Noch ein Wunder: "In Uruguay von Krise keine Spur"

Schon am 7.9. war auf tagesschau.de zu lesen – inter­es­sant ist die Begründung:

»Während Brasilien die welt­weit zweit­meis­ten Toten in Verbindung mit dem Coronavirus ver­zeich­net, sind es in Uruguay gera­de mal 44 Tote. Nicht pro Tag, son­dern ins­ge­samt, seit Beginn der Pandemie. Von den nicht ein­mal 2000 Infizierten seit März sind die meis­ten wie­der gene­sen. Uruguay hat es – fast wie durch ein Wunder – geschafft, die Corona-Krise pro­blem­los zu bewältigen.

Dabei muss­te Präsident Luis Lacalle Pou zu kei­nem Zeitpunkt har­te Quarantäne-Maßnahmen erlas­sen. Zwar wur­den im März die Grenzen dicht gemacht, der Gesundheitsnotstand ver­hängt und vor­über­ge­hend die Schulen geschlos­sen, doch einer Ausgangssperre erteil­te der Konservative Lacalle Pou eine Absage. Diese galt in Ländern wie Argentinien und Peru mehr als vier Monate lang ohne Ausnahmen. Dennoch stei­gen dort der­zeit die Corona-Zahlen. Peru ist welt­weit sogar der Flächenstaat mit der höchs­ten Sterblichkeit.«

Die Zahlen der Johns Hopkins Universität von heu­te benen­nen 2.145 "Fälle" und 48 Tote.

»Kaum Slums, kaum infor­mell beschäf­tig­te Quarantänebrecher
Was in Uruguay den Unterschied aus­macht, kann man schon bei der Fahrt durch den klei­nen Agrarstaat sehen: Es gibt nur weni­ge der dicht besie­del­ten Elendssiedlungen, die im Nachbarland Brasilien an Straßenrändern all­ge­gen­wär­tig sind. Dort, wo man sie antrifft, kommt flie­ßen­des Wasser aus der Leitung – kei­ne Selbstverständlichkeit in Lateinamerika und in der Pandemie ein ent­schei­den­der Faktor bei der Bewältigung der Krise und der Einhaltung der Hygienemaßnahmen.

Generell ist Uruguay mit sei­nen 3,5 Millionen Einwohnern dünn besie­delt. Und es hat im Vergleich zu den meis­ten Ländern der Region rela­tiv weni­ge infor­mell Beschäftigte. Das macht den Unterschied aus zu Staaten wie Peru, Chile oder Brasilien, wo sich vie­le Menschen eine frei­wil­li­ge Quarantäne schlicht nicht leis­ten konn­ten, weil sie auf ihren täg­li­chen Verdienst ange­wie­sen sind.

Robustes Gesundheitswesen – und ein nied­ri­ge­res Sozialgefälle
Dazu kommt, dass Uruguays lin­ke Vorgänger-Regierungen mehr als 15 Jahre lang in den Sozialstaat inves­tiert hat­ten, ohne dabei wie Argentinien in eine Schuldenfalle zu gera­ten. Uruguay zeich­net sich inner­halb Lateinamerikas durch ein höhe­res Bildungsniveau, ein nied­ri­ge­res sozia­les Gefälle und ein robus­tes Gesundheitswesen aus, für das der uru­gu­ay­ische Staat bereit ist, mehr Geld in die Hand zu neh­men als ande­re Staaten der Region. Bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf liegt Uruguay in Südamerika mit Abstand an der Spitze.

Auch die Wissenschaft wur­de struk­tu­rell gestärkt – und nicht kaputt­ge­spart, wie es der­zeit in Brasilien der Fall ist. Als das Virus Uruguay im März erreich­te, ent­wi­ckel­te eine Gruppe von Forschern am Institut Pasteur die ers­ten Tests. Die Regierung konn­te auf einen wis­sen­schaft­li­chen Beraterstab zurück­grei­fen, dank dem kur­ze Zeit spä­ter flä­chen­de­ckend Tests zur Verfügung stan­den. Dazu wur­den die Infektionswege von Anfang an nach­ver­folgt. Ein Vorgehen, das in Brasilien oder Peru kaum stattfand.

Politische Stabilität, die in der Region ihres­glei­chen sucht
Uruguay ist nicht zum ers­ten Mal der Vorreiter in Lateinamerika: Das Land war zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der ers­ten lai­zis­ti­schen Staaten der Region. Das Wahlrecht für Frauen wur­de damals ein­ge­führt. Während Brasilien und Argentinien der­zeit hef­tig über das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche debat­tie­ren, haben die Uruguayer die­se längst ver­bind­lich im Gesetz ver­an­kert. Uruguay war zudem das ers­te Land, das Marihuana lega­li­siert und regu­liert hat – eine Maßnahme, die in der Gesellschaft weit­ge­hend akzep­tiert wird…

In kei­nem Land des Kontinents gibt es ein der­art hohes Grundvertrauen der Bürger in den Staat wie in Uruguay.

So konn­te in Uruguay der Schulunterricht längst wie­der los­ge­hen. In Argentinien und Bolivien ist der­zeit dar­an kaum zu den­ken. Auch Einkaufszentren, Parks und Restaurants sind geöff­net – unter ande­rem des­we­gen wird die Wirtschaft 2020 wohl deut­lich weni­ger ein­bre­chen als anders­wo. Und: Von den Einreisesperren der Europäischen Union war nur ein Land in Südamerika aus­ge­nom­men: klar, Uruguay. Kein Wunder.«

Auch wenn der Artikel die Militärdiktatur von 1973–1985 aus­blen­det und etwa nicht berich­tet, daß der letz­te Präsident Uruguays José Mujica war, der wegen sei­ner poli­ti­schen Tätigkeit vier­zehn Jahre im Gefängnis ver­bracht hat­te, ver­hilft er doch zu inter­es­san­ten Erkenntnissen. Der Umgang mit Corona ist ganz ent­schei­dend eine sozia­le Frage, nicht nur eine medi­zi­ni­sche. Das soll­te die Bewegung gegen die Regierungsmaßnahmen auch hier stär­ker beachten.

(Hervorhebungen nicht in den Originalen.)

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