"Ich bin absolut ersetzbar."

Ignoriert man die Ungenauigkeiten von Google-Algorithmen, dann wid­men sich Medien in fast 2000-facher Zahl der neu­es­ten Schnapsidee des Chef-Perkolationisten. Bei den wenigs­tens han­delt es sich um Satiremagazine.

Noch bes­ser als das zur Schlagzeile geron­ne­ne Bekenntnis, er hal­te die von ihm erfun­de­ne "Vorquarantäne" für eine gute Idee, ist nur die Einsicht "Ich bin abso­lut ersetz­bar." Was noch die Hürden der Schlußredaktion von zeit.de genom­men hat, ist hier zusammengefaßt:

Das Magazin stellt Fragen, die uns alle bewe­gen. "Bei Kälte drin­nen im Restaurant sit­zen? Die geplan­te Party wirk­lich fei­ern?", aber auch:

»ZEIT ONLINE: Haben wir die Zügel in der aktu­el­len Phase noch in der Hand?

Drosten: Absolut. Die Frage ist: Wie viel Puffer haben wir, soll­te es wie­der mehr schwe­re Fälle geben, weil sich zuneh­mend wie­der mehr älte­re Menschen infi­zie­ren? Im Moment gibt es in der kli­ni­schen Versorgung noch ganz viel Puffer. Aber anders­wo in Europa sehen wir, dass die Stationen schon wie­der voll sind, etwa in Südfrankreich oder in Madrid. Das zu ver­mei­den, haben wir in der Hand.«

Das erzählt er nun schon fast ein hal­bes Jahr. Hier ist es noch ganz pas­sa­bel, aber Brasilien, aber Afrika, aber Schweden (war ein Scherz). "In Frankfurt ist der letz­te an Corona erkrank­te Altenpflegeheim­bewohner im Juno ver­stor­ben, und wir haben kei­ne wei­te­ren Einträge in die Altenpflegeheime." sagt die ehe­ma­li­ge stell­ver­tre­ten­de Leiterin des Gesundheitsamts Frankfurt/Main (s. Ist das der Anfang vom Ende der Corona-Hysterie?). Und der jet­zi­ge Leiter betont: "Bundesweit sind die Meldedaten ver­gleich­bar." (s. "PCR-Tests häu­fig falsch posi­tiv" sagt Chef des Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt).

Madrid?

Sicher weiß Drosten, was das Problem in Madrid ist, aber er ver­schweigt es. Am 24.9. war bei der Deutschen Welle zu lesen:

»Die Chirugin Ángela Hernández weiß ganz genau, wor­an es liegt: "Es fehlt medi­zi­ni­sches Personal an allen Ecken und Enden." Die 44-Jährige ist Vize-Präsidentin der Gewerkschaft AMYTS..

"Dass im März nie­mand mit der Pandemie gerech­net hat, obwohl sie sich ankün­dig­te, ist noch nach­zu­voll­zie­hen. Aber dass die Politiker nichts gelernt haben, ist ent­täu­schend", sagt die drei­fa­che Mutter, die nicht müde wird, dar­über zu kla­gen, wie schlecht das medi­zi­ni­sche Personal in den meis­ten der 17 auto­no­men Regionen Spaniens bezahlt wird…

Deutschland hat rund 34 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner, wäh­rend Spanien auf knapp zehn kommt. Während im Norden Europas die Krankenhäuser klei­ner und gerecht auf die Einwohner ver­teilt sind, bal­len sie sich in Spanien in den Großstädten. Auf dem Land fehlt dage­gen die Versorgung.«

Geht es nach der Bertelsmann-Stiftung, dann sol­len wir die­sen Zustand auch bald hier errei­chen. Behilflich sind die Privatisierungs-Phantasien von Charité und Dr. mm. Drosten* (sie­he Mehr privatisierenStudie von Charité Global Health und Bill Melinda Gates Foundation).

In einem sind wir auf jeden Fall den Spaniern vor­aus. "'Ab mor­gen kann man aus Berlin nach Madrid kom­men, aber nicht aus einem Vorort“, spot­te­te die Ministerpräsidentin [der Region Madrid] Isabel Díaz Ayuso". Das kann in Schleswig-Holstein nicht passieren.

In der Fabrik ist praktisch draußen

"Die Zeit" fragt, ob die Regeln wirk­lich schon streng genug sind.

»Drosten: Das kann kei­ner beur­tei­len, das müs­sen wir sehen. Sicherlich ist es sinn­voll, die Gruppengröße für geschlos­se­ne Räume zu begren­zen, denn das redu­ziert die Wahrscheinlichkeit von Superspreading-Ereignissen, bei denen ein Einzelner vie­le ande­re ansteckt. Aber man kommt bei sol­chen Regeln rela­tiv schnell in Unsicherheiten hin­ein. Da stel­len sich Fragen: Wie groß darf so eine Gruppe sein? Und was ist mit der Aufenthaltsdauer oder der Höhe des Raums? Ich war vor Kurzem auf einer Veranstaltung in einer Fabrikhalle. Die war so hoch, das war prak­tisch draußen.«

Was er da wohl getrie­ben hat? Die Redakteure verstehen.

»ZEIT ONLINE: Das heißt, man muss gewis­se Werte ein­fach will­kür­lich fest­le­gen?

Drosten: Genau, und das ist der Unterschied zwi­schen Wissenschaft und Politik. Ein Politiker muss prag­ma­tisch sagen: "Da ist jetzt mal die Grenze."«

Parameter spielen Fangen

»ZEIT ONLINE: Das wich­tigs­te Kriterium, ob stren­ge­re Maßnahmen ein­ge­führt wer­den, ist wei­ter­hin die Zahl der gemel­de­ten Neuinfektionen. Aber nicht jede davon führt zu einer schwe­ren Erkrankung. Wissenschaftler wie Hendrik Streeck for­dern des­halb, stär­ker auch ande­re Kriterien mit her­an­zu­zie­hen, etwa die Zahl der Krankenhauseinweisungen oder die Testpositivenrate, wie es etwa schon in Österreich pas­siert. Hielten Sie das für sinn­vol­ler als die aktu­el­le Hotspotstrategie?

Drosten: Es stimmt natür­lich: Nicht jeder Covid-19-Fall ist für das Ausbruchsgeschehen oder medi­zi­nisch gese­hen gleich rele­vant. Die Fallsterblichkeit unter­schei­det sich zwi­schen den Altersgruppen sehr stark. Alte Menschen ster­ben im Schnitt viel häu­fi­ger an einer Covid-Erkrankung als jun­ge, auf die in den letz­ten Monaten beson­ders vie­le Infektionen ent­fie­len. Ich kann des­halb ver­ste­hen, dass man gern einen Zusatzindikator hät­te, etwa die Bettenbelegung. Mein Einwand ist, dass die Neuinfektionen selbst schon ein nach­lau­fen­der Parameter sind.

ZEIT ONLINE: Was bedeu­tet das?

Drosten: Die Diagnose hat eine Verzögerung von einer Woche, teil­wei­se durch die Überlastung eini­ger Labore sogar etwas mehr. Ein Patient, bei dem heu­te das Coronavirus fest­ge­stellt wird, ist also ein Indikator dafür, wie viel an Virus vor einer Woche in der Gesellschaft unter­wegs war. Und die Bettenbelegung läuft noch län­ger nach, weil die Patienten oft erst eine Woche nach der Diagnose ins Krankenhaus müs­sen. Eine Möglichkeit für ein wei­te­res Kriterium wäre: Man könn­te nicht nur die Infizierten zäh­len, son­dern geson­dert auch die Infizierten über 50 Jahre. Anhand die­ser Zahl könn­te man gut pro­gnos­ti­zie­ren, mit wie viel schwe­ren Verläufen man dem­nächst rech­nen muss.«

Besser als drinnen essen eine Viertelstunde frieren und dann nach Hause gehen

»ZEIT ONLINE: … Welche Tipps haben Sie jen­seits der AHA-Regeln aus Abstand, Hygiene und Alltagsmasken oder des bes­se­ren Lüftens?

Drosten: Wichtig ist, dass wir alle mit­den­ken und ver­ste­hen: Wir haben es selbst in der Hand. Dann han­deln wir auch klug, selbst wenn wir unbe­ob­ach­tet sind. Es geht um vie­le klei­ne Alltagsentscheidungen. Wenn man zum Beispiel essen geht und die Frage auf­kommt: Sollen wir uns noch rein­set­zen, obwohl es drin­nen recht voll ist? Geht man rein oder sagt man: "Ja, es ist kalt, aber lasst uns doch noch eine Viertelstunde drau­ßen sit­zen und dann nach Hause gehen." Oder die Frage, ob man eine Party, die man geplant hat­te, wirk­lich fei­ern muss die­sen Winter, ob man für sie viel­leicht einen luf­ti­gen, beson­ders gro­ßen Raum fin­den kann oder sie auf nächs­tes Jahr ver­schiebt. Das sind ja alles Dinge, die sind nicht ver­bo­ten und die kann und will auch kei­ner regu­lie­ren. Es geht dar­um, dass wir alle die Lage ernst neh­men, wäh­rend wir ver­su­chen, einen nor­ma­len Alltag zu haben. Wir müs­sen alle dafür ein Augenmaß entwickeln.«

Seine Fabrikhalle böte sich für die Familienparty an, wenn man sie par­tout nicht auf nächs­tes Jahr ver­schie­ben will.

Endlich Vorquarantäne, Oma und Opa nicht mit sozialen Kontakten belasten

»ZEIT ONLINE: Wie soll es an Weihnachten wer­den, wenn ganz Deutschland zur Familie fährt und dann auch mit den Großeltern in Kontakt kommt? Lässt sich das risi­ko­är­mer gestalten?

Drosten: Ich hal­te das Prinzip der Vorquarantäne für eine gute Idee. Also dass Menschen eini­ge Tage, opti­ma­ler­wei­se eine Woche, vor dem Familienbesuch mit Oma und Opa sozia­le Kontakte so gut es geht ver­mei­den. Natürlich muss jeder im Einzelfall über­le­gen, wie das im Alltag umsetz­bar ist: Wie macht man das mit den Kindern, die in die Kita oder die Schule gehen? Und kann man vor dem Familienbesuch eini­ge Tage lang Besprechungen ver­mei­den oder ganz im Homeoffice arbei­ten, wenn der Beruf es zulässt?
Dann fährt man zu den Verwandten und hat im Hinterkopf, dass man sich in die­ser Woche mit weni­ger Kontakten wahr­schein­lich nicht infi­ziert hat. Wenn über­haupt, dann hat man sich viel­leicht eher in der Woche zuvor ange­steckt, und dass in die­sem Fall alle aus der Familie sym­ptom­frei blei­ben, ist eher unwahr­schein­lich. Das könn­te ein Ansatz sein für die kom­men­de Zeit, jetzt für die Herbstferien und viel­leicht auch für Weihnachten. Aber natür­lich gilt auch hier: Menschen müs­sen Risiken in einer Pandemie ein Stück weit selbst abwä­gen. Es gibt kei­ne tota­le Sicherheit, es blei­ben immer Restrisiken.«

Dinge verschleißen, besonders auf der Südhalbkugel

»ZEIT ONLINE: Umfragen zei­gen, dass wie­der etwas mehr Menschen in Deutschland glau­ben, ein hohes Ansteckungsrisiko zu haben. Gleichzeitig geben weni­ger Leute an, sich an die AHA-Regeln zu hal­ten. Können Sie nach­voll­zie­hen, dass man­che es schlei­fen las­sen oder aus­bre­chen wollen?

Drosten: Ja, das ist kom­plett mensch­lich. Und so etwas pas­siert natür­lich auch situa­tiv, zum Beispiel unter Alkoholeinfluss. Ich kann auch nach­voll­zie­hen, dass Dinge ver­schlei­ßen und dass man über den Sommer die Lage nicht ernst genom­men hat, weil die Krankheit nicht so stark sicht­bar war. Aber nun zeigt den Menschen der Blick ins euro­päi­sche Ausland, dass es auch wie­der schwie­ri­ge­re Situationen geben kann. Vielleicht soll­ten wir auch mehr auf die Südhalbkugel schau­en, die den Winter schon hin­ter sich hat. Argentinien zum Beispiel, ein Land mit ähn­li­cher Altersstruktur wie Deutschland, hat die Pandemie trotz eines lan­gen Lockdowns nur schwer unter Kontrolle gebracht.«

Deutschland hat die zweit­äl­tes­te Bevölkerung der Welt (Median 45,5), Argentinien liegt auf Platz 52 (Median 31,1). Paraguay hat nach dem Winter mit 10,80 weni­ger "an und mit Corona" Verstorbene pro 100.000 Ew. als Deutschland jetzt(11,32), im Kongo sind es 5.04, in Namibia 4,77 usw.

Die aber an dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. (Lukas 8,12)

»ZEIT ONLINE: Neben dem indi­vi­du­el­len Verhalten ist auch der sinn­vol­le Einsatz von Tests wich­tig. Aktuell über­ar­bei­tet die Politik die natio­na­le Teststrategie. Sind Sie dar­an beteiligt?

Drosten: Ich wer­de viel­leicht hier und da mal gefragt, was mei­ne Meinung ist. Und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Ich bin abso­lut ersetz­bar. Ich erwar­te, dass ich die Teststrategie das ers­te Mal sehe, wenn sie ver­öf­fent­licht wird.

ZEIT ONLINE: Was soll­te in der Teststrategie stehen?

Drosten: Mein Mantra ist, dass wir die Menschen tes­ten soll­ten, die Corona-Symptome haben. Ich leh­ne nicht all die Gründe für sym­ptom­frei­es oder Massentesten ab. Aber wir kön­nen nicht alle tes­ten. Wir kön­nen nicht damit rech­nen, dass wir die Diagnostik mit PCR noch wei­ter aus­bau­en kön­nen. Es könn­te sogar sein, dass die Kapazität schrumpft, weil Materialien feh­len. Das sind nicht nur die Reagenzien, son­dern auch Verbrauchsmaterialien, Plastikteile etwa. Deshalb müs­sen wir die Testung dahin steu­ern, wo sie mit höhe­rer Wahrscheinlichkeit die Krankheit anzeigt. Das hilft Gesundheitsämtern bei der Kontaktnachverfolgung und den ein­zel­nen Patienten. Und bei einem posi­ti­ven Test muss ein Hausarzt sei­ne Patienten auf dem Zettel haben, was ver­hin­dert, dass Schwerkranke zu spät in die Klinik gebracht wer­den.«

Für uns Normalos ist ein Mantra etwas, was man immer und immer wie­der sagt, und nicht was einem urplötz­lich wie Schuppen von den Augen fällt. Und gäbe es aus­rei­chend Plastikteile, wäre sym­ptom­frei­es Testen (?) auch ganz gut. Hauptsache, die Zettel beim Hausarzt gehen nicht aus.

Noch eine Rakete im Feuerwerk der guten Ideen

»ZEIT ONLINE: Was soll­te in der Teststrategie noch vorkommen?

Drosten: Ich hal­te es für wich­tig, einen Schwellenwert zu fin­den, der unter­schei­det zwi­schen Infektion und Infektiosität. Der also nicht nur zeigt, ob ein Mensch infi­ziert ist, son­dern auch, ob er anste­ckend ist. Das ist zum Beispiel für die Gesundheitsämter sehr wich­tig und wird in der Teststrategie sicher­lich umge­setzt werden.

ZEIT ONLINE: Und wie genau fin­det man die­sen Schwellenwert?

Drosten: Wir wis­sen inzwi­schen ziem­lich genau, dass Infizierte unge­fähr eine Woche nach den ers­ten Symptomen anste­ckend sind: durch epi­de­mio­lo­gi­sche Beobachtungen und weil sich im Labor eine Woche nach Symptombeginn das Virus nur noch bei einem Fünftel aller Proben anzüch­ten lässt. Ein Expertengremium, das die Studienlage dazu sich­tet, könn­te sich anhand die­ser Daten prag­ma­tisch auf einen Schwellenwert eini­gen. Unterhalb die­ser Schwelle an Viruslast wür­de ein Mensch nicht als infek­ti­ös gel­ten, ober­halb schon. Wahrscheinlich wird es dazwi­schen noch einen Korridor geben, einen Graubereich, in dem das nicht so klar ist. "Wahrscheinlich infek­ti­ös", "Graubereich" oder "wahr­schein­lich nicht infek­ti­ös zum Zeitpunkt der Probenentnahme": Das könn­te künf­tig in allen Laborberichten ste­hen.«

Das ist wie beim Schwangerschaftstest, mit dem Drosten die Schnelltests ger­ne ver­gleicht: Entweder man ist schwan­ger oder nicht oder eben im Graubereich.

Antigentest in einem Bereich positiv, in dem Menschen wahrscheinlich auch infektiös sind – das wäre super

CD hat zwar nichts mit irgend­ei­ner Teststrategie zu tun. Aber doch schon mit neu­en Antigentests:

»Das ist eine total gute Entwicklung. Diese ein­fa­chen Antigentests funk­tio­nie­ren bei Sars-CoV‑2 deut­lich bes­ser als etwa bei der Influenza, also der Grippe. Wohl auch, weil Infizierte ziem­lich viel Virus im Rachen haben. Wir sind hier an mei­nem Institut gera­de wie eini­ge ande­re Labore in Deutschland damit beschäf­tigt, die Tests zu vali­die­ren. Wir tes­ten die Produkte ver­schie­de­ner Firmen. Die Qualität schwankt teil­wei­se noch etwas, weil die Produktionsprozesse gera­de erst auf­ge­baut wer­den. Aber ins­ge­samt funk­tio­nie­ren die­se Tests gut. Sie sind zwar nicht so emp­find­lich wie eine PCR, wer­den aber in einem Bereich posi­tiv, in dem Menschen wahr­schein­lich auch infek­ti­ös sind.«

Flatschneue Tests mit schwan­ken­der Qualität, die noch weni­ger emp­find­lich sind als PCR und wahr­schein­lich Ergebnisse zei­gen, ver­an­las­sen das Wochenmagazin der deut­schen Intelligenzija zu der fol­gen­den Frage:

»ZEIT ONLINE: Das heißt, Antigentests könn­ten bald dabei hel­fen, zu unter­schei­den, ob jemand anste­ckend ist oder nicht?

Drosten: Wenn es gut läuft, dann viel­leicht schon. Das wäre natür­lich super. Damit könn­te man in ganz vie­len Situationen arbei­ten. Endgültig kann ich das aber noch nicht sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Validierung der Antigentests aus meh­re­ren Laboren zur neu­en Teststrategie bis Mitte Oktober vor­liegt. Und wahr­schein­lich wird man bis dahin auch nicht mit der Einschätzung fer­tig sein, bis zu wel­cher Viruslast jemand anste­ckend ist.«

Bei noch mal etwas härteren Daten kein Covid-19

»Drosten: Menschen haben, wäh­rend sie Symptome haben, viel Virus im Rachen, selbst bei mil­den Beschwerden. In so einem Fall könn­te man sagen: Wenn jemand Symptome hat und der Antigentest nega­tiv ist, dann hat die­se Person nicht Covid-19. Diese Aussage wür­de ich mir wahr­schein­lich dem­nächst zutrau­en, wenn die Daten noch mal etwas här­ter sind, als ich sie jetzt schon sehe. Im posi­ti­ven Fall müss­te man das Ergebnis des Antigentests per PCR bestä­ti­gen – auch schon allein wegen der Meldung.«

Negatives Testergebnis nur für die Dauer des Besuchs Gültigkeit

Irgendwie wird es schon gelin­gen, alle Getesteten zu Positiven zu machen:

»ZEIT ONLINE: Es wird aber auch dar­über dis­ku­tiert, Antigentests an der Tür zu Pflegeheimen ein­zu­set­zen, um zu ent­schei­den, ob jemand sei­ne Angehörigen besu­chen darf. Diese Menschen haben in der Regel kei­ne Symptome und trotz­dem müss­te ein Test zuver­läs­sig erken­nen, ob sie infek­ti­ös sind.

Drosten: Einerseits wis­sen wir mitt­ler­wei­le, dass asym­pto­ma­tisch Infizierte nicht weni­ger Virus aus­schei­den, höchs­tens kür­zer. Daher gehe ich davon aus, dass ein Antigentest auch bei Infizierten ohne Symptome posi­tiv aus­fal­len wird. Wenn die Tests ein­mal vali­diert sind und sich die Labore ein Bild davon gemacht haben, kön­nen sol­che Tests gera­de für Pflegeeinrichtungen ein Gewinn sein, zumal es dort medi­zi­ni­sches Personal gibt, das den Test durch­füh­ren kann. Wichtig ist aber, dass in die­sem Fall kei­ne Diagnose gestellt wird, son­dern nur eine momen­ta­ne Abschätzung der Infektiosität gemacht wird. Eine Lösung wäre, fest­zu­le­gen, dass das nega­ti­ve Testergebnis nur für die Dauer des Besuchs Gültigkeit hat und danach ver­fällt. Unabhängig davon bleibt es aber wei­ter­hin wich­tig, Maske zu tra­gen, Abstand zu hal­ten und die Hygieneregeln zu beach­ten.«

Man weiß bei Drosten ja nie… Aber der letz­te Satz kommt doch wohl eher als Textbaustein vom PC der Redakteure. Damit auch klar wird, wohin die Reise gehen soll, bringt "Die Zeit" nun die­ses Foto:

Neue Wege der Begegnung. Durch eine Plastikplane umarmt ein Enkel sei­ne Großmutter. Sie haben sich drei Monate nicht gese­hen – wegen des Covid-19-Lockdowns. Long Island im US-Staat New York, Mai 2020 © Al Bello/​Getty Images

Jeder hat Symptome. Jedenfalls fast

»Drosten: Sicher ist jeden­falls: Wir wer­den uns nicht aus der Pandemie raus­tes­ten kön­nen. Das sind Gedankenexperimente, die aka­de­misch reiz­voll sind, aber nicht umsetz­bar. Viel wich­ti­ger scheint mir, die Bevölkerung mit­zu­neh­men. Dazu gehört auch, noch ein­mal zu erklä­ren, dass doch die meis­ten Infizierten Symptome bekom­men und wie die sich anfüh­len kön­nen. Selbst in Deutschland gibt es noch so viel Unkenntnis dar­über, obwohl wir schon extrem viel geschafft haben bei der Informationsvermittlung.

ZEIT ONLINE: Wen sehen Sie da in der Pflicht?

Drosten: Vor allem die Politik. Dass die Bundeskanzlerin vor der Kamera schritt­wei­se eine Verdoppelung der Fallzahlen vor­rech­net, fin­de ich gut. Ich wür­de mir von Politikern auch wün­schen, dass sie sagen: Wahrscheinlich haben 80 Prozent aller Erwachsenen eben doch Symptome, wenn man die lau­fen­de Nase und das leich­te Halskratzen mit­zählt. Achten Sie dar­auf. Und wenn Sie so etwas haben, blei­ben Sie zu Hause. Ein Wort von sehr hoher Stelle hat da ein­fach eine gro­ße Reichweite, und die Botschaften sind sim­pel. Es ist aber wich­tig, dass sie gesen­det wer­den.«

Rasputin

Hierzu ein Einschub aus Wikipedia:

»Grigori Jefimowitsch Rasputin (rus­sisch Григорий Ефимович Распутин…) war ein rus­si­scher Wanderprediger, dem Erfolge als Geistheiler nach­ge­sagt wur­den. Er war mit der Familie von Zar Nikolaus II., dem letz­ten rus­si­schen Monarchen, befreun­det und gewann in den letz­ten Jahren des Russischen Kaiserreichs bedeu­ten­den Einfluss…

Berühmt wur­de Rasputin, weil er an den Zarenhof geru­fen wur­de, in der Hoffnung, die Blutungen des an Hämophilie lei­den­den Zarensohns und Zarewitsch Alexei durch Gebet zum Stillstand zu brin­gen. Zeitzeugen, wie auch Ärzte und Kritiker, bestä­tig­ten, dass Rasputin einen damals uner­klär­li­chen Einfluss auf den Zarensohn und des­sen lebens­ge­fähr­li­che Blutungen besaß. Diese Fähigkeit Rasputins brach­te die Zarin Alexandra zur Überzeugung, dass Rasputin ein Heiliger war, der ihr von Gott geschickt wor­den sei.«

Die unsterb­li­chen Boney M. san­gen Ende der 70er:

»There lived a cer­tain man, in Russia long ago
He was big and strong, in his eyes a fla­ming glow
Most peop­le loo­ked at him with ter­ror and with fear
But to Moscow chicks he was such a lovely dear
He could pre­ach the Bible like a preacher
Full of ecsta­sy and fire
But he also was the kind of teacher
Women would desire.

[Chorus]
Ra, Ra, Rasputin
Lover of the Russian Queen
There was a cat that real­ly was gone
Ra, Ra, Rasputin
Russia's grea­test love machine
It was a shame how he car­ri­ed on

He ruled the Russian land and never mind the Tsar
But the kaza­chok he dan­ced real­ly wunderbar
In all affairs of sta­te, he was the man to please
But he was real gre­at when he had a girl to squeeze
For the Queen he was no wheeler-dealer
Though she'd heard the things he'd done
She belie­ved he was a holy healer
Who would heal her son

"This man's just got to go!" decla­red his enemies
But the ladies beg­ged, "Don't you try to do it, please"
No doubt this Rasputin had lots of hid­den charms
Though he was a bru­te, they just fell into his arms
Then one night some men of hig­her standing
Set a trap, they're not to blame
"Come to visit us" they kept demanding
And he real­ly came

[Chorus]
Ra, Ra, Rasputin
Lover of the Russian Queen
They put some poi­son into his wine
Ra, Ra, Rasputin
Russia's grea­test love machine
He drank it all and he said "I feel fine"
Ra, Ra, Rasputin
Lover of the Russian Queen
They didn't quit, they wan­ted his head
Ra, Ra, Rasputin
Russia's grea­test love machine
And so they shot him till he was dead

[Outro]
Oh, tho­se Russians….«

Hier kann man es auch sehen und hören. Doch zurück aus der schö­nen Geschichte in die fins­te­re Gegenwart.

Statt Masken untergraben: Botschaft streuen

»ZEIT ONLINE: Müssten nicht auch Hausärztinnen und ‑ärz­te die Menschen hier bes­ser aufklären?

Drosten: Ja, das müss­ten sie unbe­dingt. Allerdings wun­de­re ich mich manch­mal schon, dass von die­ser Seite bei der Aufklärung der Patientenschaft nicht nur Unterstützung kommt, son­dern dass ein­zel­ne Niedergelassene offen­bar Schutzmaßnahmen wie etwa Masken nicht für nötig hal­ten oder in man­chen Fällen sogar gezielt unter­gra­ben. Gerade Haus- und Kinderärzte haben eine enge Beziehung zu ihren Patienten und soll­ten daher die Botschaft streu­en: Das zie­hen wir jetzt alle gemein­sam durch. Zum Wohle vor allem der vul­nerablen Patienten infor­mie­ren wir jetzt die Menschen und erklä­ren ihnen noch ein­mal die Dinge.«

Das Virus selbst hat Fitnessvorteil und deshalb Ewigkeitswert

»ZEIT ONLINE: Welche Diskussion um das Virus selbst scheint Ihnen im Moment beson­ders wichtig?

Drosten: Die Idee, dass es sich dem­nächst abschwächt, unter­stüt­ze ich nicht. Es gab eine Mutation, die dem Virus offen­bar einen gro­ßen Fitnessvorteil gebracht hat. Diese D614G-Mutation aber ist schon in der frü­hes­ten Zeit der euro­päi­schen Epidemie ent­stan­den und ist jetzt welt­weit ver­brei­tet. Die krank machen­de Wirkung des Virus hat sich nach Datenlage nicht ver­än­dert, nur die Verbreitungsfähigkeit, und das mini­mal. Und so wird es wohl auch in nächs­ter Zukunft blei­ben. Wenn sich ein Virus zufäl­lig abschwächt, also irgend­ein Gen ver­liert, dann gibt es in der Nachbarschaft immer gleich ein kon­kur­rie­ren­des Virus, das über kur­ze Zeit in der Gesellschaft Überhand neh­men wird. Eine abge­schwäch­te Variante des Erregers wird sich also nicht so bald durch­set­zen.«

Ab in die Populationsnische und die gute Seite der Stabilität

»ZEIT ONLINE: Andere pan­de­mi­sche Coronaviren haben sich wohl im Laufe der Zeit abge­schwächt, inzwi­schen ver­ur­sa­chen sie meist nur noch leich­te Erkältungen. Wird das auch mit Sars-CoV‑2 geschehen?

Drosten: Gut mög­lich, aber wenn, dann erst lan­ge nach der Pandemie, wenn in vie­len Ländern der Erde Populationsnischen ent­stan­den sind, das Virus sich also nur noch lokal ver­brei­tet. In die­sen Nischen kann sich ein abge­schwäch­tes Virus bil­den, das sich gut ver­brei­ten kann, aber nicht mehr so krank machend ist. Das ist bei den ande­ren Coronaviren auch pas­siert, aber es dau­er­te Jahrzehnte. Die Stabilität von Sars-CoV‑2 hat aber auch eine gute Seite: Wir müs­sen nicht befürch­ten, dass sich das Virus dem­nächst so stark ver­än­dert, dass ein Impfstoff sei­ne Wirkung ver­liert.«

Impfstoffe schützen nicht vor Ansteckung

»ZEIT ONLINE: Viele Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass die Impfstoffe der ers­ten Generation wahr­schein­lich nicht davor schüt­zen wer­den, dass man sich ansteckt. Stimmen Sie zu?

Drosten: Die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie eher vor einem schwe­ren Verlauf schüt­zen als vor der Infektion an sich. Daten aus Versuchen mit Primaten deu­ten aber auch dar­auf hin, dass eine Impfung die Viruslast im Rachen ver­rin­gert (zum Beispiel: New England Journal of Medicine: Corbett et al., 2020). Daher glau­be ich nicht dar­an, dass sich das Virus unter der Decke des Impfschutzes unge­hin­dert wei­ter­ver­brei­ten wird. Ich erwar­te, dass auch die nicht so guten Impfstoffe der ers­ten Generation ihren Teil zur Kontrolle der Pandemie bei­tra­gen wer­den. Wenn man denn genug davon hat…

Wir wer­den ver­schie­de­ne Impfstoffe haben, die viel­leicht sogar unter­schied­lich wirk­sam sind und mit denen sich Teile der Bevölkerung imp­fen las­sen kön­nen. Gleichzeitig wer­den aber Kontaktbeschränkungen und AHA-Regeln wei­ter wich­tig bleiben…

Es kann sein, dass sich zeigt, dass sie nicht genü­gend schüt­zen oder dass es Nebenwirkungen gibt, die einer Empfehlung für Jüngere im Wege ste­hen, die nicht so schwer erkran­ken. Die Bürger auf eine Impfung vor­zu­be­rei­ten, die mög­li­cher­wei­se nicht per­fekt ist: Ich fin­de, das muss man jetzt ange­hen

Nicht so richtig im Fernsehen durchstarten

»Drosten: Ich wer­de auf der Straße stän­dig erkannt und hof­fe, dass das dann irgend­wann wie­der vor­bei ist. Ich habe aber wei­ter­hin das Gefühl, dass es eine rich­ti­ge Entscheidung war, so an die Öffentlichkeit zu gehen, weil man doch viel erreicht, indem man auf­klärt. Aber ich bin nie­mand, der das danach wei­ter­füh­ren will. Ich will das nicht als Sprungbrett nut­zen, um dem­nächst so rich­tig im Fernsehen durchzustarten.«

Eidesstattliche Versicherung

In Kenntnis einer eides­statt­li­chen Versicherung und der Strafbarkeit der Abgabe einer fal­schen eides­statt­li­chen Versicherung ver­si­che­re ich, AA, hier­mit fol­gen­des an Eides statt:

Die hier gezeig­ten Zitate ent­stam­men samt und son­ders der oben ange­ge­be­nen Quelle von "ZEIT ONLINE". Der Eindruck, ich oder ein ande­res kran­kes Hirn habe sie sich aus­ge­dacht, mag ver­lo­ckend sein, ist nichts des­to weni­ger unzutreffend.


* Dr. mm. = mut­maß­li­cher Doktor

(Hervorhebungen nicht in den Originalen.)

4 Antworten auf „"Ich bin absolut ersetzbar."“

  1. … das mit der eides­statt­li­chen Versicherung am Ende war echt nötig …
    Bei "Parameter spie­len Fangen" dach­te ich schon wie­der mal : AA spielt mit der Tastatur und erfin­det eine neue Wissenschaft … 

    (*mm : auch das mit der mut­maß­li­chen Holzpuppe ist über­aus grandios …)

  2. Wichtig ist, dass wir alle mit­den­ken und ver­ste­hen: Wir haben es selbst in der Hand.

    Wir haben es in der Hand?
    Dann schleu­nigst weg mit dem Kerl, der ist gemeingefährlich!

  3. Dies mein Kommentar im Zeit-Artikel, der auch ver­öf­fent­licht wurde. 

    "Wichtig, sich in lau­fen­de Debatten wie z.B. hier
    https://www.corodok.de/anfan…
    mit sach­lich fun­dier­ten Beiträgen einzubringen."

    Hoffe sehr, dass die LeserInnen die­ses Blogs wich­ti­ge Infos
    ent­spre­chend weitergeben.
    Gegenseitiges Schulterklopfen kann zwar gut tun, reicht aber nicht. 😉

  4. "Wichtig ist, dass wir alle mit­den­ken und ver­ste­hen …" Echt jetzt? Aber unser obers­ter Tierarzt hat doch gesagt, "nicht nach­fra­gen, nicht nach­den­ken". Jetzt bin ich verwirrt.

    "Ja, es ist kalt, aber lasst uns doch noch eine Viertelstunde drau­ßen sit­zen", und mor­gen ist man erkäl­tet und muß zum Corona-Test. Und mit 1%-iger Chance gewinnt man (ich mei­ne gewinnt Drosten, wie­der einer mehr).

    "[Party] … auf nächs­tes Jahr ver­schiebt" Geht das? Ich dach­te, Ausnahmezustand für immer?

    "einen nor­ma­len Alltag zu haben" Ja, das hät­te ich ger­ne. Aber ein gewis­ser Prof. Dr. (nicht!) C. D. hat was dagegen.

    "Die Idee, dass es [das Virus] sich dem­nächst abschwächt, unter­stüt­ze ich nicht." Genau das hat aber genau er vor ein paar Monaten noch behauptet.

    "Die Bürger auf eine Impfung vor­zu­be­rei­ten, die mög­li­cher­wei­se nicht per­fekt ist: Ich fin­de, das muss man jetzt ange­hen" Ach! Sag es doch gleich klar und deut­lich, die Impfung ist nicht wirk­sam, aber gefährlich.

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