Dem "Spiegel" nicht alles glauben

Natürlich darf man dem "Spiegel" nicht alles glau­ben. Selbstredend ver­folgt er eine Agenda, wenn er über die "Anti-Corona-Demos" schreibt. Spaltungsversuche haben schon immer zu den Maßnahmen gehört, unbe­que­me poli­ti­sche Bewegungen klein zu halten.

Und doch las­sen sich die Fakten nicht weg­dis­ku­tie­ren, die in einem Video von spie​gel​.tv ange­führt wer­den. Da gibt es den Antisemiten Nikolai Nerling, wie er am 29.8. auf der Hauptbühne der Querdenker herz­lich will­kom­men gehei­ßen wird. Dort befin­det sich auch Matthäus Westfal ("Aktivist Mann"), des­sen begeis­ter­tes Video vom "Reichstagstreppensturm" ("Das ist der Wahnsinn") bekannt wurde.

Es bleibt bei­des rich­tig: Die gro­ße Masse der Demonstrierenden hat mit Nazis und Reichsbürgern nichts am Hut. Mancher Veranstalter pflegt hin­ge­gen einen recht engen Umgang mit ihnen.

(Siehe dazu "Ich ken­ne kei­ne Parteien, ich ken­ne nur noch Deutsche" sagt nicht BallwegBallwegs Distanzierung vom "lie­ben Nikolai Nerling", Ballweg outet sich).

Zwei Argumente sind in die­sem Zusammenhang zu hören: Bei uns muß jeder mit­lau­fen dür­fen für die gute Sache, selbst Mörder und Pädophile. Tatsächlich ste­hen selbst ver­ur­teil­ten Gewalttätern die demo­kra­ti­schen Grundrechte zu. Niemand hat sie danach zu befra­gen oder sie des­halb aus­zu­gren­zen. Doch wie steht es mit Menschen, die bereit sind und das beken­nen, mör­de­risch und Kinder quä­lend fort­zu­fah­ren? Der zwei­te Fall spielt kei­ne Rolle auf der Demo, auf ein Kinderfest wür­de man sie den­noch nicht einladen.

Erstere gab es in Berlin in nicht ganz zu ver­nach­läs­si­gen­der Zahl. Die Höckes und Nerlings reden nicht nur, sie ver­tre­ten nicht nur eine Meinung. Sie sind Stichwortgeber für ras­sis­ti­sche und anti­se­mi­ti­sche Gewalttaten und bie­ten den Tätern ein pro­pa­gan­dis­ti­sches Umfeld.

Das zwei­te Argument lau­tet: Ich sehe die brau­nen Gestalten auch nicht ger­ne, aber soll ich sie etwa weg­prü­geln? Da muß sich jeder und jede selbst ent­schei­den, wie er mit Nazis umge­hen will, nicht nur auf einer Demo. Sagt man der Kollegin sei­ne Meinung, die gegen "die kri­mi­nel­len Ausländer" hetzt, oder behält man sie für sich? Läßt man den Mob, der Flüchtlingsheime bela­gert und wo er kann anzün­det, gewäh­ren oder stellt man sich ihm in den Weg? Beim Nachbarn, der sich für den Kinderporno-Ring enga­giert, dürf­te die Antwort leich­ter zu geben sein.

Die Lösung kann nun nicht sein, den berech­tig­ten Protest gegen die Regierungs-Maßnahmen ein­zu­stel­len, weil sich Nazis ähn­lich äußern. Wer sich auf­macht, der Regierung nicht bedin­gungs­los zu fol­gen, soll­te aber auch Wege fin­den, Demo-Veranstaltern mit­zu­tei­len, was mit Einem geht und was nicht. Man kann nicht glaub­wür­dig wider­stän­dig sein und dann Parolen fol­gen, die nicht die eige­nen sind.

10 Antworten auf „Dem "Spiegel" nicht alles glauben“

  1. Sehr gute Einschätzung.
    Es ist mir schlei­er­haft, was sich man­che Menschen den­ken… Oder eben nicht. Wenn Herr Schiffmann sei­ne "Anhänger" auf­ruft eine "Querdenkerbömmel" zu tra­gen, dann hält der unbe­darf­te Dritte die­se Leute viel­leicht zu Recht für Deppen.
    Rechtes Gedankengut oder 5G Verschwörungstheorien auf der Bühne vor­zu­tra­gen, führt auch nicht unbe­dingt zu mehr Glaubwürdigkeit.
    Zum Spiegel… Jakob Augstein scheint eben­falls ein Kritiker der Coronapolitik unse­rer Regierung zu sein. Leider haben er und die ande­ren Erben nicht mehr das Sagen beim Verlag.

  2. Ich sehe es so: die wah­ren Verbrecher sit­zen der­zeit auf den Stühlen von Politik und lei­der auch Gericht.
    Einmal hier zuhö­ren bitte:
    https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​1​7​o​j​o​B​j​E​j​J​s​#​t​=​3​6​5​m​40s
    Es ist die Rede einer Mutter über das, was der­zeit (hier geht es um Niedersachen) Kindern in Deutschland ange­tan wird.
    Und zwar von Menschen, die weder als Mörder, noch als Pädophile, noch als "ech­te" Antisemiten oder sonst­was bezeich­net werden.
    Menschen, die der Autor ger­ne auf einer Demo neben sich hät­te, wenn ich das rich­tig verstehe.

    Deswegen sind die­se "Unterschiede" nicht von Belang, wenn es dar­um geht, gegen die­ses Unrecht zu protestieren.

    1. Dem muss ich voll zustimmen.
      Da wird sich über Nazis echauf­fiert, die angeb­lich irgend etwas zu sagen oder zu bewir­ken hät­ten – was ich per­sönlch aber sehr bezweifle.

      Aber was ist mit die­sen Verbrechern, die deut­sche Soldaten ins Ausland schi­cken um zu töten oder beim töten zu hel­fen? Was ist mit den Politikern, die eine Politik gestal­ten, die real tötet – hier und in der rest­li­chen Welt? Was ist mit den Politikern, die seit Jahren Sozialabbau, Aushöhlung der Demokratie, Primat der Wirtschaft über das Leben und über den Menschen ein­rich­ten, lega­li­sie­ren und durch­set­zen? Was ist mit den Politikern, die zwar schö­ne Reden schwin­gen, aber gleich­zei­tig über Freihandelsvertäge die Zerstörung der Natur und Umwelt, Globalisierung, welt­wei­ten Transportirrsinn, beför­dern? Und das sind nicht am wenigs­ten grü­ne Spitzenpolitiker.

      Diese Abziehbild-Nazis, die uns da stän­dig von Verfassungschutz und Medien vor­ge­gau­kelt wer­den, sind nichts als Buhmänner, die von den wirk­li­chen Verbrechen und Verbrechern ablen­ken sollen.

      Warum wur­de eigent­lich die Anti-Atomkraft-Bewegung nicht rechts unter­wan­dert? Das Thema wäre doch auch "rechts­an­schluss­fä­hig"? Meine Antwort: weil man damals noch nicht auf den Trichter gekom­men ist, oder viel­leicht noch nicht aus­rei­chend Personal auf­ge­stellt hat­te. Jeder, der nicht völ­lig hell­hö­rig wird, dass die NPD nicht ver­bo­ten wer­den konn­te, weil sie an der Spitze fast nur aus V‑Leuten bestand, hat die Signale ver­schla­fen. Und lässt sich von den Inszenierungen an der Nase herumführen.

  3. "Zwei Argumente sind in die­sem Zusammenhang zu hören: Bei uns muß jeder mit­lau­fen dür­fen für die gute Sache, selbst Mörder und Pädophile. "

    Falls sich das jetzt auf mei­nen Einlaß bezieht:

    Nein. Das habe ich nicht behaup­tet. Der leicht erschließ­ba­re Hintergrund mei­ner Post war, dass ich das nicht wis­sen kann – und es daher nichts zur Sache tut.

    Im Wesentlichen geht es dar­um, dass das Demonstrationsrecht ent­kernt wird, wenn man Demonstrationen auf her­aus­ge­grif­fe­ne Einzelpersonen redu­ziert. Das geht aber nicht. nicht die Einzelperson mit ihrem Standpunkt und ihrer Vielfalt an Meinungen und Einschätzungen ist für die Demonstration wesent­lich, son­dern der gemein­sa­me Nenner.

    Was ganz ande­res ist es, wenn Demos gezielt von Provokateuren ange­steu­ert wer­den. Was ist, wenn, wie von mir erlebt, sich eine Trüppchen von Vorzeigenazis (Glatze, schwar­ze Klamotten, "Sturm auf Berlin" auf dem T‑Shirt, ganz offen­sicht­li­che Hakenkreuze, die aller­dings nur teil­wei­ße auf­ge­druckt sind, aber jeder sie sofort so als sol­che erkennt) um eine Kundgebung her­um­drückt? dann noch mit einer pro­fes­sio­nel­len Video-Ausrüstung aus­ge­stat­tet. Ganz klar: die­se Leute, aus­staf­fiert wie aus dem Kleiderfundus eines Neonazi-Aufklärungsfilmes, sol­len Bilder von der Kundgebung UND SICH davor lie­fern. Und das erscheint dann in rech­ten Internetauftritten und wird dann von "lin­ken Antifa-Seiten" "gefun­den" und als "Beweis" für die Rechtslastigkeit ALLER Teilnehmer der Kundgebung gezeigt.

    Das Spiel über Bande ist nun ein­mal DAS Geheimdienst- und ver­deck­te Einflußnehmer-Spiel. Da greift ein (auch strunz­dum­mes) Rädchen ins andere.

    1. Es stimmt schon, es ist wich­tig, dass sol­che, viel­leicht nai­ven oder auch bewuss­ten ( das wird sich noch zei­gen), "Kumpelleien" man­cher Querdenker mit Leuten aus der rech­ten Szene auf­ge­zeigt wer­den. Und das wer­den sie ja auch. Von daher ist mei­ner Ansicht nach die Gefahr einer gro­ßen Unterwanderung der Corona-Kritiker-Bewegung durch rech­te Strömungen nicht wirk­lich gege­ben; hier wird der Großteil der DemonstrantInnen (mehr­heit­lich aus der Mitte der Gesellschaft) und der Medien eine Kurskorrektur bzw. kla­re­ren Standpunkt lang­fris­tig qua­si "erzwin­gen"… Wenn die Bewegung noch grö­ßer wird, wird sich mei­nes Erachtens auch noch die Spreu vom Weizen tren­nen. Ich sehe jeden­falls kei­ne Gefahr, dass die gan­ze Bewegung zu einem für unser Land bedroh­li­chen Teil nach rechts abdrif­ten könnte.
      Viel gefähr­li­cher, weil unter­schwel­lig, fin­de ich den laten­ten Rassismus, der sich ganz "unschul­dig" in letz­ter Zeit nie­der­schreibt: Der Spiegel schreibt heu­te, dass Europa nei­disch auf uns sei, da wir wirt­schaft­lich even­tu­ell bes­ser weg­kom­men als zum Beispiel Spanien etc. Tagesspiegel schreibt von den sich knut­schen­den Franzosen (anschei­nend ein unbe­lehr­ba­res Volk!) Und pri­vat habe ich sol­che Anmerkungen (ja die Italiener leben ja auch enger bei­sam­men und haben mehr Körperkontakt) jetzt auch schon gehört.… Was schluss­fol­gern wir dar­aus? Anscheinend sind wir doch ein biss­chen "bes­ser" als der Südländer…vernüftiger, disziplinierter.…und über­haupt! Wie wir die AHA-Regeln ein­ge­hal­ten haben. Beispiellos! Wie wir die Krise gemeis­tert haben !!! Da dür­fen wir uns mal rich­tig auf die Schulter klop­fen. Solche Aussagen fin­de ich gefähr­lich und arro­gant .… Unter dem Deckmäntelchen " na, wir kön­nen schon mal stolz auf uns sein, ist ja nicht ver­werf­lich, oder?" Wäre es auch nicht unbe­dingt, wenn wir unse­ren "Stolz" nur nicht immer aus der Abwertung der ande­ren spei­sen würden…

    1. @Marc: Wie nett, daß sich unter die­sem Beitrage dies fin­det: "Diese Veröffentlichung war sehr auf­wän­dig und hat uns allei­ne durch den Zeitaufwand eine Menge Geld gekos­tet. Wir kön­nen uns sol­che auf­wän­di­gen Recherchen auch nur leis­ten, weil wir weit­ge­hend auf Werbung ver­zich­ten und von Leser:innen finan­zi­ell unter­stützt wer­den. Mit einem Dauerauftrag und/oder einer Spende kannst Du / kön­nen Sie uns mehr Recherchen ermöglichen."

          1. Artikel nicht gele­sen? Der Sachverhalt, dass da Spenden ein­ge­wor­ben wer­den, ist nicht das Problem. Es geht um das wie, von wem und wofür – und v.a. um Transparenz, auf die Sie ansons­ten größ­ten Wert legen.

            Bin gespannt, wie lan­ge es noch dau­ert, bis die Leute mer­ken, dass sie da für dumm ver­kauft werden.

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