aller­dings auch mit dem Impferfolg abge­stimmt wer­den, um einen Verlust der Motivation zu vermeiden. 

Besonders deut­lich wird dies in den Pflegeheimen. Am 5. Januar 2021 waren allein in den Pflegeheimen kumu­la­tiv 10.149 CoViD-19-asso­zi­ier­te Todesfälle auf­ge­tre­ten, ent­spre­chend 28% aller CoViD-19-Todesfälle in Deutschland (n = 36.537 Todesfälle). Auch mit Start der Impfungen sind daher par­al­lel­lau­fend alle prä­ven­ti­ven Maßnahmen in Pflege- und Behinderteneinrichtungen, in Kliniken und im ambu­lan­ten Versorgungssetting – bis nach einer Durchimpfung ent­spre­chen­de Erkenntnisse vor­lie­gen – durch­zu­füh­ren. Dazu gehö­ren neben den AHA Regeln das Tragen von FFP2-Masken, das regel­haf­te Testen vor allem von ein­tref­fen­den Besuchern, Beschäftigten und Leistungserbringern im jewei­li­gen Versorgungsbereich. Spezifische Präventionsmaßnahmen sind im Thesenpapier 5.0 dar­über hin­aus beschrie­ben und die­nen der Risikovorsorge bei vul­nerablen Gruppen und ent­spre­chen­den Institutionen. Entsprechende Unterstützung der Heime mit Personal und finan­zi­el­len Mitteln ist unverzichtbar. 

Zur Frage Wirkung einer Impfung sind natür­lich die Wirksamkeitsdaten aus den Zulassungsstudien von prio­ri­tä­rer Bedeutung. Wichtig ist die Tatsache, dass die Endpunkte der vor­lie­gen­den Studien sich nicht auf die Infektion mit SARS-CoV‑2/CoViD oder die Infektiosität bezie­hen, son­dern auf das Auftreten einer sym­pto­ma­ti­schen Erkrankung bei infi­zier­ten Personen. Die Zulassungsstudie für den BNT162b2-Impfstoff von BioNTech/Pfizer wur­de mit 43.548 Personen durch­ge­führt (21.720 Verum, 21.728 Placebo) und zeig­te 162 CoViD-19 sym­pto­ma­ti­sche Infektionen in der Placebogruppe gegen­über 8 sym­pto­ma­ti­schen Infektionen in der Verumgruppe. Bei der Auswertung der Ergebnisse für die über 65 Jährigen wird die Wirksamkeit noch mit über 94 Prozent ange­ge­ben, bei noch älte­ren Personen sinkt die Wirksamkeit, zudem sind zu weni­ge Personen betei­ligt, um exak­te Aussagen tref­fen zu kön­nen. Der Impfstoff mRNA-1273 von Moderna (30.420 Teilnehmer, 1:1 ran­do­mi­siert) zeig­te 185 sym­pto­ma­ti­sche Infektionen in der Placebogruppe gegen­über 11 in der Verumgruppe, schwe­re Erkrankungverläufe (z.B. mit Hospitalisierung) tra­ten bei kei­nem Erkrankten in der Verum- und bei 30 Erkrankten in der Plazebogruppe auf. Angaben wie „95%iger Schutz“ bezie­hen sich also auf das Verhältnis von sym­pto­ma­ti­schen Verläufen bei infi­zier­ten Personen zwi­schen Verum (8 bzw. 11) und Plazebo (162 bzw. 185), nicht auf das Auftreten einer rei­nen Infektion mit SARS-CoV‑2/CoViD (oder gar die Infektiosität). Bei Infektion mit SARS-CoV‑2/CoViD haben Geimpfte also ein 20mal nied­ri­ge­res Risiko einer sym­pto­ma­ti­schen CoViD19-Erkrankung als nicht Geimpfte. Die wis­sen­schaft­li­chen Kommentare zu den Zulassungsstudien kon­zen­trier­ten sich auf die Darstellung der Wirksamkeit und die bestehen­den Defizite in der Beurteilbarkeit von uner­wünsch­ten Wirkungen ein­schließ­lich gra­vie­ren­der all­er­gi­scher Reaktionen, die eine metho­disch „belast­ba­re“ und von den phar­ma­zeu­ti­schen Herstellern unab­hän­gi­ge Begleit- und Versorgungsforschung unver­zicht­bar machen. Dabei soll­ten die in der Zwischenzeit eta­blier­ten und bewähr­ten Analysen auf Basis der Sekundärdaten von Krankenkasse als wich­ti­ge und ver­füg­ba­re Ressource ein­ge­bun­den wer­den. Die Krankenversicherungskarte kann dabei für die Identifikation der Geimpften und den ggf. behand­lungs­be­düf­ti­gen Folgen der Impfung eine rele­van­te Hilfe sein, da in den Kassendaten die jewei­li­gen ICDs doku­men­tiert sind. Die deut­sche Ärzteschaft war bis­her, soweit es Nebenwirkungen von Arzneimittel betrifft, nach bis­he­ri­gen Erfahrungen nicht sehr mel­de­wil­lig. Diese Meldebereitschaft muss deut­lich durch Überzeugungsarbeit und ggfls. Vergütung ver­bes­sert werden. 

Wenn man sich von der Impfung der Gestaltung einer Impfkampagne zuwen­det, ste­hen natür­lich in ers­ter Linie die orga­ni­sa­to­ri­sche Umsetzung und die Lösung von Konflikten über den Zugang und die Fairness der Verteilung im Vordergrund. Die Impfbereitschaft der deut­schen Bevölkerung mit COVID-10-Impfstoff ist nicht sta­bil und kann kurz­fris­tig von emo­tio­na­len und media­len Einflüssen beein­flusst wer­den. Es bedarf einer umfas­sen­den sach­li­chen und offe­ne­ren Informationskampagne, damit mög­lichst vie­le Personen eine infor­mier­te Entscheidung tref­fen kön­nen. Die Impfung ist, zumin­dest in der ers­ten Phase, aus­schließ­lich eine spe­zi­fi­sche Präventionsmaßnahme für beson­ders infek­ti­ons­an­fäl­li­ge Personengruppen (Individualschutz). Eine bevöl­ke­rungs­pro­tek­ti­ve Wirkung (Gemeinschaftsschutz) ist bis heu­te nicht gesi­chert und soll­te von daher nicht als Motivation für die Impfung öffent­lich betont wer­den. Es geht inso­fern um die Schutzwirkung des Einzelnen, (noch) nicht um den der Gesellschaft. Impfstoff darf nur nach kla­ren wis­sen­schaft­lich begrün­de­ten Kriterien prio­ri­siert wer­den. Ein „frei­er Markt“ für Impfstoff wür­de beson­ders in der Frühphase der Impfkampagne den gesell­schaft­li­chen Konsens extrem gefähr­den und ist mit staat­li­chen Mittel a prio­ri zu unter­bin­den. Die Personengruppen der höchs­ten Priorität erfor­dern eine beson­de­re logis­ti­sche und kom­ple­xe Impforganisation. Einem Angehörigen pro Bewohner/In in Altenpflegeinrichtungen ist eben­falls eine Impfung anzu­bie­ten. Mit wei­ter­ge­hen­den Differenzierungsnotwendigkeiten und einem deut­lich höhe­ren Zeitaufwand ist zu rechnen. 

Ein wei­te­rer zen­tra­ler Punkt ist die Aufklärung zur Impfung. Die indi­vi­du­el­le Aufklärung der zu Impfenden ist ein wich­ti­ger Prozess und Teil der not­wen­di­gen all­ge­mei­nen Information und Beratung der Menschen über die Impfstoffe. Aufklärung ist ein Teil der Legitimation der Impfung und ihrer Praxis. Der Umfang und der Inhalt der Aufklärung über den zu appli­zie­ren­den Impfstoff sind abhän­gig von unse­rem Wissen über sei­ne Eigenschaften. Die Aufklärung ist Teil der ärzt­li­chen Behandlung = Impfung auf ver­trag­li­cher Basis. Jede zu imp­fen­de Person hat Anspruch auf die per­sön­li­che indi­vi­du­el­le Aufklärung im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt. Merkblätter/Formulare oder Videos über die Impfstoffe kön­nen das indi­vi­du­el­le Gespräch mit dem Arzt nicht erset­zen, son­dern bes­ten­falls vor­be­rei­ten. Ein Verzicht auf die per­sön­li­che Aufklärung ist nur aus­drück­lich mög­lich, nicht allein in einem Formular. Mit der Entwicklung der Kenntnisse über die Eigenschaften der Impfstoffe in der Anwendungspraxis hat sich die Aufklärung an die­se Kenntnisse anzu­pas­sen. Die Aufklärung ist ein dyna­mi­scher Prozess. Nicht nur die Erkenntnisse aus dem Impfstoffstudien sind rele­vant, son­dern auch alle neu­en Erkenntnisse aus der Anwendung der Impfstoffe in der Praxis der Impfung. 

Die orga­ni­sa­to­ri­sche Umsetzung und die Einbeziehung der Patienten z.B. im Rahmen der Aufklärung sind wich­ti­ge Bestandteile der Impfkampagne. Diese ist als „kom­ple­xe Mehrfachintervention“ zu ver­ste­hen: die Kampagne selbst besteht aus zahl­rei­chen Einzelelementen und ist in ein brei­tes Spektrum von Einflussfaktoren (Kontext) ein­ge­bun­den. Eine Impfkampagne ist kein Selbstläufer, sie kann auf­grund zunächst ver­nach­läs­sig­bar erschei­nen­den Ereignissen oder Veränderungen der Haltung von Einzelnen oder Gruppen Schaden neh­men oder gar schei­tern. Zusätzlich zur o.g. Analyse von Outcome-Daten zum Impfschutz und Unerwünschten Wirkungen bedarf es daher einer zeit­na­hen Begleitforschung, die nicht nur bio­me­di­zi­ni­sche Faktoren (Immunitätsstatus, Erkrankungen, Entwicklung von Mutationen etc.) in den Blick nimmt (so wich­tig die­se sind), son­dern ganz zen­tral sozi­al- und geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Perspektiven ein­nimmt. Im Sinne der Implementierungsforschung soll­te eine Begleitforschung von vor­ne­her­ein in die Planung der Kampagne inte­griert wer­den, denn so dürf­te man in der Lage sein, Frühwarnzeichen für Störungen der Kampagne oder sogar ein dro­hen­des Schweitern [so im Origial, AA] auf­zu­de­cken. In dem vor­lie­gen­den Thesenpapier wer­den ins­ge­samt 10 Kernanforderungen an ein sol­ches Programm formuliert. 

Wir stel­len wei­ter­hin ein metho­di­sches Gerüst vor, das die Wirkung einer Impfkampagne zu pro­gnos­ti­zie­ren hilft. Natürlich ist die Wirkung der Impfung, so wie in den Zulassungsstudien beschrie­ben (und noch beschrie­ben wer­den muss), ein wich­ti­ger Bestandteil, aber min­des­tens eben­so wich­tig ist die Erreichbarkeit der Bevölkerung durch die Impfkampagne und die infor­mier­te Entscheidung für oder gegen die Impfung durch die­je­ni­gen, die sich ent­spre­chend bera­ten las­sen. Die Evaluation der Wirkung der Impfstoffe erfolgt dabei nach Maßgabe der Evidenz-basier­ten Medizin und den Grundsätzen der Durchführung kli­ni­scher Studien. Die Evaluation der Impfkampagne ein­schließ­lich aller Umgebungsfaktoren ist (noch) auf­wen­di­ger. Hier sind zum Beispiel auch die „Impfverweigerer“ ein­zu­schlie­ßen, denn jede Impfkampagne muss mit der Ablehnung einer Impfung rech­nen und dies in die Beurteilung der Gesamtintervention ein­be­zie­hen. Eine Impfung, die in der Studie hoch­gra­dig effek­tiv erscheint, kann im Alltag der Umsetzung durch Fehler in der Kommunikation oder durch bestimm­te Unerwünschte Wirkungen mit dar­aus resul­tie­ren­der hoch­gra­di­ger Ablehnungsquote wir­kungs­los blei­ben. Statt der bio­me­di­zi­nisch her­ge­lei­te­ten Wirksamkeit spie­len hier auch Fragen der Einstellung und „Haltung“ eine gro­ße Rolle. Man weiß aus ande­ren Zusammenhängen (z.B. Händedesinfektion im Krankenhaus zur Prävention nos­o­ko­mia­ler Infektionen) sehr genau, wel­che zen­tra­le Rolle die­ser Einstellungsebene zukommt. 

Es ist also wün­schens­wert, eine Impfkampagne so zu pla­nen, dass sie durch eine hohe Resilienz aus­ge­zeich­net ist, also einer mög­lichst gro­ßen Elastizität gegen­über Störungen und Konflikten, die ihren Erfolg schmä­lern kön­nen. Drei Anforderungen las­sen sich ableiten: 

A die Kohärenz der Einzelfaktoren ist zu fördern; 

B die Einzelfaktoren sind an einem Rahmenkonzept (Ziel und Strategie) auszurichten; 

C eine iso­lier­te Erfolgskontrolle über Einzelfaktoren ist nicht sinn­voll bzw. soll­te ver­mie­den werden. 

Die Einzelfaktoren, aus denen sich eine Impfkampagne zusam­men­setzt, las­sen sich zunächst in 7 gro­ße Gruppen unter­tei­len (s. Kasten S. 89). Sie sind jedoch nicht als sta­tisch anzu­se­hen, son­dern inter­agie­ren, ver­än­dern sich und unter­lie­gen mul­ti­plen Rückkopplungseffekten, die am bes­ten durch das Throughput-Modell beschrie­ben wer­den kön­nen (s. Kap. 3.4.2). Die ent­schei­den­de Aufgabe für die Planung einer Impfkampagne besteht dar­in, die genann­ten Einzelfaktoren schlüs­sig mit­ein­an­der zu ver­bin­den und ent­spre­chend der Zielvorstellung auszurichten. 

Die Darstellung eines Rahmenkonzeptes stellt die zen­tra­le Aufgabe der poli­ti­schen Führung dar. Dieses Konzept muss die Formulierung eines Zieles und der Strategie umfas­sen. Unter den drei Möglichkeiten „Durchmarsch“, Integration in ein umfas­sen­des Präventionskonzept unter dem Begriff der „Stabilen Kontrolle“ und einer Minimallösung (begrenzt auf Risikogruppen) sticht die Stabile Kontrolle als sinn­volls­te Strategie her­vor. Zunächst impo­niert die Impfung bzw. Impfkampagne als Verstärkung der Zielgruppenorientierten, spe­zi­fi­schen Prävention, wird im Verlauf aber immer mehr als all­ge­mei­ne Präventionsmaßnahme („für alle“) ver­stan­den wer­den. Von ent­schei­den­der Bedeutung ist die Lösung von Ziel- und Umsetzungskonflikten, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Anreize, der Motivation, der Konflikte mit ande­ren gesell­schaft­li­chen Zielen (z.B. Datenschutz), der Integration von Nicht-Geimpften und in der Kommunikation von Wirkung und uner­wünsch­ten Wirkungen. 

Eine Erfolgskontrolle der Impfkampagne anhand eines Einzelkriteriums (wie z.B. der Impfquote) ist drin­gend zu ver­mei­den, da sie stör­an­fäl­lig ist und u.U. zu fal­scher Sicherheit Anlass gibt. Die Impfquote kann z.B. bei früh­zei­ti­ger Impfung jün­ge­rer Personen sehr rasch gestei­gert wer­den, obgleich die Morbidität und Mortalität dadurch nicht güns­tig beein­flusst wird. Die sinn­vol­le­re Alternative besteht in der Nutzung eines mul­ti­di­men­sio­na­len Scores, wie er hier bei­spiel­haft vor­ge­schla­gen wird (S. 95). 

Eine kom­ple­xe Mehrfachintervention wie eine Impfkampagne ist eine pri­mär sozia­le Intervention und basiert auf meh­re­ren Voraussetzungen, von denen die trans­pa­ren­te Formulierung rea­lis­ti­scher Ziele an ers­ter Stelle steht. Die ver­läss­li­che Rückkopplung des Erfolges und ein Führungsverständnis, das sich als Rahmengeber für die Peripherie ver­steht und fal­sche bzw. vor­zei­ti­ge Festlegungen ver­mei­det, sind wei­te­re Voraussetzungen. Die Skizzierung von sol­chen stra­te­gi­schen Zielen ergibt einen kla­ren Befund: die Impfung der Hochrisikogruppen wird kurz-mit­tel­fris­tig zu einer Reduzierung der Mortalität und Morbidität, aber nicht der Melderaten füh­ren: selbst bei Annahme einer hohen Wirksamkeit der Impfung auf die Rate der Infektionen (die Zulassungsstudien bezie­hen sich nur auf die sym­pto­ma­ti­schen Verläufe bei bereits Infizierten) wer­den in der ers­ten Märzwoche nur rund 20.000 von ins­ge­samt 150.000 gemel­de­ten Infektionen (13%) ver­hin­dert (Bezug KW 51/2020), in den Alterskohorten über 80 Jahre wer­den aber 3.200 von 4.700 Sterbefällen (68%) ver­hin­dert. Dies ist ein wei­te­res Argument dafür, die Melderate und die dar­aus abge­lei­te­ten Grenzwerte im Begründungsszenario der poli­ti­schen Führung zu relativieren. «

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