Der Perkolations-Jünger. Galoppierender Wahnsinn in der "Zeit"

Professor Dr. Matthias F. Schneider lei­tet die Abteilung Medizinische und bio­lo­gi­sche Physik an der TU Dortmund. Auf zeit.de stellt er sich am 9.9. der Aufgabe, die von Christian Drosten erzeug­te Verwirrung um die dro­hen­de Corona-Perkolation zu ord­nen. Er schei­tert.

»"Wir kön­nen Corona noch stop­pen"
Leben mit dem Infektionsrisiko – das scheint der neue Normalzustand. So müss­te es nicht sein. Die Seuche wäre in den Griff zu krie­gen, wenn man die­se acht Punkte bedenkt.«

Wer bei die­sen Grundannahmen (Corona = Seuche = Pest, Cholera, Ebola, also gilt Ausrotten) nicht wei­ter­le­sen mag, ver­paßt Amüsantes. Auch acht Tips, wie man von einer Erde nicht her­un­ter­fällt, die man für eine Scheibe hält, kön­nen ein net­ter Zeitvertreib sein.

Schneiders Punkt 1: Ein Ausbruch kommt ohne Ansage

Drostens nicht ganz geglück­ten Beispielen zur Perkolation fügt er eines hin­zu, dem ein ver­gleich­ba­res Schicksal. beschie­den ist:

»Stellen Sie sich einen Behälter mit Eis vor, in dem sich klei­ne rote Teilchen befin­den. Nähert sich das Eis lang­sam dem Schmelzpunkt, bil­den sich klei­ne Wassertaschen, in denen sich ver­schie­de­ne Mengen der roten Teilchen befin­den. Die Art und Geschwindigkeit, mit der sich die­se Teilchen nun aus­brei­ten, wenn das Eis wei­ter schmilzt, hängt davon ab, wie vie­le Teilchen pro Liter Wasser her­um­schwir­ren. Viel mehr aber noch davon, wie die ein­zel­nen Wassertaschen mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Bilden sich dün­ne Verbindungen durchs Eis, durch die ein­zel­ne Teilchen benach­bar­te Wassertaschen errei­chen – oder blei­ben die­se iso­liert von­ein­an­der? Je nach­dem blei­ben die roten Teilchen in ihren Taschen gefan­gen oder sie sind bald über­all.

Man kann die­ses Szenario auf das Ausbruchsgeschehen von Sars-CoV‑2 über­tra­gen.«

Hier soll nicht das Eis-Beispiel in Frage gestellt wer­den. Was aber will uns Schneider sagen, wenn er die Parallele zu Sars-CoV‑2 wie folgt zieht?

»Bei den roten Teilchen han­del­te es sich um infi­zier­te Personen und jede Wassertasche wäre ein Cluster von Infizierten. Solange die Cluster iso­liert blei­ben, kann das Virus zwar inner­halb davon sein Unwesen trei­ben. Es wird aber aus­ster­ben, sobald genü­gend Menschen immun sind. Gefährlich wird es aber, wenn die ein­zel­nen Cluster sich ver­bin­den: Dann droht schlimms­ten­falls ein bun­des­wei­ter schwe­rer Ausbruch. Besonders groß ist die Gefahr, wenn die Cluster eng ver­netzt sind, in jedem davon vie­le Infizierte leben und die Entfernung zwi­schen den Clustern gleich­zei­tig gering ist.

Das Heimtückische an die­ser Situation ist, dass die Umwandlung sehr plötz­lich und ohne Ankündigung kommt. Bis zu einem gewis­sen Punkt ist alles ruhig, danach bricht der kaum auf­zu­hal­ten­de Übergang los. Plötzlich gäbe es nicht mehr nur lokal begrenz­te Ausbrüche, son­dern einen sehr gro­ßen. Das Gefährliche: Wir wis­sen nicht, wie kurz wir uns hier in Deutschland der­zeit vor die­sem Phasenübergang befin­den.

Der Vergleich hat aber auch Positives. Er zeigt, wie man einen gro­ßen Ausbruch ver­hin­dern kann. Indem man ver­mei­det, dass vie­le Cluster eng bei­ein­an­der sind und gleich­zei­tig loka­le Cluster iso­liert. So lässt sich im Prinzip jedes Virus eli­mi­nie­ren.«

Rote Teilchen (der Feind ist immer rot!) sind also infi­zier­te Personen. Wen aber stellt das schmel­zen­de Eis dar? Die Bevölkerung in der "gesam­ten Länge Deutschlands", wie eine ande­re ZEIT-Autorin schrieb? Wie muß man sich deren Schmelzen vor­stel­len? Hat es etwas zu tun mit Drostens "Wir tun mehr drauf und es kommt immer noch wei­ter zuver­läs­sig zu Infektionen" (vgl. Wenn die Zahlen sin­ken, braucht es Perkolation. Neues aus dem Tollhaus)? Klar wird immer­hin, wie das Virus wie alle ande­ren zu eli­mi­nie­ren ist: Alles iso­lie­ren.

Schneiders Punkt 2: Wir müs­sen expo­nen­ti­el­les Wachstum ver­ste­hen

»Wie schnell kann ein Ausbruch uns über­rol­len, wie schnell kön­nen aus ein paar Hundert Infizierten Tausende wer­den? Ein Problem in den meis­ten all­täg­li­chen Debatten ist unse­re man­geln­de Intuition für expo­nen­ti­el­les Wachstum. Das sei an einem Beispiel noch ein­mal erklärt.

Legen Sie, wie in der Legende von Shirham, Reiskörner auf ein Schachbrett, und zwar immer dop­pelt so vie­le wie auf das vori­ge Feld (1, 2, 4, 8, 16 …). So ent­spricht das Gewicht der Reiskörner auf Feld 11 bereits dem einer Maus, auf Feld 28 dem eines Elefanten und auf Feld 44 der Masse des Kölner Doms. Auf dem letz­ten Feld läge etwa das Millionenfache des Gewichts des Empire State Buildings – die Menge Reis, die wir auf dem Planeten in meh­re­ren Hundert Jahren ver­spei­sen. Exponentielles Wachstum gerät schnell außer Kontrolle, gera­de dann, wenn wir uns ein­bil­den, wir hät­ten es im Griff. Um eine rea­lis­ti­sche Vorstellung zu bekom­men, brau­chen wir Physik und Mathematik. Einschätzungen auf Grundlage von Alltagsgewohnheiten sind sinn­los und gefähr­lich.«

Die Geschichte mit den Reiskörnern gehört in der Tat nicht zu den Alltagsgewohnheiten. Da ist es gut, einen Physiker zu haben, der Reiskörner in Elefanten und gar das Gewicht des Empire State Buildings umrech­nen kann. (Wir las­sen das jetzt mit den Assoziationen.) Der Autor ver­zich­tet übri­gens dar­auf, die zu Anfang des Punktes 2 gestell­te Frage zu beant­wor­ten.

Schneiders Punkt 3: Auch was sel­ten pas­siert, ist ent­schei­dend

Der Alltagsverstand weiß, ein Unglück kommt sel­ten allein, aber eben­so: Auch ein blin­des Huhn fin­det mal ein Korn. Mit sol­chen Trivialitäten hält sich der Autor aber nicht auf. Er infor­miert uns viel­mehr so:

»Auch wenn es um Wahrscheinlichkeiten geht, trügt uns unser Alltagsverstand. Wie groß ver­mu­ten Sie zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, dass Fußballspieler von Borussia Dortmund und dem FC Bayern am sel­ben Tag im Jahr Geburtstag haben? Überraschenderweise beträgt die Wahrscheinlichkeit etwa 50 Prozent. Wenn man die Kader über­fliegt, fin­det man Götze/Piszczek, Witzel/Can und mit Delaney/Boateng/Süle sogar ein Trio. Schon solch ein­fa­che Konstellationen sind nur schwer intui­tiv für uns Menschen fass­bar

Das leuch­tet ein und ist ein hin­rei­chen­der Grund, so fort­zu­fah­ren:

»Die Wahrscheinlichkeit für ein Superspreading-Event anzu­ge­ben, also ein Ereignis, bei dem eine Person vie­le ande­re infi­ziert, ist aber um ein Vielfaches kom­pli­zier­ter. Dafür benö­tigt es Erfahrung im Umgang mit kol­lek­ti­ven Wahrscheinlichkeiten, wie sie in ers­ter Linie phy­si­ka­lisch oder mathe­ma­tisch gebil­de­te Wissenschaftlerinnen und Forscher haben.«

Wie erfreu­lich, daß uns mit ihm nun jemand aus die­ser Garde erklä­ren kann:

»Um zu beschrei­ben, wel­chen Einfluss sel­te­ne Ereignisse haben, benut­zen Physikerinnen und Physiker das Konzept von Verteilungen. Ein Beispiel: Ein Nichtschwimmer soll zu Fuß einen Fluss durch­que­ren. Nehmen wir zunächst eine Normalverteilung an, die uns als Menschen intui­tiv recht ver­traut ist. Sie wür­de bedeu­ten, der Fluss hat eine mitt­le­re Tiefe von einem Meter, plus/minus 20 Zentimeter. Der Nichtschwimmer von 1,80 Metern Größe kann den Fluss in die­sem Fall pro­blem­los durch­que­ren. Nur sehr sel­ten wird ihm das Wasser bis ans Kinn rei­chen.«

Vorbildlich knüpft der Populärwissenschaftler an das an, das uns als Menschen intui­tiv recht ver­traut ist: Jeder auch nur 1,80 Meter gro­ße Nichtschwimmer wür­de natür­lich einen Fluß durch­wa­ten, von dem ihm eine mitt­le­re Tiefe von einem Meter, plus/minus 20 Zentimeter bekannt ist. Kein Mensch käme auf die abwer­wit­zi­ge Idee, der Fluß kön­ne am Ufer flach und in der Mitte arg tief sein. So viel zur Normalverteilung.

»Ein Unterschied dazu ist die Paretoverteilung. Sie ist die bekann­tes­te Vertreterin einer Klasse von Verteilungen, die dadurch gekenn­zeich­net sind, dass eine klei­ne Zahl gro­ßer Abweichungen das Geschehen bestimmt (power-laws). Ist die Tiefe des Flusses also Pareto-ver­teilt, dann befin­det sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Fluss eine Stelle, die ohne Weiteres eine Tiefe von 10 Metern erreicht. In dem Fall wür­de der Nichtschwimmer ertrin­ken, egal wie flach der Fluss an den ande­ren Stellen ist. Der Mittelwert hät­te dem Nichtschwimmer hier nicht gehol­fen.«

Man nimmt sich also die Paretoverteilung her und schwupps! kann ein jeder Fluß auch ohne Weiteres eine Tiefe von 10 Metern errei­chen. Das ist anschei­nend Physik.

»Das zeigt, wie wich­tig es ist, sich über die Art der Verteilung von Ereignissen (hier die Tiefe des Flusses) im Klaren zu sein. Wäre die Übertragung von Sars-CoV‑2 Pareto-ver­teilt, dann wäre nur ein Ereignis von 1000 für 53 Prozent aller Infektionen ver­ant­wort­lich. Und vie­les deu­tet dar­auf hin, dass im Falle von Pandemien sogar noch weni­ger Ereignisse das Geschehen domi­nie­ren (Nature Physics: Cirillo & Taleb, 2020). Superspreading-Ereignisse könn­ten also noch viel wich­ti­ger sein als bis­her ange­nom­men.«

Nachdem wir uns damit "über die Art der Verteilung von Ereignissen (hier die Tiefe des Flusses) im Klaren" sind, fällt der dar­aus abge­lei­te­te Gedanke doch leicht. Oder nicht? Wie wird aus der Vertiefung des Flusses bei geeig­ne­ter Verteilung "ein Ereignis von 1000 für 53 Prozent aller Infektionen ver­ant­wort­lich"? Ich geste­he, mir den Artikel in Nature Physics erspart zu haben.

Neurotische Realität

Schneiders Punkt 4: Superspreading-Events wird es wei­ter geben

»Wir wer­den wegen die­ser unge­wöhn­li­chen Verteilung immer neue Superspreading-Ereignisse fin­den. Wahrscheinlich ist, dass wir im Herbst und Winter wegen ver­än­der­ter Rahmenbedingungen (geschlos­se­ne Räume, ande­re Luftfeuchtigkeit, Erkältungskrankheiten und der­glei­chen) mit einer Reihe neu­er Superspreading-Situationen rech­nen müs­sen. Das heißt, es wer­den neue gefähr­li­che Situationen dazu kom­men, die wir jetzt nur bedingt vor­her­sa­gen kön­nen.

Und es ist auch über­haupt kein Widerspruch, dass eine Reihe von Studien, etwa zur Ansteckung und Erkrankung von Kindern, unter­schied­lich aus­fal­len. Kleinigkeiten, von denen wir noch viel zu wenig wis­sen, spie­len eine enor­me Rolle, genau­so wie im expo­nen­ti­el­len Wachstum. Das etwas irri­tie­ren­de, sozu­sa­gen "neu­ro­ti­sche" Verhalten in der Ausbruchsdynamik ist kein Versagen der Wissenschaft, son­dern viel­mehr ein Markenzeichen für Ausbrüche die­ser Art.

Die Unsicherheit im Vohersagbaren heißt aber auch: Wir müs­sen ver­mut­lich etwas mehr leis­ten als "nur" die Superspreading-Events zu iden­ti­fi­zie­ren, zum Beispiel auf Familienfeiern oder bei einer Chorprobe. Idealerweise bräuch­ten wir die ech­te Null, kei­ne Neuinfektionen für län­ge­re Zeit, kei­ne Spiele mit dem Feuer. Ansonsten wer­den wir immer wie­der neue Superspreading-Ereignisse und Cluster von Infektionen bekom­men, wie etwa in Frankreich. Das neu­ar­ti­ge Coronavirus hat sich in den ver­gan­ge­nen Monaten mehr in der Fläche von Deutschland ver­teilt. Nun schlum­mert es ver­bor­gen über­all in soge­nann­ten silent pools und füt­tert irgend­wann den nächs­ten loka­len Ausbruch.«

"Wahrscheinlich" "wer­den neue gefähr­li­che Situationen dazu kom­men, die wir jetzt nur bedingt vor­her­sa­gen kön­nen". Und an allem ist "die­se unge­wöhn­li­che Verteilung" Schuld, die zwar auch anders sein könn­te, aber wenn, dann…

Es gibt zwar dut­zen­de Studien über "Ansteckung und Erkrankung von Kindern", die über­haupt nicht unter­schied­lich aus­fal­len, aber das Argument ver­folgt der Autor auch gar nicht wei­ter. Er sorgt sich um das "etwas irri­tie­ren­de, sozu­sa­gen 'neu­ro­ti­sche' Verhalten in der Ausbruchsdynamik". Denn das paßt ums Verrecken nicht in die offi­zi­el­le Pandemie-Erzählung. Die Wirklichkeit ver­hält sich neu­ro­tisch, weil sie den Annahmen eini­ger WissenschaftlerInnen nicht nach­kommt. 

Exponentielle Null auf Gemeindeebene statt Vollausbruch

»Häufig wird argu­men­tiert, dass die abso­lu­te Null nicht erreich­bar sei, weil das Virus aus dem Ausland ja sowie­so wie­der her­ein­ge­tra­gen wür­de. Das wird leicht zur selbst­er­fül­len­den Prophezeiung. Man soll­te es zumin­dest ver­su­chen, auch wenn das hie­ße, Maßnahmen wie­der anzu­zie­hen. Bereits auf Gemeindeebene kann die Null wegen des expo­nen­ti­el­len Verhaltens enor­me Konsequenzen haben. Wenn wir jetzt mit gro­ßen Infektionszahlen in den kal­ten Herbst und Winter gehen, kann es uns pas­sie­ren, dass uns die Superspreading-Events nur so um die Ohren flie­gen und wir uns dem Übergang zum Vollausbruch schnell nähern.«

Her mit der (schwar­zen?) Null, Grenzen zu, Zügel anzie­hen! So ver­hin­dern wir den "Übergang zum Vollausbruch".

»Vorsicht ist bes­ser als Verharmlosung.
Natürlich kann es auch sein, dass wir glimpf­lich davon­kom­men. Wer behaup­tet, er wüss­te das, lügt. Jedenfalls soll­ten Lockerungen und Schulöffnungen gut durch­dacht und fle­xi­bel sein, nicht stur durch­ge­zo­gen wer­den. Gerade wegen der schwer vor­her­sag­ba­ren Ausbruchsdynamik (uner­war­tet erschei­nen­de Ereignisse sind nicht sel­ten) und der Tatsache, dass das Virus ver­hee­ren­de Folgen haben kann, ist Vorsicht bes­ser als Verharmlosung.«

Wissenschaft sagt: Schaden skaliert mit der Größe

Schneiders Punkt 5: Die Gemeinschaft zählt

Wieder bringt der Autor ein Beispiel aus der Praxis.

»Ein ande­res in der Pandemie wich­ti­ges Phänomen lässt sich noch ein­mal gut am Beispiel Fußball erklä­ren: Angenommen, in einem Stadion, in dem sich 100 Infizierte befin­den, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein ein­zel­ner Fan in weni­ger als andert­halb Meter Entfernung von einem Infizierten befin­det, bei etwa fünf Prozent. Ein Fußballfan im bes­ten Alter mag das durch­aus in Kauf neh­men. Auf 60.000 Besucherinnen und Besucher hoch­ge­rech­net erreicht man so leicht 1.000 Neuinfizierte, die das Stadion ver­las­sen. Bei unge­brems­tem Wachstum ist drei bis vier Wochen spä­ter fast eine kom­plet­te Großstadt durch­in­fi­ziert. Natürlich wer­den in der Realität Infektionsketten durch rück­sichts­vol­les Verhalten unter­bro­chen, aber das zeigt, wie der Schaden für die Gesellschaft rasant wächst (man sagt in der Wissenschaft, er ska­liert mit der Größe).«

Wie alt mag "ein Fußballfan im bes­ten Alter" sein? Versuchen wir ein­mal, die Berechnung ernst zu neh­men. Wir haben ein Stadion mit 60.000 Leuten und 100 Infizierten. Fünf Prozent der Infizierten hal­ten kei­nen Mindestabstand ein, also 5 Personen. Wie gelingt es ihnen, 900 wei­te­re Menschen anzu­ste­cken? Wie hoch wäre da das längst ver­ges­se­ne "R"? Vermutlich wirkt hier die glei­che Logik, mit der "drei bis vier Wochen spä­ter fast eine kom­plet­te Großstadt durch­in­fi­ziert" ist. Der Autor weiß, daß "natür­lich in der Realität" das Unfug ist. Trotzdem sieht er, "wie der Schaden für die Gesellschaft rasant wächst".

Schneiders Punkt 6: Eins plus eins ist mehr als zwei

Nach der bis­he­ri­gen intel­lek­tu­el­len Vergewaltigung der Wissenschaft wun­dert das nun nicht mehr.

»Ein wei­te­res wich­ti­ges Merkmal des Ausbruchs lässt sich gut anhand der Schutzwirkung von Masken beschrei­ben: Nichtlinearität. Nehmen wir an, eine Maske redu­ziert die Partikel (wie zum Beispiel Aerosole, die das Virus mit der Luft ver­brei­ten) um einen Faktor p. Nehmen wir der Einfachheit hal­ber an, die Filterleistung der Maske ist beim Ein- und Ausatmen in etwa gleich. Dann redu­ziert sich die Teilchenzahl um einen Faktor p hoch zwei, wenn bei­de (infek­tiö­ser und gesun­der Mensch) einen Mund-Nasen-Schutz tra­gen. Einen exak­ten Wert für p anzu­ge­ben ist schwie­rig, aber rea­lis­tisch scheint zumin­dest bei chir­ur­gi­schen Masken ein Drittel (PloS One: van der Sande et al., 2008). Das bedeu­tet: Wenn Kellner und Gast bei der Bestellung eine Maske tra­gen, redu­ziert sich die Partikelexposition auf ein Neuntel.

Geht man zusätz­lich zur Maske noch auf zwei Meter Abstand, redu­ziert man die Infektionswahrscheinlichkeit wei­ter um etwa einen Faktor zwei auf ins­ge­samt ein Achtzehntel (Lancet: Chu et al., 2020). Damit rutscht man unter Umständen bereits unter die Schwelle einer für eine Ansteckung not­wen­di­gen Viruslast.

Die Botschaft ist daher: Maßnahmen – wie das Tragen einer Maske, Hygieneregeln und Kontaktbeschränkungen mul­ti­pli­zie­ren sich in ihrer Wirkung. In Kombination sind sie daher sehr mäch­tig.

Dazu kommt: Immer wenn man nicht weiß, wie weit man noch von einem Ausbruch ent­fernt ist, gilt das Vorsichtsprinzip. Sollten sich Masken als Vorsichtsmaßnahme in einer Situation tat­säch­lich im Nachhinein als unnö­tig her­aus­stel­len, haben wir nicht viel ver­lo­ren. Sollte sich die Gefahr aber bestä­ti­gen und wir haben die Masken nicht getra­gen, kön­nen die Folgen fatal sein. Bei Ungewissheit ist also Vorsicht ange­bracht.«

Hier wird aller­lei mul­ti­pli­ziert. Wer genau liest, stellt fest: Egal ob die Berechnung stimmt, sie wird für chir­ur­gi­sche Masken vor­ge­nom­men. Mit Alltagsmasken hat das alles kom­plett gar nichts zu tun. Der Autor könn­te auch kon­sta­tie­ren: "Sollten sich die Ganzkörperverhüllung als Vorsichtsmaßnahme in einer Situation tat­säch­lich im Nachhinein als unnö­tig her­aus­stel­len, haben wir nicht viel ver­lo­ren." Recht hät­te er!

Zügel strammer anziehen mittels des Zustands der gelben Zonen

Schneiders Punkt 7: Klug ist, das Feuer im Keim zu ersti­cken

»Die bes­te Strategie ist nach wie vor, das Feuer im Keim zu ersti­cken…

Aber das reicht nicht. Wir müs­sen uns vor neu­en Superspreading-Ereignissen schüt­zen und uns wei­ter in Richtung Null bewe­gen. Im Moment gilt in den meis­ten Bundesländern eine Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern inner­halb einer Woche. Im Extremfall wür­den so mehr als 40.000 Neuinfizierte in Deutschland zusam­men­kom­men, was dra­ma­tisch wäre. Mit sol­chen Maßgaben wird man das Virus nicht nur nicht los­wer­den, son­dern man muss mit einem explo­si­ons­ar­ti­gen Wachstum rech­nen.«

Er meint ver­mut­lich nicht, daß in den meis­ten Bundesländern (per Verordnung?) die Zahl der Neuinfektionen fest­ge­legt wird. Wie für ihn der "Extremfall" ein­tritt mit "mehr als 40.000 Neuinfizierten" bleibt sein mathe­ma­ti­sches Geheimnis. Doch klar ist, daß die­se sei­ne "Maßgaben" zu einem "explo­si­ons­ar­ti­gen Wachstum" füh­ren.

»Daher wäre mein Vorschlag, deut­lich stren­ge­re Kriterien anzu­set­zen und die­se der Situation anzu­pas­sen. Das könn­te gelin­gen, indem man bei­spiels­wei­se den Mittelwert der Neuinfektionen über ein grö­ße­res Gebiet als Kriterium nimmt. Das hie­ße, man teilt die Gesamtzahl der Neuinfektionen durch die Einwohnerzahl in dem ent­spre­chen­den Gebiet. Bundesweit betrach­tet, liegt die­ser Mittelwert gera­de bei etwa 10 pro 100.000 Einwohnern. Man könn­te die­ses Prinzip zum Beispiel auf ein­zel­ne Bundesländer anwen­den: Jeder Landkreis, des­sen Neuinfektionen sich unter dem Mittelwert befän­den, könn­te ent­span­nen und als grü­ne Zone gel­ten, und jeder, der die­sen Wert über­schrei­tet, befän­de sich in einem Zustand, den wir hier als als gel­be Zone bezeich­nen wol­len. Die Bevölkerung gin­ge in einen "Zustand erhöh­ter Vorsicht", der dann wie­der mit bestimm­ten Einschränkungen ein­her­ge­hen wür­de. Je kon­se­quen­ter die Maßnahmen umge­setzt wer­den wür­den, des­to schnel­ler gelän­ge die Rückkehr ins Grüne.

Der Clou: Auf die­se Weise wür­de der Mittelwert immer wei­ter gedrückt und die Tendenz zur grü­nen Zone ver­stärkt. Nur eins blie­be der Gemeinde nicht erspart: Solange die Gefahr des Virus nicht geklärt und kei­ne Impfung oder Heilung mög­lich ist, muss sie wach­sam blei­ben und regel­mä­ßig tes­ten. Je mehr Bezirke aber auf Grün sprin­gen, des­to wei­ter könn­ten die Maßnahmen zurück­ge­fah­ren wer­den.«

Niemand hat die Absicht…

Schneiders Punkt 8: Es braucht loka­le Lösungen, mit Rücksicht auf die Nachbarn

»Um die müh­sam grün gewor­de­nen Zonen zu schüt­zen, wür­den Einwohnerinnen und Einwohner von roten Zonen (alle, die deut­lich vom Mittelwert abwei­chen sowie alle mit Superspreading-Events) in ihrer Mobilität stark ein­ge­schränkt. Zu Beginn mag ein sol­ches Vorgehen zäh ver­lau­fen und wäre womög­lich poli­tisch anfangs schwer durch­zu­set­zen. Aber da letzt­lich alle davon pro­fi­tie­ren wür­den (auch die Wirtschaft), führ­te es dazu, dass auch die Nachbargemeinden grü­ner Zonen eher auf Grün sprin­gen wür­den, weil die umlie­gen­den grü­nen Zonen sie schüt­zen, da von dort ja kei­ne Infizierten ein­rei­sen könn­ten.

Viele Details müss­ten natür­lich aus­ge­ar­bei­tet und kon­kre­te Maßnahmen poli­tisch dis­ku­tiert wer­den. Aber aus phy­si­ka­lisch-infek­ti­ons­­­theo­re­ti­scher Sicht sind die­se Vorschläge von Bar-Yam und Taleb bei­na­he alter­na­tiv­los.«

Nun doch noch die roten Zonen (nein, kei­ne Assoziationen!), also die gel­ben "mit Superspreading-Events". Darum wer­den wohl Mauern gebaut wer­den müs­sen, was ja auch ihren EinwohnerInnen dient, sozu­sa­gen als anti­vi­ra­ler Schutzwall.

»Solange das Virus eine Gefahr für unse­re Bevölkerung oder Teile davon dar­stellt, wäre sei­ne Unterdrückung in jeder Hinsicht immer noch die güns­tigs­te Lösung. Sie wür­de – kon­se­quent prak­ti­ziert – kaum län­ger als zwei bis drei Wochen dau­ern. Gingen wir mit der Null vor Augen in den Herbst und den Winter, uns wür­de höchst­wahr­schein­lich eini­ges erspart blei­ben. Ja, die­ser Weg wür­de anstren­gend wer­den, für ein paar Wochen. Aber das wäre nichts gegen die Energie, die wir brau­chen wür­den, uns inmit­ten einer ver­un­si­cher­ten Gesellschaft an eine immer neue unge­wis­se Normalität gewöh­nen zu müs­sen.«

Wenn das so wei­ter­geht, ver­kommt die­ser Blog zu einem Satire-Magazin.

(Hervorhebungen nicht in den Originalen.)

3 Antworten auf „Der Perkolations-Jünger. Galoppierender Wahnsinn in der "Zeit"“

  1. Der Idiot, der die Geschichte mit den Reiskörnern auf dem Schachbrett als anschau­li­ches Beispiel für expo­nen­ti­el­les Wachstum bei Corona-Kranken angibt, ver­gisst den wesent­lichs­ten Punkt: wo sol­len denn all die Reiskörner her­kom­men?

    Wissenschaftlich ist das eine Frage nach der Logistik. Verfügt man über­haupt über so vie­le Reiskörner – und kann man die alle zum Schachbrett schaf­fen (geschwei­ge denn, dar­auf packen)?

    Oder auf Corona über­tra­gen: nein, da wächst nichts expo­nen­ti­ell, denn irgend­wann sind die Anfälligen immun und die Herdenimmunität ist erreicht – und das expo­nen­ti­el­le Wachstum war schon lan­ge vor­her erle­digt – durch Ausdünnung.

    Merke: jeder natür­li­cher Vorgang mit not­wen­dig damit ver­bun­de­ner Ressourcenbeschränkung kann nur über eine sehr kur­ze Phase expo­nen­ti­ell wach­sen.

    Das soll­te eigent­lich ein Wissenschaftler wis­sen. Aber die­se Leute schei­nen heut­zu­ta­ge nur noch dafür da zu sein, dümm­li­che Beispiel für Unsinn zu kon­stru­ie­ren.

  2. Professor Dr. Matthias F. Schneider,

    ich schä­me mich für Sie!

    Dass Sie so einen Text mit Ihrem Namen gezeich­net, der Öffentlichkeit preis­ge­ben, zeigt mir, dass Sie selbst zu Scham nicht (mehr) fähig sind.

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