Die fragwürdige Macht des Inzidenzwerts

»50 Infizierte pro 100.000 Einwohner: Dieser Grenzwert für schwer­wie­gen­de Corona-Maßnahmen soll gesetz­lich ver­an­kert wer­den. Einige Wissenschaftler fin­den das höchst pro­ble­ma­tisch. Wie kam die Zahl zustande?«

Das fragt der Spiegel am 11.11.

»Rot bis dun­kel­rot sind aktu­ell die meis­ten Teile Deutschlands ein­ge­färbt: Auf dem Covid-19-Dashboard des Robert Koch-Instituts (RKI) ist zu sehen, dass vor allem im Süden und Westen des Landes sowie in den Großstädten Hamburg, Berlin, Dresden, Bremen und Hannover der Inzidenzwert weit über der Maßzahl 50 liegt. Das bedeu­tet, dass sich in den ver­gan­ge­nen sie­ben Tagen mehr als 50 von 100.000 Einwohnern mit dem Coronavirus infi­ziert haben.

Diese soge­nann­te 7‑Tage-Inzidenz ist zu einem der wich­tigs­ten Werte im Pandemiemanagement gewor­den. Nun soll die Zahl sogar gesetz­lich ver­an­kert wer­den. Im aktu­el­len Gesetzentwurf für eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes heißt es im Artikel 28a: Bei einem Schwellenwert von mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner inner­halb von sie­ben Tagen kämen "schwer­wie­gen­de Schutzmaßnahmen" in Betracht. Bei einer Inzidenz von mehr als 35 sol­len "stark ein­schrän­ken­de Schutzmaßnahmen" ergrif­fen wer­den. Am Donnerstag fin­det die Anhörung des Entwurfs im Bundestag statt.

Doch aus der Wissenschaft regt sich Kritik an Artikel 28a. "Ich hal­te es für sehr pro­ble­ma­tisch, die Maßnahmen von einer Zahl abhän­gig zu machen, die die Schwere der Situation nicht wirk­lich gut abbil­det", sagt Gérard Krause, Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. "Ich ver­ste­he das Bestreben der Politik, Rechtsverbindlichkeit zu schaf­fen – aber die­ser Weg ist mei­ner Meinung nach nicht der richtige."

Ein ein­zi­ger Parameter

Bei den Neuinfektionen hand­le es sich um Laborbefunde, deren Erfassungshäufigkeit erheb­lich von den Testaktivitäten und ‑ver­fah­ren abhän­gig sei­en. Diese wür­den sich häu­fig ändern, und mit ihnen auch der Anteil der erfass­ten Meldungen. "Der Anteil der Untererfassung unter­liegt Schwankungen, und ohne­hin ist ein ein­zi­ger Indikator für so weit­rei­chen­de Entscheidungen nicht sach­ge­recht", sagt Krause, der bei der Anhörung im Bundestag als Sachverständiger gela­den ist.

Stattdessen müs­se man auch ande­re Indikatoren ein­be­zie­hen, die Zahl der frei­en Intensivbetten etwa, die Altersverteilung der Erkrankten oder wel­che Berufsgruppen betrof­fen sei­en. "Es kann auch einen Unterschied machen, ob etwa ein Altersheim oder eine Schulklasse betrof­fen ist, allein am Inzidenzwert sieht man das nicht", so Krause.

Auch der Statistikexperte Gerd Antes äußert ent­spre­chen­de Bedenken: "Diese gan­ze Palette von gegen­wär­ti­gen Maßnahmen, die unge­heu­ren poli­ti­schen und sozia­len Sprengstoff haben, an nur einen ein­zi­gen Parameter zu kop­peln, ist mehr als irr­wit­zig", sag­te er. Die Werte sei­en unter ganz ande­ren Bedingungen ent­stan­den und stün­den heu­te prak­tisch ohne vali­de Begründung im Raum.

Woher kommt der Wert überhaupt?

Tatsächlich erfor­dert es etwas Recherche, um her­aus­zu­fin­den, woher der Inzidenzwert kommt und war­um er aus­ge­rech­net bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner als über­schrit­ten gilt. Das RKI sei an der Entscheidung für die­sen kon­kre­ten Grenzwert nicht betei­ligt gewe­sen, heißt es auf Anfrage des SPIEGEL. Dennoch: Ein kon­kre­ter, prag­ma­ti­scher Wert sei sinn­voll, um eine ver­ständ­li­che Kennzahl zu haben.

Eine Anfrage beim Bundesgesundheitsministerium ergibt, dass die Bundesregierung selbst die Inzidenzwerte fest­ge­legt hat: "Die Inzidenzwerte 50 bezie­hungs­wei­se 35 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner pro Woche sol­len dazu die­nen, das Infektionsgeschehen kon­trol­lier­bar zu hal­ten", teilt ein Regierungssprecher mit. "Um Infektionsketten zu unter­bre­chen, müs­sen die Gesundheitsämter in der Lage sein, Kontakte nach­zu­ver­fol­gen. Je höher die Zahl der Neuinfektionen ist, des­to schwie­ri­ger wird die Nachverfolgung, des­to schnel­ler gera­ten die Gesundheitsämter an ihre Belastungsgrenzen. Vor die­sem Hintergrund hat sich die Festlegung ein­heit­li­cher, kon­kre­ter Grenzwerte als außer­or­dent­lich hilf­reich erwiesen."

Und war­um aus­ge­rech­net 50? Das erklär­te Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits bei einer Pressekonferenz am 6. Mai: Man habe sich ange­schaut, wie die Gesundheitsämter per­so­nell aus­ge­rüs­tet sei­en. Pro 20.000 Einwohner gebe es ein Team von fünf Leuten, das die Infektionsketten zurück­ver­fol­gen müs­se. "Wir glau­ben, dass man das bei bis zu 50 akut Infizierten pro Tag – wenn man das über sie­ben Tage ermit­telt – und 100.000 Einwohnern errei­chen und leis­ten kann", sag­te Merkel.

Sie füg­te hin­zu, dass sich das Infektionsgeschehen in einem Landkreis von der Situation in einer Großstadt unter­schei­den kön­ne. "Das ist klar, und inso­fern wird, wenn man heu­te bei zehn Infizierten pro 100.000 Einwohnern ist, auch nie­mand war­ten und see­len­ru­hig zugu­cken, bis man 48 erreicht hat", so Merkel damals. "Vielmehr wird sich jeder sicher­lich genau über­le­gen, was zu tun ist, wenn er ein stär­ke­res Infektionsgeschehen sieht."

Aber wie aktu­ell ist eine Entscheidung von Anfang Mai, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer wie­der beto­nen, die Situation heu­te sei mit dem Frühjahr nicht zu ver­glei­chen? "Die Belastungsgrenze der Gesundheitsämter ist ja nicht in Stein gemei­ßelt", sagt Gérard Krause. "Gerade in Bezug auf das Kontaktpersonenmanagement gibt es meh­re­re Möglichkeiten, die­se Belastungsgrenze posi­tiv zu beein­flus­sen: mehr geschul­tes Personal und Einsatz digi­ta­ler Systeme sind nur zwei davon." Das Kontaktpersonenmanagement sei zudem nur eine von sehr vie­len Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie.

Kritik gab es bereits im Frühjahr

Der Inzidenzwert war bereits im Mai in der Kritik. Der Bundesverband der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes betrach­te­te den Grenzwert damals als viel zu hoch. Auch eini­ge Bundesländer waren der Ansicht, es sei zu spät, Maßnahmen erst ab einer Inzidenz von mehr als 50 ein­zu­füh­ren. Einige führ­ten dar­auf­hin einen Frühwarnwert von 35 ein. Dennoch bemän­gel­ten Ärzte, der Bezugsrahmen feh­le, es gebe kei­ne belast­ba­re wis­sen­schaft­li­che Evidenz für den Grenzwert.

Krause schlägt vor, die Indikation für bestimm­te Maßnahmen durch Empfehlungen oder Leitlinien zu regeln, wie sie in der Medizin weit­hin üblich sei­en. "Sonst bräuch­ten wir ja jedes Mal eine Gesetzesänderung, wenn sich der Erkenntnisstand ändert." Stattdessen soll­te das RKI zusam­men mit den Landesbehörden ent­spre­chen­de Empfehlungen erstel­len und bei Bedarf aktua­li­sie­ren. Diese wären ver­mut­lich sach­ge­rech­ter und bes­ser umsetz­bar als ein Gesetzestext und hät­ten den­noch die erwünsch­te Verbindlichkeit.

Außerdem wie­der­hol­te der Epidemiologe sei­ne Forderung, sich mehr auf die vul­nerablen Bevölkerungsgruppen zu kon­zen­trie­ren, statt die Gesamtzahl der Neuinfektionen ein­zu­däm­men. "Alle, auch asym­pto­ma­ti­sche Infektionen zu redu­zie­ren, um indi­rekt die Zahl der schwe­ren Erkrankungen zu sen­ken, ist ein sehr klei­ner Hebel", sag­te er. "Man soll­te min­des­tens die­sel­be Energie auch oder statt­des­sen in den unmit­tel­ba­ren Schutz der Bevölkerungsteile inves­tie­ren, die beson­ders häu­fig schwer erkran­ken."«

3 Antworten auf „Die fragwürdige Macht des Inzidenzwerts“

  1. Wenn Klapps Karli nur den Mund auf­macht wird mir inzwi­schen schlecht!
    Es gibt übri­gens eini­ge span­nen­de Parallelen zu Drosten :
    Auch Pharma Karli hat eine zumin­dest frag­wür­di­ge Dissertation ein­ge­reicht . Diese Arbeit war vie­le Jahre nicht öffent­lich zugäng­lich und den­noch gab es einen schnel­len beruf­li­chen Aufstieg mit poli­ti­schen Einfluss inklu­si­ve Professur.
    Genau wie Drosten, hat Pharma-Karli durch Pharmainteressen gelei­te­te Einflussnahme /Lobbyarbeit /Politik schon vor die­ser Krise schwe­re Schuld auf sich geladen.
    Besonders ver­ach­tens­wert wird es dann, wenn Politiker vor­ge­ben das Wohl der Allgemeinheit zu ver­tre­ten, aber ziel­ge­rich­tet das Gegenteil bewirken .
    Im aktu­el­len Drama wur­de Karli von sei­nen Regisseuren bekannt­lich für die Rolle "des uner­müd­li­chen auf­rech­ten Aufklärers" besetzt.
    Ich hof­fe das ist sei­ne Abschiedsvorstellung.
    no capo

    https://www.achgut.com/artikel/bericht_zur_coronalage_16.6.2020der_seltsame_professor

  2. Wenn ich das rich­tig erin­ne­re, ist für eine neue Erkrankung die Inzidenz von 50 auf 100.000 Einwohner pro Jahr fest­ge­legt. Die Corona 7 Tage Inzidenz ist neu und willkürlich.
    Weiß jemand da mehr?

  3. Zu Herrn Lauterbach, der sich ger­ne als Arzt und Epidemiologe vor­stel­len lässt, hat mir das Video sei­ner Exfrau, Frau Dr.Spelsberg, z.B. bei Servus TV sehr gut gefal­len, sie ist die Epidemiologin, er hat Ökonomie stu­diert, und das passt ja dann auch.

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